21.09.1998

ZEITGESCHICHTEDienstbare Geister

Verspätet beschäftigen sich die deutschen Historiker mit der Vergangenheit einiger Nachkriegsgrößen ihrer Zunft. Theodor Schieder, Werner Conze und Hermann Aubin bereiteten die Vertreibung von Polen und Juden am Schreibtisch vor.
Die drei erwiesen sich als willige Helfer. Sie waren ehrgeizige Wissenschaftler, und das NS-Regime interessierte sich für ihre Forschung. Der eine Nachwuchshistoriker schlug dem Reichsinnenministerium vor, Millionen Juden aus Polen zu vertreiben; der zweite plädierte für die "Entjudung von Städten und Marktflecken"; der dritte, älter als die beiden und schon Professor, bot an, "unsichere Elemente" in den besetzten Gebieten zu ermitteln.
Theodor Schieder, Werner Conze und Hermann Aubin gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg zur Elite der Historikerzunft. Sie machten erneut Karriere, bauten in Köln, Göttingen und Hamburg die Universitäten wieder mit auf und prägten das Geschichtsbild der jungen Bundesrepublik. Ihre Anfänge im Dienste des Dritten Reiches, ihren Beitrag zur Vertreibung von Polen und Juden behielten sie für sich.
Seit 50 Jahren versuchen ganze Heerscharen von Historikern herauszufinden, wie es zum Holocaust kam. Auf die Spuren der damals dienstbaren Geister in der eigenen Zunft sind sie mit großer Verspätung gestoßen - aus naheliegenden Gründen. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg als Nachwuchshistoriker in der Vergangenheit der Lehrstuhlinhaber wühlte, gefährdete sein Fortkommen.
"Wie soll ein Schüler, der Karriere machen will, seine eigenen Lehrer belasten", beschrieb der Vorsitzende des Historiker-Verbandes, Johannes Fried, 56, den Opportunismus seiner Generation. Auf dem Historikertag in Frankfurt vorvorige Woche forderte er zur "Selbstprüfung der eigenen Disziplin" auf.
Die Selbsterforschung kommt spät genug, denn die Hauptverdächtigen sind mittlerweile tot. Ihre Werke verteidigen ihre akademischen Schüler, die wiederum von der nächsten Forschergeneration für soviel Verständnis kritisiert werden.
Conze, Schieder und Aubin gehörten zu jenen Geschichtswissenschaftlern und Archivaren, die während des Dritten Reiches für die sechs "Volksdeutschen Forschungsge-
* Auf dem Historikertag in Frankfurt vorvergangene Woche.
** Michael Fahlbusch: "Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik?" Nomos Verlag, Baden-Baden; erscheint Ende 1998.
meinschaften" (VFG) arbeiteten, die einen geheimen Forschungsverbund bildeten. Wie Aktenfunde belegen, die von den Historikern Michael Fahlbusch und Ingo Haar ausgewertet wurden, griffen die SS und die Verwaltung in den annektierten Gebieten im Osten auf die Arbeiten der Wissenschaftler zurück**.
Knapp 1000 Historiker, Archivare, Soziologen, Geographen und Volkskundler erstellten Landkarten, die Dörfer mit mehr als zehn jüdischen Einwohnern auswiesen. Sie legten Personendateien an, deren sich die Gestapo bediente, und sie lieferten den Nazi-Behörden Gutachten, in denen sie ethnische Säuberungen befürworteten.
Die meisten Mitarbeiter der VFG hatten sich während der Weimarer Republik der Volkstumsforschung im Sinne einer nationalistischen Hilfswissenschaft verschrieben. Deutschland verlor nach dem Ersten Weltkrieg ein Siebtel seiner Fläche; Millionen Deutsche lebten fortan jenseits der heimatlichen Grenzen. Die Wissenschaft lieferte die Begründung für die Grenzrevision, die Hitler von Anfang an anstrebte.
Von den Nationalsozialisten hielten die jungen Wissenschaftler und Studenten zunächst wenig. Dem Historiker Schieder (1908 bis 1984) waren die braunen Horden zu unintellektuell; ihren Antisemitismus lehnte er ab. Schieder gehörte zum Kreis um den Königsberger Historiker Hans Rothfels (1891 bis 1976). Der konvertierte Jude, Frontoffizier des Ersten Weltkriegs, war so konservativ, daß die Studenten ihn nach den Farben des Kaiserreichs "Schwarz-Weiß-Rothfels" nannten. Die Slawen hielt er für unfähig, eigene Staaten zu errichten. Rothfels träumte von einem europäischen Großreich unter deutscher Führung.
