22.08.2011

SCHLESWIG-HOLSTEINStarkes Gift

Mit der Lolita-Affäre ruiniert CDU-Chef Boetticher seine Karriere. Der Spitzenmann operierte ohne politischen Instinkt. Und in der Partei zirkulieren Intrigengerüchte.
Einmal regierte hier im hohen Norden ein Ministerpräsident, der gab allen sein Ehrenwort, "ich wiederhole … mein Ehrenwort", und als die Ehre fort war, fand man ihn tot in einer Badewanne. Später kam eine Ministerpräsidentin, die wollte wiedergewählt werden, sie trat einmal an, zweimal, dreimal, bis zur völligen Selbsterniedrigung, aber erst nach dem vierten Mal ohne ausreichende Mehrheit mochte sie endlich einsehen, dass ihre Karriere ruiniert war, durch einen heimlichen Abweichler in den eigenen Reihen.
Und dieses Mal also die große, junge Hoffnung der Landes-CDU, Christian von Boetticher. Der sich in ein Mädchen aus dem Internet verliebte, das erst 15 war. Eine Sexaffäre mit ihr begann, nur Tage nachdem sie 16 geworden war. Und der, inzwischen Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten, allen Ernstes glaubte, dass so etwas nicht herauskommen würde. Er hat darauf sogar noch beharrt, als der Tratsch schon durch den ganzen Landesverband ging.
Irgendetwas muss in Schleswig-Holstein also in der gesalzenen Luft liegen, dass regelmäßig Spitzenpolitiker jeden Instinkt verlieren. Ein starkes Gift, gemischt aus zwei Zutaten - persönlichem Irrsinn, parteipolitischer Intrige - und mit der Wirkung, dass sie nicht einfach nur ihr Amt verlieren, sondern auch gleich noch ihr Ansehen. Denn in diesem Land gehen politische Karrieren bevorzugt so zu Ende, dass der Fürst offenen Auges seinem Untergang entgegenstrebt, unter Verlust seiner Würde, und das alles so unaufhaltsam, wie es sonst nur in Shakespeare-Dramen geschieht.
Wer sich nun auf eine Spurensuche macht, wie es so weit kommen konnte, durch die vergangenen Monate bis zum Tränen-Rücktritt vom Landesvorsitz am vorvergangenen Wochenende, begegnet immer wieder den beiden Hauptmotiven der schleswig-holsteinischen Landespolitik: einerseits einem Spitzenmann, der sich als politischer Blindgänger entpuppte. Der bis zuletzt kein rechtes Gefühl für die Brisanz dieser Affäre hatte. Und andererseits einem ganzen Bündel von Intrigengerüchten. Geflüster, wer die Hinweise auf Boettichers Amour fou in der Partei gestreut hatte, um ihn möglicherweise zu stürzen.
Das Mädchen und der Politiker: Die junge Frau aus einer rheinischen Kleinstadt, die hier Lara genannt werden soll, gehört zu jener Generation Facebook, für die es selbstverständlich geworden ist, Fremde mit einem Mausklick zu Freunden zu machen. Die meisten haben sich nie gesehen, aber auch die Gymnasiastin chattete mit ihren Facebook-Freunden so vertraut, als säße man jeden Tag nebeneinander auf der Schulbank. Lara, so schätzt es einer, der mit ihr im Netz plauderte, hatte mehrere tausend Facebook-Kontakte, darunter angeblich Hunderte aus der JU, der Jungen Union.
Ihre heute noch für alle zugänglichen Kommentare, nun aber ohne Foto, unter anderem Namen, verraten ein starkes Interesse an Politik, eine Vorliebe für die CDU. Und wer sie näher kennenlernte, wunderte sich, wie sicher und selbstsicher sie mit ihren 15 Jahren argumentierte.
