26.10.1998

TENNISChefsuche ist Chefsache

Wer folgt auf Claus Stauder als Präsident des Deutschen Tennis Bundes? Hinter den Kulissen hat Boris Becker die Strippen gezogen: Mit dem Essener Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner will er den DTB vom Funktionärsmuff befreien und in eine Entertainment-Maschine umwandeln.
Niemand sollte von dem Ereignis wissen, das da bevorstand. Nicht einmal jene Menschen waren eingeweiht, die sich gern "Vertraute des Präsidenten" nennen. "Wenn man so etwas vorhat, dann kann man es nur überraschend machen", sagt Claus Stauder, 60, Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB).
Bloß einen Mann informierte er doch: Boris Becker, selbstverständlich. Nach 14 Jahren, erzählte Stauder dem DTB-Teamchef, werde er im Februar von seinem Amt zurücktreten - schließlich beginne "eine neue Ära", und die solle von "neuen Leuten" gestaltet werden. Natürlich drückte Becker sein Bedauern über den Schritt seines Präsidenten aus. Dann sagte er, daß er Stauder verstehen könne. Und dann war er bei dem Thema, das ihn wirklich interessierte: Wer soll der Neue sein, der nächste Vorsitzende von 2,155 Millionen Mitgliedern?
Wer, darum vor allem geht es Becker, kann sein Gefährte werden bei dem diffizilen Unterfangen, aus dem noch immer ein bißchen muffigen weißen Sport eine Entertainment-Maschine zu machen? Es müsse jemand sein, der wirtschaftlich unabhängig sei, meint Becker, ein dynamischer Mann von Niveau, nicht unbedingt also ein deutscher Sportfunktionär.
Der Name kam Becker schnell; das könnte funktionieren, meinte Stauder beeindruckt. Der Brauerei-Besitzer will nun durch die Gremien tingeln und in den wichtigsten der 18 Landesverbände, die den nächsten DTB-Patron wählen, für Beckers Idee werben. Vorher, das verabredeten die beiden, dürfe der Klarname ihres Mister X nicht bekanntwerden.
So befindet sich der dreimalige Wimbledonsieger Becker wieder mitten in einem großen Match, und es ist wie damals, wenn es im fünften Satz 5:5 stand: Jetzt werden die Big Points ausgespielt, jetzt kriegt Becker seinen manischen Blick - denn von jetzt an gibt es nichts anderes auf der Welt, nur noch Kampf. "Business ist wie Tennis", sagt Becker, "man schlägt sich ein paar verbale Returns um die Ohren, und im richtigen Moment setzt man ein As."
Es geht in diesen Wochen nämlich um so ziemlich alles, was wichtig ist im Profitennis. Funktionäre und Agenturen, Sponsoren und Sportler ringen in einem zuweilen schwer durchschaubaren Gestrüpp um Vorteile und Verträge; jeder ist irgendwie mit jedem verbandelt, und oft genug stehen sich zwei, die in einem Geschäft Partner sind, im nächsten als Gegner gegenüber.
In Deutschland, dem wichtigsten Markt, wird der Verband neu strukturiert und besetzt, wechseln die besten Spieler ihre Manager und Trainer, laufen 1999 Fernsehverträge aus. Weltweit steht eine Reform der gesamten Turnierserie an. Und überall mischt der junge Mann aus München-Bogenhausen mit, der vor 14 Jahren mit der mittleren Reife vom Gymnasium abging und sich nun, zum Start ins wahre Berufsleben, vorgenommen hat, das meiste anders und alles besser zu machen als Leute wie Ion Tiriac oder Mark McCormack.
Ob Becker das schafft, ist allerdings fraglich. Denn in der vergangenen Woche fing er sich eine Niederlage ein, die ungefähr so heftig war wie jene Tracht Prügel, die ihm Pete Sampras 1997 zum Abschied vom Centre Court von Wimbledon verpaßte.
Monatelang hatte sich Becker für eine Reform des Welttennis eingesetzt. Neben den vier Grand-Slam-Turnieren sollte es künftig zehn große Veranstaltungen geben. Vor den Australian Open, künftig im März, wäre in Städten wie Tokio und Sydney gespielt worden, vor den French Open in Rom, Monte Carlo und Hamburg, vor Wimbledon in Halle/Westfalen und Queens (England), vor den U. S. Open in Cincinnati und Key Biscayne, vor der Weltmeisterschaft in Europas Hallen. Die 50 Besten wären überall dabeigewesen, dazu 14 Qualifikanten, die Preisgelder wären gigantisch gewesen, und für die Stars hätte es feste Gehälter gegeben. Es wäre eine Formel 1 des Tennis geworden.
Das Konzept machte durchaus Sinn, weil die alte Tour der Spielervereinigung ATP mit ihren 76 Turnieren so unübersichtlich ist, daß Profis wie der Chilene Marcelo Rios "keine Ahnung haben, wer warum wo wie viele Weltranglistenpunkte erhält".
