28.09.1998

HOLLYWOODSankt Stevens großer Kreuzzug

Steven Spielberg, der Herr der Haie und Dinos, feiert Triumphe mit seinem neuen Film: „Der Soldat James Ryan“, der übernächste Woche in Deutschland anläuft, symbolisiert auch den Kampf des Regisseurs mit den Schatten der eigenen Vergangenheit. Von Erich Follath
Omaha Beach, D-Day 6. Juni 1944, Stürmung der Normandieküste durch die Alliierten: Wir sind mit im Boot. Wir hören das Kreischen der Schiffsmaschinen, der Sturm tost, rauh ist die See, wir fühlen die Angst der zitternden Soldaten. Einer aus der Truppe betet, einer flucht, einer übergibt sich; kein Held weit und breit. Dann fällt die Bugklappe - und die Kamera jagt uns hinein in einen Schußhagel, stakkato, unentrinnbar.
Die Kugeln klirren, wenn sie in eine der Eisenbefestigungen ins Wasser schlagen, sie zischen, wenn sie keinen Widerstand finden, sie verursachen ein schnalzendes Geräusch, wenn sie in Körper eindringen. Die ersten Soldaten sterben. Schreie überall, durcheinander, dröhnend - und dann wird aus dem Inferno ein leises Gurgeln. Die schwankende Kamera, immer in Augen- oder Kniehöhe, taucht ins Wasser ab mit den Männern und ihrem schweren Kampfgepäck.
Für Sekunden ist alles Leben unter der Meeresoberfläche, Hoffnung, wenigstens auf eine Atempause. Statt dessen neue, unheimliche Schrecken, denn das Sterben hat sich nur verlagert: Die Kugeln schlagen unter Wasser wie in Zeitlupe ein, fast lautlos, aber nicht weniger tödlich.
Auftauchen, nach Luft schnappen. Noch mehr Blut. Dann endlich der Strand. Vorwärtsstürmen gegen die höhergelegenen deutschen Stellungen, aus denen der Dauerbeschuß nicht nachläßt. Einer der Alliierten-Soldaten streift ungläubig den Helm ab, an dem eben eine Kugel abgeprallt ist; im nächsten Moment tötet ihn ein Kopfschuß. Ein anderer bückt sich, atemlos, wie betäubt, mitten im Lauf nach etwas Zurückgebliebenem - seinem eigenen, abgerissenen Arm. Ein dritter wird von einer Granate zerfetzt, er fällt ins Koma.
Als sei dabei auch unser Trommelfell zerrissen, verstummt alles um ihn, um uns herum, und nichts könnte schrecklicher sein: ohrenbetäubend die Stille, ohnmächtig dieses Schweigen der ganzen Welt.
Sicher war es anders an diesem D-Day, 1944 in der Normandie. Vergangenheit läßt sich auch nicht mit Hilfe von noch so vielen Augenzeugen "rekonstruieren"; Erinnerung ist subjektiv und muß immer zu einer Neu-Konstruktion von Geschichte führen.
Und doch ist die Filmsequenz beklemmend authentisch. Wegen der angegrauten Farben, die der Genauigkeitsfanatiker Spielberg mit Spezial-Bleichverfahren auf Vierzigerjahre trimmen ließ; wegen der so "primitiv" wie damals reflektierenden, filterlosen Objektive, die er verwendete - vor allem aber, weil der Regisseur mit all seinem Können einfängt, was die Natur des Krieges ausmacht: das grausame Leiden; die allgegenwärtige Angst; das systematische - und dann wieder so zufällige - Auslöschen von Leben.
* Am 10. September in Berlin.
25 Minuten dauert die quasidokumentarische D-Day-Sequenz zu Anfang des Films "Der Soldat James Ryan" (Deutschland-Start: 8. Oktober). "Eine der beeindruckendsten Schlachtszenen, die je gedreht worden ist", schreibt das US-Magazin "New Yorker", "brillant und kühn" der britische "Guardian"; "einzigartig in der Geschichte der Kriegsdarstellungen überhaupt", urteilt "Die Zeit".