Die Nähe zu den Nationalsozialisten ergab sich erst, als Hitler an der Macht war. Das Dritte Reich, so Rothfels, habe den Vorteil, daß es die "Befreiung und Freihaltung des deutschen Bodens" anstrebe. Dennoch verlor der Nationalkonservative 1934 seinen Lehrstuhl und emigrierte fünf Jahre später; er ging in die USA, kehrte 1951 nach Deutschland zurück und lehrte fortan in Tübingen.
Der Meister mußte auswandern, seine Schüler, auf der Suche nach Jobs und fasziniert von der Nähe zur Macht, dienten sich den neuen Herren an.
Die Nachkriegskoryphäe Conze (1910 bis 1986) stellte voller Genugtuung fest, daß in Weißrußland der Name des Führers "in die entlegensten Dörfer gedrungen ist, wegen seiner klaren Politik in der Judenfrage". Schieder ließ nun in seine Reiseberichte, die er an das Auswärtige Amt schickte, antisemitische Phrasen einfließen.
Schieders und Conzes neuer Mentor wurde der Nationalsozialist Theodor Oberländer (1905 bis 1998), in der Nachkriegsrepublik Vertriebenenminister unter Konrad Adenauer. Der Königsberger Professor hatte schon 1923 an Hitlers Marsch zur Münchner Feldherrnhalle teilgenommen. Seine Schützlinge brachte er in der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft (NOFG) unter; Schieder machte er zum Direktor eines neu gegründeten Instituts.
Die NOFG war eine der sechs Forschungsverbände, die sich mit dem Deutschtum weltweit beschäftigten. Die Ergebnisse sollten dem "Grenzkampf" dienen.
Die Forschungsmethoden der hilfreichen Wissenschaftler waren so modern, daß Conze, Schieder und Aubin (1885 bis 1969) nach 1945 daran anknüpfen konnten. Anstatt mit den großen Männern der Geschichte beschäftigten sie sich mit dem Volk, benutzten erstmals Statistiken und betrieben Wahlforschung. In der Bundesrepublik entwickelte sich aus diesen Ansätzen die Sozialgeschichte, die bis heute Lehre und Forschung an den Universitäten dominiert.
Den Nationalsozialisten, die mit Hilfe deutscher Minderheiten Polen und die Tschechoslowakei destabilisieren wollten, kamen die Forschungsgemeinschaften gelegen. Deren Wissenschaftler unterbreiteten Hitler Karten und Daten über die deutschen Siedlungsgebiete im Sudetenland, als der Führer 1938 über die Annexion mit dem britischen Premierminister Chamberlain und seinem französischen Kollegen Daladier verhandelte. Im Spätsommer 1939 ließ sich die Gestapo Statistiken von der NOFG über die jüdische Bevölkerung in jenen Gebieten Polens anfertigen, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt an das Reich fielen.
In die Nähe zum Holocaust gerieten die Wissenschaftler, nachdem die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfallen und die Hälfte des Landes vereinnahmt hatte. Hitler plante einen gigantischen Bevölkerungstransfer: Polen und Juden wollte er aus den annektierten Gebieten vertreiben; ihren Platz sollten die Deutschen einnehmen, die noch in Osteuropa lebten.
Die NOFG bot sofort ihre Hilfe an. Die Wissenschaft könne nicht warten, "bis sie gefragt wird", befand Aubin, der an der Universität in Breslau lehrte, am 18. September 1939.
Albert Brackmann, Vorsitzender der NOFG, gab als Forschungsziel vor, "die gesamte Bevölkerungsschicht festzustellen und damit den Verwaltungsbehörden die Möglichkeit der richtigen Behandlung zu geben". Mit sechs weiteren Kollegen verabredete Aubin eine Denkschrift über "Siedlungs- und Volkstumsfragen in den wiedergewonnenen Ostprovinzen". Schieder übernahm die Ausarbeitung und empfahl "Bevölkerungsverschiebungen allergrößten Ausmaßes", um einen "geschlossenen deutschen Volksboden zu schaffen".
Die vertriebenen Polen sollten nach Übersee oder in das Generalgouvernement abgeschoben werden - so hieß jener Teil des eroberten Polen, den die Nazis ihrem Reich lose angliederten.
