15.08.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Es waren wirklich Idioten“

Der letzte sowjetische Kreml-Chef Michail Gorbatschow, 80, über seinen Aufstieg zum Parteiführer, die Folgen der Politik von Wladimir Putin und seine Werbeauftritte für Louis Vuitton
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, Sie sind im Frühjahr 80 geworden, wie geht es Ihnen?
Gorbatschow: Och, was für eine Frage, muss die sein? Ich habe in den letzten fünf Jahren drei Operationen über mich ergehen lassen, das hat mich ganz schön ins Wanken gebracht. Weil das alles große Operationen waren: Halsschlagader, Prostata und dieses Jahr an der Wirbelsäule.
SPIEGEL: In München.
Gorbatschow: Ja. Der Eingriff war riskant. Ich bin den Deutschen dankbar.
SPIEGEL: Aber Sie sehen gut aus. Wir haben Sie vor der Operation gesehen.
Gorbatschow: Man sagt, nach solch einer Operation brauchst du drei, vier Monate, um wieder in Gang zu kommen. Erinnern Sie sich an das Buch des Finnen Martti Larni "Der vierte Wirbel"? Ein tolles Buch, bei mir war es der fünfte. Ich habe wieder begonnen zu gehen, aller Anfang ist schwer.
SPIEGEL: Und trotzdem sind Sie zurück in der Politik, sorgen hier schon wieder für Schlagzeilen. Warum ruhen Sie sich nicht endlich aus?
Gorbatschow: Die Politik ist meine zweite Liebe. Nach der zu Raissa.
SPIEGEL: Ihrer verstorbenen Frau.
Gorbatschow: Ich werde die Politik nie aufgeben, ich hab dreimal versucht zu gehen, aber nie habe ich das geschafft. Politik mobilisiert mich. Wenn ich von ihr lasse, bin ich ganz schnell weg. Ich hatte allerdings auch nie gedacht, dass ich 80 werde. Etwa in eurem Alter - da wurde ich Generalsekretär.
SPIEGEL: Mit 54.
Gorbatschow: Ich war schon in Stawropol der jüngste Sekretär in der Parteiführung. Und hier in Moskau war ich der Jüngste im Politbüro, als Tschernenko starb.
SPIEGEL: Eigentlich sollten Sie schon ein Jahr früher Parteichef werden.
Gorbatschow: Tschernenko war krank. Sie wählten ihn 1984 trotzdem, es gab eine Rauferei, Zusammenstöße im Politbüro, sie verteilten die Posten nach ihrer Vorstellung - obwohl Andropow …
SPIEGEL: … der bisherige Generalsekretär und langjährige KGB-Chef …
Gorbatschow: … in einem Brief ans Plenum des Zentralkomitees geschrieben hatte, er setze auf Gorbatschow.
SPIEGEL: Verraten Sie uns ein Detail aus der entscheidenden Politbüro-Sitzung nach dem Tod Tschernenkos im März 1985: Ausgerechnet Außenminister Gromyko schlug Sie dort als neuen Parteichef vor. Wieso er? Er mochte Sie nicht, er war eifersüchtig auf Sie, es gab andere Kandidaten.
Gorbatschow: Weil Gromyko ein sehr kluger und ernsthafter Mensch war. Warum er auf mich eifersüchtig war? Ich weiß es nicht. Aber er hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Ich musste unter dem kranken Tschernenko oft die Arbeit des Sekretariats und die des Politbüros leiten, und das hatte geklappt, das war nicht unbemerkt geblieben. Insofern hat mir Tschernenko sogar geholfen, ich habe dabei wichtige Erfahrungen gesammelt. Wenn ich Voltaires Spruch über Gott variieren darf: Hätte es Tschernenko nicht gegeben, hätte man ihn erfinden müssen.
SPIEGEL: Es gab auch gewichtige Gegner, die Gorbatschow nicht wollten.
