23.11.1998

ALTERSHEIME„Unser Paradies ist hier“

In einem Seniorenheim auf Mallorca leben betuchte Deutsche mit ungewöhnlichen Biographien. Der U-Boot-Kommandant wohnt neben der berühmten jüdischen Fotografin, der Regisseur vom „Wirtshaus im Spessart“ neben der adligen Kriegerwitwe. Von Bruno Schrep
Über Deutschland ziehen an diesem Novembermorgen die Ausläufer eines Tiefs aus Großbritannien. Heftiger Wind treibt die grauen Wolken von Norden nach Süden, nachmittags beginnt es zu regnen. Die Meteorologen haben Nachtfrost vorhergesagt.
Die Residenz hoch über dem Meer, umgeben von einem tropischen Garten, liegt an diesem Tag in Sonnenlicht getaucht. Die Temperatur beträgt 22 Grad. Der Himmel ist tiefblau. Auf den Balkonen blühen Bougainvilleen, neben den gepflegten Fußwegen wachsen Pinien und Palmen.
Hier, in der Wärme, leben Auswanderer besonderer Art: Das Seniorenheim "Es Castellot" (Das Schlößchen) im Südwesten Mallorcas ist ein Ruhesitz für Deutsche mit ungewöhnlicher Vergangenheit.
In den drei modernen Apartmenthäusern in Santa Ponça, erbaut im spanischen Kolonialstil, wohnen nur Betagte, die sich im Alter Besseres leisten können als andere: Sie müssen Kaltmieten zwischen 2500 und 4000 Mark monatlich bezahlen und notfalls, wenn sie krank oder hilflos werden, auch noch viel mehr.
Unter den Gästen sind Adlige und Ärzte, Naturwissenschaftler und Schauspielerinnen, ehemalige Offiziere und abgedankte Unternehmer. Manche der 79 Bewohner sind fast so alt wie das Jahrhundert und noch immer hellwach, andere, wenige, dämmern ihrem Ende entgegen.
Ein Blick in die Gesichter gleicht einem Blick in einen Spiegel deutscher Geschichte. Da ist die Ärztin, die mit 17 Jahren die Bombardierung Dresdens in einem Luftschutzkeller überlebte. Da ist der alte Soldat, der 1945 die Särge von Hindenburg und dessen Frau vor den anrückenden Russen in den Westen transportieren half, nebst 47 Regimentsfahnen. Da ist die uralte Witwe, die als Kind den König von Sachsen persönlich kennenlernte.
Im Gegensatz zu draußen, wo vor allem Jugend zählt, steigt im Heim das Ansehen mit dem Alter. Karlheinz und Margarete Weyerhorst sind die Jüngsten, beide unter 70. Sie sind noch neu, haben ihr Apartment A 106 erst kürzlich bezogen. In der heimlichen Hierarchie rangieren sie noch unten.
Wie die meisten erfuhren sie durch eine Zeitungsanzeige vom Altersheim auf Mallorca, wie so viele kannten sie die Insel von früheren Urlauben. Als beide zur Besichtigung am schmiedeeisernen Tor standen, die gediegene Pracht sahen, stieß Margarete Weyerhorst ihren Mann in die Seite: "Das isses." Kurz darauf verkauften sie ihr Mietshaus daheim. Zur Erinnerung an ein gemeinsames Leben im Ruhrpott hat Karlheinz Weyerhorst ein Wappen der Stadt Essen an die Wand genagelt.
Gebaut wurde das Schlößchen vom Diakoniewerk, finanziert, mit zehn Millionen Mark, von der evangelischen Genossenschaftsbank. Die Christen, die sonst bei der Altenpflege meistens zusetzen, würden gern einmal daran verdienen. "Verluste machen wir jedenfalls nicht", versichert Leiterin Magret-Ann Adolphs, die früher bei der Diakonie Jugendliche betreute.
Adolphs zählt auf, was in Santa Ponça geboten wird: 80 große und kleine Apartments mit Küche und Bad, wöchentliche Reinigung inklusive. Eine Pflegestation mit acht Betten, für alle Fälle. Zwei Schwimmbäder, behindertengerecht. Ein großer Speisesaal, lichtdurchflutet. Eine umfangreiche Bibliothek, täglich geöffnet. Satellitenfernsehen, Massage. Sieben Krankenschwestern, zwei Köche, ein Arzt. Ein Ersatzdienstleistender. Ein Hausmeister. Sonne, Sonne, Sonne.
