19.10.1998

BUNDESREGIERUNG„Wo isch mei Audo?“

Das scheidende Kabinett Kohl bereitet sich auf ein Leben ohne Dienstwagen und Helikopter vor. Manchem droht durch Machtentzug eine Entlastungsdepression.
Auf dem Klingelschild des Mehrfamilienhauses in Bad Godesberg fehlt im ersten Stock der Name. Nur drei Buchstaben sind zu lesen: H.D.G. Das geheimnisvolle Kürzel dient der Sicherheit des Wohnungseigentümers. Doch wer will Hans-Dietrich Genscher schon Böses?
Der Staatsmann im Ruhestand legt Wert auf das gepflegte Understatement, seit er im Guteleuteviertel sein letztes Büroquartier bezogen hat. Der ausgeglichene 71jährige Herr im gelben Pulli bekennt, er habe "bis zur Neige ausgekostet", was ein Leben in der Politik zu bieten hat.
Genscher, der im Mai 1992 nach 18 Jahren seinen Dienst als Außenminister quittierte, blickt entspannt auf seine Jahre als Vielflieger zurück. Der Lotse ging seinerzeit freiwillig von Bord, das betont er besonders.
Denn es ist ein "großer Unterschied, ob Sie gehen wollen oder gehen müssen", doziert er angesichts des jüngsten Wahlergebnisses - und wirft einen gütigen Blick auf den Stapel dicker Memoirenbände, die in Pappkartons auf Widmungen warten.
Genscher ist clean. Seine früheren Kabinettskollegen Norbert Blüm und Helmut Kohl sowie die nachgeborenen Minister haben den Machtentzug noch vor sich.
Die Aussicht auf ein Leben ohne Dienstwagen, ohne übervollen Terminkalender, ohne Flugbereitschaft der Bundeswehr und ohne servile Bodentruppen im Büro drückt den Wahl-Verlierern aufs Gemüt.
Selbstverständlich machen Manfred Kanther, Jürgen Rüttgers, Volker Rühe und die anderen gute Miene zum bösen Spiel. "Ich freue mich auf meine künftige Arbeit als normaler Abgeordneter", beteuert etwa Klaus Kinkel. Doch Claudia Nolte, jüngste Kombattantin im Kabinett, weiß noch aus DDR-Zeiten: "Es gibt nichts Schlimmeres als die Opposition." Wenn der Ministersessel erst einmal gegen die Parlamentsbank in der zweiten Reihe getauscht ist, "kommt der Schmerz", ahnt Nolte.
Düstere Aussichten plagen Verteidigungsminister Rühe: "Jetzt müssen wir wieder alleine telefonieren lernen. " Nicht nur das: Der Chef der Hardthöhe mußte sogar eine Fliegerjacke zurückgeben, die ihm Piloten nach einem gemeinsamen "Tornado"-Flug im Sommer als Souvenir überlassen hatten.
Auch Rühes Kabinettskollege Kanther trauert und bekennt selten freimütig: "Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Es war noch soviel zu tun." Im eigenen Haus schlägt dem zackigen Hessen nun Ignoranz entgegen. Ein zeitungslesender Pförtner habe Kanther morgens zwar erkannt, aber nicht mal mehr gegrüßt, berichten Mitarbeiter des Innenministeriums.
Horst Seehofer, der den Kampf gegen die Pharma-Lobby jetzt einer Grünen überlassen soll, beichtet einer Rundfunkreporterin mit leiser Verzweiflung ins Mikrofon: "Ich bin erst 49 Jahre alt."
Galgenhumor beweist Arbeitsminister Norbert Blüm, der dem Kanzler vom Anfang bis zum bitteren Ende als Minister zur Seite stand. Kein anderer Abgang wurde so heftig von Sekretärinnen beweint. Blüm machte jedoch seine üblichen Witze.
Auf dem Weg zu einer CDU-Vorstandssitzung im Adenauer-Haus lief der Linkskatholik absichtlich vor den Kameraleuten und Fotografen auf und ab wie Claudia Schiffer auf dem Laufsteg. "Will mich noch jemand fotografieren? Ich gehe extra hier vorbei."
Wenn die Granden von Union und FDP den Presseparcours passieren, klicken immer weniger Apparate, zoomen sich immer weniger Objektive an die tapfer-traurigen Gesichter heran. Als Dr. Helmut Kohl, wie er neuerdings wieder genannt wird, jüngst durch die Frankfurter Buchmesse lief, folgte ihm ein merklich geschrumpfter Kamerapulk.
"Der Kanzler trägt schwer", meint Noch-Außenminister Kinkel einfühlsam. Der Kohl-Biograph Klaus Dreher vermutet, "daß er den Machtverlust innerlich kaum verkraften kann".
Vor allem die vergangene Woche setzte dem Dicken zu. Einerseits muß er so tun, als ob er noch Kanzler sei, "andererseits den Neuen fragen, was er machen soll". Die Niederlage, ahnt Dreher, "läßt er nicht an sich heran".
Immerhin wird dem Ex-Kanzler auch künftig noch ein Fahrer nebst Limousine zur Verfügung stehen. Mit seiner getreuen Referentin Juliane Weber zieht Kohl in Kürze in den Bundestag, in ein schönes, dreizimmriges Büroensemble mit Parkblick, nur ein paar Schritte vom Plenarsaal entfernt.
Das 240-Liter-Aquarium mit seinen Panzerwelsen, Beilbäuchen und Scalaren aber muß im Kanzleramt bleiben. In den neuen Räumen, bisher das Refugium des Alterspräsidenten Alfred Dregger, ist für Kohls meditative Aqua-Kunstwelt kein Platz mehr.
Getröstet wird der große Pfälzer zur Zeit nur von dem Mann, der ihn aus dem Amt gefegt hat. Als Gerhard Schröder am Jahrestag der Deutschen Einheit dem scheidenden Staatsmann "Dank und Anerkennung des deutschen Volkes" aussprach, schossen dem Rekord-Kanzler die Tränen in die Augen.
Nach Ende des Staatsaktes wankte der Riese, noch immer bewegt, auf die Straße. Eine Reiterstaffel der Polizei trabte vorbei. Dann stand der Kanzler schweigend vor einem Pferd - und streichelte es eine Weile.
Was der Kanzler fühlt und was er sagt, "läuft zur Zeit nicht synchron", sorgt sich ein Kohl-Vertrauter. Kein Wunder. Denn Kohl und Co. droht nun die sogenannte Entlastungsdepression, eine psychosomatische Krankheit, die vor allem schwer arbeitende Manager nach ihrer Entlassung oder Pensionierung befällt.
Das von Medizinern untersuchte Syndrom kann mehrere Monate andauern. Wen es ereilt, dem erscheint das künftige Leben trist wie unter einem Grauschleier.
Besonders intensiv drückt Melancholia morgens zwischen 6.30 und 9.00 Uhr aufs Gemüt - zu der Zeit, in der Minister und Regenten ihre Tagesbefehle auszugeben pflegen. Doch wo früher Referenten eilfertig Lageberichte vortrugen, röchelt künftig höchstens die Kaffeemaschine.
Um solchen Problemen vorzubeugen, haben etwa die Kinder von Theo Waigel ihrem Vater nun ein "Fit-for-Life-Programm" verordnet: selber einkaufen, telefonieren, Auto fahren.
In der FDP-Bundestagsfraktion würde sich die Beschäftigung eines Seelendoktors mit Anti-Depressionsauftrag, beispielsweise auf 620-Mark-Basis, lohnen. Unter den 43 Abgeordneten befinden sich immerhin 10 frühere Bundes- und Landesminister, 3 ehemalige Staatssekretäre und 2 ehemalige Ausschußvorsitzende. Fürs erste ohne jede Aussicht auf Kabinettsteilnahme oder zumindest einen Sitzplatz in der ersten Parlamentsreihe.
"Wenn der Kinkel jetzt abends aus der Sitzung kommt und kein Dienstwagen ist da", ätzt etwa der ehemalige Wirtschaftsminister Helmut Haussmann über den Noch-Außenminister, "ruft der doch gleich los: Heilandsack, wo isch mei Audo?"
Richtig ist: Kinkel will sich jetzt einen Kleinwagen kaufen. Auf eine Dienstlimousine verzichtet der scheidende Vize-Kanzler ebenso wie auf Bodyguards.
Zur letzten Kabinettssitzung fuhren die Minister noch einmal im dunklen Daimler an Kohls Trutzburg am Rhein vor. Bei Avocadocreme mit Pilzen, Seezunge mit Petersilienkartoffeln und Vanilleeis in Orangensauce hatte der Kanzler am vergangenen Mittwoch noch einmal seine getreuen Minister versammelt.
Da wurde erst über den Kosovo gekinkelt und der Euro verwaigelt, als sei nichts geschehen. Später am Abend breitete sich eine heilige Atmosphäre aus, in die der amtierende Finanzminister und CSU-Chef Waigel rätselhafte Worte sprach. Er hoffe, "daß wir das, was wir nicht ändern können, als sinnvolle Grenze unseres Handelns in unser Wollen aufnehmen".
Keiner fragte: "Und was machst du jetzt so?" Das hätte wohl jeder als unfein empfunden. "Wir tun jetzt alle unsere Pflicht", mahnte der Kanzler beim Nachtisch seine Nibelungen.
Kohls Vorzimmerwache Juliane Weber hatte schon einige Tage zuvor einem Bekannten anvertraut: "Ich will, daß Rot-Grün ein Erfolg wird." Und als der erstaunt dreinblickte: "Deutschland ist immer noch mein Land."
Claus Christian Malzahn
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 43/1998
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