Also hatte sich Becker mit Prisma verbündet, einer Agentur, die zu 55 Prozent Leo Kirch gehört und deren Managing Director Peter Sprogis wenig ohne Absprache mit der Kirch-Zentrale macht. Prisma versuchte, die ATP zu umgarnen. Und als deren Manager absagten, weil sie das Verschwinden ihres Sports im Bezahlfernsehen fürchteten, war Plan B fällig: Die Veranstalter der Grand Slams und die Gastgeber der wichtigsten Turniere sollten zum Bruch mit der ATP überredet werden. Es gab einen Vertragsentwurf über zehn Jahre, und darin stand etwas von weltweiter Vermarktung durch Prisma; der Preis sollte "geheim" bleiben. Fast eine halbe Milliarde Mark sei geboten worden, so ein Insider. "Boris hat sich unglaublich reingehängt und seine Sache eindrucksvoll vorgetragen", schwärmt Stauder.
Doch Beckers Plan war ebenso frech und gewaltig wie jener der Agentur Media Partners, die eine Fußball-Europaliga gründen wollte - und ähnlich aussichtslos. In der vergangenen Woche sagten die Veranstalter der wichtigsten Turniere Prisma ab.
Die ATP hat schließlich längst beschlossen, ab 1999 ihre Turnierserie zu reformieren: Sie macht die Weltrangliste durchschaubar, indem sie alle Spieler zu Jahresbeginn bei Null starten läßt; und sie hat sich mit den Agenturen ISL und Octagon zusammengetan, die die Vermarktung neu gestalten. Eine Konkurrenztour und damit noch mehr Verwirrung sei das letzte, was der brüchige Tennismarkt brauche, sagte ein Amerikaner bei dem Meeting in London; zu aggressiv waren ihm Becker und Prisma dahergekommen.
Beckers Vorstoß sei einem "Hostile takeover", einer feindlichen Übernahme, sehr ähnlich, meint ISL-Manager Daniel Beauvois, "es gibt keinen Menschen in der Tenniswelt, der das ernstgenommen hätte". Wie Dreck habe die Kirch-Firma die ATP behandelt, sagt Beauvois dann, ihm tue vor allem Becker leid, der "nicht gut beraten" und selber noch "sehr unerfahren" sei: "Boris ist durch diese Sache erheblich beschädigt worden."
Das kann man so sehen, aber Beauvois, der einst selbst bei der Kirch-Tochter ISPR war, ist kein Gutachter, sondern Partei in diesem Spiel. Und einen Satz gewann Becker doch noch: Für 30 Millionen Mark konnte sich Prisma die Fernsehrechte dreier Wimbledon-Turniere sichern - Konkurrent Ufa war bei 15 Millionen ausgestiegen.
Trotzdem, es ist ein zäher Start in die neue Karriere. Daß Niederlagen auch zum Wettstreit in der Schlips-und-Kragen-Welt gehören, hat Becker früh erkannt: Jede Panne, die er sich erlaubt, löst eine Welle von Süffisanz und Häme aus. "Ein Manager ist ja auch kein guter Tennisspieler, nur weil er sich im Trainingsanzug fotografieren läßt", sagt Gerhard Weber, Turniergründer aus Halle/Westfalen. "Nutella vom Messer lecken reicht nicht", ließ Tiriac wissen.
Höhnisch wurde auch die Besetzung seiner Firma Boris Becker Marketing (BBM) kommentiert, weil Becker die Kumpels Markus Zoecke und Udo Riglewski angestellt hat, die ihn noch wie damals auf dem Tennisplatz mit "Baron" anreden.
Eigentlich hatte er mit Stephan Holthoff-Pförtner, 50, einem Essener Anwalt, eine Firma aufziehen wollen. Doch Holthoff-Pförtner, als Tennischef beim Bundesligaverein Etuf Essen durchaus fachkundig, bestand auf einer "50:50-Partnerschaft". Davor schreckte Becker zurück. Zu groß war seine Angst, daß sich wieder jemand auf seine Kosten die Taschen füllen wollte.
Vor einigen Wochen holte sich Becker dann doch Hilfe von außen: Es kamen Marco Casanova, smarter Sohn eines Schweizer Politikers, sowie Peer Zebergs, zuletzt ATP-Vizepräsident, zu BBM; die Öffentlichkeitsarbeit übernahm die Münchner Agentur Lübmedia.
Ein Kindergarten ist BBM also nicht mehr, und viele, die zunächst gelacht hatten, fühlen sich nicht mehr ganz so stark. Der DTB-Generalsekretär Günter Sanders beispielsweise wird künftig auf Kompetenzen und vermutlich auch auf einen Teil seines 600 000-Mark-Gehalts verzichten müssen - wenn er überhaupt bleiben darf.
