08.08.2011

FUSSBALLLamborghini und Casino

Mit dem Torwart Logan Bailly geriet Borussia Mönchengladbach vergangene Saison in Abstiegsgefahr. Nun stellt sich heraus: Der Keeper kam mit seinem Leben kaum noch zurecht.
Der Eckball, den der Kaiserslauterer Mittelfeldspieler Christian Tiffert von der linken Seite getreten hatte, flog in hohem Bogen in den Strafraum. Er war nicht scharf geschossen, aber gezielt: direkt auf Gladbachs Torhüter Logan Bailly.
Der belgische Nationaltorwart stand unbedrängt im Fünfmeterraum. Er hätte den Ball leicht fangen können. Er hätte ihn fangen müssen. Doch Bailly sprang in die Höhe, reckte seine rechte Faust in die Luft - und schlug den Ball ins eigene Netz. Der Torwart der Gladbacher sei "Gegenstand unserer Besprechung" gewesen, erzählte Schütze Tiffert nach dem Spiel, "wir wussten, dass er unsicher ist, deshalb habe ich ihm die Bälle immer nah vors Tor gezogen".
Das Eigentor zum 0:1 gegen den 1. FCK, das die "Süddeutsche Zeitung" als "grotesk, albern, fast anrüchig" beschrieb, schien am 27. Spieltag der vorigen Saison das Aus Borussia Mönchengladbachs in der ersten Liga besiegelt zu haben, die Mannschaft stand mit nur 23 Punkten abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz. "Viele von uns dachten: Das war's", sagt der junge Mittelfeldspieler Marco Reus heute.
Mönchengladbach stieg nicht ab. Der Club rettete sich vergangene Saison im letzten Moment in die Relegation und sicherte dort den Klassenerhalt. Der Schreck steckt den Gladbachern jedoch immer noch in den Knochen.
Dass gute Torhüter Leistungseinbrüche erleben, wenn die Existenz ihres Vereins auf dem Spiel steht, gehört zu ihrem Berufsrisiko. Der Druck ist enorm: Jeder Ball, der auf sie zukommt, kann der Ball sein, der über viele Millionen Euro entscheidet, jeder Fehler kann fatale Folgen haben. Es ist ein Job, der keine Schwächen verzeiht, nicht auf dem Spielfeld und nicht außerhalb.
Logan Bailly, 25, kam jedoch kaum mit seinem eigenen Leben klar, als er das Schicksal der Mönchengladbacher Borussia retten sollte. Seine Geschichte ist ein Lehrstück dafür, was passieren kann, wenn ein wichtiger Spieler in einer Mannschaft aus der Spur gerät.
Als Bailly vor zweieinhalb Jahren vom belgischen Erstligisten KRC Genk nach Mönchengladbach wechselte, galt er als großes Talent mit Hang zum riskanten Torwartspiel. "Dieser Kerl ist eine Wucht", schrieb Deutschlands früherer Nationaltorwart Toni Schumacher in einer Kolumne. Sogar Juventus Turin interessierte sich für den jungen Schlussmann.
Den ausschweifenden Lebensstil Baillys, der auch schon mal als Unterwäsche-Model posierte, nahmen die Gladbacher hin. Seinem Vater kaufte er einen Bentley, seiner Frau einen Audi A5. Er selbst gönnte sich einen Lamborghini, einen Ferrari und ein Audi A5 Cabrio.
Doch dann geriet Bailly in eine Formkrise. Ende Oktober 2010 verlor er seinen Stammplatz. Er hatte in den ersten neun Spielen der Saison 27 Gegentreffer kassiert. Die Gladbacher guckten jetzt genauer hin. Und es offenbarte sich ihnen die andere Seite des Torwarts Bailly.
Es kam heraus, dass der Keeper trotz eines Festgehalts von rund einer hal-ben Million Euro netto jährlich in finanziellen Problemen steckte. Baillys Bruder hatte in Belgien einen Audi Q7, der auf den Fußballprofi zugelassen war, zu Schrott gefahren. Der Schaden: 75 000 Euro. Weil Alkohol im Spiel gewesen sein soll, lehnte die Versicherung es ab, die Kosten zu tragen. Stattdessen informierte sie die Gladbacher Audi-Niederlassung. Die wiederum wandte sich an den Verein. Der berühmte Torwart Bailly solle die Rechnung übernehmen. Doch für das Auto, das sein Bruder zu Bruch gefahren hatte, war bei Bailly kein Geld mehr da.
Dass junge Fußballer nicht mit ihrer Gage haushalten können, kommt vor im Profigeschäft. Der Fall Bailly ist jedoch sehr speziell. Sogar sein Berater, der Luxemburger Anwalt und Spielervermittler Michael Becker, der auch Michael Ballack zu seinen Klienten zählt, hatte irgendwann genug von den Eskapaden seines Schützlings.
