26.10.1998

ATOMENERGIEMeiler für Meiler

Die Strommanager haben Eckpunkte für den Atomausstieg festgelegt. Ihre wichtigste Bedingung für die Gespräche mit der rot-grünen Bundesregierung: Sie soll ein langsames Meilersterben akzeptieren - oder Milliarden zahlen.
Fast vier Stunden berieten die Chefs der großen deutschen Energiekonzerne. Es ging vor allem um eine Grundsatzfrage: Werden jene Firmen, die sich seit wenigen Monaten rücksichtslos die besten Kunden abjagen, ein letztes Mal zusammenhalten wie zu alten Monopolzeiten? Sie werden.
Bei dem Treffen in der Zentrale des Münchner Bayernwerks am vorvergangenen Freitag schworen sie unverbrüchliche Treue. "Es wird keine Chance geben, die Branche auseinanderzudividieren", verkündete PreussenElektra-Lenker Hans-Dieter Harig. Solange die Atomausstiegsverhandlungen mit den rot-grünen Bonner Koalitionären dauern, will die Branche paktieren.
Die Konzernstrategen sind bereit zur Abwicklung der Kernkraft - aber nur zu ihren Konditionen. Längst haben sie sich auf Eckpunkte für die Energiekonsensgespräche mit der Regierung verständigt.
Schon formuliert Stromchef Harig, vom kommenden Januar an Wortführer im "Vorstandsvorsitzendenkreis der kernenergiebetreibenden Energieversorgungsunternehmen", das Verhandlungsangebot an die rot-grüne Bundesregierung. "Wer schnell aussteigen möchte", so seine Logik, "der muß mehr Geld ausgeben. Wer sich Zeit läßt, der muß weniger bezahlen."
Punkt für Punkt wollen die Energiemanager den neuen Bonner Herren vorrechnen, was der Ausstieg, je nach Eilbedarf, kostet - zahlbar, versteht sich, in die Kassen der Stromversorger.
Nichts, das ist schon abgemacht, werden die Konzerne zum Nulltarif aufgeben: nicht die 19 Meiler in deutschen Landen, nicht die beiden Zwischenlager in Gorleben und Ahaus, nicht die Verträge mit Wiederaufarbeitungsfirmen in Frankreich und Großbritannien und ebensowenig die Endlagerprojekte Schacht Konrad und Gorleben.
Die Stromriesen addieren happige Milliardenbeträge. Größter Brocken in ihrer Kalkulation: Entschädigungen für Atomanlagen.
Jedes Kraftwerk jüngerer Bauart, das nach 19 Jahren Abschreibungsdauer seine Investitionskosten verdient hat, wirft jährlich satte 350 Millionen Mark Ertrag ab. Bleibt der Meiler dann für zehn Jahre störungsfrei am Netz, sprudeln fast vier Milliarden Mark in die Unternehmenskasse.
Kein Wunder, daß die Konzernchefs diese Gelddruckmaschinen knallhart verteidigen. Denn 10 von 19 Kernkraftwerksblöcken haben das "goldene Ende" noch nicht erreicht - sie gingen erst nach 1979 in Betrieb. Also fordern die Stromunternehmen: Will der Staat ein schnelles Ende der Atomkraft, muß er den Gewinnausfall ersetzen - Meiler für Meiler, Jahr für Jahr.
Noch vor Weihnachten, so die Order der Vorstände, sollen konzernübergreifende Expertenteams eine exakte Kostenrechnung vorlegen. Harig: "Das wird eine Art Warenhauskatalog, in dem jeder aussuchen kann, was er sich leisten will."
Alles wollen die Stromkonzerne auf die Rechnung setzen. Schon bald müßten sie beispielsweise - machen die Bonner Koalitionäre ihre Pläne wahr - an den meisten Kraftwerken Zwischenlager für die verbrauchten Brennstäbe bauen. Die Deponien in Gorleben und Ahaus, jede für rund hundert Millionen Mark von den Stromkonzernen finanziert, würden dann überflüssig. Die rot-grüne Koalition will so Castor-Transporte quer durch die Republik vermeiden.
Auch für die Endlagerprojekte Gorleben und Schacht Konrad sind die Atombetreiber mit mehr als drei Milliarden Mark in Vorlage getreten. Von nun an aber "reicht ein einziges Endlager", heißt die Vorgabe im rot-grünen Koalitionsvertrag, die Standortsuche soll neu gestartet werden. Kein Zweifel, die Stromfirmen wollen auch hier ihr Geld zurück.
Teuer, behaupten die Konzernmanager, kämen ebenfalls die Verträge zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente in Frankreich und Großbritannien: Beim von den Grünen geplanten Sofortrückzug aus der Plutoniumwirtschaft im Ausland, so ihre Rechnung, würden Entschädigungen von über 3,5 Milliarden Mark fällig. Dabei verschweigen sie freilich gern, daß ihre unter Verschluß gehaltenen Verträge mit den Plutoniumfabriken La Hague und Sellafield gerade für den Fall eines staatlich verordneten Ausstiegs, also "höherer Gewalt", praktisch kostenlose Ausstiegsklauseln enthalten.
