14.09.1998

FUSSBALL„Papa, ein Herr Braun ist dran“

Die Suche nach den Nachfolgern des zurückgetretenen Bundestrainers Berti Vogts geriet zur Seifenoper. Sie zeigte, wie hilflos der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes auf die Zeitenwende im Profisport reagiert.
Nur der Garten vor seinem Einfamilienhaus zeugt noch von einer Zeit, in der das Leben dieses Bürgers aus dem niederrheinischen Kleinenbroich im großen und ganzen stimmte: Aus einer Holzschubkarre sprießen die letzten Blumen des Sommers, und in einem Vogelhäuschen hat der Hausherr das Futter für die Amseln hinterlegt.
Jedoch: Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Mitten auf dem Gehsteig parken die Fahrzeuge der Bewohner, so, als seien sie ein Schutzwall aus Blech. Die Vorhänge sind zugezogen, und durch die Sackgasse fährt ein Peterwagen. Was macht Berti?
Der Hausherr sitzt drinnen und bekämpft sein seelisches Chaos. "Mal hat man den Eindruck, er hat es im Griff, dann ist er wieder tief deprimiert", sagt einer, der mehrfach mit ihm telefonierte. Hans-Hubert Vogts, 51, fühlt sich auch wenige Tage nach dem Rücktritt vom Amt des Bundestrainers am Montag letzter Woche noch wie einst Napoleon auf der Insel Elba: verkannt, verstoßen, verraten. Ein Opfer der Medien, die ihm nur einen "Rest an Menschenwürde" gelassen hätten, und ein Opfer auch des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Es dämmert ihm, daß der und vor allem sein Präsident Egidius Braun ein falsches Spiel gespielt haben mit ihm.
Daß der kurzgewachsene Übungsleiter der Fußball-Nationalmannschaft nach acht Jahren endlich ein Einsehen hatte und seinen Stuhl räumte, durchzuckte das Fußball-Land wie die Erlösung von dem Bösen. "Danke, Berti", jauchzte die "taz" und sah den "Berti-Faktor", die Maßeinheit "für Stillosigkeit auf und neben dem Spielfeld", von "83 auf 0" gesunken.
Doch dann wurde alles nur noch schlimmer. Daß der deutsche Fußball in Wahrheit nicht nur an seinem gestrigen Ex-Bundestrainer krankte, zeigte sich eindrücklich, als seine Lenker darangingen, das bedeutendste Traineramt neu zu besetzen. Am Ende hätte es nicht mehr verwundert, wenn der DFB den Nachfolger über eine Annonce in "Fix und Foxi" gesucht hätte.
Wäre das Malheur mit Berti nicht passiert, der DFB hätte sich noch eine Ewigkeit auf seinem selbstverpaßten Untertitel vom fortschrittlichsten Sportverband der Welt ausgeruht. Doch nun haben es selbst die Stammtische begriffen: Der ruhmreiche Deutsche Fußball-Bund, mit 6,2 Millionen Mitgliedern und einem Jahresumsatz von über 100 Millionen Mark der weltweit größte Fachverband für Leibesübungen, erreicht auch bei heftigster Anstrengung zuweilen nicht einmal das Niveau von Turnvater Jahn.
Zwar beschäftigt die soeben für 15 Millionen Mark aufgemotzte Zentrale in Frankfurt unter ihren 76 Angestellten durchaus auch Mitarbeiter mit Sinn für die Erfordernisse der neuen Zeit, aber wenn es darauf ankommt, sind auch die den bizarren Phantasien ihres angejahrten Präsidenten unterworfen. Egidius Braun, 73, lenkt seinen Balltreterbetrieb mittlerweile wie ein störrischer Firmenpatriarch.
Braun, der sein berufliches Wirken nach dem Krieg als Kartoffelhändler begann und längst zu Wohlstand gekommen ist, gilt bei Menschen, die ihn nicht kennen, als Kandidat für die nächste Seligsprechung. Mit Vorliebe zeigt der Mann aus Aachen der Welt, was ein guter Katholik ist: Des Sonntags bedient er die Kirchenorgel, und im Alltag kümmert er sich um das Elend auf Erden. Er sammelt Geld für mexikanische Waisenkinder; für Jugendliche in Moldawien treibt er Sportschuhe auf; und Geburtstage vergißt er nie - selbst Mitarbeitern, die den DFB verlassen haben, schreibt er alle zwölf Monate ein paar nette Zeilen.
Sein Schönstes ist es allerdings, wenn er seine Wohltaten in der Zeitung nachlesen kann. Dabei kommt es vor, daß er sich mißverstanden fühlt. Und dann beginnt in der DFB-Zentrale die Zeit der Leiden. Als "herrisch" und "despotisch" wird in Frankfurt seine Art der Amtsführung beschrieben; der sanftmütige Egidius kann dabei schon mal so laut werden, daß er Sekretärinnen die Tränen in die Augen treibt.
Sein Wissen über die Welt des Fußballs speist er vornehmlich aus der Lektüre einer Aachener Lokalzeitung. In der vergangenen Woche hat ihn dieses Blatt mal wieder auf die Zinne getrieben, weil er da lesen mußte, daß er sich bei seiner Trainersuche scharenweise "Absagen eingehandelt" habe. In solchen Fällen stutzt Braun zuerst die DFB-Pressestelle zurecht, die sich in ihrer Not das geheimnisvolle Blatt aus Aachen faxen ließ - um dann festzustellen, daß es sich beim vermeintlichen Pamphlet um einen in ganz Deutschland verbreiteten Agenturtext handelte.
"Diesen DFB-Herren geht es nur darum, mit ihren Hintern auf ihren Pöstchen zu bleiben", bellte Paul Breitner nach seiner flüchtigen Erfahrung mit Egidius Braun in der vergangenen Woche. Und ein ehemaliger DFB-Mann hat erkannt, daß "erst eine Revolution vernünftige Strukturen" auf den Weg bringen kann. Der Vorschlag, den Posten des DFB-Chefs "nach Qualifikation etwa mit einem Politiker wie Lothar Späth zu besetzen", kursierte in Frankfurt, geht jedoch ins Leere, solange Braun seine Neigung zum Winkelzug auslebt.
Daß Braun dabei schon mal "seine besten Freunde", zu denen er Berti Vogts immer gezählt haben wollte, hinten überkippen läßt, wurde nach der mißratenen WM in Frankreich augenfällig. Schnell hatte der DFB-Fürst da erkannt, daß dieser Bundestrainer auch sein Ansehen beschädigen würde. Weil er zu Vogts aber offiziell in Treue fest stand, probierte es Braun mit einer List: In einem Zeitungsinterview dachte er darüber nach, ob es nicht sinnvoll sei, dem Mann aus Kleinenbroich einen Beraterstab zur Seite zu stellen. Spätestens da stand in DFB-Kreisen fest: Braun will Vogts in die freiwillige Aufgabe treiben.
Welchen "väterlichen Freund" er da über Jahre an seiner Seite hatte, schwante Berti Vogts, als er letzte Woche von seiner Trutzburg aus das Werben Brauns um einen Nachfolger überwachte. "Niemals", so hatte der Chef wissen lassen, hätte er sich nach einem anderen Trainer umgesehen, solange sein Berti noch im Amt sei. Dann kam heraus, daß Braun schon vor Wochen Otto Rehhagel und Franz Beckenbauer umworben hatte.
Es mag bedauerlich sein, daß Braun dabei nur Löcher in die Luft stieß. Unzweifelhaft allerdings ist, daß der deutsche Fußball seinem tüdeligen Präsidenten nun eine Episode mit beispiellosem Unterhaltungswert verdankt. Als der Fußball-Oberste am Dienstag morgen voriger Woche um viertel vor elf den Trainer des Champions-League-Siegers Real Madrid, Jupp Heynckes, unter seiner Aachener Haustürzarge begrüßte, wähnte er sich bereits einig mit einem neuen Cheftrainer. Die Absage trieb Braun dann in einen Notplan, dessen Entwurf er mit einem Aphorismus von Jean Paul begründete: "Willst du dir in der Welt Gehör verschaffen, mußt du sie erschüttern."
Zunächst erschütterte Braun den Frieden einer Familie in Brunnthal, Oberbayern. Um 20.30 Uhr, nach dem Abendessen, klingelte im Hause des einstigen Nationalspielers Paul Breitner das Telefon. Sohn Max, 17, reichte den Hörer weiter: "Du, Papa, ein Herr Braun ist dran."
Die Familie war wie vom Donner gerührt, als sie sodann erfuhr, daß der Hausherr, zur Zeit E-Jugend-Trainer beim TSV Brunnthal, plötzlich das Angebot hatte, Bundestrainer zu werden. "Mir ham scho an Spaß gehabt dahoam", berichtet Max, "kommt ja net so oft vor, daß der Vater Bundestrainer wird." Auch Braun quillt über vor Glück - seinem neuen Partner Breitner teilt er mit: "Diese Idee revolutioniert die Welt", und: "Endlich habe ich eine gute Presse." Und stolz fragt er sich selbst: "Bin ich wahnsinnig geworden?"
Schon nach wenigen Stunden allerdings ist die Revolution krepiert: Am nächsten Morgen nämlich erfährt der Präsident, daß sein neuer Heilsbringer in der Münchner "Abendzeitung" Brauns Rücktritt wegen Inkompetenz gefordert hat. Braun meldet sich in Brunnthal, und diesmal fällt das Gespräch kürzer aus: "Vergessen Sie es!"
Während der Mann aus Aachen am nächsten Notplan bastelt, laufen zwei verdiente Kräfte des deutschen Fußballs in die Irre: Vogts-Assistent Rainer Bonhof hofft auf Beförderung, weil ihm Braun "durch die Rosen" eine Aussicht darauf mitgeteilt habe. Und der frühere Nationalspieler Uli Stielike gibt als vermeintlich neuer Bundestrainer bereits Interviews bis an den Rand der Erschöpfung.
Als dann feststeht, daß es der eloquente Ruheständler Erich Ribbeck im Verbund mit Stielike richten soll, hat Harald Schmidt die Spitzenmeldung seiner Nachtrevue: Jetzt sei das "Modern Talking des deutschen Fußballs" an der Macht; und der DFB-Boß kriegt es von "Bild" um die Ohren: "Es reicht, Herr Braun!"
Da ist durchaus etwas dran.
Nie zuvor haben Sponsoren und Fernsehen so viel Geld auf das DFB-Konto getragen wie unter Egidius Braun. Mercedes-Benz zahlt acht Millionen pro Jahr, Adidas sechs Millionen, Bitburger vier Millionen; die Merchandising-Geschäfte, so schätzt DFB-Mann Winfried Straub, häufeln sich noch einmal auf einen Umsatz von 50 Millionen Mark zusammen. Acht Millionen kassiert der DFB für die Fernsehrechte der Nationalmannschaft bei Auswärtsspielen, fünf Millionen für Auftritte in der Heimat.
Und nie zuvor kam der DFB im internationalen Machtgefüge so schwachbrüstig daher wie unter Egidius Braun. Der war von den Socken, als sein Stellvertreter Gerhard Mayer-Vorfelder im Frühjahr aus dem erlesenen Zirkel des Fifa-Exekutivkomitees katapultiert wurde - bei der Wahl unterlag er einem Vertreter aus Malta.
Und bei der Kür des Fifa-Präsidenten unmmittelbar vor der Weltmeisterschaft hatte sich Braun an den falschen Kandidaten geschmiegt. Sein Freund, der Schwede Lennart Johansson, unterlag dem Schweizer Sepp Blatter - mit diesem Votum dürfte sich die deutsche Bewerbung um die WM 2006, eine Art Lebensziel des Egidius Braun, erledigt haben.
Nie zuvor schließlich hat der DFB derart mit der Bundesliga, seiner ewig funkelnden Upperclass, im Clinch gelegen wie unter Egidius Braun. Weil der aus Prinzip einen Amateurverein aus Oer-Erkenschwick gleichrangig mit den Millionenunternehmen der Profiabteilung behandeln will, deutet sich eine Abspaltung der Bundesliga vom Verband an. Mit ihren Forderungen nach der Europaliga machen die Spitzenvereine obendrein lästigen Druck.
Allmählich wird es eng für den großen DFB. "Es muß sich etwas ändern in diesem Verband", sagt der Funktionär Bernd Pfaff, der nicht weiß, ob seinem Arbeitgeber mit ehrenamtlichen Kräften tatsächlich weiterzuhelfen ist. Ein Kollege meint: "Die Frühstückspolitik, wie sie Egidius Braun betreibt, hat sich überlebt."
Der Machtmensch aus Aachen ahnt das. Nach dem Vorbild bedrängter Kollegen aus anderen Wirtschaftsunternehmen vertraut Egidius Braun in schwerer Zeit auf fremde Hilfe. Unmittelbar nach der Weltmeisterschaft meldete sich ein PR-Berater aus Aachen bei einflußreichen Journalisten, um sich ein Meinungsbild zu verschaffen. Seine Aufgabenstellung lautete: "Wie kann das Image von Herrn Braun verbessert werden?"

DER SPIEGEL 38/1998
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