08.08.2011

HAUPTSTADTDisneyland des Kalten Krieges

In Berlin suchen Politiker nach einem angemessenen Gedenken an den Mauerbau. Doch die prominentesten Schauplätze der Teilung werden zunehmend von findigen Geschäftsleuten bespielt.
André Prager hat in seinem Leben schon einiges verkauft. Er begann mit Obst und Gemüse, dann verlegte er sich auf Süßigkeiten und wurde Vertriebsmann für Ferrero. Schließlich entdeckte er die Berliner Mauer und ihr Geschäftspotential.
Jetzt sitzt Prager, 39, in seinem Verkaufsbüro und strahlt. Die "Trabi-Safaris" seiner Firma laufen wie geschmiert. Touristen aus aller Welt kurven mit seinen knatternden Zweitaktern am alten Mauerstreifen entlang. "Entdecken Sie die letzten Relikte des real existierenden Sozialismus", verspricht er seinen Kunden.
120 Trabis stehen bereit und sorgen schon zu Beginn der Tour für lautes Gelächter im internationalen Publikum: die ruppige Schaltung, der stinkende Auspuff und überhaupt diese ganze merkwürdige Welt hinter der Mauer. Schon jetzt dürfen die Safari-Gäste nachgestellte Verkehrskontrollen der Volkspolizei über sich ergehen lassen. Nun kommt auch noch der Zwangsumtausch zurück. Für die eingelösten Ostmark gibt es an einem Zwischenhalt Sozialistenklassiker wie "Soljanka" oder "Ragoût fin".
Könnte es sein, dass die DDR-Geschichte verniedlicht wird?
André Prager schaut erstaunt unter seiner Baseball-Mütze mit dem Totenkopf-Symbol hervor. Er war selbst DDR-Bürger, bevor er Unternehmer wurde. "Der Trabi ist kein Symbol der Unterdrückung", sagt er, er stehe eher für "Entschleunigung" und für die Sehnsucht nach einer simpleren Welt. "Wer damit Geld machen kann, probiert's halt aus."
In dieser Woche jährt sich zum 50. Mal der Bau der Mauer. Es ist ein Jahrestag, den die Stadt diesmal in Extremen erlebt. Findige Unternehmer und die höchsten Repräsentanten des Staates arbeiten sich auf sehr unterschiedliche Art an der Mauer und ihren Folgen ab, Klamauk und ernstes Gedenken stehen direkt nebeneinander.
Der Bundespräsident, die Kanzlerin und andere Spitzenpolitiker werden sich am 13. August an der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße versammeln. Es wird ernste Reden geben, und wieder einmal wird es auch darum gehen, wie, wo und mit welcher Haltung der Staat und die Gesellschaft der 136 Berliner Mauertoten, der deutschen Teilung und des Unrechts der SED-Diktatur gedenken sollen.
Zugleich hat, wie nie zuvor in dieser Sache, die Stunde der Geschäftemacher geschlagen. Die DDR lebt als Touristenattraktion wieder auf, ihre einstige Hauptstadt wirkt an zentralen Orten wie ein großer Freizeitpark, wie eine lustige Geisterbahn, auf der Gespenster aus der Vergangenheit das Publikum unterhalten - mit freundlicher Unterstützung etwa von Mickey Mouse, Indianer-Häuptlingen oder Darth Vader aus der "Star Wars"-Saga, die als Kunstfiguren regelmäßig vor dem Brandenburger Tor posieren.
Das Geschäft ist so erfolgreich, dass Politiker und Denkmalschützer ernsthaft diskutieren, ob Berlin zu einem Disneyland des Kalten Krieges verkommt. Manche sprechen sogar besorgt von einem "Venedig-Effekt", sie fürchten ein Berlin, das sich den Touristenströmen ergibt, zur Kulisse der DDR- und NS-Vergangenheit erstarrt: ein Museum des 20. Jahrhunderts.
Geschäft und Gedenken, Touristenbespaßung und öffentliche Erinnerungskultur konkurrieren so um Aufmerksamkeit. Es geht um die Deutungshoheit über die deutsch-deutsche Geschichte - und über die Orte der Erinnerung.
Jahrelang sollte die Mauer vor allem eines: verschwinden. Viele Berliner störten sich an dem "Schandmal", die Stadt sollte zusammenwachsen. Lieber wollte man ein lange zerstörtes kaiserliches Schloss neu errichten als ein noch vorhandenes Denkmal der Weltgeschichte in mehr als ein paar Bruchstücken erhalten.
Wieder einmal haben die Deutschen gründliche Arbeit geleistet, 99 Prozent der Grenzanlagen wurden entfernt. Ebenfalls abmontiert wurde die konkrete Erinnerung, abgebaut wurde die direkte Anschauung des Schreckens, entsorgt wurde ein Mahnmal für nachgeborene Generationen.
Übrig blieben Reste für die Denkmalschützer, halbzerstörte Betonelemente, die gerade erst einen Belastungstest bestehen mussten, weil sie umzufallen drohten.
So wurde der antifaschistische Schutzwall endgültig zur Mauer in den Köpfen, zu einem Ort der Imagination, den verschiedene Akteure aus Bund und dem Land besetzen wollen. Die einen betonen lieber den Sieg von Freiheit und Marktwirtschaft, die andern eher die Bedeutung der Entspannungspolitik oder der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung.
In jahrelangen, intensiven Debatten wurde und wird deshalb um angemessene Formen des Gedenkens gerungen, während Unternehmer und Privatleute die prominentesten Schauplätze der Teilung längst mit eigenen Konzepten und Geschäftsideen bespielen.
Beispiel Checkpoint Charlie: 1961 rollten am alliierten Kontrollpunkt an der Friedrichstraße sowjetische und amerikanische Panzer aufeinander zu, heute posieren an ihrer Stelle Gaukler als alliierte Soldaten fröhlich lächelnd fürs Erinnerungsfoto.
Daneben hat sich ein privates Mauermuseum als Touristenmagnet der Stadt etabliert - nur das berühmte Pergamonmuseum ist beliebter. 865 000 Besucher im Jahr bestaunen in einer reichlich verstaubten Dauerausstellung alte Selbstschussanlagen und Schautafeln über die skurrilsten Fluchtversuche.
Allerdings möchte auch der rot-rote Berliner Senat am Checkpoint Charlie in Erscheinung treten, schon seit 2006 ist an dieser Stelle ein öffentliches Museum geplant. "Wir haben einen Bildungsauftrag", sagt der für Kultur zuständige Staatssekretär André Schmitz: "Berlin hat zu lange geschlafen und das Erklärungsmonopol für diesen Ort dem Mauermuseum überlassen."
Ein Zentrum Kalter Krieg soll die Gedenkstätten und Museen Berlins, die verschiedene Aspekte der Teilung zum Thema haben, vernetzen und eine überwölbende Erklärung der Geschichte schaffen. Also das, was Historiker als "master narrative" bezeichnen.
Rainer Klemke ist der Gedenkstättenbeauftragte in der Kulturverwaltung von Schmitz. Er setzt sich seit Jahren für das Zentrum ein: "Wir haben ein Konzept, wir haben eine Machbarkeitsstudie, wir haben einen Investor, der uns Flächen in einem Neubau direkt am Checkpoint Charlie zur Verfügung stellt." Klemke will die Dauerausstellung "multiperspektivisch" anlegen, westliche Triumphgesten möchte er vermeiden.
An seiner Seite bemüht sich auch Markus Meckel (SPD), der letzte Außenminister der DDR, um ein neues Checkpoint-Museum. Weil er findet, dass die internationale Bedeutung der Mauer für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Hauptstadt nicht angemessen dargestellt ist.
Hatte US-Präsident Ronald Reagan den Ostblock damals totgerüstet, so dass Michail Gorbatschow schließlich gar nicht anders konnte, als Reagans Ruf vor dem Brandenburger Tor ("Mr. Gorbatschow, tear down this wall!") zu folgen? Bereitete stattdessen nicht schon die Entspannungspolitik von Egon Bahr den Weg zur Wiedervereinigung? Oder haben DDR-Bürgerrechtler das Ende herbeigeführt?
Und schließlich: Welche Rolle spielte die Mauer für andere Europäer, für Russen, Chinesen, Amerikaner und deren Kinder, die in großer Zahl zum Urlaub nach Berlin einfliegen?
"Wir haben in Berlin manchmal eine zu provinzielle Sicht", sagt Meckel. Im neuen Mauer-Zentrum sollen die verschiedenen Perspektiven seriös aufgearbeitet werden, "die internationalen Besucher müssen sich dort wiederfinden können, ein reines Schwarzweißbild darf es dabei nicht geben", sagt er.
Ex-Präsidenten wie der Tscheche Václav Havel sowie frühere Außenminister wie James Baker und Roland Dumas haben einen Aufruf für die Gründung des neuen Museums unterschrieben. Nur bei der Bundesregierung kommt Meckel nicht weiter. "Warum dieses offizielle Desinteresse?", fragt er. Staatsminister Bernd Neumann (CDU), im Kanzleramt zuständig für Kultur und Medien, habe sich sein Anliegen zwar angehört. Eine Reaktion gebe es aber bis heute nicht. Neumann ist im Urlaub, sein Büro will sich nicht äußern.
Aber so viel ist in den vergangenen Monaten auch so deutlich geworden: Der Dauerstreit um die zahlreichen Berliner Denkmäler hat nicht gerade das begeisterte Interesse des Kulturbeauftragten von Angela Merkel geweckt.
Vielerorts scheint es Stolperstricke zu geben, die es zu vermeiden gilt. Für das geplante Zentrum Kalter Krieg hat sie Hubertus Knabe formuliert, der umstrittene Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. "Ich sehe mit großem Befremden, wie die Pläne für das Zentrum vorangetrieben werden", sagt er, "die Mauer wurde doch nicht vom Kalten Krieg errichtet, sondern von der SED."
Knabe fordert, dass die Opfer der Diktatur generell mehr respektiert werden, auch im Straßenbild. "Kostümierte Grenzsoldaten in Berlins Mitte sind für die Opfer eine Zumutung", sagt er: "Deutschland sollte sich an den Gesetzen anderer Ex-Ostblockstaaten orientieren und für den Gebrauch sozialistischer Symbole strikte strafrechtliche Grenzen setzen."
Käme es dazu, dann dürften sich Studenten und Bettler nicht länger als verkleidete Stasi-Offiziere, NVA-Soldaten oder Volkspolizisten ihr Geld verdienen - so wie das Tragen von NS-Uniformen und -Symbolen verboten ist. Kostümierte Grenzbeamte, die am Potsdamer Platz Touristenpässe abstempeln ("Original DDR Visum"), müssten dann wieder abrücken.
Dabei stehen viele Besucher gerade vor solchen Attraktionen Schlange, das Interesse an Zeitgeschichte war in Berlin wohl noch nie so groß wie in diesen Tagen. 1996 verirrten sich nur 600 000 Besucher in die Gedenkstätten und zeithistorischen Museen der Stadt, jetzt sind es schon 5,5 Millionen.
Insgesamt hat Berlin nach Übernachtungszahlen im vergangenen Jahr sogar Rom überholt und liegt nun auf Platz drei der beliebtesten Touristenziele Europas. "Die Berliner haben noch nicht verinnerlicht, dass sie nun in einer Liga mit London und Paris spielen", sagt Berlins Tourismuschef Burkhard Kieker. Vor allem zur deutschen Teilung hätten die Besucher zahllose Fragen. Viele wollten die Mauer am liebsten im unbeschädigten Original sehen, mit allen baulichen Details des Schreckens. Kieker weiß um die politische Sprengkraft, die ein wiederaufgebautes Grenzstück hätte. Klar ist für ihn aber auch: "Eine solche Anlage hätte enormen Zulauf."
Knabe hält dies sogar für dringend überfällig: "Man sollte wenigstens an einer Stelle die Grenzanlagen in ihrer ganzen Monstrosität wieder zeigen."
Eine Rekonstruktion wäre sogar möglich, einige der alten Mauerelemente stehen heute als Trennwände in einem städtischen Recyclinghof, andere sind in einem Berliner Betonwerk oder auf ehemaligen LPG-Betrieben zu finden. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Unternehmer am Wiederaufbau versuchen.
Für Monika Grütters (CDU) wäre wahrscheinlich auch das keine Überraschung mehr. Sie ist Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, nebenher leitet sie die Stiftung Brandenburger Tor, die von der Berliner Landesbank getragen wird und ihren Sitz direkt an der rechten Flanke des Tores hat, dort, wo einst Max Liebermann lebte.
Wenn sie vor die Tür tritt, packt sie das Grausen. Sie sieht lärmende HipHopper und grölende Männer, die auf sogenannten Bier-Bikes vorbeiradeln; an manchen Tagen gibt es hier ein Gurkenwettessen, an anderen die Mercedes-Benz Fashion-Week, rund 80 Veranstaltungen pro Jahr sind auf dem Pariser Platz zugelassen.
"Der Pariser Platz verkommt zum Rummelplatz der Nation", schimpft Grütters, jeder dürfe sein Logo ans Brandenburger Tor hängen. "Der Berliner Senat hat eine Kirmeskulisse daraus gemacht."
Einen Ort jedoch gibt es, an dem Gedenken und Geschäft noch weitgehend auseinandergehalten werden. Nur zwei Kilometer entfernt vom Brandenburger Tor wacht Axel Klausmeier über die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Es ist der bestkonservierte Teil der alten Grenzanlagen; Grenzmauer, Signalzaun, Hinterlandmauer und Wachturm sind in mehr oder weniger gutem Zustand erhalten.
Zu sehen ist ein Anti-Disney-Programm, die Gedenkstätte zeigt die Mauer mit allen Wunden, die ihr Mauerspechte und die Zeit zufügten. "Genau in diesem Zustand der Überwindung ist sie ein Denkmal der Geschichte", sagt Klausmeier, der die Gedenkstätte leitet.
Manchmal, wenn eine Trabi-Safari auf der Bernauer Straße hält, erklärt Klausmeier den verständnislosen Teilnehmern, dass sie auf der falschen Seite der Mauer fahren: "Sie befinden sich hier im französischen Sektor." Als neulich Jugendliche in DDR-Uniformen den früheren Todesstreifen betraten, schickte er sie fort. "Dies ist ein Gedenkplatz für die Opfer", sagte er ihnen.
Klausmeier ist die Außen- und Innenstadtgrenze Westberlins mehrfach zu Fuß abgelaufen, dabei hat er 1800 Überbleibsel der alten Grenze katalogisiert, viele waren kaum noch zu erkennen.
Jetzt möchte er die verbliebenen Reste zum Unesco-Weltkulturerbe erklären lassen. Alle Voraussetzungen sind gegeben, das hat ihm ein Gutachten gerade erst bestätigt. Doch die Verantwortlichen in Berlin schrecken vor einem Antrag zurück. "Das ist wohl ein zu großes Politikum", sagt Klausmeier.
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 32/2011
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