Fast alle Alten sind vor dem heimatlichen Klima geflohen. Sie wollen nie mehr deutsche Düsternis ertragen, fürchten die langen Winter, die dabei drohenden Depressionen. "Es ist dieses andere Licht", schwärmt eine Pensionärin, die über 70 Jahre in Norddeutschland gelebt hat. "Nie mehr Eis, nie mehr Schnee, immer diese wunderbar milden Temperaturen."
Waltraud Kreuzritter vom Apartment 604 ist Anfang der Woche trotz des schönen Novemberwetters verzweifelt. Sima, ihre fünfeinhalbjährige Katze, ist seit drei Tagen verschwunden, die alte Dame fürchtet, daß Sima nicht mehr lebt. "Sie war mein größter Trost", gesteht die Witwe. Im Januar ist einer ihrer beiden Söhne gestorben.
Der Schock über Simas Verschwinden hat den Schmerz über den Tod des Sohnes neu entfacht. "Ich war dran zum Sterben, nicht mein Sohn", hadert sie.
Ihr Kummer bringt Unruhe. Die 83jährige klebt selbstgefertigte Suchmeldungen mit einem Foto von Sima an die Wände, erzählt allen, die sie trifft, von ihrem Unglück. Sie stößt auf verständnisvolle Anteilnahme: In "Es Castellot" weiß jeder, was Verlust bedeutet. Das Durchschnittsalter beträgt 81 Jahre.
Weitaus die meisten sind Witwen wie die Gräfin Edith Pilati, 79, und Waltraut von Jagow, 74. Erstere hat ihren Titel nur erheiratet ("Ich selbst hatte kein Krönchen"), letztere verweist beiläufig auf uralten preußischen Adel - feine Unterschiede, die im Schlößchen, wo jeder die Vita des anderen kennt, nicht bedeutungslos sind.
Dabei haben beide vieles gemeinsam. Sie waren selbstbewußt und zäh genug, um sich auch in lausigen Zeiten, in denen Titel nicht mehr viel zählten, durchzusetzen: Die Generalstochter von Jagow wanderte nach dem Krieg nach Spanien aus, mußte nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre beiden Kinder allein durchbringen. Sie bewährte sich in acht verschiedenen Berufen, verkaufte Prothesen, übersetzte bei einer Fluggesellschaft, avancierte zur Expertin von Kunststoffprüfungen. Noch im Alter von 60 Jahren nahm sie einen neuen Job an, um das Studium von Sohn und Tochter zu finanzieren.
Edith Pilati, die schon mit 22 Jahren Kriegerwitwe war und nie wieder heiratete, brachte es immerhin auf fünf verschiedene Tätigkeiten. Die Gräfin, ebenfalls alleinerziehende Mutter, arbeitete als Krankenschwester, Köchin, Hausdame, Anwaltsgehilfin und Kauffrau.
Im Heim werden die Adligen bewundert, beneidet und hofiert - was beide nicht stört. Die Teilnahme am Spanisch-Unterricht von Frau von Jagow gilt als Auszeichnung, die Gräfin, Mitglied des Heimbeirats, bittet nur wenige Auserwählte zum Tee. Ohne Einladung wagt niemand, an ihr Apartment zu klopfen.
Auch sonst wird streng auf Etikette geachtet. Während unten im Ort deutsche und englische Touristen in kurzen Hosen, bedruckten T-Shirts und Turnschuhen flanieren, ziehen sich oben in der Residenz viele Bewohner wie selbstverständlich zum Mittagessen um. Selbst Gehbehinderte, die im Rollstuhl in den Speisesaal geschoben werden müssen, setzen alles daran, elegant auszusehen.
Grau und Schwarz sind verpönt. Zum Essen tragen die alten Damen helle, pastellfarbene Röcke und Blusen, fast alle haben passenden Schmuck angelegt: Perlenketten, Broschen, goldene Armbänder. Die Frage, wer sich zu wem setzt, wer womöglich die Sitzordnung mißachtet, kann Gesprächsstoff für den ganzen Nachmittag liefern.
"Wir reden heute über den Start der neuen Regierung", eröffnet Moderator Arnold Bauer von Apartment B 101 einen politischen Diskurs im Kaminzimmer. Bauer, 83, stellt einmal wöchentlich den ARD-Presseclub nach, streitet mittwochs mit ein paar Interessierten über das gleiche Thema, über das am Sonntag zuvor im Fernsehen diskutiert wurde. Sollen die Zinsen rauf oder runter? Wie stabil wird der Euro? Bundeswehrsoldaten in den Kosovo?