Dann folgen über 2 Stunden 20 Minuten Spielfilm, und hätte der Zuschauer nicht Tom Hanks als Captain Miller schon beim Sturm auf die Omaha Beach begleitet, könnte er fast denken, er sei in einem neuen Film gelandet - so ändert sich die Erzähltechnik. Historisches tritt für diesen Hauptteil in den Hintergrund, Hollywood übernimmt; aus dem brillanten Dokumentar Spielberg wird ein cleverer, routinierter Geschichtenerzähler: Es geht um einen Spezialtrupp, der auf Befehl des Generalstabs einen Soldaten namens James Ryan (Matt Damon) hinter den feindlichen Linien finden und nach Hause zurückbringen soll - seine drei Brüder sind, alle binnen weniger Tage, im Krieg gefallen. Wenigstens James soll überleben.
Spielberg zeigt den Mut, die Disziplin der durch die Fronten irrenden Kommandoeinheit, aber auch die Verrohung der Männer. Die Truppe stellt den Sinn des "Rettet diesen Mann"-Kommandos in Frage. Sie wird dezimiert; bitterer Streit bricht selbst unter Freunden aus. Und dann werden aus diesen ziemlich gewöhnlichen, einfach nur anständigen Soldaten, die von Girl friend, Mom und Apple-pie träumen, doch noch so etwas wie Helden. Am Ende packt der Regisseur, der vorher alle Sinne geschärft hat, uns nur mehr mit Emotionen.
Bei der Europa-Premiere in London wischen sich hochdekorierte Weltkrieg-II-Veteranen die Tränen aus den Augen und bleiben noch lange, wie betäubt, in ihren Sesseln sitzen. In den USA ist eine Hotline eingerichtet, bei der sich alle melden können, die der Film verstört hat; im Internet kommunizieren täglich Tausende aufgewühlte Jugendliche mit der Opa-Generation.
"Saving Private Ryan" hat bislang allein in den USA schon an die 200 Millionen US-Dollar eingespielt (Produktionskosten: 65 Millionen), war vier Wochen lang die Nummer eins und schlug damit sogar "Deep Impact", den Hit um die Kometen-Katastrophe.
"Ich verlange viel vom Zuschauer, er muß eine fast körperliche Erfahrung durchmachen, um in etwa zu begreifen, was die Soldaten damals durchlitten haben", sagt Steven Spielberg, 50, beim SPIEGEL-Gespräch (Seite 219). Sieht er sich als ein Hieronymus Bosch mit der Handycam? Ja, dieser Vergleich gefällt ihm: So wollte er den Krieg auf die Leinwand bannen, als großes, grauenhaftes Gemetzel.
Er bemüht sich, Antworten jenseits der gängigen Klischees zu formulieren, die er so gut beherrscht wie jeder Hollywood-Insider. Er ringt nach Worten, mal stockend, mal stotternd, die rauhe Stimme klingt, als müßte sie die Brüche in seinem Denken belegen. "Diesen Film habe ich als ein Ehrenmal für die Veteranen gedacht; so wie ,Schindlers Liste'' es für die Holocaust-Überlebenden sein soll", sagt er. "Von dem kommerziellen Erfolg wurde, ganz ehrlich, keiner mehr überrascht als ich."
Warum tun sich Amerikas Kinogänger diese fast physische Pein in solchen Scharen an? Warum beschäftigt und fasziniert gerade jetzt ein Krieg so sehr, der über ein halbes Jahrhundert zurückliegt - welchen Nerv legt Spielberg frei?
Der erfolgreichste Regisseur aller Zeiten ist mit seinem "Ryan" nur die Vorhut eines ganzen Geschwaders: In Hollywood werden gerade über ein halbes Dutzend Weltkrieg-II-Filme abgedreht oder geplant; darunter Actionreißer mit Bruce Willis oder Arnold Schwarzenegger, aber auch ambitionierte Vorhaben wie Terrence Malicks Adaption des James-Jones-Klassikers "The Thin Red Line" (Hauptrollen: John Travolta, Nick Nolte, Sean Penn).
Es ist wohl mehr als simple Nostalgie: Dem falschen Pathos und fragwürdigen Patriotismus der John-Wayne-Heldenkriegsdarstellung trauert kaum ein Amerikaner hinterher. Aber auch die von Selbstzweifeln gequälte Zeit der Vietnamkriegsfilme wie Oliver Stones "Platoon" ist vorbei: Die Nation sehnt sich nach positiven Leitfiguren, nach Werten - gerade, weil sie in diesen Tagen mit einem Präsidenten konfrontiert ist, der die Menschen in "Gottes eigenem Land" belogen und sein Amt in den Sex-Sumpf gezogen hat; konfrontiert dazu mit einer Welt, in der es immer schwieriger wird, die proamerikanischen Guten von den antiamerikanischen Bösen klar zu trennen.
So wird der Zweite Weltkrieg für viele Amerikaner eine Fluchtburg, ein sicherer Hafen der Erinnerung: Demokratie stand damals messerscharf gegen Diktatur, Recht gegen Unrecht. Die Nation war sich, spätestens nach Pearl Harbor, einig in ihren Zielen. Präsident Dwight D. Eisenhower sprach vom "Großen Kreuzzug" gegen das Übel der Welt; der Kampf gegen die Nazis und Japan heißt im amerikanischen Sprachgebrauch bis heute "The Big One" oder sogar, ehrfürchtig: "The Last Good War".
Der Regisseur ist an der sicheren Seite des Gerechten, wenn er die Tapferkeit der Soldaten zeigt. Er muß die Grundvoraussetzungen für den Waffengang nicht in Frage stellen, wenn er die Grausamkeit des Krieges so schonungslos vorführt.
"Steven Spielberg hatte wahrscheinlich nicht im Sinn, das heroische Image unserer Nation wiederherzustellen, er wollte wohl eher einen genauen und unterhaltenden Film machen", schreibt, zwischen Bewunderung und Zweifeln hin- und hergerissen, die "New York Times". "Doch er hat mit diesem Film mehr erreicht, als er sich erhofft haben kann. Wieder einmal zeigt Mr. Spielberg, daß er für die amerikanische Öffentlichkeit fast so etwas wie ein Messias geworden ist: Er reinigt unser Gewissen nach dem Trauma von Vietnam - diese große Nation hat doch ein gutes Herz."
Er - ein Messias? Spielberg zuckt die Schultern. Ein "Heiliger" soll er sein, wie manche ironisch schreiben, "Sankt Steven", weil er mit dem Holocaust, dem amerikanischen Sklavenhandel und nun dem Weltkriegsdrama historische Stoffe verarbeitet hat? "Früher haben sie mich verteufelt, weil ich zu flach war. Da haben sie sich über meine Kinderfilme lustig gemacht", sagt Spielberg, der doch eigentlich keine Anerkennung mehr braucht - und für den sie doch, spürbar, noch immer so lebenswichtig ist.
Und dann beklagt der Starregisseur "Hollywoods Zynismus", als habe er, der Herr der Kinokassen, gar nichts mit diesem Hollywood zu tun. Vielleicht ist dies der hervorstechendste Wesenszug des Steven Spielberg, darauf hat er sein ganzes Leben ausgerichtet, davon geträumt, dafür gearbeitet: Er wollte es in der Traumfabrik allen zeigen, und er wollte dazugehören - aber gleichzeitig auch Distanz halten und Außenseiter bleiben, um im Bedarfsfall seinen eigenen Weg zu gehen.
Manche Traumata seiner Kindheit ist er nie losgeworden. Noch immer betritt Spielberg allein keinen Fahrstuhl, kaut an Fingernägeln, muß sich bei Entscheidungsstreß übergeben. Er hat eine geradezu panische Abneigung gegen vielbeinige Insekten; selbst gegen Möbel mit Füßen, die er manchmal, quer durch den Raum, bedrohlich auf sich zukommen sieht.
Die meisten seiner Ängste konnte er verarbeiten, weil er schon frühzeitig lernte, eine Linse zwischen sich und die bedrohliche Wirklichkeit zu schieben - die Kamera wurde ihm zum Psychiater, der Film zum Lebensersatz, und der durfte sogar außerirdisch sein: "Ich wünschte mir nach der Scheidung der Eltern einen Freund. Er sollte mir den Bruder, den ich nie hatte, und den Vater, den ich nach der Scheidung bei uns zu Hause selten hatte, herbeizaubern. So entstand E. T."
