22.08.2011

ZEITGESCHICHTE„Opportunistin und Antisemitin“

Der US-amerikanische Autor Hal W. Vaughan, 82, über sein Buch „Coco Chanel. Der schwarze Engel“ (Verlag Hoffmann und Campe) und die Kollaboration der Pariser Modeschöpferin mit den Nazis
SPIEGEL: Mr. Vaughan, Sie beschreiben Coco Chanel als berechnende Frau, die jede Chance wahrnahm, ihre Interessen durchzusetzen. Hatte sie, die weltberühmte Designerin, es wirklich nötig, sich den Nazis anzubiedern?
Vaughan: Chanel war Opportunistin und Antisemitin. Als die Nazis Paris okkupierten, sah sie ihre Chance. Sie wollte ihren Lieblingsneffen, der in einem deutschen Lager einsaß, freibekommen. Und da traf es sich gut, dass sie eine Liebesbeziehung zu dem 13 Jahre jüngeren deutschen Agenten Hans Günther von Dincklage unterhielt.
SPIEGEL: Setzte er Chanel als Agentin ein?
Vaughan: Sie lebten in Paris zusammen, und er brachte Chanel Ende 1943 in Berlin mit Walter Schellenberg zusammen, der rechten Hand Heinrich Himmlers. Schellenberg schickte Chanel nach Madrid, um dort den britischen Premier Winston Churchill zu einem Separatfrieden mit Deutschland zu bewegen. Die "Operation Modellhut" scheiterte, weil Churchill erkrankte und nicht nach Spanien kam.
SPIEGEL: Was bleibt von Coco Chanel?
Vaughan: Sie war sicherlich die bedeutendste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts. Sie hat sich aus allerkleinsten Verhältnissen in die höchste europäische Gesellschaft heraufgearbeitet, sie hatte einen russischen Großfürsten und den Herzog von Westminster als Liebhaber. So einen Aufstieg schafft man nur, wenn man rücksichtslos ist. Coco Chanel war, das ist leider so, keine angenehme Frau.

DER SPIEGEL 34/2011
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