22.08.2011

EINWURFKinderfalle

Von Karen Duve
Wie hätte ich reagiert, wenn Christian von Boetticher zu meinem Freundeskreis gehört und mir eines Tages erzählt hätte, er habe jetzt eine 16-jährige Freundin? Hätte ich ihm Hausverbot erteilt? Vermutlich nicht. Aber ich hätte versucht, ihm die Sache auszureden. "Muss das wirklich sein?", hätte ich gesagt. "Kinderfalle Facebook", hätte ich gesagt. "Worüber willst du dich mit ihr unterhalten? Über die Simpsons? Über Vampirromane? Über Facebook?" Und wenn mein Freund Christian dann geantwortet hätte: "Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie mit jemandem so gut und klug unterhalten, sie ist viel reifer als andere Mädchen ihres Alters, wir sind in derselben Partei, und was spricht eigentlich dagegen, sich über Facebook auszutauschen", dann hätte ich wahrscheinlich unsere anderen Freunde angerufen und ihnen erzählt, dass der Crischi jetzt komplett durchgedreht sei und irgendjemand ihm den Kopf geraderücken müsse, aber letztlich hätte ich es achselzuckend hingenommen. Irgendwann hätte dann bei einem Abendessen unter Freunden dieses Kind mit am Tisch gesessen, Phrasen aus dem Sozialkundeunterricht zum Besten gegeben, bisher völlig vernünftig und würdig daherkommende Männer dazu gebracht, sich wie aufgekratzte Deppen zu benehmen, und den fassungslosen Frauen triumphierende Blicke entgegengeschleudert. Unangenehm und lästig wäre das gewesen, zweifellos, aber kein Grund, vor Empörung gleich einen roten Kopf zu bekommen. Möglicherweise bloß eine Frage der Perspektive. Aber wie würde man reagieren, wenn die eigene Tochter sich mit 16 zu einem 39-jährigen Politiker hingezogen fühlte? Sagt man dann: "Mach mal ruhig, euch verbindet so viel: die gleichen Interessen, die gleiche Partei, der gleiche Ehrgeiz … und mit dem Gefühl scheint es ja auch zu stimmen … also meinetwegen schlaf mit dem, der meint es bestimmt gut mit dir"? Oder doch lieber drei Wochen Stubenarrest verhängen? Was würde ich dem graumelierten Politiker erwidern, wenn er mir erzählen will, dass meine Tochter schon viel reifer ist als andere Mädchen in diesem Alter? Würde ich geschmeichelt nicken und den beiden viel Spaß im Hotel wünschen? Oder würde ich ihn anbrüllen, dass junge Menschen kein Supermarktangebot sind, aus dem man sich zur Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Belieben bedienen kann? Dass 16-Jährige keine erwachsenen Menschen sind, sondern ausnahmslos Schwachsinnige, die Top-Model werden wollen, auf jeden Quatsch hereinfallen und vor sich selbst geschützt werden müssen, weswegen sie vor dem Gesetz nur eingeschränkt geschäftsfähig sind. Und dass es kein Zeichen von seelischer Reife ist, wenn 16-Jährige wie 18 aussehen oder einen großen Busen haben, und dass sie auch dann geschützt werden müssen - dann erst recht.
Duve, 49, ist Schriftstellerin und lebt in Brandenburg. Zuletzt erschien von ihr das Buch "Anständig essen".
Von Karen Duve

DER SPIEGEL 34/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINWURF:
Kinderfalle

  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen