19.10.1998

RADTOURENStrampeln gesamtdeutsch

Eine verlorene Fernsehwette des Showmasters Dieter Thomas Heck Anfang der achtziger Jahre stürzte die DDR beinahe in eine Systemkrise.
Anno 1983 war die Lage vergleichsweise stabil. Der westdeutsche Milliardenkredit war auf dem Wege, die Opposition in der DDR unter Kontrolle. Größere Ausbürgerungen standen nicht an. Alles hätte so schön sein können - wäre da nicht Ende Mai im Westfernsehen Dieter Thomas Heck aufgetreten.
Heck war Gast bei "Wetten, daß ...?"-Moderator Frank Elstner und sollte auf einen jungen Engländer wetten, der innerhalb von zwei Minuten 100 Luftballons mit Dartpfeilen kaputtwerfen wollte. Vorher aber mußte Heck noch sagen, was er denn zu tun gedenke, falls er seine Wette verliere. Heck bot an, mit dem Fahrrad von Bexbach im Saarland bis nach West-Berlin zu fahren, pünktlich zur Eröffnung der Funkausstellung Anfang September. Das Problem: Zwischen Bexbach und Berlin lag damals noch die DDR. Und die war auf Fahrradtouristen nicht vorbereitet.
Elstner hatte vor der Sendung seinen Gast noch zu einem verrückten Wetteinsatz ermuntert: "Denk dir was Schönes aus. Wir haben den Mann bei den Proben gesehen, da hat er hundert Ballons in einer halben Minute geschafft. Du kannst gar nicht verlieren" - Heck verlor.
Eigentlich, so sagt Heck heute, habe er mit der Wette nur die DDR etwas ärgern wollen: "Wir zahlen denen die teuren Transitstrecken, und die bauen nicht mal einen Radweg neben der Autobahn."
Das Ärgern ist dem redegewaltigen Showmaster bestens gelungen, wie jetzt aufgefundene Stasi-Akten belegen: Diverse Bürokraten, Stasi-Bedienstete bis hin zu Staatssicherheitschef Erich Mielke und Staatschef Honecker beschäftigten sich mit der Frage, ob Heck durch die DDR strampeln darf. Und wenn ja, auf welcher Route, und wenn nein, mit welcher Begründung. Dabei geht aus den Akten vor allem eines hervor: Neben vielem anderen (Autos, Südfrüchte und politischer Freiheit) mangelte es der DDR auch an Humor. Am 9. Juni hatte das Ansinnen bereits den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker erreicht, der
* Bei der Ankunft im September 1983 in West-Berlin, mit Bürgermeister Richard von Weizsäcker.
es "zur Prüfung, E.H." an seine Bürokraten weitergab. In der Rechtsstelle der Stasi wurde "in Abstimmung mit dem Leiter der Hauptabteilung VI" (zuständig für grenzüberschreitenden Verkehr) eine fünfseitige Stellungnahme erarbeitet.
Unter Punkt eins wird das Problem eingekreist: "Entsprechend Artikel 3 des Transitabkommens erfolgt der Transitverkehr zwischen der BRD und Westberlin über die vorgesehenen Grenzübergangsstellen und Transitstrecken." Die Strecken aber seien "durchgehend Autobahnen". Damit war eigentlich alles gesagt.
Aber der Autor, ein Stasi-Oberstleutnant, wußte, daß sein Bericht von allerhöchster Stelle gelesen würde. Deshalb wohl stieg er noch tiefer in die Materie ein und zitiert Paragraph 10 der DDR-Straßenverkehrsordnung: "Die Benutzung der Autobahn ist nur mit gummibereiften Kraftfahrzeugen und Anhängerfahrzeugen gestattet, deren zugelassene Höchstgeschwindigkeit über 50 km/h liegt."
Auch das deutsch-deutsche Transitabkommen wurde einer eingehenden Exegese unterzogen: Dort sei zwar geregelt, daß im Transit "individuelle Transportmittel" genutzt werden könnten. "Im Sinne dieses Abkommens" seien dies aber nur "ordnungsgemäß zugelassene Kraftfahrzeuge". Trauriges Fazit: "Dementsprechend ist die Möglichkeit der Benutzung von Fahrrädern im Transitverkehr zwischen der BRD und Westberlin über das Hoheitsgebiet der DDR nicht gegeben."
Gleichwohl - man weiß nie, wie der Wind weht - enthält der Stasi-Bericht eine Alternativlösung. Falls politisch erwünscht, könne der Wessi einreisen: "unter der Voraussetzung, daß Heck touristische Leistungen (Übernachtung) in Anspruch nimmt". Und, damit nichts ungeregelt bleibt: "Die Buchung der touristischen Leistungen sollte bei den Filialen des VEB Reisebüro an den Einreise-Grenzübergangsstellen erfolgen."
Außerdem bekäme Heck kein Transit-, sondern ein Einreise- und ein Ausreisevisum. So könne erreicht werden, daß der Eindruck einer Transitreise "vordergründig nicht entsteht". Gleich zwei Routenvorschläge lieferten die Stasi-Leute mit: Über Erfurt und Halle oder Halle und Wittenberg, jeweils mit genauer Kilometerangabe und Hotelvorschlägen. Der Nachteil: "Offizielle Kreise oder bestimmte Personen aus der BRD" könnten durch die Promi-Tour ermuntert werden, "Forderungen nach Benutzung von Fahrrädern bei der Reise in oder durch die DDR erneut zu stellen".
Stasi-Chef Mielke machte am 14. Juni der deutsch-deutschen Fahrradtour ein Ende, bevor sie noch begonnen hatte. Handschriftlich vermerkte er: "Nach Darlegung der Standpunkte und der Straßenverkehrsordnung kann eine Genehmigung nicht erteilt werden."
Heck fuhr trotzdem. Mit Ehefrau, Sohn, Masseur und Arzt sowie einem gewaltigen Troß aus Journalisten radelte er im August vom Saarland zur DDR-Grenze nach Helmstedt. Hier ließ er sein Rad in einen Bus verladen und auf Rollen montieren. Auf dem improvisierten Heimtrainer strampelte er dann symbolisch, bis der Bus West-Berlin erreichte.
Dort empfing ihn das Polizei-Orchester mit der Weise "Unter''n Linden", Bürgermeister Richard von Weizsäcker trat auf, schenkte dem Showmaster einen Porzellanbären und sprach gewohnt salbungsvoll, Heck habe "eine Menge für Berlin getan". Dessen Worte waren volkstümlicher: Heck beklagte seinen "leicht schmerzenden Po".
* Bei der Ankunft im September 1983 in West-Berlin, mit Bürgermeister Richard von Weizsäcker.

DER SPIEGEL 43/1998
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