Gorbatschow: Ja, einige. Andererseits war eine Gruppe von Gebiets-Parteichefs auf mich zugekommen und hatte - da lebte Tschernenko noch - gesagt: Die Alten versuchen schon wieder, einen der Ihren auf den Thron zu schieben. Wenn sie das machen, werden wir sie hinwegfegen. Ich hab ihnen gesagt: Hört auf mit diesem Gerede. Als Tschernenko tot war und das Thema Nachfolge gelöst werden musste, habe ich mich 30 Minuten vor der entscheidenden Politbüro-Sitzung mit Gromyko getroffen. Ich sagte zu ihm: Die Lage ist ernst, die Leute fordern Veränderungen. Man kann sie nicht aufschieben, obwohl das riskant, ja sogar gefährlich ist. Lassen Sie uns gemeinsam vorgehen. Gromyko antwortete, er stimme völlig mit mir überein. Wir sprachen nur fünf Minuten miteinander. In dieser Nacht kam ich kurz vor Morgengrauen auf meine Datscha zurück - und ging mit Raissa noch spazieren.
SPIEGEL: Wichtiges haben Sie mit Ihrer Frau nie zu Hause besprochen?
Gorbatschow: Man musste raus. Auch auf der Datscha haben wir wichtige Dinge nie offen besprochen. Als ich nach dem Rücktritt als Präsident unsere Moskauer Wohnung räumte, fanden sie in den Wänden jede Menge Leitungen. Es zeigte sich: Sie hatten mich immer abgehört.
SPIEGEL: Was hat Ihnen Ihre Frau in jener Nacht geraten?
Gorbatschow: Ich habe ihr gesagt: Heute wird der neue Generalsekretär gewählt, nicht ausgeschlossen, dass sie mich vorschlagen. Brauchst du das?, hat sie mich gefragt. Und ich: Sie haben drei Generalsekretäre in vier Jahren zerschlissen. Ich habe ihr erklärt, ich werde nicht ablehnen, denn die Leute würden das als politische Feigheit werten.
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, gestatten Sie uns ein Experiment.
Gorbatschow: Ich beteilige mich an keinen Experimenten mehr.
SPIEGEL: Wir meinen ein ganz harmloses. Es werden immer wieder drei, vier Gründe dafür genannt, warum Ihre Perestroika, die Erneuerung der Sowjetunion, scheiterte.
Gorbatschow: Habt ihr jetzt "scheitern" gesagt?
SPIEGEL: Ja, aber wir wollen uns nicht über dieses Wort streiten, wir können auch ein anderes nehmen. Wir nennen jetzt diese Gründe und bitten um einen kurzen Kommentar. Erstens: Sie hätten nur die Symptome des kranken kommunistischen Systems behandelt, seien aber nicht zum Kern vorgestoßen - Planwirtschaft und Machtmonopol der Partei blieben zu lange unangetastet. War es nicht wirklich so?
Gorbatschow: Immer schön der Reihe nach. Ich würde die Perestroika heute immer wieder genau so anfangen. "Wir können nicht mehr so weiterleben", das war unsere Losung. "Ich will Veränderungen", sang auch Wiktor Zoi, der Pionier der russischen Rockmusik.
SPIEGEL: Nur hatten Sie für diese Veränderungen kein Konzept.
Gorbatschow: Wenn ich einen Plan dafür gehabt hätte, wäre ich im Nu in Magadan gelandet.
SPIEGEL: Der Hauptstadt des stalinschen Gulag, 6000 Kilometer von Moskau entfernt.
Gorbatschow: Sie beide kannten doch die Sowjetunion sehr gut, wissen Sie nicht mehr, was das für ein Land war? Es brauchte nur einen einzigen politischen Witz, um in Magadan zu landen. Und da sollte ich einen Plan und bereits eine Mannschaft um mich haben? Wir mussten zuerst das Volk aus der Erstarrung herausführen. Die Partei-Nomenklatura brauchte doch keine Perestroika, jeder dort saß an seinem Futtertrog. Der Kreischef war der König im Kreis, der Gebietschef war ein Zar, und der Generalsekretär kam gleich hinter Gott. Deswegen benötigten wir zuallererst Glasnost: Offenheit. Die war der Weg zur Freiheit. Wir haben später die ersten freien Wahlen in Russland seit tausend Jahren durchgeführt.
