05.10.1998

KARRIERENWo ist Professor Eiermann?

Dieter Kunzelmann, Spiritus rector der Kommune 1, ist seit einem Jahr verschollen. Polizei und Freunde suchen den „Aktionspolitologen“, doch niemand weiß, ob er noch lebt. Jetzt erscheint seine Autobiographie.
Die in lange Mäntel und Kopftücher gehüllten Türkinnen würdigen die Säufer, die routiniert ihre Biere kippen, keines Blickes. Auf dem breiten Trottoir üben sich junge Araber im Kickboxen. Die Haustür der Wiener Straße Nr. 9, zwischen dem Flugcenter Türkei und dem Anadolu-Grill, ist von einem babylonischen Graffiti-Gewirr überzogen.
Die Palmen hinter den verstaubten Fenstern im zweiten Stock des Seitenflügels sind zu braunen Gerippen verkommen. Die Cannabispflanzen, die dort jahrelang gut sichtbar gediehen, sind verschwunden. Dieter Kunzelmann lebt hier nicht mehr.
An der Wohnungstür steht: "Privatgrundstück, Betreten verboten, Vorsicht Selbstschüsse". Und: "Lieber ausrasten als einrosten". Quer darüber gesprüht: "Nur die Verrückten über..."
...leben? Das ist die Frage: Lebt er noch, der Gründungsvater der Kommune 1, der rastlose Revoluzzer? Oder hat er sich klammheimlich umgebracht?
Im Herbst vergangenen Jahres hat Dieter Kunzelmann seine konspirative Wohnung mitten in Berlin-Kreuzberg verlassen, in der er sieben Jahre lang unter strengster Geheimhaltung hauste. Anfang April erschien in der "Berliner Zeitung" eine schwarzumrandete Anzeige: "Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt, Dieter Kunzelmann, 1939 - 1998".
Kunzelmanns Freundinnen und Genossen aus den sechziger Jahren waren irritiert, doch sie sagten sich, er wird bestimmt bald wieder auferstehen. Er war - und ist? - eben ein Sonderling, ein unverbesserlicher Provokateur, von der ihm wenig geneigten Presse wahlweise als Bürgerschreck, Terrorist oder Polit-Clown tituliert. Er selbst nannte sich "Aktionspolitologe".
War er nicht 1967 beim Staatsakt für den verstorbenen Reichstagspräsidenten Paul Löbe, nur mit einem weißen Nachthemd bekleidet, aus einem von seinen Kommunarden getragenen Sarg gesprungen wie der Teufel aus der Kiste? War er nicht immer wieder im Untergrund verschwunden, um dann unvermutet Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen ein frisches Ei auf dem Kopf zu zerschlagen?
Die Todesanzeige ist sicher wieder eine typische Kunzelmann-Aktion, dachten die meisten. Der gute Dieter sitzt bestimmt irgendwo, amüsiert sich über die Nachrufe und genießt, publicitysüchtig wie er nun mal ist, das öffentliche Rätselraten um sein Verschwinden.
Doch er tauchte nicht auf, als seine Freunde und einstigen Genossen im April des dreißigsten Jahrestags des Attentats auf Rudi Dutschke gedachten; er zelebrierte auch an Ostern keine Wiederauferstehung. Kunzelmann ließ bis heute nichts von sich hören.
In diesen Tagen gibt es wenigstens ein indirektes Lebenszeichen des Verschollenen. Unter dem Titel "Leisten Sie keinen Widerstand!" erscheint Kunzelmanns Autobiographie, angereichert mit zahlreichen Fotos, Dokumenten und Texten über ihn*. "Der Verstorbene hatte, wie ich gestehen muß", wählte Kunzelmann als Motto für sein Werk, "das Unglück, während seines Lebens alles anders anzufangen als andere Leute, weshalb ihm auch wenig gelang." Der Satz stammt aus den "Briefen eines Verstorbenen" des Hermann Fürst von Pückler-Muskau, eines begnadeten preußischen Exzentrikers des frühen 19. Jahrhunderts.
Kunzelmann erzählt prosaisch, doch nicht ohne Anflüge von Selbstironie, von der ungewöhnlichen Karriere des Sohns eines Sparkassendirektors aus Bamberg. Er bringt es zwar zum Bayerischen Jugendmeister im Tischtennis, doch scheitert er kläglich am humanistischen Gymnasium.