Becker beendete die Zusammenarbeit. Immer wieder hatte es Ärger gegeben. So verlangte sein Energieversorger einmal von Bailly eine horrende Nachzahlung: Der Torwart soll das Wasser in seinem Swimmingpool im Garten auf 28 Grad Celsius gehalten haben - einen ganzen Winter lang.
In der Auflösungsvereinbarung zwischen Becker und Bailly heißt es, der Fußballer sei aufgrund seines familiären Umfeldes "kaum in der Lage, ein professionelles Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten". Ein Vertrauter der Familie sagt, dass Bailly ständig für den ganzen Clan bezahlen müsse: "Das hat Ausmaße, wie man sie sonst eher bei afrikanischen Spielern kennt."
Die Clubführung von Borussia Mönchengladbach legte Bailly einen Umschuldungsplan vor. Er hatte etwa 300 000 Euro Verbindlichkeiten. Bailly erklärte sich bereit, seine Kreditkarte und seine EC-Karte beim Verein zu hinterlegen.
Er war auch einverstanden, dass sein Arbeitgeber ihm von seinen 40 000 Euro netto Festgehalt monatlich nur noch 7000 Euro überwies. Die restlichen 33 000 Euro flossen in die Umschuldung. Zudem hatte die Vereinsführung fortan komplette Einsicht in Baillys Kontobewegungen.
"Ich habe in meiner eigenen Karriere viel erlebt", sagt Gladbachs Torwarttrainer Uwe Kamps, "aber ein Spieler, auf den so viel einprasselt, das ist schon schwer zu verdauen."
Ein Profi, der sein Leben nicht im Griff hat, kann eine ganze Mannschaft destabilisieren. Für einen Verein wird so ein Spieler zum Sicherheitsrisiko. Ein Abstieg aus der ersten Liga wirft Clubs weit zurück, allein die Fernseheinnahmen reduzieren sich um etwa zehn Millionen Euro. Manche Vereine erholen sich jahrelang nicht von dem Absturz.
Logan Bailly blieb auch nach der Winterpause zunächst nur Ersatztorwart. Erst ein Trainerwechsel Mitte Februar brachte ihn zurück ins Tor.
Es war eine groteske Situation. Denn in den Tagen, in denen Bailly vom neuen Coach Lucien Favre wieder zur Nummer eins befördert wurde, lief in Lüttich ein Prozess gegen den Torwart und seinen Bruder wegen des Vorwurfs der Körperverletzung an. Beide wurden zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt, der Torwart hat mittlerweile Berufung eingelegt.
Zugleich trauten die Borussen Bailly, der des Öfteren im Casino anzutreffen war, trotz Kontrolle seiner Finanzen immer noch nicht über den Weg. Sie holten von allen Seiten Erkundigungen über ihn ein.
Nach seiner Rückkehr ins Tor machte Bailly vier Spiele. Es kam Mitte März die Partie gegen Kaiserslautern, in der sich der Schlussmann den Ball unbedrängt ins eigene Tor boxte. Favre bot Bailly nur noch einmal auf, gegen Bayern München. Dann stellte er den 18-jährigen Marc-André ter Stegen ins Tor, der maßgeblichen Anteil daran hatte, dass Gladbach am Ende die Klasse halten konnte.
"Ein falscher Spieler kann alles zerstören", hat Favre einmal gesagt, als er noch Trainer von Hertha BSC war. Bailly haben die Gladbacher abgeschoben. Er wurde ausgeliehen an den Schweizer Erstligisten Xamax Neuchâtel. Der Torhüter sei eine "Baustelle" gewesen, sagen sie auf der Geschäftsstelle der Borussen.
Sie sind erleichtert, dass die Episode Bailly vorbei ist.
Bailly nimmt zu den Vorgängen nicht Stellung. Bereits Ende Juni hatte der SPIEGEL ihm einen Katalog mit 33 ins Französische übersetzten Fragen geschickt, die der Torwart unbeantwortet ließ. Auch sein neuer Club Neuchâtel reagierte auf das Schreiben nicht, ebenso wenig sein Vater Patrick.
Mitte vorvergangener Woche blockte der Torwart am Telefon erneut das Angebot zu einem Treffen ab. Auch auf schriftliche Fragen werde er "nicht reagieren". Er wolle "im Moment nicht darüber reden", sagte Bailly. Sportdirektor Max Eberl und Geschäftsführer Stephan Schippers von Borussia Mönchengladbach äußern sich ebenfalls nicht im Detail zur Personalie Bailly.
Für seinen neuen Club Neuchâtel ist der Ausleihspieler bislang nicht zum Einsatz gekommen. Bailly sagt, er sei verletzt. Der neue Besitzer von Xamax, ein tschetschenischer Multimillionär, hat eine Option bis Juni nächsten Jahres, den belgischen Torwart zu kaufen.
Nimmt er sie nicht wahr, gehört Bailly danach wieder zum Kader von Borussia Mönchengladbach.
Von Rafael Buschmann, Clemens Gerlach und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 32/2011
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