Die Konzernchefs wissen genau: Milliarden-Zahlungen an die Energieversorger kann sich die Bundesregierung nicht leisten. Deshalb, meinen sie, werden schließlich auch die Grünen ein gemächliches Ausstiegstempo akzeptieren.
Mindestens für 35 Jahre lang, forderte Wilhelm Simson, neuer Vorstandschef des Großkonzerns Viag, müßten die Kraftwerke im Schnitt am Netz bleiben dürfen. Dann würde der jüngste Meiler, Neckarwestheim 2, erst 2024 als letzter Reaktor abgeschaltet. Intern sind die Konzerne jedoch bereit, allen Dementis zum Trotz, eine Laufzeit von 30 Jahren zu akzeptieren.
Hinter festverschlossenen Türen wird schon darum gefeilscht, welche zwei bis drei Meiler binnen vier Jahren vom Netz gehen können - schließlich braucht die rot-grüne Regierung schnell Erfolge.
Kandidat Nummer eins: Das Kraftwerk Biblis A in Hessen müßte schon bald mit Milliardenaufwand nachgerüstet werden - hochriskant für den Eigentümer, die Essener RWE.
Als zweiter Abschaltanwärter gilt das Kraftwerk Obrigheim. Bereits im Oktober 1968 ging der Reaktor in Baden-Württemberg ans Netz, mit 350 Megawatt fällt seine Leistung für heutige Verhältnisse vergleichsweise bescheiden aus.
Auch der Meiler Stade könnte bald stilllegungsreif sein. Das zweitälteste deutsche Atomkraftwerk ging 1972 ans Netz und bringt mit 670 Megawatt Leistung gerade halb soviel wie jüngere Reaktoren.
Spielraum für Großzügigkeit bleibt den Strommanagern allerdings kaum. Das Aktienrecht verpflichtet sie zu "gewissenhafter" Sorgfalt. Die Vorstände haften persönlich den Anteilseignern für kostenträchtige Fehlentscheidungen. Selbst Jürgen Trittin, von Dienstag an erster grüner Bundesumweltminister und oberster deutscher Atomaufseher, zeigt Verständnis: "Die dürfen nie den Eindruck erwecken, uns etwas zu schenken."
Bei einem Streit vor Gericht, davon sind die Stromchefs überzeugt, würden sie Milliarden-Schadensersatzforderungen gegen den Staat durchsetzen. Selbst Rudolf Steinberg, Atomgutachter für rot-grüne und SPD-geführte Landesregierungen, warnt vor einem Rechtsstreit mit der Nuklearwirtschaft. "Nur für Juristen", meint der Frankfurter Juraprofessor, "wären das herrliche Zeiten."
Fest einplanen können die Stromkonzerne schon mal Gewerkschaftstruppen. Der rot-grüne Energiekurs, forderte ÖTV-Chef Herbert Mai, dürfe auf keinen Fall zu Jobverlusten führen. Notfalls will Hubertus Schmoldt, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie das Kraftwerkspersonal zu Massenprotesten loslassen.
Weiterer Druck auf die rot-grüne Bundesregierung wird aus Frankreich kommen. Der Grund: Die Bonner Energiewende bedroht den einst kraftstrotzenden, staatlichen Atomkonzern Cogema, der auf dem Cap de la Hague die weltweit größte nukleare Wiederaufarbeitungsanlage betreibt.
Ein Rückzug der Deutschen, klagte Cogema Vize-Chef Christian Gobert bereits, wäre "sehr schwerwiegend". Denn die für Auslandskunden reservierte Plutoniumfabrik Usine Plutonium 3 wird gegenwärtig noch zu rund 40 Prozent mit Brennelementen aus deutschen Kernkraftwerken beschickt.
Schon drohen weitere Nuklear-Klienten abzuspringen. Die Schweizer Regierung beschloß vorigen Donnerstag den schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft. In Belgien und in den Niederlanden verdichten sich ebenfalls die Anzeichen für einen raschen Abschied aus der Plutonium-Wirtschaft. Doch damit nicht genug: Japan, neben Deutschland potentester Auslandskunde der Cogema, will bis 2010 seinen eigenen nationalen Plutonium-Kreislauf aufbauen.
Längst hat Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, ein glühender Atomfan, die deutsche Energiepolitik zum heiklen Thema erklärt: Er könne sich "nicht vorstellen", sagte der Minister vor der Nationalversammlung, "daß auf Regierungsebene vereinbarte Verträge nicht respektiert werden".
Die kaum verhohlene Drohung bezieht sich auf einen Notenaustausch aus dem Jahr 1990, in dem die Regierungen in Bonn und Paris den deutschen Stromversorgern freien "Zugang zu den Wiederaufarbeitungskapazitäten" auf dem Cap de la Hague garantierten. Einen Blitzrückzug wird die Pariser Regierung kaum widerstandslos akzeptieren.