Aus einer Banklehre flieht er nach Paris, wo er als Clochard unter den Brücken der Seine kampiert und das Leben der Boheme studiert. In München schließt er sich 1960 den Malern der Gruppe "Spur" an. Spielerisch mischt der elitäre Zirkel Marxismus, Existenzialismus und Psychoanalyse.
Kunzelmann beginnt zu schreiben und produziert dabei Sätze wie: "Wer einen Mythos braucht, erhält spesenfrei und zur Nachnahme seine Mutter Gottes ins Haus geliefert, damit er sich im göttlichen Beischlaf befriedige." Das erzbischöfliche Ordinariat erstattet Strafanzeige wegen "Pornografie und Gotteslästerung", und der Prozeß zirkuliert fast zehn Jahre durch alle denkbaren Instanzen.
Der Provokateur hat die politische Strategie gefunden, die auch seinem Narzißmus entgegenkommt: mit aggressiven Texten und spektakulären Spaß-Aktionen öffentliches Aufsehen erregen. Später verkommt dieses Konzept zum Selbstzweck nach dem Motto: Ich stehe in der Zeitung, also bin ich.
Schon 1963, Kunzelmann hatte gerade die "Subversive Aktion" gegründet, traf er erstmals mit Bernd Rabehl und Rudi Dutschke zusammen, deren kritischer, aber doch traditioneller Marxismus ihm gegen den Strich ging. Die beiden Theoretiker sprangen wiederum ab, als am 1. Januar 1967 nach langen Diskussionen die Kommune 1 gegründet wurde.
Aus den Tagen der Kommune hat Kunzelmann ein paar schöne Anekdoten parat, etwa den Rausschmiß der Kommunarden durch Günter Grass aus der Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson. Der in den USA weilende Johnson hatte aus der "New York
* Dieter Kunzelmann: "Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben". Transit Buchverlag, Berlin; 208 Seiten; 38 Mark.
Times" erfahren, daß die in seiner Wohnung hausenden Kulturrevolutionäre festgenommen worden waren, weil sie eine Bombe auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey werfen wollten - wobei sich der Sprengsatz als harmlose Puddingbombe entpuppte. Johnson bat Grass, seine Wohnung von den Kommunarden zu säubern, was dieser mit Hilfe der Polizei auch brav tat.
Oder die Episode, wie Uschi Obermaier und Ina Siepmann den Pop-Heroen Jimi Hendrix nach einem Konzert auf das Matratzenlager der Kommune zerren wollten. Der entschied sich für Uschi, traute sich aber nicht, obwohl Ina und Kunzelmann es schon mal vormachten. Die Schwabinger Uschi und Jimi verschwanden dann lieber ins Hotel.
Kunzelmanns Bericht zeigt, daß die Revolte von ''68 keineswegs aus dem Nichts über das westdeutsche Wirtschaftswunderland kam, sondern sich über Jahre in kleinen Dissidentenzirkeln entwickelte. Zudem hat der Autor eine klare Einschätzung der beständig mystifizierten Revolte von 1968: Für ihn waren die Osterunruhen 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke schon der Anfang vom Ende der antiautoritären Bewegung.
Danach kamen Anpassung, Parteigründungen, Drogeneskapaden oder der bewaffnete Kampf. Letzterem entging der technisch völlig unbegabte Kunzelmann, dem schon in einem jordanischen Palästinenserlager aus Gründen der Sicherheit die Kalaschnikow entzogen wurde, auf skurrile Weise. Beim Hantieren mit einem Revolver ging dieser los: "Die Kugel durchschlug meine Hose und streifte meinen Sack." Kunzelmann, so schreibt er wenigstens, faßte fürderhin keine Waffe mehr an.
Die Ärztin Dorothea Ridder, die mit ihm zur Urbesatzung der Kommune 1 zählte, erinnert Kunzelmann zwar als treibende Kraft der K 1, dessen Ideen von freier Sexualität beispielsweise dem aus der DDR geflüchteten Rudi Dutschke als Schreckensbild des dekadenten Westens erschienen, "aber gleichzeitig war er ein Oberbürokrat".