Ein heller Kopf also. Doch so wie der Boetticher unter einem blinden Fleck litt, wenn es darum ging, was man besser tut und was besser lässt, neigte auch Lara zu Aussetzern. Boetticher befremdete dann sein Landesvolk, das ja vor allem ein Landvolk ist, mit dem Hinweis im Internet, dass er einen exquisiten "Fuligni Brunello di Montalcino 2004 mit 95 Punkten von Parker" goutiert. Oder dass er auf Sylt beim Polo weilt. Lara aber leistete sich offenbar eine Dummheit, die Boetticher nicht nur Renommee, sondern nun auch die Karriere gekostet hat.
Boetticher, auch einer dieser Web-2.0-Junkies, soll irgendwann damit angefangen haben, Laras Einträge auf ihrer Facebook-Pinnwand zu kommentieren. Lara war für ihn das Mädchen mit den übermütig-frechen Notizen, und Boetticher, Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag, frotzelte zurück. Der Ton wurde kumpelhafter, vertrauter, der Kontakt enger, häufiger; irgendwann war es "schlichtweg Liebe", wie Boetticher in seiner Rücktrittserklärung sagte.
Am 19. Februar 2010 soll es zum ersten Treffen in einem Düsseldorfer Hotel gekommen sein, da war Boetticher 39 Jahre alt und Lara neun Tage zuvor 16 geworden - das Alter, in dem Sex zwischen einem erwachsenen Mann und einer Jugendlichen in der Regel nicht mehr strafbar ist. Die Liaison zog sich über Monate, man traf sich, ging händchenhaltend durch Hamburg, auch Laras Familie wusste Bescheid. Boetticher habe stundenlang mit ihren Eltern geredet, sagte Lara kürzlich einem Vertrauten. Dann aber bekam die Karriere des CDU-Mannes einen unerwarteten Schub, und selbst ihm wurde wohl klar, dass diese Liebe nicht passte.
Denn der amtsmüde Ministerpräsident Peter Harry Carstensen wollte seinen Nachfolger selbst bestimmen, damit der notorisch intrigante Landesverband sich bei der Kandidatensuche nicht zerfleischt. Seine Wahl: Boetticher, der im September zum Landeschef aufstieg. In jenem September hatte der Politiker schon Schluss gemacht mit Lara. In Las Vegas heiratete er stattdessen kurz danach seine langjährige Gefährtin Anna Christina Hinze, hielt die Ehe jedoch geheim und ließ sie in Deutschland nicht standesamtlich eintragen. Warum? Privatsache.
Seine Hoffnung aber, dass die Lolita-Episode für ihn erledigt sei, trog. Denn seine Pinnwandkommentare, die ungewöhnliche Nähe zu einer Schülerin, waren auch anderen aufgefallen. Ein JU-Mitglied aus Plön hatte sich Mitte 2010 bei Lara gemeldet: ob sie ihn nicht als Freund bei Facebook bestätigen wolle. Er soll gefragt haben, ob sie mit Boetticher verwandt sei. Bald gehörte der JU'ler zu ihren engsten Kontakten. Sie verriet ihm zwar offenbar nichts über die Beziehung zu Boetticher, so lange sie lief. Aber das änderte sich, als dem Aufsteiger die Karriere wichtiger wurde als die Liebe.
Ein Freund erzählt, Lara habe das Ende der Romanze als schweren Schlag erlebt, sich von Boetticher preisgegeben gefühlt, alleingelassen. Jetzt brauchte sie jemanden zum Reden: den Mann aus Plön. Einen Menschen, den sie noch nie getroffen hatte, von dem sie aber inzwischen glaubte, dass er sie wie kaum ein anderer kannte. Ein Facebook-Freund eben.
Er bekommt im Herbst 2010 die Mails, die Boetticher ihr geschrieben hat, mehrere hundert. Damit sind sie in der Welt, eine Dummheit - oder doch, aus einem Impuls heraus, die Rache eines verletzten Mädchens? Der JU'ler teilte dem SPIEGEL nur mit, dass er "keine Veranlassung" sehe, Fragen zu beantworten, in der CDU galt er zwischenzeitlich als "abgetaucht". Auch Lara wollte mit dem SPIEGEL nicht sprechen.
Angeblich war der Jungpolitiker neben Lara und Boetticher damit der Einzige, der schon im vergangenen Jahr den Mail-Bestand kannte. Aber es dauerte nicht lange, bis Gerüchte über die Lolita-Liebe in der Jungen Union hochzüngelten.