Ein kenntnisreicher Gesprächspartner, darauf bauen die Stromunternehmen, wird von Dienstag an das Bonner Wirtschaftsministerium führen: Werner Müller, früherer Vorstand der Veba-Tochter Kraftwerke Ruhr AG, soll für Kanzler Schröder den Energiekonsens organisieren. Ein allzu ruppiger Ausstiegskurs, so die Hoffnung der Konzerne, sei damit ausgeschlossen.
Nur der grüne Umweltminister Jürgen Trittin ist den Konzernchefs ganz und gar nicht geheuer. Dem ausgewiesenen Atomkraftgegner, so verlangte Viag-Lenker Simson, müsse von Anfang an die "Bundesaufsicht über die Kernkraftwerke" entzogen werden.
Gelassener reagiert PreussenElektra-Chef Harig. "Wenn Revolutionäre erst im Amt sind", hat er beobachtet, "werden sie plötzlich realistisch."
[Grafiktext]
Strahlendes Vermächtnis Kernkraftwerke in Deutschland und ihre Eigentümer Bruttoleistung Inbetrieb- Hauptgesellschafter in Megawatt nahme Obrigheim Energie Baden-Württemberg (63%) 357 Okt. 1968 Stade PreussenElektra (66,6 %) 672 Jan. 1972 Biblis A RWE (100%) 1225 Aug. 1974 Biblis B RWE (100%) 1300 April 1976 Neckarwestheim 1 Neckarwerke (70%) 840 Juni 1976 Brunsbüttel HEW (66,6%) 806 Juli 1976 Isar 1 Bayernwerk (50%) 907 Dez. 1977 Unterweser PreussenElektra (100%) 1350 Sept. 1978 Philippsburg 1 Energie Baden-Württemberg (100%) 926 Mai 1979 Grafenrheinfeld Bayernwerk (100%) 1345 Dez. 1981 Krümmel HEW (50%) 1316 Sept. 1983 PreussenElektra (50%) Grohnde PreussenElektra (50%) 1430 Sept. 1984 Gemeinschaftswerk Weser (50 %) Gundremmingen B RWE (75%) 1344 März 1984 Gundremmingen C RWE (75%) 1344 Nov. 1984 Philippsburg 2 Energie Baden-Württemberg (100%) 1424 Dez. 1984 Brokdorf PreussenElektra (80%) 1440 Okt. 1986 Isar 2 Bayernwerk (40%) 1440 Jan. 1988 Emsland VEW (75%) 1363 April 1988 Neckarwestheim 2 Neckarwerke (70%) 1365 Jan. 1989
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kernkraftwerke in Deutschland und ihre Besitzer
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Strahlendes Vermächtnis Kernkraftwerke in Deutschland und ihre Eigentümer Bruttoleistung Inbetrieb- Hauptgesellschafter in Megawatt nahme Obrigheim Energie Baden-Württemberg (63%) 357 Okt. 1968 Stade PreussenElektra (66,6 %) 672 Jan. 1972 Biblis A RWE (100%) 1225 Aug. 1974 Biblis B RWE (100%) 1300 April 1976 Neckarwestheim 1 Neckarwerke (70%) 840 Juni 1976 Brunsbüttel HEW (66,6%) 806 Juli 1976 Isar 1 Bayernwerk (50%) 907 Dez. 1977 Unterweser PreussenElektra (100%) 1350 Sept. 1978 Philippsburg 1 Energie Baden-Württemberg (100%) 926 Mai 1979 Grafenrheinfeld Bayernwerk (100%) 1345 Dez. 1981 Krümmel HEW (50%) 1316 Sept. 1983 PreussenElektra (50%) Grohnde PreussenElektra (50%) 1430 Sept. 1984 Gemeinschaftswerk Weser (50 %) Gundremmingen B RWE (75%) 1344 März 1984 Gundremmingen C RWE (75%) 1344 Nov. 1984 Philippsburg 2 Energie Baden-Württemberg (100%) 1424 Dez. 1984 Brokdorf PreussenElektra (80%) 1440 Okt. 1986 Isar 2 Bayernwerk (40%) 1440 Jan. 1988 Emsland VEW (75%) 1363 April 1988 Neckarwestheim 2 Neckarwerke (70%) 1365 Jan. 1989
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kernkraftwerke in Deutschland und ihre Besitzer
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 44/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ATOMENERGIE:
Meiler für Meiler

  • Mutter und Topsportlerin: "Wie wäre es, wenn wir wirklich verrückt träumen?"
  • 1,9 Millionen Euro pro Dosis: Teuerste Arznei der Welt zugelassen
  • Aggressionsforschung: Wie entsteht Gewalt?
  • FPÖ-regierte Stadt Wels: "Von der FPÖ bin ich nicht enttäuscht, wieso?"