Der Moderator, ein ehemaliger Physikprofessor, kandidierte noch 1990 bei den bayerischen Landtagswahlen für die Grünen, gilt als Linker. Seine Gäste, eher konservativ, geben Kontra - doch Zoff kommt nicht auf. Die Teilnehmer sind heilfroh, über Deutschland reden zu können, ohne deshalb Telefonate zu Verwandten nach Hause führen zu müssen - eine sehr versteckte Form von Heimweh. Sehnsucht nach Hamburg, Düsseldorf oder Berlin zuzugeben gilt als Verrat. Wehmütige Erinnerungen sollen erst gar nicht aufkommen: "Unser Paradies ist jetzt hier", erklärt eine Seniorin kategorisch.
Die Frau gehört zu den ersten, die nach Mallorca übersiedelten. Mit Mißbilligung zählt sie ehemalige Gäste auf, die es nicht aushielten im Garten Eden, nach wenigen Monaten wieder abreisten: den alten Witwer aus Franken, der sich grämte, weil kaum jemand seinen Dialekt verstand und weil die feinen Damen nicht über seine Witze lachten. Die Witwe aus Uetersen, die keine Gesprächspartner fand, trotz Sonnenschein täglich blasser wurde. Den Rentner aus Bayern, der glaubte, abends würde ein Unterhaltungsprogramm geboten wie in den Touristenkneipen im Ort.
Nicht allen, die auf der Insel geblieben sind, fällt es leicht, nur noch von fern zuzuschauen. Manchen im "Es Castellot" ist anzumerken, daß sie früher Macht und Einfluß besaßen, darunter leiden, nie mehr mitmischen zu können.
Einzelne haben vor fast 60 Jahren dazu beigetragen, daß sich die halbe Welt vor deutschem Heldentum fürchtete.
Georg Lassen steht trotz seiner 83 Jahre kerzengerade auf seiner Terrasse, deutet auf das Meer, auf den mit kleinen weißen Wolken bedeckten Himmel. "Als Seemann", sagt der braungebrannte alte Herr, "brauche ich Horizont."
Lassen war U-Boot-Kommandant. Die zehn Jahre bei der Kriegsmarine bezeichnet er noch heute als "meine glücklichste Lebensphase". Alle wichtigen Daten seiner Laufbahn hat er unter der Überschrift "Dienstzeit" akkurat auf einem DIN-A4-Blatt aufgelistet. Er kennt sie auch auswendig. 18. Juni 1935: Als Matrose auf der "Gorch Fock" angemustert. 2. Oktober 1937: Die Bordausbildung auf dem Kreuzer "Leipzig" begonnen. 3. April 1939: Lehrgang angetreten.
Innerhalb eines Jahrzehnts bringt es Lassen vom Seeoffiziersanwärter (5. April 1935) bis zum Korvettenkapitän (1. April 1945). Er wird hoch dekoriert, erhält das Eiserne Kreuz, das Ritterkreuz mit Eichenlaub, sogar, im August 1943, das U-Boot-Kriegsabzeichen mit Brillanten.
Das für ihn bedeutsamste Datum liegt mehr als 57 Jahre zurück: Am 16. Oktober 1941 übernahm er das Kommando über das U-Boot U 160. Den Tag feiert er bis heute alljährlich, manchmal mit wenigen Vertrauten, mitunter ganz allein.
Das Boot legte nach Lassens Aufzeichnungen in 327 Tagen genau 48 377 Seemeilen zurück. Es manövrierte in der Karibik, durchpflügte den Indischen Ozean, tauchte in der Nordsee. Die Bilanz hat der Kommandant in einem Satz zusammengefaßt: "U 160 versenkte 28 Schiffe mit 167 601 Bruttoregistertonnen."
Den Rest seines Lebens, bislang 53 Jahre, bemüht sich der ehemalige Offizier um Haltung. Er muß von vorn anfangen, wird Kaufmann, bringt es bis zum Prokuristen einer großen Firma. Er übersteht einen schweren Verkehrsunfall, bei dem er einen Arm einbüßt, lernt, mit der Behinderung zu leben. Er verliert seine Frau, die nach 55 Jahre Ehe stirbt, muß im Alter allein zurechtkommen.
Lassen klagt nie, tauscht sich auch nie mit anderen Heimbewohnern über Krankheiten aus. Sein Tag hat feste Struktur: Morgens fährt er zum Schwimmen an den Strand, nur wenn es regnet, wandert er statt dessen. Mittags schreibt er Briefe, telefoniert nach Deutschland oder liest. Sein Lieblingsschriftsteller ist Ernst Jünger.
