15.08.2011

Der Schutzwall

Ortstermin: In Berlin feiern zwei alte Genossen den Bau der Mauer.
Der Moderator sagt, man wolle sich heute an die Fakten halten. Man wolle die Thematik mal ohne Ressentiments erläutern. Das klingt gut.
Die Thematik ist die Berliner Mauer, die an diesem Abend aber nicht so heißt. "Vor 50 Jahren wurden Grenzsicherungsmaßnahmen eingeleitet durch die DDR", sagt der Moderator. Dann zeigt er auf seine Gäste. Der eine ist Genosse Armeegeneral a. D. Heinz Keßler, Verteidigungsminister der DDR bis 1989. Der andere ist Genosse Generaloberst a. D. Fritz Streletz, stellvertretender Verteidigungsminister der DDR bis 1989. Keßler und Streletz haben ein Buch geschrieben über den Mauerbau, pünktlich zum 50. Jubiläum. Warum eigentlich?
"Man wirft der Deutschen Demokratischen Republik vor, am 13. August Deutschland gespalten zu haben. Das ist eine historische Lüge", sagt Keßler. Er ist 91 Jahre alt, hat ein spitzes Greisengesicht und ist der frische Kandidat der DKP für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin. Streletz ist sechs Jahre jünger und braungebrannt, so, als käme er gerade von einem Arbeitsbesuch auf Kuba. Keßler und Streletz wollen jetzt noch einmal in die Mauerbau-Geschichtsschreibung eingreifen. In die historischen Lügen und die "Propaganda".
Es ist seltsam, wenn man hier sitzt, im überfüllten Saal der Zeitung "Neues Deutschland", und das Wort hört: Propaganda. Es ist ein Kindheitswort, wenn man aufwuchs im Osten. So wie "Konterrevolution". Oder "Imperialisten".
Propaganda war die hinterhältigste Waffe der Imperialisten. Mit ihrer Hilfe wurde 28 Jahre lang die Mauer löchrig geredet, der stolze antifaschistische Schutzwall. Am Ende kippte er dann um, und Keßler und Streletz wurden von der "Siegerjustiz der BRD" zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt, wegen der Todesschüsse an der Mauer. Heute sind Keßler und Streletz nicht mehr Häftlinge, sondern Buchautoren und Zeitzeugen. Wie lief es also ab, am 13. August 1961? In Wahrheit, ohne Propaganda?
"Gestatten Sie mir einige Erläuterungen zu den Ausführungen des Ministers außer Dienst, Heinz Keßler", sagt Streletz, so als rechnete er damit, dass Keßler seinen Dienst wiederaufnehmen könnte, wenn sich die Lage besserte.
Dann redet Streletz sehr lange. Er liest von Blättern ab, die in einem roten Hef-ter stecken. Streletz liest mit leiernder, monotoner Stimme, und man denkt an die Fernsehübertragungen von Parteitagen und wie schön schläfrig die gemacht haben und dass man damals kein Yoga brauchte, um mal richtig runterzukommen. Streletz spricht von Ulbricht, Chruschtschow, Kennedy und der Kriegsgefahr. Er spricht vom "kostenlosen Zufluss von Humankapital an die BRD", weil jeden Tag Studenten und Fachkräf-te über Ost-Berlin die DDR verließen. Schließlich kommt er zu Indien und Indira Gandhi. Indien?
"Ich war dort auf einem Staatsbesuch, 1976", sagt Streletz. "Gandhi sagte: ,Indien und die DDR haben das gleiche Problem mit der studentischen Jugend.' Aus Indien, wo die Amtssprache Englisch ist, gingen die jungen Leute ständig nach England oder in die USA, erklärte uns Gandhi. Man sieht also", sagt nun Streletz, 35 Jahre später, "dass die Problematik nicht nur in der DDR, sondern weltweit bekannt war."
Indien und Gandhi waren zu doof, die Problematik zu lösen, möchte Streletz vielleicht sagen. Die DDR und Ulbricht nicht. Als Kommunist kann man jedes Problem der Welt lösen.
"Es ging um Krieg oder Frieden", sagt Streletz und schaut von seinen Blättern auf. "Der 13. August hat Härten, Leid und Unannehmlichkeiten hervorgebracht. Im Interesse des Friedens in Europa mussten aber solche Grenzsicherungsmaßnahmen durchgeführt werden."
Unannehmlichkeiten. Was für ein Wort.
Streletz lehnt sich zurück, Keßler starrt maskenhaft ins klatschende Publikum. Sie sitzen dort wie Mauerstücke, und die Erinnerung wird mit den Jahren immer besser. Oder schlechter. Je nachdem.
Nach einer Forsa-Umfrage für die "Berliner Zeitung" hält heute jeder drit-te Berliner den Bau der Mauer zumindest nicht für falsch.
"Es war ja auch eine sehr gut geplante Aktion, also logistisch", sagt der Moderator. "Wir hatten damals ja auch keinen Schabowski", kräht Streletz.
Günter Schabowski, der Verräter, hat am 9. November 1989 alles versaut. Die ganze mühevolle Mauer-Arbeit der Genossen, auf die sie heute noch stolz sind.
"Man sieht, vor welchen Herausforderungen wir Verantwortlichen damals standen", sagt Fritz Streletz und lächelt. Er war im August 1961 in Leipzig. Er sollte 10 000 Militär-Lkw besorgen, die es aber nicht gab. Nur zivile Lkw. "Wie spritzt man 10 000 Lkw in so kurzer Zeit mit der olivgrünen Farbe der Armee?" Tja. Er hat es natürlich geschafft.
Fritz Streletz wird seinen Stolz mit ins Grab nehmen. So wie Heinz Keßler auch. Sie haben nie gezweifelt, nie gewankt. Sie sind geblieben, was sie immer waren. Kalte Krieger, kalte Männer.
Sie signieren ihr Buch, Bewunderer überreichen Blumen, und dann möchte man nur noch weg, die Treppe runter, an die Luft. Ein paar hundert Meter gehen, bis zur East Side Gallery, um zu sehen, ob die Mauer auch wirklich weg ist.
Oder wieder steht.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 33/2011
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