Um seine Erziehung hat sich Walt Disney gekümmert, die Eltern ersetzte ihm der Fernsehapparat: Bitter beschreibt Spielberg seine Jugend. Er ist ein schüchternes Kind, im Unterricht mäßig, unsportlich. Er filmt wie ein Besessener: Erst Familienfeste, dann aufeinanderprallende Spielzeugeisenbahnen, bald schon Krieg, von dem ihm der Vater erzählt - wenn er einmal da ist.
Aus einem alten Fundus treibt der 14jährige Steven alte Wehrmachtshelme auf, stülpt sie seinen drei Schwestern und einer Handvoll Schulkameraden über, die als "Deutsche" fallen müssen. Die Rolle des Kriegshelden läßt er seinen ärgsten Feind aus der Klasse spielen, der ihn immer als "Judenbengel" verspottet. Hinter der Kamera verliert er seine Schüchternheit, da wird er zum Tyrannen. "Flucht ins Nirgendwo" nennt er den Film, und danach gehört er bei den Gleichaltrigen wenigstens vorübergehend dazu. Den verblüfften Mitschülern eröffnet Steven, er werde mal Hollywood erobern und Oscars in den Händen halten, ein halbes Dutzend mindestens.
Das Jüdischsein ist dem Jungen peinlich; er bindet die ihm riesig erscheinende Nase mit Leukoplast ab, um sie kleiner zu kriegen. Steven Spielberg braucht ein halbes Leben lang, bis er sich dann dieser Scham schämt. Er läuft damals vor dem Großvater davon, dem mit den Kräusellocken, der Kipa und dem wehenden schwarzen Mantel. Er interessiert sich nicht für seine Wurzeln, der Holocaust ist im Elternhaus als Thema tabu. Erst viel später erfährt Spielberg, daß die Männer, die bei seiner Mutter Englischstunden nahmen, die ihm ihre am Unterarm eintätowierten Nummern zeigten und die mit ihm in lustigen Spielen die "6" zur "9" verwandelten, aus Auschwitz kommen.
Irgendwann als Jugendlicher weiß er dann auch,
* Mit Museumsdirektor Günter Morsch und Michel Friedman.
daß über ein Dutzend seiner Verwandten - die jüdische Großfamilie stammt aus der Ukraine - im KZ umgekommen sind. Als Kind aber wünscht er sich nur sehnlich, daß es auch mal in seinem Zuhause einen Weihnachtsbaum gebe: Die Sucht nach Normalität, nach einem Leben im Vorstadt-Reihenhaus, wie es seine Mitschüler haben, führt ihn bis an den Rand der Selbstverleugnung, und manchmal darüber hinaus. Als 16jähriger läßt er sich widerstandslos von antisemitischen Pöblern zusammenschlagen.
Hitler-Deutschland und der Holocaust dienen ihm lange Berufsjahre nur als Klischee. In seinen "Indiana Jones"-Filmen sind Nazis nichts als Karikaturen, halb Kitsch, halb Kitzel. Der Regisseur genießt es, losgelöst von historischen Erfahrungen zu leben und zu arbeiten. Er zeigt sich als Meister der Kinderphantasien und Wirklichkeitsfluchten. Er baut sich in seinen Studios eine eigene Welt: ein genialischer Kapitän Nemo, in seiner Nautilus weggetaucht von Realitäten. "Ich konnte wahnsinnig gut verdrängen", sagt Spielberg heute über diese Zeit.
Auch der Vietnamkriegsprotest seiner Generation läßt ihn kalt: Er braucht kein politisches Bewußtsein, führt eine eigene, künstliche Alptraumfabrik. Spielberg setzt auf die universelle Kraft seiner optischen Sprache. Virtuos verarbeitet er seine Träume wie seine Ängste, feiert vom "Weißen Hai" über die "Unheimliche Begegnung der dritten Art" bis "E. T." Welterfolge: Filme sind für den Außenseiter zu seiner endgültigen, triumphalen Form der Assimilierung geworden.
Hollywood schätzt ihn als Massenphänomen mit dem Midas-Touch, aber preßt ihn auch in die Schablonen des Märchenonkels. Jahrelang sieht es so aus, als könne er aus seinem universellen Haribo-Land mit all dem süßlichen Schmalz nicht ausbrechen. Selbst wenn er sich an ambitionierteren Projekten wie "Die Farbe Lila" oder "Das Reich der Sonne" versucht, bleibt er - bis auf wenige, ergreifende Momente, in denen die Realität ins verfilmte Kinderzimmer einzieht - der Verharmloser, der Allesbeschöniger, Nur-Entertainer.
