29.08.2011

UNTERNEHMERDelle im Universum

Nie zuvor löste der Rücktritt eines Konzernchefs solche Emotionen aus - und so viele Fragen. Apple ohne seinen Gründer Steve Jobs ist schwer vorstellbar.
Über dem weitläufigen Gelände im kalifornischen Cupertino kreisten die Hubschrauber der Fernsehstationen. Unten, vor der Zentrale des Apple-Campus, hatten die großen amerikanischen Networks ihre Übertragungswagen und Kamerateams postiert. Ein Moderator von Bloomberg-TV saß vor einem der unzähligen Firmenschilder mit dem markanten Apfel-Logo und wartete auf seinen Einsatz für die 15-Uhr-Show. "Ich weiß auch nicht, was ich gleich noch sagen soll", räsonierte er schulterzuckend. "Steve Jobs ist zurückgetreten, that's it."
Das ist es, und doch viel mehr. Denn mit Jobs erklärte in der vergangenen Woche eben kein gewöhnlicher Konzernchef seinen Abschied. Kaum ein anderer Wirtschaftsführer ist solch eine Symbiose mit seinem Unternehmen eingegangen wie Steve Jobs mit Apple, wohl kein anderer Rücktritt hätte eine vergleichbare Medienhysterie ausgelöst.
"Viele der Reaktionen auf den Rücktritt lasen sich wie Nachrufe auf Jobs, wenn nicht gar auf Apple", heißt es bei der "New York Times". Entgeistert fragte der "San Francisco Chronicle", die Zeitung in Jobs' Geburtsstadt, in Riesenlettern auf der ersten Seite: "What now?" Ja, was nun?
Eine Frage, die genauso offenbleibt wie die nach dem wahren Stand seiner Krebserkrankung, dem offensichtlichen Grund für seinen Abgang. Fakt ist, dass nun eine Epoche bei Apple zu Ende geht. Unter seiner Ägide wurde aus einem schnöden Rechnerhersteller mit Außenseiterstatus ein Lifestyle-Konzern, dessen Produktinnovationen das Lebensgefühl der vergangenen zehn Jahre widerspiegeln: Mehr als 314 Millionen iPods gingen seit der Einführung im Jahr 2001 über den Ladentisch. Wegbereiter: Steve Jobs. 129 Millionen iPhones verkaufte der Konzern seit 2007. Macher: Steve Jobs. 29 Millionen iPads brachte das Unternehmen seit 2010 an den Mann und die Frau. Schöpfer: Steve Jobs.
Für Steve Wozniak, Freund und zweiter Mitbegründer von Apple, ist Jobs "der größte Technikunternehmer, den wir je gesehen haben". Sony-Chef Howard Stringer lobt: "Seine Brillanz ist uns allen bekannt. Dass er unter den Umständen seiner Krankheit so viel Erfolg hatte, macht sein Erbe doppelt wertvoll." Selbst der erbitterte Konkurrent Stephen Elop, früherer Microsoft-Manager und nun Chef des finnischen Nokia-Konzerns, sieht in Jobs "einen Visionär in der Computerindustrie", der viel "positiven Einfluss auf unsere Branche" ausstrahlt. Und auch John Sculley schwärmt: "Steve Jobs ist der Magier unserer Welt."
Es war genau dieser Sculley, der Jobs 1985 aus dem Unternehmen getrieben hatte und es dann an den Abgrund führte. Als Sculley gegangen war und Jobs zurückkehrte, begann der sagenhafte Siegeszug des Computerkonzerns. Noch vor zehn Jahren lag die Aktie von Apple bei kümmerlichen 9 Dollar. Heute hat sie einen Wert von über 370 Dollar.
An Selbstbewusstsein mangelte es dem Mann in dem obligatorischen schwarzen Rollkragenpullover und den ausgewaschenen Jeans nie. "Wir sind hier, um eine Delle ins Universum zu schlagen", so definierte Jobs seine Mission nach seiner Rückkehr. Er hatte ein Gespür für die Bedürfnisse der Nutzer, ehe die selbst sie hatten. "Es ist nicht die Aufgabe des Konsumenten zu wissen, was er will", so der IT-Pionier. "Oft wissen die Menschen erst, was sie wollen, wenn man es ihnen zeigt."
Doch sosehr er dem Unternehmen seinen Stempel aufdrückte, so sehr prägte er es auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Und das hieß: rigide Restriktionen. Öffentliche Kommentare zum Unternehmen sind den Mitarbeitern in ihren Arbeitsverträgen untersagt.
Apple-Mitarbeiter wehrten deshalb sofort ab, als sie über die Stimmung im Unternehmen nach Jobs' Rücktritt befragt wurden: "Ich darf keine Auskunft geben", war die häufigste Auskunft. Nur ein Programmierer flüsterte in sein iPhone "We are still in progress", als er aus einem der Konferenzräume stürmte, die nach Rockgruppen The Who oder The Doors benannt sind. Es geht weiter, wie gewohnt.
Jobs' Nachfolger Tim Cook ist seit 13 Jahren in der Firma und gilt als "das Genie hinter Jobs" . Aber er ist auch das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Als er vom Konkurrenten Compaq zu Apple wechselte, war er zunächst zuständig für die Planung bei Lieferantenauswahl, Beschaffung und Logistik. Dröger geht's kaum.
Es ist nur schwer vorstellbar, dass Cook einen ähnlichen Rummel auslöst, wenn er in Zukunft an Jobs' Stelle Produktneuheiten präsentieren wird. Dass ausgerechnet er, dem das Image eines effizienten Buchhalters vorauseilt, nun Kontinuität verspricht, kann man auch als Selbstüberschätzung werten. Was Apple groß gemacht hat, die Visionen, die die IT-Branche revolutionierten, kam von Jobs.
Und viele der Konkurrenten sind bereits gefährlich an Apple herangerückt. So ist das iPhone längst nicht mehr das Maß aller Dinge. Auch von der demnächst erwarteten Version 5 werden wohl kaum substantielle Neuerungen ausgehen. Viele Geräte wie das Samsung Galaxy S II gelten technisch und bei der Software dem iPhone inzwischen als überlegen.
Und manchmal scheint Cook gegenüber seinem Vorgänger noch ein Defizit zu haben: seine Gesundheit. Als einen Hauptantrieb seines Schaffens beschrieb Jobs schon vor Jahren seine Krankheit.
"Mir bewusst zu machen, dass ich bald tot sein werde, ist das wichtigste Instrument, das ich je besaß, um wichtige Entscheidungen zu treffen", sagt Jobs, schon vom Krebs gezeichnet. "Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein ist der beste Weg, nicht in die Falle zu tappen, dass man etwas zu verlieren hätte. Du bist schon nackt."
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 35/2011
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