Schon Ende Februar erreichten sie den Landesgeschäftsführer Daniel Günther. Ein JU-Mitglied sprach ihn am Rand einer Landtagssitzung an, ob er wisse, dass Boetticher ein Verhältnis mit einer Minderjährigen habe; die beiden seien sogar zusammen in Hamburg unterwegs gewesen.
Günther gilt nicht gerade als Freund Boettichers, außerdem kommt er aus Eckernförde, dem Heimatort von Jost de Jager, der nun von Boettichers Sturz profitiert, ihn als Spitzenkandidaten und Landeschef beerben soll. In einer Landespartei, in der viele vielen vieles zutrauen, führt das heute zum Verdacht, er könnte die Mails durchgesteckt haben. Aber genau das Gegenteil passierte offenbar. Günther wollte der Sache nach eigenen Angaben nicht nachgehen, nicht ohne klaren Beweis. Er habe keine Mails gesehen, sagt er heute, habe weder nachgeforscht oder nachforschen lassen und Boetticher auch nicht zur Rede gestellt - gerade um sein Verhältnis zu seinem Vorgesetzten nicht zu belasten.
Das Gleiche bei der FDP: Schon im Dezember 2010 hatte sich ein junger Mann bei Fraktionschef Wolfgang Kubicki gemeldet. Er will von seinem Freund, eben jenem JU-Mann aus Plön, eingeweiht worden sein: über das Boetticher-Verhältnis, über die Mails. Doch Kubicki sagt: "Das waren Gerüchte, und Gerüchte transportiere ich nicht. Außerdem geht mich Boettichers Intimleben nichts an." Nachforschungen über die privaten Vorlieben von Politikern gelten in Schleswig-Holstein seit der Barschel-Affäre als Anlauf zum politischen Selbstmord.
So konnte sich Boetticher im Mai zum gefeierten Spitzenkandidaten küren lassen. Ende Juni allerdings fragten Journalisten bei zwei CDU-Politikern an, was an einem Verhältnis zwischen Boetticher und einer Minderjährigen dran sei. Am 13. Juli erfuhr Ministerpräsident Carstensen von der Geschichte. Er bestreitet zwar, je Mails Boettichers an Lara gesehen zu haben, aber ein Vertrauter sagt, Carstensen habe gewusst, was darin stand. Es gab demnach Mails, in denen Boetticher über FDP-Vormann Kubicki herzog, den Koalitionsverbündeten. Und sogar über Carstensen selbst. Dazu noch jede Menge Interna aus Koalitionsrunden und Kabinett. Alles brühwarm verschickt an eine 16-Jährige.
Am 19. Juli stellte Carstensen seinen Ziehsohn zur Rede, der gab die Beziehung bei einem Rückruf Tage später zu. Trotzdem war es der Beginn einer Verleugnung - nicht der Tatsachen, aber der Folgen: Boetticher glaubte, die Angelegenheit lasse sich noch geheim halten. Er hatte sich mit einem Medienanwalt beraten. Niemand werde sich trauen, so eine Geschichte zu bringen.
Carstensen zauderte, so wie meistens, wenn er eine harte Entscheidung fällen muss: Er selbst hatte schließlich Boetticher durchgesetzt, gegen starke Widerstände. Nun machte er Boetticher zwar klar, er könne nicht mehr sein Nachfolger werden, aber die Tage flossen dahin. Am 9. August rief Carstensen dann Kanzlerin Angela Merkel an; sie sei besorgt und nicht amüsiert gewesen, sagte Carstensen nach dem Rücktritt. Am 10. August wussten auch zwei Mitglieder der parteiinternen Wahlkampfkommission von der Affäre, wandten sich an Carstensen. Tenor: Das wird nicht gutgehen, tu etwas. Günther, der Landesgeschäftsführer, forderte eine Entscheidung vor der Stallwachenparty der Fraktion am Donnerstag vor zwei Wochen, doch wieder traute sich keiner, Boetticher zu zwingen.