Aber er lernt aus jedem Mißerfolg. Er ballt die Fäuste, wenn sie ihm wieder einmal vorwerfen, jeder Stoff werde von ihm doch nur trivialisiert, "spielbergisiert". Bewundernswert für einen Mann, dem die Welt zu Füßen liegt: Er arbeitet an sich, künstlerisch, als Mensch - manisch, manchmal auch egomanisch.
Es kommen die Momente, die sein Leben, seine Weltsicht entscheidend verändern: die Geburt seines Sohnes Max 1985; die schmerzliche Scheidung von seiner Frau, der Schauspielerin Amy Irving 1989; die Heirat mit der früheren Sonderschullehrerin und Schauspielerin Kate Capshaw, mit der er drei Töchter bekommt und neben den eigenen noch Adoptivkinder aufzieht. Sieben sind es heute an der Zahl, so hat er es sich als Familienmensch immer gewünscht.
Endlich tut Spielberg etwas jenseits seines Spieltriebs: Er spürt seinen Wurzeln nach. Er liest den Talmud, er beginnt, seine Kinder religiös zu erziehen; seine Frau tritt zum jüdischen Glauben über. "Ich erreichte einen Punkt in meinem Leben, wo ich nicht nur unterhalten, sondern mit meinen Filmen etwas zurückgeben wollte", sagt der Regisseur im Rückblick auf sein "entscheidendes Jahr" 1993.
Noch einmal zeigt er sich als begnadeter Unterhaltungskünstler, läßt die Dinos im "Jurassic Park" wüten, professionell und Popcorn-perfekt. Doch längst haben andere, reale Monster von ihm Besitz ergriffen. Spielberg wagt sich an den Holocaust. "Als ich ,Schindlers Liste'' las, wußte ich, daß ich diesmal nicht wegblicken konnte. Ich fing an, richtig hinzusehen - und konnte nicht mehr aufhören."
Die Geschichte von dem NS-Industriellen, Kriegsgewinnler und Weiberhelden, der unter den ungewöhnlichsten Umständen seine gewöhnliche Menschlichkeit entdeckt und über tausend Juden vor dem KZ rettet, erschüttert die Kinogänger weltweit. Sie bringt Spielberg die ersehnten Oscars, und ganz überwiegend preist auch die Kritik den Film als Meisterwerk.
Aber da sind auch noch die anderen, für die es schon ein Sakrileg war, daß sich ein "Unterhaltungsregisseur" an dieses Thema wagte, dazu noch mit einer positiven deutschen Leitfigur. "MacAuschwitz" raunen sie, noch bevor die Dreharbeiten an Originalschauplätzen in Krakau begonnen haben, und höhnen: "There''s no business like Shoah-business." Nicht alle haben nach der Premiere die Größe, zuzugeben, daß Spielberg sich mit beeindruckender Ernsthaftigkeit dem Thema nähert. Zum ersten - und bisher einzigen - Mal in seinem Berufsleben verzichtet er darauf, seine gesamte filmische Trickkiste auszupacken, nimmt sich zurück für eine Geschichte und die Entwicklung der Figuren.
Drei Jahre lang kann er nach diesem Parforceritt nicht drehen. Dann filmt er die Dinosaurier-Fortsetzungsstory, einen berechnenden, seelenlosen Kassenschlager. "Vergessene Welt" erfüllt die Erwartungen. Das Einspielergebnis und die Tantiemen aus seinem mit den Hollywood-Geschäftsgrößen Jeffrey Katzenberg und David Geffen gegründeten "Dreamworks"-Studio machen Spielberg 1997 mit einem Jahreseinkommen von 283 Millionen US-Dollar zum bestbezahlten Künstler der Welt. Er lebt, abwechselnd in Beverly Hills und Long Island, in prächtigen Villen. Er gilt als knallharter Geschäftsmann, auch politisch einflußreich - und als guter Freund von Bill Clinton. 1998 ist der Filmemacher, nach dem bei Kritik wie Publikum durchgefallenen Sklavendrama "Amistad", zu dem zurückgekehrt, was sein Lebensthema werden könnte - dem Krieg und was er aus Menschen macht.
