22.08.2011

LUFTFAHRTHarte Landung

Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold checkt aus. Vertraute sagen, er sei vor allem vom eigenen Verwaltungsrat gemobbt worden.
Die Telefonkonferenz am Donnerstag vergangener Woche begann so trist wie so oft in den letzten Jahren: Air-Berlin-Vorstandschef Joachim Hunold, 61, hatte wieder nur neue Hiobsbotschaften und alte Durchhalteparolen. Richtig spannend wurde es erst, als er noch "Anmerkungen in eigener Sache" ankündigte.
"Ich werde heute den Verwaltungsrat bitten, mich zum 1. September von meinen Aufgaben als CEO zu entbinden, und ihm vorschlagen, dass mein Freund Hartmut Mehdorn die Funktion als Air-Berlin-Chef interimistisch übernimmt", sagte er. Anderthalb Stunden später billigte der Verwaltungsrat der Fluggesellschaft in einer weiteren Telefonkonferenz Hunolds harte Landung.
Am frühen Morgen schon soll er seine Frau und enge Vertraute eingeweiht haben. Verwaltungsratschef Hans-Joachim Körber, der vergangene Woche an einer Oldtimer-Rallye teilnahm, blieb offenbar gar nichts anderes übrig, als den Personalvorschlag des Noch-Air-Berlin-Chefs anzunehmen. Anders ist wohl kaum zu erklären, dass nach dem impulsiven Hunold nun vorübergehend ein mindestens ebenso knorriger Kämpfertyp Deutschlands zweitgrößte Airline steuern soll.
Zwar will Hunold ab September in den neunköpfigen Verwaltungsrat des Unternehmens wechseln, das er vor 20 Jahren mit viel Kredit selbst gegründet hatte. Aber die Nachrufe auf ihn kamen sehr schnell: Er habe "viel für die deutsche Wirtschaft geleistet", lobte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Als "großartige Persönlichkeit" und "herausragenden Unternehmer" würdigte ihn der Flughafenverband ADV. Ausgerechnet zum Abschied bekam Hunold das, was er seit Monaten schmerzlich vermisste: Anerkennung.
Die Querschüsse der jüngsten Vergangenheit hätten ihn zermürbt, sagen Vertraute. Begonnen hatte das Kesseltreiben gegen den einstigen Düsseldorfer Kneipenwirt schon Ende vergangenen Jahres - überraschenderweise etwa zur gleichen Zeit, als Ex-Metro-Chef Körber sein Amt als Oberaufseher bei Air Berlin antrat.
Zukäufe von kleineren Wettbewerbern wie DBA, LTU oder der österreichischen Fluglinie Niki, einst als Ausweis für Hunolds unternehmerischen Wagemut gefeiert, gelten heute als Ausdruck von Größenwahn. Der Vorstandschef solle das Unternehmen lieber gesundschrumpfen und Firmenteile abstoßen, hieß es in den Medien. Nur so sei die Airline langfristig überlebensfähig.
Hunold unterschätzte die offenbar von Kollegen und Teilen seines Verwaltungsrats gesteuerte Kampagne zunächst. "Mein Job macht mir Riesenspaß. Mein Vertrag läuft bis 2014, und ich habe vor, den zu erfüllen, wenn der Aufsichtsrat das mitmacht", erklärte er noch im Frühjahr kämpferisch.
Aber seine Kontrolleure waren ihm da längst nicht mehr so freundlich gesinnt wie 2006, als Hunold Air Berlin an die Börse gebracht hatte. Damals saßen vorwiegend enge Getreue und Weggefährten in dem Gremium.
Neuerdings wachen auch Luftfahrtexperten wie die ehemalige British-Airways-Managerin Barbara Cassani und der Ex-Easyjet-Vertriebsvorstand Saad Hammad über Hunolds Arbeit.
Der Aktienkurs zerbröselte, Verluste türmten sich auf, von Dividende ist schon lange keine Rede mehr. Air Berlin verfügt zwar über eine Flotte von 168 Maschinen, ist aber an der Börse mittlerweile weniger wert als ein einziger neuer Airbus A380.
Ein Sprecher Körbers beteuert, der Chefkontrolleur habe mit den negativen Berichten nicht das Geringste zu tun, er habe Hunold ursprünglich sogar länger halten wollen. Bei Air Berlin selbst wollte man den Verdacht, der Chef könnte womöglich über eine gezielte Kampagne gestürzt worden sein, nicht kommentieren.
Am Donnerstag vorvergangener Woche kam es jedenfalls auf der letzten Sitzung des Kontrollgremiums zum Eklat. Hunold musste sich heftige Kritik anhören, weil der Verlust im zweiten Quartal noch höher ausgefallen war als erwartet.
Die undankbare Aufgabe, Air Berlin zu verkleinern und das Streckennetz auszudünnen, soll nun sein Interims-Nachfolger Mehdorn übernehmen. Der kann es offenbar gar nicht erwarten, seinen neuen Job anzutreten. Bereits Ende vergangener Woche, 14 Tage vor seiner offiziellen Bestellung, wirbelte er durch die Berliner Airline-Zentrale, um mit Führungskräften seine Pläne zu besprechen.
Mehdorn hatte einst als Ingenieur und Manager beim EADS- und Airbus-Vorläufer Dasa angefan-gen und wollte in seiner Jugend immer Pilot werden. Insofern scheinen seine knapp zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bahn im Nachhinein ein Intermezzo gewesen zu sein.
Nach dem Wunsch des Verwaltungsrats soll Mehdorn allerdings nur wenige Monate bleiben - bis ein endgültiger Nachfolger für Joachim Hunold gefunden ist.
Immerhin dürfte die Suche nun leichter fallen: "Bislang hat der Achim doch jeden weggebissen, der ihm gefährlich werden konnte", sagt ein Mitglied des Verwaltungsrats.
Dass das Fluggeschäft eine der schwierigsten Branchen ist, die es gibt, weiß ein Unternehmer, der in puncto Rabaukentum sogar Hunold und Mehdorn in den Schatten stellt: der Brite Richard Branson. Auf die Frage, wie man Millionär wird, sagt der Virgin-Airline-Gründer gern: "Man muss Milliardär sein und eine Fluggesellschaft kaufen."
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 34/2011
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