In den Diskussionen habe er "streng und philisterhaft zur Ordnung" gerufen. Der Oberkommunarde wollte das programmatische Chaos bis ins Detail planen - ein Anarchist mit Buchhalterseele.
An einen Selbstmord Kunzelmanns glaubt die Ärztin nicht: "Dieter macht sich nicht klammheimlich aus dem Staube", sagt sie. "Er will bestimmt für eine Zeitlang seine Ruhe haben."
Dieser Ferndiagnose widerspricht eine Frau, die seit Jahren ständig Kontakt zu dem Verschollenen hatte. Carola Wagemann lernte Kunzelmann kennen, als er sich in den siebziger Jahren der maoistischen Kleinpartei KPD anschloß. Die Lehrerin ist die Hauptmieterin der Wohnung, in der er bis heute polizeilich gemeldet ist. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag erschien seine ominöse Todesanzeige. "Ich habe nur geheult", sagt sie. "Ich war mir sicher, daß er tot ist."
Wagemann ist überzeugt, daß die privaten wie politischen Verhältnisse Kunzelmann zunehmend in Depressionen stürzten. Seine Geliebte Ina Siepmann war bei einem israelischen Angriff auf ein Palästinenserlager bei Beirut umgekommen. Mehr als ein Dutzend, die zur RAF gingen, hatte ein frühzeitiger, unnatürlicher Tod ereilt. Auch enge Künstlerfreunde wie der dänische Situationist Asgar Jorn und der Maler H. P. Zimmer starben. Kunzelmann ging immer häufiger auf Friedhöfe.
Die überlebenden Genossen wandten sich von der Politik ab. Mit beißend-bitterem Spott kommentiert Kunzelmann die Karrieren derer, die sich in seinen Augen angepaßt haben wie etwa sein einstiger Mitkommunarde Rainer Langhans. "Dieter war eben ein echter Revoluzzer", sagt ein alter Knastkumpel, "nur die Revolution fand leider nicht statt."
Zwei Jahre, von 1983 bis 1985, bereicherte Kunzelmann als bienenfleißiger und wortgewaltiger Abgeordneter der Alternativen Liste das West-Berliner Parlament. Hier fand er auch den Feind, den er später mit frischen Eiern verfolgte, den CDU-Politiker Eberhard Diepgen, von Kunzelmann als "das Diepchen" verspottet.
Doch innerparteiliche Widersacher verhinderten, daß der Anarchist 1985 erneut ins Parlament einzog. Der schärfste Gegner des DDR-Kritikers Kunzelmann war der AL-Ideologe Dirk Schneider, der sich nach der Wende als Stasi-Spitzel entpuppte.
Kunzelmann fehlte nach dem Abschied aus dem Parlament das Kollektiv als Korrektiv. Hatten sie in der K 1 die Happenings gemeinsam ausgeheckt, wurde er zum einsamen Solisten. Am Ende glich er einem Don Quichotte, war Denkmal und Karikatur seiner selbst zugleich. Wohl fühlte er sich noch in Kreuzberg, diesem Soziotop von Ausländern, Außenseitern, Alkoholikern, Irren und Exzentrikern, in
* 1969 bei einer Festnahme in Bamberg.
das er sich vor acht Jahren zurückgezogen hatte.
Stets elegant gekleidet, vorzugsweise in englischen Tweed, nahm er die Parade in seinem Kiez ab, den er bis auf den letzten Stein kannte und vergötterte. Jenseits der Kreuzberger Bezirksgrenze begann Feindesland. Leidenschaftlich agitierte er gegen die Einführung der neuen Postleitzahlen, welche die Abschaffung der mythologischen Ortsbezeichnung "Berlin 36" oder "SO 36" mit sich brachte. Der Kasper der Weltrevolution mutierte zur Diva.
Respekt zollten ihm noch die Autonomen. In ihren Augen war er einer der ganz wenigen nicht korrumpierten 68er, der dem anarchistischen Aktionismus treu geblieben war.
Einer regulären Arbeit ging Kunzelmann nur sporadisch nach, meist lebte er von Sozialhilfe und der Großzügigkeit seiner Freunde. Bei seinem Anwalt Christian Ströbele bereitete er die Aktenbestände des Sozialistischen Anwaltskollektivs für das Hamburger Institut für Sozialforschung auf. Er war ein leidenschaftlicher Archivar, am liebsten allerdings ordnete er Artikel über sich selbst.
In guten Momenten stand er noch immer Groucho Marx um nichts nach. Sei es im Wahllokal, im Krankenhaus oder auf der Straße, er konnte innerhalb von Sekunden so viel fröhliches Chaos stiften, als sei ein kompletter antiautoritärer Kinderladen eingefallen.
Gegenüber attraktiven Frauen zeigte er sich höchst charmant und witzig, doch in größeren Gruppen wurde er zum egomanischen Rechthaber. Für seine Feinde war er ein Alptraum. Eine Geliebte, die ihn verlassen hatte, tyrannisierte er über Monate und wünschte ihr auf Postkarten einen "langsamen und qualvollen Tod".
Als sie entnervt aus ihrer Wohnung im Nachbarhaus auszog, verfolgte er ihre beiden zurückgebliebenen Mitbewohner wie ein paranoider Blockwart. Beinahe täglich zündete er Chinakracher, von denen er sich zu Silvester regelmäßig gewaltige Vorräte anlegte, in deren Briefkasten. Gern ließ er nachts im Hinterhof Kanonenschläge detonieren. Oder er leuchtete mit einem Suchscheinwerfer ihre Wohnung taghell aus.
Erst als die Malträtierten ihn im Frühjahr 1997 bei der Polizei anzeigten, kehrte Ruhe im Hinterhof der Wiener Straße ein.
Im Herbst vergangenen Jahres war Kunzelmann in schlechter Verfassung. "Dieter lag seelisch wund", sagt eine langjährige Freundin. Das Landgericht hatte ihn gerade wegen des letzten Eierwurfs auf Diepgen zum Antritt einer siebentägigen Ordnungshaft aufgefordert, weitere sechs Monate Gefängnis waren zu erwarten. Seinem Anwalt Hajo Ehrig verkündete er, daß er in den Knast gehen und dort sein Buch schreiben werde, doch dann besann er sich eines anderen. "Dafür geh'' ich doch nicht in die Kiste", erzählte er einem Bekannten. Anfang November setzte er sich nach Südschweden zu alten Freunden ab.
Der Künstler Jörgen Nash gab ihm Geld für eine neue Identität und falsche Papiere. Kunzelmann war jetzt - selbst für seine Tochter - Professor B. Tombarolo. Nash brachte ihn auch bei seiner ersten Frau in Kopenhagen unter. Dort schrieb Kunzel-
* Dort ist Kunzelmann bis heute polizeilich gemeldet.
mann eifrig an seinem Buch. "Nur wenn er Marihuana geraucht hatte", erinnert sich Mulle Nash an den "sehr verschwiegenen" Gast, "war er ein bißchen verrückt." Er klagte über den kalten Norden und erwog, nach Italien zu gehen. Dann verschwand er aus Kopenhagen.
Am 18. Dezember meldete sich Kunzelmann - "Hier ist Professor Eiermann" - überraschend bei seinem Lektor Rainer Nitsche in Berlin. Obgleich es dunkel war, trug er bei dem Treff eine Sonnenbrille und wechselte alle drei Minuten die Mütze. In einem Kreuzberger Restaurant übereignete er Nitsche ein Konvolut handgeschriebener Manuskriptblätter und erging sich in geheimnisvollen Andeutungen über eine Reise nach Island.
Er instruierte den Lektor, was an seinem Buch noch zu machen sei, und erklärte, für öffentliche Auftritte bei Erscheinen des Werks stehe er nicht zur Verfügung. "Dann", sagt Nitsche, "ist er einfach aufgestanden und gegangen."
Der isländischen Reichspolizei ist Dieter Kunzelmann bis heute nicht untergekommen - weder tot noch lebendig.
Michael Sontheimer
* Dieter Kunzelmann: "Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben". Transit Buchverlag, Berlin; 208 Seiten; 38 Mark. * 1969 bei einer Festnahme in Bamberg. * Dort ist Kunzelmann bis heute polizeilich gemeldet.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 41/1998
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