Steven Spielberg Anfang September auf Europa-Tournee, das ist ein Wirbelwindtrip mit Privatflugzeug und 60 seiner engsten Mitarbeiter, von Venedig über Deauville nach London und dann zu dem "schwierigsten, aber auch aufregendsten Teil": nach Berlin. Er erhält aus der Hand des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz. 17 Verwandte sind im Holocaust umgekommen; noch immer kauft sein Vater keine deutschen Produkte - und nun ist er ein Ehrendeutscher. Das hätte sich Steven Spielberg nicht träumen lassen. Er will, wie seine Gastgeber, um Gottes willen, nichts falsch machen.
Er beißt sich auf die Nägel. Er wünscht, das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen zu besuchen, aber als die Veranstalter anbieten, die Gedenkstätte für ihn zu sperren, lehnt er sofort ab. Er möchte lieber länger mit einer Schulklasse über den Holocaust diskutieren als Politiker sehen. Spielberg bekommt jeden seiner Wünsche erfüllt - und es wird dann ein umjubelter "Staatsbesuch" ohne jeden Mißton.
Wie der Regisseur erhofft hat, stellt der Schulbesuch einen Höhepunkt dar, für die Schüler, aber auch für ihn. Engagiert fragen die Mädchen und Jungen des Sophie-Charlotte-Gymnasiums, eindringlich antwortet Spielberg. Und nimmt sich sympathisch zurück, will nicht mit seiner Familiengeschichte Punkte sammeln: Die Nazi-Opfer aus dem Spielberg-Clan habe er nie persönlich kennengelernt, sagt er, deshalb empfinde er über ihren Tod nicht mehr Schmerz als über den all der anderen. Er stellt den Schülern ein Projekt vor, das ihm, neben Familie und Film, zum Lebensinhalt geworden ist: die Shoah Foundation. Mit einer Spende von sechs Millionen Dollar, dem Reingewinn von "Schindlers Liste", hat Spielberg die Stiftung gegründet. Sie hat sich eine wahrhaft monumentale Aufgabe gestellt: Per Video sollen die Lebensgeschichten aller KZ-Überlebenden aufgezeichnet werden. Sie werden in einer neuartigen Datenbank gespeichert, aufgeschlüsselt, verknüpft - eine Art kollektives Gedächtnis des Holocaust entsteht, festgehalten für die Ewigkeit.
Spielbergs über 5000 freiwillige Helfer haben schon mit 47 000 Überlebenden in 55 Ländern gesprochen. Für die meisten der Shoah-Überlebenden sei es zuerst eine Qual, dann aber wie eine Befreiung gewesen, erzählt Spielberg den Schülern. Den Opfern ein Gesicht geben will das Projekt, ihnen "die Chance eines zweiten Überlebens" eröffnen.
Dann führt er den Gymnasiasten, eine Weltpremiere, seine erste CD-Rom für den Unterricht vor: per Mausklick in das Schicksal von vier Überlebenden des Holocaust. Einer von ihnen, Bert, erzählt in einfachen, in seinen Worten: von Kindheit, Kristallnacht, Krieg, KZ. Spielberg ist mit großem Ernst bei der Sache, die Schüler sind fasziniert. Aber als ein Mädchen fragt, ob sie das im Bild Erzählte auch nachlesen könnte, ist er ein wenig irritiert. Natürlich könnte sie sich alles ausdrucken lassen, sagt er, und weist dann nochmals auf die Vorteile der interaktiven CD hin.
Er ist der Herr der Bilder, nicht der Worte - sein gigantisches Cyberspace-Holocaust-Archiv kommt ohne ein Blatt Papier
* In Los Angeles mit den Schauspielern Rita Wilson, Tom Hanks und Edward Burns.
aus. Spielberg glaubt daran, daß die Vernetzten nicht so leicht zu Verhetzten werden. Kino habe eine viel größere Macht als Literatur, hat er einmal gesagt: "Zum einen, weil mehr Leute dazu Zugang haben, zum anderen, weil ein Bild soviel sagt wie tausend Worte."
