23.11.1998

ZEITGESCHICHTEFischer am Tisch

Einst in jüdischem Besitz, dann von den Nazis geraubt, später in Museen gelandet: Eine Rechercheurin sucht Gemälde, die Holocaust-Opfern gehörten.
Auf der Inventarliste Ismar Littmanns sind 5814 Grafiken aufgezählt, darunter Werke von Lovis Corinth und Emil Nolde, von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Littmann war Jude. Der Breslauer Anwalt nahm sich 1934 das Leben, als er seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte. Die Nazis beschlagnahmten seine Sammlung expressionistischer Kunst und verstreuten sie über ganz Europa.
Anja Heuß, 34, will die Grafiken des Anwalts aufstöbern. Sie sucht Kunstwerke im Auftrag der "Conference on Jewish Material Claims against Germany". Diese Organisation erhebt im Namen der Holocaust-Opfer Anspruch auf Entschädigung oder Rückgabe jüdischen Eigentums, das dem Fiskus verfällt, wenn sich keine Erben melden. Und nur wenige jüdische Kunstsammler haben derart detaillierte Verzeichnisse hinterlassen wie der Breslauer Expressionismus-Liebhaber Littmann.
Die Not zwang Deutschlands Juden zum Verkauf. Wer von ihnen auswandern wollte, mußte eine "Reichsfluchtsteuer" bezahlen, die zumeist fast das gesamte Vermögen kostete. "Judenauktionen" hießen die Versteigerungen, auf denen Kunst aus jüdischem Besitz öffentlich feilgeboten wurde.
Moderne Kunstwerke, als "entartet" verfemt, beschlagnahmten die NS-Behörden seit 1937 direkt und verhökerten sie ins
*"Olivenbäume vor dem Alpillen-Gebirge"; "Zwei Mädchenakte".
Ausland, der Devisen wegen. Als vier Jahre später die Deportationen in die Vernichtungslager des Ostens begannen, mußten die Opfer vor dem Abtransport ihren Kunstbesitz zu Protokoll geben. Die Gestapo zog Gemälde und Grafiken, Kunstgewerbe und Antiquitäten ein.
"Das ist mein Lieblingsbild", sagt Heuß und zeigt liebevoll auf ein Schwarzweiß-Foto von Max Pechsteins Gemälde "Fischer am Tisch". Das Original gehörte einst zu Littmanns Besitz. Seine Erben wollten es, gemeinsam mit anderen Werken, 1935 in Berlin versteigern, um damit ihre Auswanderung zu finanzieren. Die Nazis beschlagnahmten jedoch das Bild und gaben es an die Berliner Nationalgalerie weiter.
Deren Direktor setzte Pechsteins "Fischer" auf eine Liste mit "entarteten" Bildern, welche die Nazis 1937 im Heizungskeller des Berliner Kronprinzenpalais verbrennen ließen. Heuß ist dennoch zuversichtlich, das Bild wiederzufinden. Denn noch kurz nach der vermeintlichen Zerstörung hing es in der Münchner Propaganda-Ausstellung über "Entartete Kunst".
Käufer und Verkäufer von Kunstwerken wurden im Dritten Reich nicht registriert. So war es schierer Zufall, daß Heuß kürzlich im Berliner Landesarchiv 26 Aktenordner mit den Versteigerungslisten der bedeutendsten Berliner Auktionshäuser entdeckte. Jüdischer Besitz ist darin oft mit einem Stern gezeichnet, gelegentlich steht der Name des Käufers dabei.
Ehe Heuß von der Claims Conference die ersten Aufträge erhielt, war sie Germanistin, arbeitslos, und der Holocaust interessierte sie "kein Stück". Doch dann sollte sie 1991 für ein Handbuch den Bestand der Mainzer Universitätsbibliothek beschreiben. In den Regalen standen auch 1200 in blaues Maroquin-Leder gebundene Bände; die Besitzer, eine italienische Familie Sabatini, hatte sie mit ihrem Namen gezeichnet.
Die deutsche Wehrmacht hatte das Haus der bibliophilen Familie 1943 in Pescocostanzo östlich von Rom beschlagnahmt. Mit dem Hausklavier bezahlten die Soldaten eine Prostituierte, die ins feine Leder eingeschlagenen Bücher ließen sie nach Deutschland bringen.
Heuß erzählte dem Mainzer Bibliotheksdirektor aufgeregt und stolz, was sie in seinen Beständen gefunden hatte. Der zeigte sich nicht sonderlich beeindruckt: "Ich habe andere Sorgen, Mädchen." Heuß trank zwei Schnäpse, ließ sich von der Auslandsauskunft die Telefonnummer geben und rief die überraschten Sabatinis an.
Die Erben schalteten den italienischen Botschafter in Bonn ein. Bei der offiziellen Übergabe der Bücher an die Sabatinis gab die stellvertretende Mainzer Universitätsdirektorin Fahnderin Heuß nicht die Hand.
Die Maroquin-Bände waren ein Zufallsfund aus eigenem Antrieb. Seit 1992 arbeitet die Kunstdetektivin Heuß im Sold der Claims Conference.
Deren Frankfurter Büro suchte nach der Wiedervereinigung Mitarbeiter mit Spürsinn und Eigeninitiative. In der alten Bundesrepublik waren bereits in den fünfziger Jahren die Fristen abgelaufen, bis zu denen Kunstwerke aus jüdischem Besitz zurückverlangt werden konnten. Auf Bilder wie "Zwei Mädchenakte", gemalt vom Expressionisten Otto Mueller, das einst in Littmanns Besitz war und heute dem Kölner Museum Ludwig gehört, kann Heuß keinen Anspruch erheben. Was aber noch in ostdeutschen Museen und öffentlichen Galerien hängt, kann die Claims Conference anfordern.
Die Opferorganisation schrieb damals alle großen ostdeutschen Museen an; lediglich zwei gaben an, daß sie ehedem jüdische Besitztümer in ihren Magazinen hätten. Eines der Museen waren die "Kunstsammlungen" in Weimar. Der Museumsbeamte führte Heuß in einen Durchgangsraum. Auf dem Steinboden lagen gut hundert Akten, "völlig unsortiert und in katastrophalem Zustand".
Die Museumsdirektoren, meint Heuß, wollten oft lieber nicht in den Archiven nachforschen, wem denn ihre Schätze ursprünglich gehörten. Sie glaubten, sagt die Kunstdetektivin, "daß eine Erwerbung nur unrechtmäßig sei, wenn kein adäquater Preis gezahlt wurde". In der Nazi-Zeit, weiß Heuß, sei aber jeder Verkauf unter Zwang "unrechtmäßig" gewesen. Sie rechnet "ein Jahr Nörgeln" pro Museum, ehe sie in die Aktenkammern vorstoßen darf.
Dabei geht es ganz schnell, wenn ostdeutsche Museen ihre Bestände durchforsten, etwa um herauszufinden, was die Rote Armee 1945 als Beutekunst verschleppt hat. "Da könnte man auch nach jüdischer Kunst suchen", findet Heuß, zumal die Museen "arisierte" Gemälde, die heute in St. Petersburg und Moskau hängen, von den Russen für ihre eigenen Sammlungen zurückfordern.
Erst neulich wieder ließ ein Kustode im Berliner Kunstgewerbemuseum die Rechercheurin, die um einen Termin gebeten hatte, ärgerlich lange warten. Um sich die Zeit zu vertreiben, blätterte sie im Museumsshop in einem alten Ausstellungskatalog des Kupferstichkabinetts. An Vincent van Goghs "Olivenbäume vor dem Alpillen-Gebirge" von 1889 konnte sie sich sofort erinnern. Die Rohrfederzeichnung gehörte einst dem Breslauer Juden Max Silberberg und wurde 1936 in Berlin versteigert. Die Claims Conference hat inzwischen beim Vermögensamt Berlin Anspruch auf das Acht-Millionen-Mark-Werk erhoben. "Ich bin ein Jäger durch und durch", sagt Heuß stolz.
Dem Berliner Vermögensamt liegen inzwischen mehrere Dutzend Anträge der Opferorganisation vor. Noch sind die Beamten beschäftigt, Immobilien zurückzugeben, Kunstwerke stehen hintenan. Der Claims Conference ist das nur recht. So bleibt Zeit, eine Regelung zu finden, was mit Kunstwerken aus ostdeutschen Museen geschehen soll, falls sich wider Erwarten doch noch Erben oder Ursprungsbesitzer melden.
Einen Rechtsanspruch haben sie nicht, aber die Claims Conference wird die Bilder, das Porzellan, die Statuen, den Schmuck wohl dennoch an sie abgeben - gegen eine Gebühr, die die Kosten für Rechercheure deckt.
Da kommt nicht besonders viel zusammen. Anja Heuß arbeitet auf Stundenbasis, und Provision für Zufallsfunde wie van Goghs "Olivenbäume" sind nicht vorgesehen. KLAUS WIEGREFE
*"Olivenbäume vor dem Alpillen-Gebirge"; "Zwei Mädchenakte".
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 48/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Fischer am Tisch