SPIEGEL: Gegen den Willen der Partei. So kritische Worte haben Sie damals aber nicht für sie gefunden.
Gorbatschow: Die KPdSU war eine Riesenmaschine, irgendwann begann sie, Knüppel ins Rad zu werfen. Sie war zwar Initiator der Perestroika, aber wurde dann ihre größte Bremse. Ich begriff: Es geht nicht ohne einschneidende politische Reformen. Die Nomenklatura hatte bei den ersten demokratischen Wahlen eine Niederlage erlitten, sammelte sich zum Angriff und attackierte mich auf einer Tagung der Parteiführung ganz offen. Da habe ich meinen Rücktritt erklärt und das Plenum verlassen.
SPIEGEL: Das war aber erst im April 1991, acht Monate vor dem Ende der Sowjetunion. Außerdem kamen Sie zurück, Sie ließen sich wieder mal umstimmen - statt den Moment zu nutzen, um die alte Partei zum Teufel zu jagen.
Gorbatschow: Ja, nach drei Stunden kam ich zurück. An die 90 Genossen hatten bereits die Liste für eine neue Gorbatschow-Partei aufgemacht, das wäre die Spaltung gewesen. Ich bin mit 19 in die KPdSU eingetreten, noch auf der Schule, ehrlichen Herzens. Mein Vater war an der Front gewesen, der Großvater ein alter Kommunist - und ich sollte den Laden nun sprengen? Heute weiß ich: Ich hätte es tun sollen. Aber vor Ihnen sitzt nicht nur ein sogenannter Staatsmann, sondern auch ein ganz normaler Mensch. Einer mit einem Gewissen, und dieses Gewissen hat mich ständig gequält.
SPIEGEL: Der nächste Vorwurf lautet: Sie hätten für diesen Posten nicht genügend Menschenkenntnis gehabt. Viele Genossen, denen Sie den Aufstieg ebneten, haben Sie später verraten. Auch das lässt sich wohl kaum abstreiten.
Gorbatschow: Das ist ja schon wieder so was! Ja, ich habe Krjutschkow, der später gegen mich putschte, zum KGB-Chef gemacht. Aber wo sollte ich mir einen Geheimdienstchef backen? Krjutschkow hatte 20 Jahre unter Andropow gearbeitet, und mit Andropow stand ich auf vertrautem Fuß. Natürlich habe ich ihn von dort geholt, aber ich kannte ihn nicht genug.
SPIEGEL: Jelzin, der Sie als russischer Präsident später aus dem Amt jagte, den kannten Sie sehr wohl.
Gorbatschow: Gut, reden wir über Jelzin. Den habe ich wirklich ein wenig gekannt. Er war schon als Gebietschef in Swerdlowsk …
SPIEGEL: … dem heutigen Jekaterinburg …
Gorbatschow: … sehr, sehr selbstbewusst. Als wir ihn in die Zentrale holen wollten, rieten viele ab. Später wählten sie ihn als Moskauer Parteichef. Ich habe das unterstützt. Er ging energisch ans Werk, ich bemerkte erst später meinen Fehler. Er war furchtbar in die Macht verliebt, hochfahrend und ruhmsüchtig, ein Herrenmensch. Er glaubte immer, er werde unterschätzt, war ständig beleidigt. Man hätte ihn als Botschafter in eine Bananenrepublik abschieben sollen, dort hätte er in aller Ruhe Wasserpfeife rauchen können.
SPIEGEL: Dritter Punkt: Sie werden dafür kritisiert, dass Sie die nationale Frage sträflich unterschätzt hätten …
Gorbatschow: Das ist nicht wahr. Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Menschen in 225 Sprachen und Dialekten redeten, wo es alle Religionen gab, ich selbst bin im Kaukasus aufgewachsen, ich kannte die Probleme.
