12.10.1998

SPIEGEL-GESPRÄCH„Das war einfach geil“

Die Schauspielerin Corinna Harfouch über Sex in der DDR, die Wende und ihren neuen Film „Solo für Klarinette“
SPIEGEL: Frau Harfouch, Sie spielen eine Frau, die - vielleicht - einem Mann die Genitalien abgebissen und ihn anschließend erschlagen hat. Was ist der Reiz einer solchen Figur?
Harfouch: Am Anfang habe ich die Romanvorlage gelesen, und darin war diese Frau phantastisch genau dargestellt. Sie hat etwas Gräßliches erlebt, aber dieses Ereignis danach verdrängt. Nur manchmal tauchen Bilder in ihrem Hirn auf, die sie überhaupt nicht einordnen kann.
SPIEGEL: Warum findet sich davon nichts im Film?
Harfouch: Der Roman wurde für die Verfilmung umgeschrieben zum Thriller. Und das ist ein Genre, das seine Gesetzmäßigkeiten und Grenzen hat. Da kannst du bestimmte Dinge einfach nicht mehr machen, und es darf auch erst am Ende herauskommen, ob du nun die Täterin bist oder nicht. Als Schauspielerin heißt das: Das Genre verpaßt dir ein Korsett.
SPIEGEL: Der Film erklärt letztlich Ihre Figur, trivialisiert sie aber auch. Wir hätten uns gewünscht, daß ein paar Fragen offen- geblieben wären.
Harfouch: Da stimme ich Ihnen zu. Damit hatte ich auch ab und zu bei den Dreharbeiten zu tun: Es gab einen permanenten Kampf zwischen der geballten männlichen Potenz und meiner weiblichen Kompetenz. Der hat zu Verlusten, aber auch zu Gewinnen für den Film geführt. Insgesamt glaube ich, daß "Solo für Klarinette" viel gewagter ist als die meisten anderen deutschen Filme. Er hat eine ganze Menge zu sagen über die seelischen Gefängnisse, aus denen wir uns nicht befreien können.
SPIEGEL: Gegen diese männliche Potenz haben Sie sich aber gut behauptet. Es gibt einige Szenen in "Solo für Klarinette", aber auch in anderen Ihrer Filme, in denen Sie als sehr aktive sexuelle Partnerin auftreten. Liegen Ihnen solche Rollen näher als westlichen Kolleginnen, weil Sie in der DDR
Das Gespräch führten die Redakteure Nikolaus von Festenberg und Susanne Weingarten.
* Mit Herbert Knaup.
mit einer anderen, aktiveren Geschlechterrolle aufgewachsen sind?
Harfouch: Das weiß ich nicht. Mir jedenfalls ist dieses Aktiv-Sein selbstverständlich, und ich habe auch das Bedürfnis, es zu spielen. Wir DDR-Frauen waren wirklich freier in unserer Entscheidung. Die meisten Frauen arbeiteten und waren ökonomisch von Männern unabhängig. Sicher, wir mußten den Haushalt machen und waren für die Kinder verantwortlich; diese Strukturen funktionierten ja. Aber in puncto Sex nicht. Und das haben wir auch fleißig bedient.
SPIEGEL: Sie haben immer betont, Ihnen sei es in der DDR "phantastisch" gegangen. Hatten Sie keine Zweifel am System?
Harfouch: Als Kind und Jugendliche nie. Ich war sowohl Junger Pionier wie FDJler, und zu Hause wurde ich nicht zum Zweifel erzogen. Aber als Erwachsene habe ich dann permanent erlebt, daß meine Energien vom System gebrochen wurden. Das ging schon bei lächerlichen Kleinigkeiten los. Nach dem Abitur habe ich Krankenschwester gelernt, weil ich nicht an der Schauspielschule angenommen wurde. Und da war ich nun im Krankenhaus und dachte: Hier muß ein bißchen Leben rein. Eine Sportgruppe nach Dienstschluß vielleicht. Aber als wir uns zusammentun wollten, kam gleich einer und sagte: Moment mal. Da haben wir ja den DTSB. Da müßt ihr euch organisieren. Und ich sagte: Wieso denn? Wir wollen doch nur Spaß, ohne Mitgliedsausweis oder Vereinsmeierei. Aber das ging nicht. Dadurch fing ich an, nachzudenken und diese Strukturen absurd zu finden.
SPIEGEL: Empfanden Sie sich als Oppositionelle?
Harfouch: Nein. Aber viele Menschen wurden oft ganz zwangsläufig in eine Ecke getrieben, in der sie als Oppositionelle galten, ob sie wollten oder nicht. Es gab auch innerhalb der Opposition Denkverbote. Der Antikommunismus etwa. Und die Wiedervereinigung war undenkbar. Was im Westen abging, das wollten wir ja erst recht nicht, denn wir hatten den Eindruck, wir vereinigen uns mit einem Land, das mit dem Nazi-Regime nicht abgerechnet hat. Die meisten DDR-Oppositionellen wollten das System reformieren, nicht abschaffen.
SPIEGEL: Und das Theater trug dazu bei?
Harfouch: Das war unser Ziel. In der DDR gab es eine Einheit zwischen dem, was man gearbeitet, und dem, was man gelebt hat. Unsere Arbeitsauffassung war: Das machen wir für die Leute im Saal, und darum müssen wir uns etwas ausdenken, was nicht vom Staat angreifbar ist, was eben noch so durchgeht. Das hat Spaß gemacht. Das war einfach geil. Du fühltest dich gut, du fühltest dich wichtig.