Als ihn eine Freundin nach drei gemeinsamen Jahren verließ, sei er in Tränen ausgebrochen, erzählt er im Bekanntenkreis; er griff sogleich zur Kamera und lief vor einen Spiegel, um sich weinend selbst zu fotografieren. So als könnte er sich erst durch das Tränen-Foto seiner Gefühle vergewissern. Im Bild festhalten, dokumentieren, das heißt für Spielberg: erinnern. Und damit: existieren.
Erst was aufgezeichnet ist, kann auch gelöscht werden, meint dagegen der französische Kulturkritiker Jean-François Lyotard, Aufzeichnung schütze nicht vor dem Vergessen, sie fördere es paradoxerweise sogar. Auch der Autor und KZ-Überlebende Primo Levi schreibt, die Erinnerung an den Holocaust könne nicht in einer Videokollektion aufgearbeitet werden, dort würde sie doch nur abgelegt, bequem verwahrt. Erinnerungen müßten peinigen, es sei eine notwendige Sisyphusarbeit, die Vergangenheit immer wieder selbst zu (re)konstruieren.
Solche Überlegungen sind für Spielberg, den Jünger des Authentischen, weit hergeholt. Er vertraut der "Objektivität" seiner Kamera, wenn seine Shoah-Interviewer die abgesprochenen Fragen stellen. Er glaubt auch in seinen Spielfilmen an die emotionale Macht des Bildes und verzichtet meist darauf, auch bei der Geschichte vom Soldaten Ryan, einen geschichtlichen Kontext herzustellen. Das hat ihm, neben vielen euphorischen Kritiken, auch einige Verrisse eingebracht. "Kunst hat den Ehrgeiz, Leute zum Nachdenken über etwas zu bringen, worüber sie bis dahin nicht nachgedacht haben. Das Problem mit Spielberg ist, daß er nicht will, daß die Leute überhaupt denken - er erlaubt nur, daß sie fühlen", schreibt der New Yorker Autor Louis Menand.
Kann Steven Spielberg solche Kritik etwas anhaben, ihm, der im Pantheon der Großen längst seinen Platz hat - in der Liste des "Time Magazine" einziger Regisseur unter den "100 wichtigsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts"?
Ja, es kann. Er möchte sie doch alle mit seiner Kunst überzeugen, überwältigen. Er hat sich doch so perfekt an die Spielregeln von Hollywood angepaßt, damit er auch mal ausbrechen kann: Geniale Filme machen, an die keiner glaubt und die niemandem finanziert würden - außer ihm. "Schindlers Liste" war so ein unkommerzielles Projekt, jetzt auch "Ryan", sagt Spielberg.
Das stimmt nicht ganz. Denn anders als "Schindler" in seiner Einmaligkeit, ist sein neuer Film zur Vermarktung freigegeben: ein Produkt in Hollywood-Verpackung. Das "Dreamworks"-Studio schickte zu Werbezwecken an die Wichtigen der Branche ein kleines Geschenk. Es war eine dem Zweiten Weltkrieg nachempfundene Munitionskiste, darin ein Messer, ein ledergebundener Atlas, eine Feldflasche. Der Regisseur selbst ließ dann zu Promotionszwecken noch speziell angefertigte silberne Militär-Erkennungsmarken versenden, so ähnliche, wie sie im Film - und in der Wirklichkeit - den toten Soldaten abgenommen wurden.
Ziemlich geschmacklos für einen "Heiligen von Hollywood"? Aber "Sankt Steven" will er ja gar nicht sein. Er möchte nur ernst genommen werden, als eine komplexe Persönlichkeit, als einer, der sich seiner Talente als würdig erweist. Die Hollywood-Legende Billy Wilder hat, tief beeindruckt von "Schindlers Liste", in einer Mischung von Englisch und Deutsch gesagt: "A masterpiece - by a Mensch."
Für Steven Spielberg ist das bis heute das schönste Kompliment, das er erhalten hat.
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Umsätze wichtigster Spielberg-Filme in Millionen Dollar
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Umsätze wichtigster Spielberg-Filme in Millionen Dollar
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* Am 10. September in Berlin. * Mit Museumsdirektor Günter Morsch und Michel Friedman. * In Los Angeles mit den Schauspielern Rita Wilson, Tom Hanks und Edward Burns.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 40/1998
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