SPIEGEL: Dass die Armee in Tiflis und in Vilnius blutig gegen die Unabhängigkeitsbewegung vorging - das haben Sie wirklich nicht gewusst?
Gorbatschow: Ja, ja, ich weiß, das wurde mir schon millionenfach vorgeworfen. Aber das passierte wirklich alles hinter meinem Rücken. Natürlich stellt sich da die Frage: Was warst du denn für ein Generalsekretär, wenn du davon nichts wusstest? Das ist der viel schlimmere Vorwurf.
Nehmen wir Vilnius: Am 12. Januar 1991, nachdem sich dort die Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der Unabhängigkeit zugespitzt hatten, tagte der Föderationsrat. Sie schickten eine Delegation nach Vilnius, eine politische Lösung sollte her. Aber in der Nacht vor deren Ankunft kam es zu den Zusammenstößen, Menschen wurden getötet. Heute ist offensichtlich, in der KGB-Führung gab es Kräfte, die eine politische Regelung verhindern wollten. Ähnlich war es in Tiflis.
SPIEGEL: Ihre Führung schwankte zwischen Härte und Unentschlossenheit.
Gorbatschow: Chinesische Härte sei inakzeptabel, heißt es, nicht zu schießen bedeute dagegen Schwäche. Beides ist Unfug: Man muss bis zum Schluss das Gespräch suchen.
SPIEGEL: Warum haben Sie es bei Ihrer Perestroika nicht wie die Chinesen gemacht: harte kommunistische Führung, aber kapitalistische Wirtschaftsreformen?
Gorbatschow: Jedes Land ist anders. China ist ein gutes Beispiel, aber Reformen müssen auf unterschiedliche Art und Weise vorangetrieben werden.
SPIEGEL: Es gibt eine These, die Sie oft wiederholen, die wir aber nicht nachvollziehen können: dass die Sowjetunion nach dem Putsch noch zu retten gewesen wäre.
Gorbatschow: War sie auch. Wir haben nur zu spät mit ihrer Reform begonnen. Die einen wollten einen Staatenbund, aber die Mehrheit der Republiken einen Unionsstaat mit Elementen einer Konföderation. Dann habe ich ein Referendum vorgeschlagen. Als wir darüber abstimmten, haute Jelzin wütend auf den Tisch - er war natürlich dagegen. Er verkündete dann öffentlich, mit Gorbatschow könne er nicht mehr zusammenarbeiten, man müsse sich von dem befreien. Dann kam das Referendum - und die Leute unterstützten mich.
SPIEGEL: 76 Prozent.
Gorbatschow: Das heißt: Die Union wurde gegen den Willen des Volkes zerstört, und zwar ganz bewusst - unter Mitwirkung der russischen Führung einerseits und der der Putschisten andererseits.
SPIEGEL: Sie haben immer wieder den Dialog gesucht, zu lange wohl. Als sich im Dezember 1991 bei Brest die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands treffen und hinter Ihrem Rücken der UdSSR den Todesstoß versetzen, rät Ihnen der Vizechef der Präsidialkanzlei, zwei, drei Hubschrauber mit einer Spezialeinheit hinzuschicken und die drei unter Hausarrest zu stellen. Wäre das eine Option gewesen? Sie hatten das Ergebnis des Referendums im Rücken.
Gorbatschow: Es war anders. Jelzin hatte mit mir über die Reise nach Weißrussland gesprochen und gesagt, er wolle auch den ukrainischen Präsidenten Krawtschuk dorthin einladen. Es würde nach dem Kiewer Unabhängigkeitsreferendum aber schwierig werden, die Ukrainer zur Teilnahme am neuen Unionsvertrag zu bewegen. Ich hielt dagegen, das würde dessen Unterzeichnung überhaupt nicht stören - alle übrigen Republiken hatten ja ebenfalls bereits ihre Unabhängigkeit erklärt, als Zeichen größerer Selbständigkeit. Dann fragte Jelzin: Aber was ist, wenn die Ukrainer sich weigern, den neuen Vertrag zu unterzeichnen? Ich antwortete, sie würden sich auf jeden Fall beteiligen, aber darüber habe das Republiksparlament zu entscheiden, Moskau werde sich nicht gegen die ukrainische Unabhängigkeit stellen. Dann erinnerte ich ihn daran, dass nach seiner Rückkehr ein Treffen stattfinden solle, zu dem ich bereits die Präsidenten der Ukraine, Weißrusslands und Kasachstans eingeladen hätte. Jelzin und seine Truppe handelten also als Verschwörer, heimlich, gegen die Verfassung. Ich habe, als das klar wurde, sofort erklärt: Drei Menschen allein können nicht den Unionsstaat auflösen.