Video 00:41

SpaceX Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter

  • Video "Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: Trump wird trotzdem weiterregieren" Video 02:37
    Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: "Trump wird trotzdem weiterregieren"
  • Video "Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen" Video 02:16
    Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen
  • Video "Skydiving: Tanz im freien Fall" Video 01:14
    Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Video "Trump zu Ukraine-Anhörungen: Ich will gar nichts!" Video 01:38
    Trump zu Ukraine-Anhörungen: "Ich will gar nichts!"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer" Video 02:33
    Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer
  • Video "Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist" Video 01:56
    Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist
  • Video "Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: Es wirkt lächerlich" Video 02:32
    Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: "Es wirkt lächerlich"
  • Video "Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem Abstieg" Video 01:54
    Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Es war unangebracht, es war unangemessen" Video 03:21
    Impeachment-Anhörung: "Es war unangebracht, es war unangemessen"
  • Video "TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum" Video 02:16
    TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • Video "DFB-Sieg gegen Nordirland: Der Eindruck bleibt bestehen" Video 02:31
    DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Video "Trump über Impeachment-Verfahren: Ich habe noch nie von Vindman gehört" Video 00:56
    Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Video "Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität" Video 02:02
    Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Video "Pompeo zu israelischen Siedlungen: Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf" Video 01:38
    Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Video "SpaceX: Video zeigt Explosion von Starship-Raumtransporter" Video 00:41
    SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter