08.08.2011

ESSAYÖkonomischer Dschihad

Wie der islamistische Terror die westlichen Wirtschaften sprengt Von Ulrich Schäfer
Was der junge Mann aus Hamburg, der mehrere Monate in einem Ausbildungslager von al-Qaida in Pakistan verbracht hat, den Ermittlern nach seiner Festnahme im Spätsommer 2010 erzählt, klingt bedrohlich. Er habe in dem Lager Scheich Younis al-Mauretani kennengelernt, einen neuen, starken Mann bei al-Qaida, berichtet er. Der geheimnisvolle Scheich, angeblich der neue "Außenminister" des Terrornetzwerks, soll ihm verraten haben, dass al-Qaida einen großen Anschlag plane. "Das, was wir im Kopf haben, da kommt nicht einmal der Teufel drauf", soll er gesagt haben. Ziel sei es, das Finanz- und Wirtschaftssystem in den USA und Europa zu treffen.
Ein Angriff auf das Finanz- und Wirtschaftssystem? Was dies zu bedeuten hat, können sich die Ermittler zunächst nicht erklären. Denn es passt nicht recht in das Bild, das wir seit Jahren von al-Qaida zeichnen: Zehn Jahre nach dem 11. September 2001, nach Hunderten erfolgreicher und versuchter Anschläge in Europa, Amerika, Asien, Afrika, auch in den islamischen Staaten, tun wir immer noch so, als wären die islamistischen Terroristen eine Bande von orientierungslosen Hitzköpfen, von religiösen Fanatikern, die uns mit Gewalt ihren Glauben aufzwingen wollen.
Tatsächlich jedoch folgen die Terroristen einem Plan, der ins Herz unserer Gesellschaft zielt: Sie reden vom Dschihad, vom Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen - doch in Wahrheit betreiben sie, um den Westen niederzuringen, einen Wirtschaftskrieg. Sie beschwören in salbungsvollen Worten Allah - aber in erster Linie wollen sie unseren Wohlstand sprengen. Sie zitieren den Koran - doch in Wahrheit wollen sie Amerikaner und Europäer finanziell ausbluten und auf diese Weise zum Rückzug aus der islamischen Welt zwingen. Dann - so glauben die Terroristen - sei der Weg frei für den islamischen Gottesstaat.
Deshalb bomben die islamistischen Attentäter dort, wo unsere globalisierte Wirtschaft besonders verletzlich ist: Sie nutzen Flugzeuge als Waffen - und damit jenes Verkehrsmittel, das wie kein anderes für unsere vernetzte Wirtschaft steht. Sie zünden Bomben in der U-Bahn - und damit in jenen Pendlerzügen, die die Menschenmassen in den großen Metropolen zur Arbeit bringen. Sie versenden Paketbomben mit Luftfrachtdiensten - und damit auf jenen Routen, auf denen ein großer Teil aller weltweit transportierten Waren unterwegs ist. Sie sprengen Pipelines und Ölförderanlagen in die Luft, attackieren Öltanker und Raffinerien - und damit jene Versorgungssysteme, die der Weltwirtschaft ihr wichtigstes Schmiermittel liefern: das Öl.
Die Anhänger von al-Qaida haben begriffen, dass sie in einer Welt, in der die Politik immer schwächer, der Markt aber immer stärker wird, wenig bewirken können, wenn sie - wie einst die RAF - Politiker, Staatsanwälte oder einzelne Wirtschaftsführer entführen oder erschießen. Und sie erreichen selbst dann wenig, wenn sie ein Botschaftsgebäude in die Luft sprengen oder ein Kriegsschiff mit einem Schnellboot voller Sprengstoff attackieren. Sie können aber sehr viel bewirken, wenn sie jenen Teil unserer Gesellschaft ins Wanken bringen, der unsere Demokratien trägt: die Wirtschaft. Diese Gefahr wird im Westen seit Jahren verdrängt, sie wird negiert und kleingeredet.
Doch die Idee vom ökonomischen Dschihad zieht sich durch viele Texte und Reden der führenden Köpfe von al-Qaida. Und sie lässt sich auch aus der Lebensgeschichte von Osama Bin Laden ableiten: Der Gründer von al-Qaida stammte aus einer der erfolgreichsten Unternehmerfamilien Saudi-Arabiens, studierte Wirtschaftswissenschaften, arbeitete als Manager im Baukonzern der Familie und gründete später zahlreiche Firmen. Den westlichen Industrienationen rief er einmal zu, al-Qaida ziele auf "die Schlüsselbereiche eurer Wirtschaft".
Ganz ähnlich äußert sich heute Aiman al-Sawahiri, der neue Chef von al-Qaida. Im Februar 2011, wenige Wochen vor der Tötung Bin Ladens, erklärte er: "Auch wenn wir derzeit nicht in der Lage sind, Waffen herzustellen, die mit denen der Kreuzzügler mithalten können, so können wir doch ihr kompliziertes Wirtschaftssystem und ihre Industrie ruinieren." Gleiches ist von Saif al-Adl zu hören, der im Frühjahr für einige Wochen al-Qaida führte. Er spricht von einem "wirtschaftlichen Zermürbungskrieg", den seine Organisation führe.
Insbesondere die Vereinigten Staaten sind Ziel dieses Kriegs. Und al-Qaida ist dabei erfolgreicher, als es die Amerikaner wahrhaben wollen. Zehn Jahre nach den Anschlägen des 11. September sind die USA eine Weltmacht auf Abruf: getroffen vom Terror, gebeutelt von der zweiten Weltwirtschaftskrise, gelähmt durch die gigantischen Schulden, die sie seit den Anschlägen von Washington und New York aufgehäuft haben. Amerika - das ist eine Nation, die im blindwütigen Kampf gegen den Terror versucht, zu viele Konflikte gleichzeitig zu lösen. Amerika - das ist eine Volkswirtschaft, die mehr denn je gefährdet ist durch Terroranschläge, weil das hochverschuldete Land einem neuerlichen Angriff nur noch wenig entgegenzusetzen hätte.
Doch der ökonomische Dschihad bedroht auch Deutschland. Denn in keiner Volkswirtschaft der Erde hängt der Wohlstand derart stark von der Globalisierung ab: Deutschland ist, dicht hinter China, die zweitwichtigste Exportnation, es ist Zentrum des internationalen Handels, Drehscheibe für den Frachtverkehr auf der Straße, in der Luft und zu Wasser. Deutschland zählt mit seiner Bankenmetropole Frankfurt am Main zu den wichtigsten Finanzplätzen der Welt. Genau darauf, auf den weltweiten Warenhandel und die empfindsamen Finanzmärkte, zielen die Terroristen. Und das Bedrohliche ist: Sie treffen Deutschland selbst dann, wenn die Bomben anderswo explodieren. Über das Nervensystem der globalen Wirtschaft kommen die Auswirkungen des Terrors auch hierzulande an.
Dies gilt nicht zuletzt für die monströsen Anschläge vom 11. September 2001. Denn sie haben maßgeblich zu einer Entwicklung beigetragen, die schließlich im Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 2008 mündete - zu einer Krise also, die Deutschland besonders hart traf. Manche mögen es für verwegen halten, solch eine Verbindung zwischen dem 11. September und der schwersten Wirtschaftskrise seit acht Jahrzehnten herzustellen. Andere werden dies für unziemlich halten. Und natürlich gibt es etliche weitere Gründe, die zum Beinahe-Crash des Kapitalismus im Herbst 2008 geführt haben: die Fahrlässigkeit der Banker etwa, die Blauäugigkeit der Aufseher, die Sorglosigkeit der Politiker oder die Gier der Anleger.
Aber da war eben auch al-Qaida. Durch die Attacken von New York und Washington haben die Terroristen einen Prozess mit in Gang gesetzt, an dessen Ende die heutige Krise steht. Sie haben die Industriestaaten dazu gebracht, ihre Wirtschaft durch eine Flut von Sicherheitsauflagen und Kontrollen zu lähmen. Sie haben die USA, aber auch den Rest der westlichen Welt zu einer waghalsigen Politik genötigt, die den Keim für die Wirtschafts- und Finanzkrise barg. Zwischen dem 11. September 2001 und der Lehman-Pleite am 15. September 2008 lassen sich dabei drei Verbindungslinien ausmachen - drei Ketten von Ereignissen, die fundamental waren für die Entwicklung der Weltwirtschaft und den Zusammenbruch der Finanzmärkte.
Die erste Verbindungslinie: Das ist die Politik des leichten Geldes, die Schwemme an US-Dollar und Euro, mit denen der Westen nach dem Angriff 2001 die Wirtschaft in Gang zu halten versuchte. Weltweit senkten die Notenbanken die Zinsen, sie drückten sie auf ein Niveau, wie man es seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte, und sie hielten die Zinsen danach lange sehr niedrig. Besonders radikal ging die amerikanische Notenbank Fed vor. Sie pumpte zwischen 2001 und 2005 ohne Unterlass billiges Geld in die Wirtschaft der USA, befeuerte damit den Immobilienmarkt, aber auch das riskante Geschäft der Hedgefonds und Investmentbanken und legte so die Saat für jene Krise, die seit dem Sommer 2007 die Weltwirtschaft lähmt.
Ohne die Anschläge des 11. September hätte es derart viel billiges Geld niemals so lange gegeben, ohne das billige Geld hätten die Amerikaner nicht derart ungeniert auf Pump gelebt. Und mit jedem Anschlag oder Anschlagsversuch, der folgte, erhöhte sich zugleich die Unsicherheit in der Weltwirtschaft - und damit die Notwendigkeit, die Politik des billigen Geldes fortzusetzen.
Die zweite Verbindungslinie: Das ist das teure Öl. Von jenem Tag an, an dem George W. Bush im Januar 2002 seine Rede über die "Achse des Bösen" hielt zu jenen Staaten, die angeblich den Terror unterstützen, ist der Ölpreis jahrelang kontinuierlich gestiegen. Getrieben wurde er durch die Terroranschläge, getrieben wurde er durch die Kriege in Afghanistan und im Irak, und getrieben wurde er durch die Furcht vor weiteren Konflikten in der arabischen Welt.
Ökonomen sprechen von einer Terrorprämie, die wir seither bezahlen müssen. Die latente Bedrohung verstärkte jene Spekulationswelle, die den Ölpreis bis zum Sommer 2008 auf nie gekannte Höhen trieb. Diese Preisexplosion - und nicht bloß die Krise der Banken - war mitverantwortlich dafür, dass die Weltwirtschaft im Herbst 2008 abstürzte.
Die dritte Verbindungslinie schließlich zwischen Terror und Finanzkrise: Das ist die Politik der hemmungslosen Verschuldung, in die Amerikas Regierung sich nach den Attentaten gestürzt hat. Im ersten Amtsjahr von George W. Bush erzielte die Regierung noch einen Haushaltsüberschuss, doch nach den Attacken von New York und Washington nahm sie Kredite ohne Unterlass auf, um den Krieg gegen den Terror bezahlen zu können: die militärischen Einsätze in Afghanistan und im Irak, die rigiden Sicherheitsmaßnahmen im eigenen Land und die gigantischen Konjunkturprogramme, mit denen die USA gegen eine drohende Rezession kämpften. Bush verdoppelte den Verteidigungsetat, er häufte in seiner Amtszeit so viele neue Schulden an wie alle 42 Präsidenten zuvor. Und unter Barack Obama explodieren die Schulden weiter.
Das Geld dafür müssen die Amerikaner sich seit Jahren im Ausland leihen. Diese irrwitzige Haushaltspolitik hat jene Unwucht in der Weltwirtschaft verschärft, die sich mittlerweile zur großen Gefahr entwickelt hat. Denn auf Dauer kann es nicht gutgehen, wenn verschwenderische Länder jahrelang derart über ihre Verhältnisse leben - und zugleich andere Staaten dies finanzieren, indem sie den Schuldenmachern fortwährend frisches Kapital leihen.
Natürlich konnten Osama Bin Laden und die Terrorpiloten des 11. September all dies nicht voraussehen. Natürlich konnten sie nicht vorhersagen, welche komplexen Prozesse sie in Gang setzen würden, welche wirtschaftspolitischen Fehler sie provozieren würden - und was am Ende dieser Prozesse stehen würde. Aber dies ist letztlich nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass al-Qaida die wichtigste Wirtschaftsnation der Welt und ihre Verbündeten empfindlich treffen wollte - und zwar ökonomisch, nicht militärisch.
Die Staaten des Westens zahlen dafür teuer. Und sie werden dafür noch sehr lange bezahlen. Denn sie stehen einem Feind gegenüber, der nicht in Jahren rechnet, sondern in Jahrzehnten - und der daher auch nach dem Tod von Bin Laden gefährlich bleibt wie eh und je. Der wirtschaftliche Zermürbungskrieg, hat Saif al-Adl vor einem Jahr gesagt, sei "ein langer Krieg, der 20 Jahre dauern wird". Es ist daher verwegen, wenn Leon Panetta, der neue US-Verteidigungsminister, dieser Tage verkündet, der Sieg gegen al-Qaida sei nahe. Tatsächlich leiden die hochverschuldeten, vom Öl abhängigen Nationen des Westens mehr denn je unter den wirtschaftlichen Folgen des Terrors. Zehn Jahre nach dem 11. September und drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte ist der Angriff der islamistischen Terroristen auf unseren Wohlstand noch in vollem Gange.
Ulrich Schäfer, 44, ist Ressortleiter bei der "Süddeutschen Zeitung". Am 8. August erscheint sein Buch "Der Angriff. Wie der islamistische Terror unseren Wohlstand sprengt" (Campus, Frankfurt am Main; 312 Seiten; 19,99 Euro; www.der-angriff.de).
Von Ulrich Schäfer

DER SPIEGEL 32/2011
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