SPIEGEL: Sie wollen damit sagen, Sie hätten gegen die drei nicht gewaltsam vorgehen können?
Gorbatschow: Das hätte vielleicht bis zum Bürgerkrieg geführt, und der musste unter allen Umständen verhindert werden. Und zweitens: Das Land befand sich in einem Schock. Die Presse schwieg, niemand ging auf die Straße, um die Union zu verteidigen. Die Menschen waren verwirrt, sie begriffen nicht, was für eine "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" Jelzin und seine zwei Mitstreiter da aus der Taufe gehoben hatten. Das klang harmlos, nach etwas mehr Freiheit für die Unionsrepubliken. Sie verstanden erst später, dass das große Land implodiert war. In Umfragen bedauert heute eine Mehrheit der Leute, dass die UdSSR zerfallen ist. Auf die Frage, wollt ihr sie wiederhaben, antworten aber nur neun Prozent mit Ja.
SPIEGEL: Heute behaupten die meisten, sie seien für den Erhalt der Sowjetunion gewesen, auch Amerikaner und Deutsche.
Gorbatschow: Weil sie nicht wussten, ob ihnen nach deren Untergang die Einzelteile um die Ohren fliegen werden. Denn was war vorher passiert? Präsident Bush hielt die Ukrainer zurück, obwohl andere in Washington sich schon die Hände rieben, ja heimlich auf unser Ende hinarbeiteten. Als ich im Juli 1991 zum G-7-Gipfel fuhr und dort wegen der schlimmen Wirtschaftslage um Kredite bat, waren die Amerikaner und die Japaner dagegen, Helmut Kohl schwieg. Nur Mitterrand und die EU-Kommission unterstützten mich.
SPIEGEL: Kohl war dagegen? Das erzählt er heute anders.
Gorbatschow: Ich habe doch gesagt: Er hüllte sich in Schweigen. Genscher war dafür. Wir rechneten mit 30 Milliarden Dollar, vergebens. Unseren Partnern fehlte der Weitblick.
SPIEGEL: Dann kam der Putsch. Vor dem hatten die Amerikaner Sie aber rechtzeitig gewarnt, schon zwei Monate zuvor - und sie hatten sogar Namen genannt, unter anderen den von KGB-Chef Krjutschkow. Stimmt das?
Gorbatschow: Bush rief mich an. Er bezog sich auf Informationen vom Moskauer Oberbürgermeister Gawriil Popow.
SPIEGEL: Sie haben ihm nicht geglaubt?
Gorbatschow: Gorbatschow loswerden zu wollen - das hatten die Konservativen mehrfach angekündigt, das hatten sie in verschiedenen Gremien versucht, ohne Erfolg. Wir hatten inzwischen das AntiKrisen-Programm, das von allen Republiken unterstützt wurde, der neue Unionsvertrag sollte am 20. August unterzeichnet werden, ein außerordentlicher Kongress die Partei reformieren. Die Perestroika-Gegner hatten eine Niederlage erlitten, da organisierten sie den Putsch.
SPIEGEL: Und in solch einem Moment fahren Sie in den Urlaub auf die Krim?
