16.11.1998

GESCHICHTEDer väterliche Unsympath

Wer war Kaiser Augustus wirklich? Eine neue Biographie würdigt den römischen Autokraten als überraschend modernes PR-Genie.
Er schlief gern lang, haßte grelle Sonne, schätzte das Würfelspiel, war abergläubisch und litt im Alter an Blasensteinen. Seine Augen waren blaugrau, auf dem linken Bein hinkte er leicht, und Fremdsprachen konnte er schlecht. Aber was er dachte, weiß niemand. Dabei kennt den Mann jedes Kind schon aus der Weihnachtsgeschichte: Augustus, der Volkszähler, Cäsars Adoptivsohn, Roms Lenker.
Natürlich haben Geschichtsschreiber seine Taten überliefert, Dichter seinen Ruhm besungen. Aber wenn es um seinen Charakter oder gar um die Motive und Absichten seiner Politik geht, sind die Experten unsicher. "Da liegt ein Schatten drüber", sagt Jochen Bleicken, Historiker in Göttingen. Manchmal kommt es ihm vor, als habe sich das Leben des Regenten "auf einer Bühne abgespielt, wo das aufgeführt wurde, was Augustus gerade darzustellen wünschte", so übermenschlich, so deprimierend unausweichlich wirkt sein Erfolg.
Bleicken, 72, hat trotzdem nicht resigniert. Der Antike-Spezialist, dessen Sachlichkeit von Kollegen gerühmt wird, hat in seinem jüngsten Buch die Rätselgestalt Augustus einfach als Erzähler angepackt, im Bild seiner Taten - und sie so von einigen hartnäckigen Legenden gesäubert**.
Zum Beispiel der vom Friedensfürsten. In einem Rechenschaftsbericht, bald nach seinem Tode im ganzen Reich auf steinernen Tafeln zu lesen, rühmte sich Augustus, daß unter seiner Herrschaft so oft wie nie zuvor im Römerreich die Waffen geschwiegen hätten. Eine ziemlich dreiste Art, die Wahrheit zu bemänteln: Ans Ruder gelangt war der politische Nobody durch Mord, Verwüstung und Vertreibung. Nur weil er es so gewollt hatte, besaß Rom nun ein stehendes Heer, das besoldet, verpflegt und in jährlichen Feldzügen kampftüchtig gehalten werden mußte.
Diese "Militärherrschaft" (Bleicken) war das Ergebnis zäher, erbitterter Machtkämpfe. Schon im Bürgerkrieg nach Cäsars Ermordung war der junge Augustus - damals unter dem Namen
* Rechts: Statue von Primaporta (Kopie aus dem 1. Jahrhundert nach Christus), jetzt im Vatikan; unten: Gemälde von Karl Theodor von Piloty (1865).
** Jochen Bleicken: "Augustus. Eine Biographie". Alexander Fest Verlag, Berlin; 800 Seiten; 78 Mark.
Octavian - als Bluthund bekannt geworden. Durch einen brutalen Putsch hatte er im Jahre 43 vor Christus die Macht in Rom erlangt. In Absprache mit seinen damaligen Verbündeten, den erfahrenen Generälen Antonius und Lepidus, waren bald darauf unzählige römische Bürger, die republikanisch dachten und deshalb zu den Cäsar-Mördern Brutus und Cassius hielten, auf Todeslisten ausgeschrieben worden.
Der prominente Redner und Autor Cicero, zeitweise sogar auf Octavians Seite aktiv und als "Hüter der Verfassung" politisch engagiert wie wenige, fiel diesen "Proskriptionen" als einer der ersten zum Opfer: Geächtet irrte er durch Italien, bis die Häscher ihn einholten, ihm Kopf und Hände abschlugen und die grausigen Trophäen auf seiner alten Rednerbühne, mitten auf Roms Forum, zur Schau stellten.
Tausenden erging es ähnlich, bis ein großer Teil des alten Adels ausgerottet war.
* Rechts: Münze aus dem Jahre 8 vor Christus; unten: Historiengemälde von 1864/65.
Octavian, politisch wie militärisch ein Newcomer ohne heldenhafte Vergangenheit, schien sich ein für allemal als "ganz gewöhnlicher Terrorist" und "meistgehaßter Mann Italiens" (Bleicken) profiliert zu haben. Eisenhart erledigte er im folgenden Jahrzehnt mit seinen Söldnertruppen die übrigen Rivalen, bis endlich auch Antonius und dessen Geliebte, die ägyptische Königin Kleopatra, Selbstmord begingen.
Aber auch als unangefochtenes Staatsoberhaupt war Octavian kein Friedensfürst: Auf sein Konto geht die erste abendländische Bücherverbrennung (von Schriften eines hartnäckigen Kritikers). Angehörige, die gegen sein familiäres Leitbild aufmuckten, nannte er "Eiterbeulen" oder "Krebsgeschwüre" und ließ sie auf einsamen Inseln internieren. Andere Mißliebige erhielten kommentarlos den Verbannungsbefehl - wie der Liebesdichter Ovid, der bis zu seinem Tod nicht erfuhr, für welches Vergehen er eigentlich fern am Schwarzen Meer zu büßen hatte.
Noch im Privatesten, so Bleicken, setzte der Regent skrupellos seine Wünsche durch:
Kaum daß Octavian in Rom Livia begegnet war, entbrannte er in leidenschaftlicher Liebe zu ihr; er begann sofort ein Verhältnis, und dies, obwohl seine Ehe mit Scribonia erst ein Jahr währte und diese zudem von ihm schwanger war. Auch Livia war schwanger, und ihr Gatte, Claudius Nero, mußte sich trotz dieses ihres Zustandes scheiden lassen, damit sie sich sofort mit Octavian wiederverheiraten konnte.
Der Mann mit dem Zartgefühl eines Mauerbrechers hätte wirklich alle Chancen gehabt, als purer Unsympath in die Geschichte einzugehen. Daß Augustus trotzdem jahrhundertelang als Lichtgestalt klassischer Kultur gelten konnte, verdankte er einer Doppelbegabung sondergleichen: seiner Kunst der Selbstdarstellung und seinem unfehlbaren Machtinstinkt.
Die alte Führungsschicht der Republik, verkörpert im römischen Senat, war während der Bürgerkriege nahezu völlig ausgelöscht worden. Dennoch schaffte der neue Machthaber die Ältestenkammer nicht ab, sondern ließ in komplizierten Stimmverfahren einen neuen Senat wählen, den niemand einfach als Marionettenbühne abtun konnte. Mit dem Ehrentitel "princeps senatus" (Vornehmster im Senat), ohne Diktatorengewalt und Majestätspomp dirigierte Augustus fortan ein Staatsgebilde, das zumindest äußerlich der früheren Republik ähnlich sah.
"Es war mehr als eine Fassade", erklärt Jochen Bleicken energisch. Die Prinzipatsherrschaft, von berühmten Experten wie Theodor Mommsen oder Ronald Syme für bloße Spiegelfechterei erklärt, bot laut Bleicken die einzig denkbare Monarchie-Lösung. Denn nur auf behutsame, kaschierte Art konnte man Roms zerstrittene Bürger neu einigen: Schließlich war Cäsar ermordet worden, sobald er sich zum Diktator auf Lebenszeit gemacht hatte.
Sorgsam vermied Augustus darum jedes Zeichen offener Autokratie. Traditionelle Führungsrollen, etwa die Provinzverwaltung, teilte er demonstrativ mit dem Senat. Das höchste Regierungsamt, die Konsulwürde, gab er auf, um sich zum "Volkstribun" küren zu lassen - ein geschicktes populistisches Manöver. Das Staatswesen steuerte er ohnehin über wenige Männerfreundschaften, etwa mit dem General und späteren Bauherrn Agrippa. Auch im eigentlichen Machtzirkel waren Abkömmlinge altbekannter Sippen mit neuen Macherfiguren so klug gemischt, daß ihm öffentliches Zutrauen sicher war.
Über die Generationen hinweg brachte Augustus so aus Altkonservativen und geistig heimatlosen Kindern der Bürgerkriegsjahre allmählich eine neue Führungsschicht zusammen. Und wer nicht gleich mitmachte, den überzeugte mit der Zeit ein ausgeklügeltes PR-Programm.
Schon im Jahr 36 vor Christus - noch tobten die Machtkämpfe - hatte Roms neuer Herrscher gleich neben seinem dezenten Haus auf dem Palatin einen Tempel für den Kulturgott Apollo bauen lassen. Planvoll verzahnte Augustus seither Religion und Staatsmacht. Er ließ sich vom Senat bestätigen, daß er jederzeit einen Lorbeerkranz tragen dürfe, das Abzeichen der Sieger. Auf Münzen - entscheidenden Polit-Signalen in einer Zeit, wo nur die wenigsten lesen konnten - trat der Regent Seit an Seit mit der Sieges- oder Friedensgöttin auf. Später erschien sogar neben den kleinen Ortsgeistern, den Laren, die an vielen Kreuzungen ihre Altärchen stehen hatten, eine neue Figur: der Genius des Augustus.
Wie ein allgegenwärtiges Honecker-Foto prägte sich das Bild des Regenten so ins kollektive Bewußtsein. Statuen zeigten ihn als Feldherrn oder Opferpriester mit amtlich genormtem, nicht alterndem Gesicht. Neben diesen Ikonen, die im Osten wie Götterbilder verehrt wurden, erhob eine gewaltige Propagandamaschine Augustus zur einzigen Hoffnung des schwer gebeutelten Reichs.
Poeten und Geschichtsschreiber machten bei der Verklärung kräftig mit: Die alten Geschichten von Recken der Frühzeit und vom Aufstieg des Römervolks, alles mußte plötzlich auf den kommenden Herrscher hindeuten. Zwar wurden viele Kraftgestalten durch die ideologische Vereinnahmung zu "farblosen, langweiligen Tugendbolden" (Bleicken). Aber eine von oben verordnete Historie ertrugen Roms Intellektuelle lieber als kalte Tyrannei.
Höhepunkt des neuen Staatsbewußtseins war eine pompöse Feier im Jahre 17 vor Christus Bei diesem großen religiösen Zapfenstreich zur Begrüßung der neuen Weltepoche stand Augustus im Mittelpunkt. Er nahm an den nächtlichen Opfern teil, vor ihm sang ein Chor aus dreimal neun Mädchen und Jungen das eigens von Horaz verfaßte "Säkulargedicht", das rosige Zeiten versprach.
Mit aller Energie wollte Augustus dieses Bild der heilen Römerwelt durchsetzen, selbst wenn er dafür die Untertanen in eine Zwangsjacke neuer Vorschriften pressen mußte. Höhepunkt seiner Sozialreformen waren Ehegesetze, die Männer über 25 und Frauen ab 20 zur Heirat zwangen. Jedes Paar sollte mindestens drei Kinder bekommen. Seitensprünge wurden unter Strafe gestellt. Beim Tod der Ehefrau oder im Fall der Scheidung hatte ein Mann nur hundert Tage Zeit, sich eine neue Gattin zu suchen.
Natürlich begann sofort die Suche nach Schlupflöchern, um das drakonische Reglement zu umgehen. Kerkerhaft brauchten Heiratsunwillige nicht zu fürchten. Aber der Herrscher mochte seine derben Pläne zur Volksgesundung auch nicht mildern. Ausgerechnet er, der sich privat jede Freiheit erlaubte, spielte das Tugendvorbild, den Oberlehrer in Sachen Sittlichkeit.
Jochen Bleicken mag die kalkulierte Selbstdarstellung des Augustus nicht beschönigen. "Seine Frömmigkeit gegenüber den Göttern zielte, soweit sie nicht seine Treue zur altrömischen Tradition demonstrieren sollte, auf ihn selbst. Seine nicht weniger gelobte Gerechtigkeit war ihm nichts anderes als ein Werkzeug zur Durchsetzung politischer Ziele und zur Belohnung von Anhängern. Er schien ohne Gemüt und ohne Humor. Seine Rührung war meist Theater."
Und trotzdem spricht die Charakter-Bilanz am Ende nicht restlos gegen Augustus. Nur als "pater patriae", als Vater des Vaterlandes und Halbgott zu Lebzeiten, konnte er Einheit stiften und bewahren. Aus dem "stumpfen Kommißstiefel" (Bleicken) der Bürgerkriege mußte einfach ein strenger, sorgender Landesvater werden - hätten seine Gegner gesiegt, wäre auch ihnen nichts anderes übriggeblieben.
Leicht fallen konnte ihm das selbstverordnete Pflichtprogramm kaum: Es forderte totalen Einsatz. Noch auf der Totenbahre soll Augustus gefragt haben, ob er seine Rolle als Staatsbaumeister gut gespielt habe: "Wenn ja, dann solltet ihr klatschen." Wer hinter der Schauspielermaske steckte, war ihm gleichgültig, auch wenn er selbst sie trug.
Schon mit einem großen Vorgänger war Augustus so umgegangen: Mit Alexander dem Großen, der vor lauter Weltherrschaftswahn nicht mehr zur Realität zurückgefunden hatte. Nach der Entscheidungsschlacht bei Actium im Jahre 32 vor Christus, die ihn endgültig zum alleinigen Machthaber werden ließ, hatte Augustus sich in Ägyptens Metropole Alexandria den fast 300 Jahre alten Leichnam des makedonischen Eroberers zeigen lassen. Er krönte die Mumie mit einem goldenen Kranz, streute Blumen über sie aus und berührte kurz das Gesicht des Helden - wobei laut einem böswilligen Chronisten die Nase des Toten abbrach.
Für die Gräber der Pharaonen nebenan interessierte sich Augustus kein bißchen. Er sei nicht gekommen, Leichname zu betrachten, sagte er, sondern einen König.
JOHANNES SALTZWEDEL
* Rechts: Statue von Primaporta (Kopie aus dem 1. Jahrhundert nach Christus), jetzt im Vatikan; unten: Gemälde von Karl Theodor von Piloty (1865). ** Jochen Bleicken: "Augustus. Eine Biographie". Alexander Fest Verlag, Berlin; 800 Seiten; 78 Mark. * Rechts: Münze aus dem Jahre 8 vor Christus; unten: Historiengemälde von 1864/65.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 47/1998
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