Sanders war schließlich der Mann, der der Familie Graf einst die verbotenen Antrittsgelder in Plastiktüten überreichte. Und Sanders war der Daviscup-Delegationsleiter, der in Moskau mal erwischt wurde, als er zu viele Kaviardöschen im Gepäck hatte - mithin kein Mann für Becker, der Menschen nach einem Schema bewertet, das sich aus Begriffen wie Souveränität, Reichtum, Stil zusammensetzt.
Im deutschen Tennis sitzt der dreifache Becker - zugleich Nachwuchsförderer, Vermarkter und Daviscup-Teamchef - längst "auf der Schaltstelle" (Stauder). Und auf diesem schönen Platz überlegte er, wer unter ihm DTB-Präsident werden könnte. Daß er Mark Wössner, den scheidenden Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden, ausgeguckt habe, galt unter Beckers Vertrauten zunächst als sicher; als neulich Michael Stich seinen 30. Geburtstag feierte, wurden Wetten auf Wössner angeboten. "Mir ist davon nichts bekannt", sagte Wössner Ende voriger Woche.
Becker war in seinen Gedanken nämlich wieder bei Holthoff-Pförtner angekommen. Der Jurist ist Adoptivsohn jener Familie, der der WAZ-Konzern gehört; seine Firmen hat Holthoff-Pförtner in der Hopf-Holding sortiert, zu deren Gesellschaften die Sportmarketing Ruhr (SMR) zählt, die sich um Tennis, Reiten und Motorsport kümmert. Sportlicher Leiter der SMR ist Eric Jelen, Beckers alter Daviscup-Gefährte.
Holthoff-Pförtner gilt zudem als Vertrauter von Spielern wie Hendrik Dreekmann und Nicolas Kiefer, die mit ihrem Manager Gerhard Weber zunehmend unzufrieden waren und sich nach der Trennung von Weber in Holthoff-Pförtners Obhut begeben haben.
Er sei von Becker und von Stauder angesprochen worden, bestätigte Holthoff-Pförtner am Freitag, und er wolle bis zum Mittwoch dieser Woche Sondierungsgespräche führen, ehe er sich zur Kandidatur entscheide. Das Ziel eines Präsidenten Holthoff-Pförtner sei es dann, den föderalistischen DTB in eine neue Form zu gießen, "denn da liegt das Hauptproblem: Die Organisation des Verbandes ist geradezu anachronistisch, weil das Präsidium praktisch nicht handlungsfähig ist". So würde er also ein Ehrenamt auf Zeit übernehmen, "in dem ich mich selbst überflüssig mache", weil am Ende seiner Amtszeit ein straffes Management zugange sein soll.
Das aber heißt auch, daß Holthoff-Pförtner jene Verbandsfürsten entmachten will, die ihn vorher wählen sollen. Ob Becker also auf diesem Spielfeld gewinnen kann? Einerseits halten viele der Landesvorsitzenden Holthoff-Pförtner durchaus für einen "guten Mann, den man sich anschauen müßte", wie Johann Stadtlander, Verbandschef von Niedersachsen, sagt. "Keine Vorbehalte", meint auch der Bayer Georg von Waldenfels.
Andererseits hat der Kandidat aber eben jenen Nachteil, Kandidat von Beckers Gnaden zu sein. Und die wachsende Machtfülle des gebürtigen Leimeners, der für sich einst einen mit jährlich 2,6 Millionen Mark dotierten Kooperationsvertrag herausholen konnte, ohne daß er dem DTB dafür besondere Dienste schuldete, sind sämtliche Landesfürsten gründlich leid.
Der alte Präsident Stauder, sagen sie, sei ja 14 Jahre lang im Prinzip ein guter Vorsitzender gewesen. Unzufrieden waren sie nur, weil es, so berichtet Stadtlander, bei sämtlichen Sitzungen geheißen habe: "Ich habe mit Boris telefoniert, der Boris hat dies und das gesagt." Vor allem "diese extreme Orientierung Richtung Boris Becker" wirft auch Waldenfels dem Präsidenten vor. Lauter einsame Entscheidungen seien da getroffen worden, sagt ein Dritter, und all diese Entscheidungen hätten Becker gestärkt. Kommt jetzt also die Chance, endlich Nein zu sagen? Soll Stadtlander, das überlegt er in diesen Tagen, nicht doch selbst antreten?
Es sind halt immer noch Welten, die sich da regelmäßig am Hamburger Rothenbaum treffen. Im Sommer zum Beispiel saßen einige Funktionäre beisammen und sichteten die Unterlagen der DTB Holding. Dabei stießen sie auf einen dicken Haufen: Boris Beckers Spesen. Und was sie da erblickten, machte sie sprachlos.
Denn daß auf diesem Planeten irgend jemand auf die Idee kommen könnte, für eine Dienstreise nach Saarbrücken ein Privatflugzeug zu chartern oder während eines zweitägigen Aufenthalts einen Flieger einfach kostenpflichtig warten zu lassen - etwas derart Dekadentes hatten die Funktionäre des Deutschen Tennis Bundes für schlicht undenkbar gehalten.

DER SPIEGEL 44/1998
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