Gorbatschow: Ich dachte, das müssten Idioten sein, wenn sie gerade in diesem Moment va banque spielen würden - es würde sie dann selbst hinwegfegen. Aber es waren leider wirklich Idioten, sie machten alles kaputt. Und wir erwiesen uns als Halbidioten, auch ich. Ich war in all diesen Jahren zermürbt worden, ich war müde, bis zum Limit. Aber ich hätte nicht wegfahren sollen. Es war ein Fehler.
SPIEGEL: Was wäre denn besser, wenn es die Sowjetunion heute noch gäbe?
Gorbatschow: Das ist euch nicht klar? Alles war über Jahrzehnte hinweg zusammengewachsen: Kultur, Bildung, Sprache, Wirtschaft, alles. Im Baltikum bauten sie Autos, in der Ukraine Flugzeuge, wir kommen noch heute nicht ohne einander aus. Und 300 Millionen als Bevölkerung - auch das war ein Plus.
SPIEGEL: Gibt es noch andere Dinge, die Sie getan haben und die Sie heute quälen?
Gorbatschow: Mein Credo war, Blutvergießen zu vermeiden. Es floss aber leider doch Blut. Dass ich das Problem mit der KP nicht rechtzeitig gelöst habe, belastet mich auch. Und dass ich unterschätzt habe, dass die Nomenklatura der anderen Nationalrepubliken Fragen ihres eigenen Lebens selbst entscheiden wollte, ohne dass sich jemand aus der Zentrale einmischt. Jetzt haben sie diese Möglichkeit.
SPIEGEL: Unternehmen wir einen Zeitsprung ins heutige Russland. Als Putin im Jahr 2000 antrat, haben Sie ihn unterstützt. Sie kannten ihn schon länger?
Gorbatschow: Er half mir, als ich 1996 zur Präsidentenwahl antrat.
SPIEGEL: Sie hielten ihn damals für klug. Jetzt sagen Sie, unter seiner Führung würde aus Russland eine Art afrikanisches Land, wo Diktatoren 20 bis 30 Jahre regieren. Was ärgert Sie plötzlich an ihm?
Gorbatschow: Vorsicht: Das Wort "Diktator" habt ihr jetzt benutzt. Ich habe Putin während seiner Präsidentschaft unterstützt, unterstütze ihn auch jetzt noch in vielem.
SPIEGEL: Sie haben ihn aufgefordert, nicht wieder als Präsident zu kandidieren.
Gorbatschow: Mich beunruhigt, was die Partei "Einiges Russland", deren Führer Putin ist, und die Regierung tun: Sie wollen den Status quo wahren, es geht keinen Schritt vorwärts. Im Gegenteil: Sie zerren uns zurück in die Vergangenheit, während das Land dringend modernisiert werden muss. "Einiges Russland" erinnert mitunter an die alte KPdSU.
SPIEGEL: Putin und Präsident Medwedew wollen unter sich ausmachen, wer 2012 nächster Präsident wird.
Gorbatschow: Putin will an der Macht bleiben. Aber nicht, um endlich unsere dringendsten Probleme zu lösen - Bildung, Medizin, Armut. Das Volk wird nicht gefragt, die Parteien sind Marionetten des Regimes. Gouverneure werden nicht mehr direkt gewählt, Direktmandate bei den Wahlen wurden abgeschafft, alles läuft nur noch über Parteilisten. Neue Parteien werden aber nicht zugelassen, sie stören.
SPIEGEL: Wie Ihre sozialdemokratische Partei, die Sie schon mehrfach gründen wollten.
Gorbatschow: Dabei brauchen wir frische Kräfte, um das Land voranzubringen. Und Parteien, die die Interessen von Politik und Wirtschaft verbinden, eine soziale Partnerschaft zustandebringen und die demokratische Entwicklung garantieren.
SPIEGEL: Der scheinbar liberale Medwedew wird manchmal mit Ihnen verglichen. Halten Sie das für gerechtfertigt?
Gorbatschow: Vergleiche hinken. Medwedew ist ein gebildeter Mensch, er sammelt Erfahrung. Aber er braucht Kräfte, auf die er sich stützen kann.