Schieder, Conze und ihre Kollegen hielten Osteuropa für unregierbar, solange es dort Menschen mosaischen Glaubens gab. Diese bildeten in den Städten meist die Mittelschicht der Handwerker und Kleinkaufleute. Die nichtjüdische Überbevölkerung auf dem Lande, so die verquaste Theorie der aufstrebenden Historiker, könne deshalb nicht in die Städte strömen und sei ein ständiger Unsicherheitsfaktor.
Conze und Schieder verlangten deshalb die "Entjudung" der polnischen Städte; das betraf Millionen Menschen. Andernfalls, so Schieder in seiner Denkschrift, könne "die Zersetzung des polnischen Volkskörpers - besonders wenn das Judentum nicht restlos entfernt werden kann - zum Herd neuer gefährlicher Unruhe werden".
Hitlers Siedlungsvorhaben und der Holocaust gehörten zusammen. Die Abschiebepläne scheiterten. 1941 begannen die Nazis mit der systematischen Ermordung der europäischen Juden.
Heute streiten die Historiker, ob die Propagandisten der Umsiedlung deshalb als "Vordenker der Vernichtung" anzusehen sind, wie der Berliner Publizist Götz Aly, 51, behauptet. Sein Gegenspieler Jürgen Kocka, 57, der von Conze gefördert wurde und jetzt Geschichte an der Freien Universität in Berlin lehrt, hält die unmittelbare Wirkung seines einstigen Mentors für "relativ gering".
Tatsächlich saßen Hitlers Umsiedlungsexperten, oftmals mit SS-Rang, im Vorstand der Forschungsgemeinschaften und erhielten deren Expertisen, darunter auch der Staatssekretär im Innenministerium Wilhelm Stuckart. Er nahm später an der Wannsee-Konferenz teil, die über die Ermordung der Juden beriet.
1943 übernahm die SS die Aufsicht über die Forschungsgemeinschaften. Brackmann behauptete, daß der Führer mehrfach seine Studien auf den Tisch bekommen habe.
Die meisten Historiker aus den Forschungsgemeinschaften mußten vom Holocaust wissen. Schieder half im Dezember 1939 bei der Beschlagnahmung von Archiven im ehemals polnischen Zichenau; dort hatten kurz zuvor ungeordnete Erschießungen von Juden begonnen. Zwei Jahre später bereiste er den nordostpolnischen Bezirk Bialystok und begrüßte hinterher, daß die "Juden nur noch in den Ghetti der Städte anzutreffen" seien.
Aubin erörterte 1943 im Innenministerium, ob Holländer nach Osteuropa umgesiedelt werden sollten - eine Idee, die SS-Chef Heinrich Himmler verfolgte. "Die Holländer", erzählte der Referent des Ministeriums den Historikern ganz offen, seien "brauchbar als Ersatz für das beseitigte Judentum in den Städten".
Schieder wurde vom Wehrdienst freigestellt. 1944 setzte er sich aus Königsberg ins heimatliche Bayern ab. Als der Krieg vorbei war, ließ er sich vom Kurator der Königsberger Universität "innere Unabhängigkeit vom Nationalsozialismus" bestätigen. Drei Jahre später war er Professor in Köln.
Conze war seit 1939 an der Front, habilitierte sich 1940. Gleich nach Kriegsende bekam er einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen. Aubin erhielt im Herbst 1945 eine Professur in Göttingen, 1946 ging er nach Hamburg.
Ihren Forschungsschwerpunkt konnten Schieder und Conze in die neue Zeit retten. Anstatt mit Polen und Juden beschäftigten sich beide nun mit dem Schicksal der Deutschen, die von den Sowjets aus Osteuropa vertrieben worden waren. Schieder sammelte Material "gegen die unberechtigten slawischen Forderungen nach unserer Heimatprovinz". 1951 wurde daraus die "Dokumentation der Vertreibung".
Kanzler Adenauer sollte diese Sammlung von Zeugenaussagen bei eventuellen Friedensverhandlungen nutzen. Der aus dem Exil zurückgekehrte Hans Rothfels, Schieders und Conzes ehemaliger Lehrer, vermittelte das Projekt; ihr zweiter Mentor, der Vertriebenenminister Oberländer, bewilligte die Finanzierung.
* Auf dem Historikertag in Frankfurt vorvergangene Woche. ** Michael Fahlbusch: "Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik?" Nomos Verlag, Baden-Baden; erscheint Ende 1998.

DER SPIEGEL 39/1998
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