Auf der Party war die Affäre dann Flüsterthema Nummer eins. Am Tag danach schien jeder in der Landesszene davon gehört zu haben. Der geschäftsführende Vorstand, von Günther alarmiert, verlangte nun ein Treffen, am Samstag oder Sonntag. Boetticher stimmte zu. Allerdings dürfe nichts an die Öffentlichkeit kommen, sonst werde es schwierig im Wahlkampf. Glaubte er immer noch, Spitzenkandidat bleiben zu können? Und schloss damit erst ab, als am Samstagabend und Sonntag mehrere Zeitungen, darunter "Bild am Sonntag", die Affäre ausbreiteten?
In der Krisensitzung am Sonntagabend machte ihm der Vorstand klar, dass es jetzt nicht mehr weitergehe, nicht mit der Spitzenkandidatur, nicht mit dem Landes- oder Fraktionsvorstand. Nur das Landtagsmandat sollte er behalten; die Koalition hat nur eine Stimme Mehrheit.
Boetticher gab bei der Spitzenkandidatur schnell nach, aber er drohte mit einem Eklat, wenn er den Landesvorsitz aufgeben müsse. Er werde dann eine Erklärung herausschicken, dass in der CDU eine Intrige gegen ihn gelaufen sei, behauptet ein Teilnehmer der Sitzung - Boettichers Sprecher will sich dazu nicht äußern. Als man Boetticher aber klarmachte, dass er dann auch Namen nennen müsse, gab er nach kurzer Bedenkzeit klein bei und den Landesvorsitz auf. Nur den Fraktionsvorsitz nicht - als wäre der wirklich noch zu retten. Er wollte das Treffen der Fraktion am Dienstag abwarten, die Stimmung dort. Diesen Rücktritt besorgte dann aber die Partei, über seinen Kopf hinweg: Schon am Montag, um 14.22 Uhr, meldet die "Welt" vorab, Boetticher werde auch nicht mehr die Fraktion führen; das habe ein Vorstandsmitglied bestätigt. Das Ende aller Illusionen.
Im Land überschlagen sich seitdem die Gerüchte: Die SPD habe die E-Mails von der Familie bekommen und gestreut - völliger Unsinn, dementieren die Sozis. Oder: Ein Ex-Mitarbeiter des CDU-Landesverbands sei ins Rheinland gefahren, um Druck auf Lara zu machen. Der Mann, ebenfalls ein Chat-Freund der Gymnasiastin, war tatsächlich am 9. Juli bei ihr. Seine Begründung, er sei nur auf einen Kaffee mit Kuchen zu ihr gefahren, klingt bei mehr als 400 Kilometern Entfernung merkwürdig. Erst recht, weil er auch noch zugibt, dass er von Laras Beziehung mit Boetticher wusste.
War er also im Auftrag eines CDU-Granden unterwegs? Und wenn, mit welchem Ziel? Doch der Unionsmann bestreitet, bei seinem Besuch überhaupt mit Lara über ihre Affäre gesprochen, geschweige denn, sie unter Druck gesetzt zu haben. Und Dokumente, die er vorweisen kann, scheinen seine Version auch zu bestätigen. So werden in landestypischer Weise Indizien gesammelt, Verbindungen hergestellt oder wenigstens herbeigeredet. Im intrigengeübten Kiel kann dann sogar der Eindruck, einer habe eine Intrige gesponnen, schon wieder die Frucht einer Intrige sein.
Auch Boetticher erweist sich noch im Untergang ganz als Kind seiner Partei. Er sei "zutiefst getroffen über den Ablauf der Ereignisse" und "fühlt sich von Illoyalitäten umgeben", sagt sein Sprecher. Das klingt so, als hätte nicht seine Affäre Boetticher das Amt gekostet - sondern nur derjenige, der darüber geredet hat.
Irgendwo muss der Verräter sein.
(*) Bei der Begehung einer Yacht in der Nobiskrug-Werft in Rendsburg am 20. September 2010.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Barbara Schmid und Antje Windmann

DER SPIEGEL 34/2011
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