SPIEGEL: Wie wird der Prozess, den Sie 1985 eingeleitet haben, für Russland enden? Wird das Land eine Demokratie, übernehmen Nationalisten die Macht, kommen die Kommunisten zurück?
Gorbatschow: Es wird schwer werden, schmerzhaft, aber die Demokratie wird sich durchsetzen in Russland. Es wird keine Diktatur geben, autoritäre Rückfälle sind möglich. Weil wir, wie mir scheint, erst den halben Weg hinter uns haben.
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, lassen Sie uns noch auf die Zeit nach Ihrem Rücktritt blicken. Sie haben 1996 noch einmal als Präsident kandidiert und dabei gerade mal ein halbes Prozent der Stimmen bekommen. Eine solche Kandidatur tut sich doch nur jemand an, der die Stimmung im Land nicht realistisch einschätzt.
Gorbatschow: Wieso? Woher wisst ihr, wie viel Stimmen ich wirklich bekommen habe? Einer der Jelzin-Vertrauten hat öffentlich erklärt: Nach seinen Angaben hätte ich 25 Prozent erhalten. Faktisch bekam ich 15. Am Morgen nach der Wahl rief mich einer meiner Bevollmächtigten aus Orenburg an und sagte, ich läge bei knapp 7. Am Abend desselben Tages waren es dann 0,65 Prozent. Wie sagte schon Stalin? Das Wichtigste ist, wie man zusammenzählt.
SPIEGEL: In den vergangenen Jahren sind Sie viel als Handelsreisender unterwegs, als einer, der seine Vergangenheit vermarktet und dabei viel Geld kassiert: Sie halten Vorträge, machen Werbung für Louis Vuitton, eröffnen Sparkassen und Möbelhäuser. Passt das zu einem Mann, der wie kaum ein anderer die politische Landkarte des 20. Jahrhunderts verändert hat?
Gorbatschow: Halt, dann vergleichen wir jetzt mal, was moralisch ist - für euch Deutsche: Ja, ich halte Reden, schreibe Artikel. Gefällt euch einer besser, der heimlich klaut? Und nicht der, der ganz offen zu Louis Vuitton geht? In Russland wird Geld gern auf kriminelle Weise beschafft, ich erarbeite alles selbst. Wie soll denn meine Stiftung arbeiten? Der Staat gibt uns keine Kopeke.
SPIEGEL: Den Rest finanzieren Sie mit Ihren Büchern?
Gorbatschow: Ich habe jetzt, als 13., ein ganz privates Erinnerungsbuch fertiggestellt. Und bald erscheinen die Gesammelten Werke in 25 Bänden. Gleich werdet ihr wieder "Spekulant" sagen.
SPIEGEL: Halb Moskau hält Ihnen auch Ihre Gala zum 80. Geburtstag Ende März in der Londoner Royal Albert Hall vor.
Gorbatschow: Ich präzisiere: Am 2. März haben wir zuerst hier in Moskau gefeiert, in einem Kreis mir nahestehender Menschen, das waren nicht wenige, etwa 200.
SPIEGEL: Aber ohne dass jemand aus dem Kreml kam.
Gorbatschow: Russlands Präsident und der Premierminister haben mir gratuliert. Und ich habe die höchste staatliche Auszeichnung bekommen, den Orden des heiligen Andreas. Einen Monat später fand dann der Wohltätigkeitsabend in London statt. Das war eine Initiative meiner Freunde und von Irina.
SPIEGEL: … Ihrer Tochter, die Vizepräsidentin Ihrer Stiftung ist …
Gorbatschow: Dort wurde ein Gorbatschow-Preis ins Leben gerufen.
SPIEGEL: Warum hassen so viele Russen Sie?
Gorbatschow: Diesen Eindruck habe ich nicht. Im Gegenteil, in all diesen schwierigen Jahren spüre ich Unterstützung.
SPIEGEL: Michail Sergejewitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit den Redakteuren Matthias Schepp und Christian Neef in Moskau.
Von Matthias Schepp und Christian Neef

DER SPIEGEL 33/2011
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