SPIEGEL: Das heißt: hier die subversiven Theatermacher, da der feindliche Staat?
Harfouch: Es gab klare Aufgaben, klare Bilder, klare Freunde und Feinde. Der Job eines Künstlers bestand darin, das System zu unterwandern. Das war unendlich viel einfacher als heutzutage.
SPIEGEL: Haben Sie eine pädagogische Auffassung von Kunst?
Harfouch: Theater ist für mich eine Kommunikationsanstalt. Meine Vorstellung von meinem Beruf war immer: Ich will kommunizieren. Ich will etwas spüren. Mein Geld kriege ich ja dafür, daß ich die Zeit habe, über so manches nachzudenken und mich dann hinzustellen und zu sagen: So, das ist mein Angebot. So sehe ich die Welt.
SPIEGEL: Und was geschah, als Ihre Weltsicht nach der Wende zusammenbrach?
Harfouch: Das war ein Schock. Man stand plötzlich ganz allein auf der Welt, war für sich verantwortlich und mußte seinem Dasein einen neuen Sinn geben. Warum spielen? Und tatsächlich habe ich dann ziemlich lange nicht am Theater gearbeitet.
SPIEGEL: Was hat Sie dann doch zurück auf die Bühne getrieben?
Harfouch: Zunächst mal war das eine ganz private Sehnsucht. Ich habe das Theater wahnsinnig vermißt. Nur dort erlebe ich die Leidenschaft, daß ich an einer Sache so hart und so lange arbeiten kann, bis ich blute. Das brauche ich einfach manchmal. Außerdem ist das Theater ein Raum, in dem ich ganz und gar zu Hause bin. Da fühle ich mich sicher, schon von Kindheit an. Ich hatte noch nie Angst im Theater.
SPIEGEL: Auch kein Lampenfieber?
Harfouch: Das ist etwas anderes. Lampenfieber ist ein rein erotisches Gefühl.
SPIEGEL: Heute betreiben Sie die Schauspielerei also zu Ihrem Privatvergnügen?
Harfouch: Ich habe jetzt den Mut, auch persönliche Gründe anzuerkennen. Im Grunde braucht man mehr Sicherheit und innere Kraft, um seine Arbeit nicht immer von außen, vom System bestimmen zu lassen. Mit "Des Teufels General" hatte ich auch wieder das Gefühl, daß Theater eine gesellschaftliche Relevanz haben kann.
SPIEGEL: Vor einem Jahr haben Sie noch erklärt, Sie könnten sich nicht vorstellen, an einem westdeutschen Theater zu arbeiten, und Ihre Fernseharbeit haben Sie als "Verrat" bezeichnet. Und heute?
Harfouch: Anders. Eigentlich hat mir die Regisseurin Nina Grosse den Schubs gegeben, mein Weltbild in Frage zu stellen. Als ich mit ihr "Thea und Nat" drehte, meinen ersten Nach-Wende-Film im Westen, habe ich ihr dauernd von meiner Krise vorgejammert, und Nina hat gesagt: "Ah, ich verstehe. Du brauchst also eine Diktatur, um dich in deiner Arbeit wohl zu fühlen." Und da war was dran. Aber ich mußte erst darauf gestoßen werden, um dieses verdammte Selbstmitleid abzustellen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte dabei der Tod von Heiner Müller?
Harfouch: Der hat wirklich eine Ära beendet. Mit Heiners Tod wurde endgültig klar, daß es vorbei war mit dem, was vorher galt: unserem Material, unserem Willen, die Welt zu beschreiben, unserer Tradition des Theatermachens, mit allem.
SPIEGEL: Werden Sie jetzt im Westen Theater spielen?
Harfouch: Ja, ich habe ein Engagement am Wiener Burgtheater, da werde ich unter der Regie von Andrea Breth die Hauptrolle in Calderóns "Tochter der Luft" spielen. Ausgerechnet am Burgtheater! Und ich freue mich darauf. Jetzt will ich wissen: Was heißt politisches Theater auf westdeutscher Seite?
SPIEGEL: Am Berliner Ensemble haben Sie jetzt politisches Theater gemacht, die Eva Braun gespielt. Wollten Sie auch mit den Zuschauern kommunizieren?
Harfouch: Selbstverständlich. Ich wollte eine prototypische Person darstellen, eine von denen, die mit ihrer Mentalität dazu beigetragen haben, daß diese ganze Nazi-Maschinerie in Gang kam. Und diese Kommunikation hat auch geklappt. Das Haus war immer voll. Vor ein paar Wochen kam nach der Vorstellung eine Frau zu mir und erzählte, daß sie das Stück gesehen habe und hinterher tagelang krank gewesen sei, weil sie sich so stark mit Eva Braun identifiziert habe. Das finde ich phantastisch. Das ist für mich Kommunikation.
SPIEGEL: Können Sie heute, knapp 10 Jahre nach der Wende, für sich eine Identität als Deutsche formulieren?
Harfouch: Ich bin jetzt viel mehr bereit als früher zu sagen: Ich bin Deutsche, und ich will dieser Tatsache etwas abgewinnen. Ich will nicht immer nur hassen. Ich sehne mich danach, auch stolz sein zu dürfen.
SPIEGEL: Frau Harfouch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Nikolaus von Festenberg und Susanne Weingarten. * Mit Herbert Knaup.
Von Nikolaus von Festenberg und Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 42/1998
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