Das gerahmte Foto, das an der Wand seines Apartments hängt, will er bis zu seinem Tod in Ehren halten. Es ist ein Porträt von Großadmiral Karl Dönitz, versehen mit einer handschriftlichen Widmung.
Genauso deutsch, nur mit umgekehrten Vorzeichen, ist die Geschichte der Fotografin Sybille Akers, die zwei Stockwerke höher in Apartment B 404 wohnt. Sie mußte vor denen fliehen, für die ihr Nachbar gekämpft hat.
Die weißhaarige 92jährige, deren Gesicht noch heute frühere Schönheit erahnen läßt, hat vor dem Aufenthalt in "Es Castellot" Jahrzehnte lang nicht deutsch gesprochen. Fast ihr gesamtes Erwachsenenleben verbrachte sie im Ausland, teils unter schwierigen Bedingungen.
Dabei schien ihr ein Leben im Überfluß vorherbestimmt. Ihr Großvater Carl von Kaskel war Mitbegründer der Dresdner Bank, die Großmutter, eine geborene von Oppenheim, galt als reichste Frau Sachsens. Enkelin Sybille wuchs zeitweise in einem von Semper erbauten Palais an der Dresdner Bürgerwiese auf, umgeben von Dienern und Privatlehrern.
Bei der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg verlor die jüdische Familie den Großteil ihres Vermögens, das Aufkommen der Nazis bedeutete Ächtung und Verfolgung. Sybilles Vater, ein Komponist, kam im Ghetto um. Sybille setzte sich rechtzeitig nach Frankreich ab, heiratete einen französischen Marineoffizier.
Die einst verwöhnte höhere Tochter kehrte nur noch einmal nach Deutschland zurück: Bei Kriegsverbrecherprozessen in Dachau übersetzte sie 1945 vom Französischen ins Englische. Da war sie längst, unter dem Namen Sybille de l'Epine, als Künstlerin bekannt.
Um Geld zu verdienen, hatte sie nach ihrer Flucht zu fotografieren begonnen, sich auf Architekturaufnahmen für Zeitungen spezialisiert. Ihre Schwarzweißfotos, kühne, sachlich-kalte Dokumente der beginnenden Moderne, erregten Aufsehen. Später, nachdem sie in die USA ausgewandert war, verlegte sie sich auf Porträtaufnahmen, die mehr einbrachten.
Als ihre Arbeiten kürzlich bei einer Ausstellung über französische Fotografie der dreißiger Jahre wieder gezeigt wurden, erfuhr Sybille Akers nur zufällig davon. Die Veranstalter in Palma de Mallorca wähnten die Künstlerin längst tot.
"Ich habe mich sozusagen selbst überlebt", spottet die rüstige 92jährige. Sie steuert ihren alten Renault noch selbst, fährt fast täglich zum Einkaufen ins Ortszentrum. Seit ihr zweiter Mann, ein Amerikaner, im Heim verstorben ist, hat sie keine Angehörigen mehr.
Die Angst, schon zu Lebzeiten vergessen zu werden, quält viele im Schlößchen. Manche Bewohner reisen jedes Jahr wochenlang nach Deutschland, um Freunde und Verwandte von ihrer Existenz zu überzeugen.
Die Psychoanalytikerin aus dem Rheinland, die Jahrzehnte seelisch Kranke behandelte, fühlt sich auf der Insel isoliert. Von vielen beruflichen und privaten Kontakten sind wenige geblieben. Zwei oder drei ehemalige Patienten schreiben ihr noch.
Manchmal ertappt sich die Medizinerin, wie sie aus Äußerungen von Mitbewohnern Schlüsse zieht, insgeheim die eine oder andere Störung diagnostiziert, therapeutisch eingreifen möchte. Dann fällt ihr ein, daß sie selbst auf Hilfe angewiesen ist: Die 79jährige sitzt im Rollstuhl, kommt nicht einmal allein an alle Fachbücher in ihrem Regal. Sie haßt ihre Behinderung.
Zeitweise denkt sie daran, privat zu praktizieren, sich und anderen zu beweisen, daß sie zumindest geistig noch leistungsfähig ist. Die Idee, eine Anzeige aufzugeben, hat sie jedoch wieder verworfen: "Wer kommt schon hierher zu einer alten, kranken Frau?"
Für Malocher wie Oskar Bogatz, der nur eine kleine Rente bekommt, ist in der Residenz eigentlich kein Platz. "Er ist ein Fall für unser soziales Gewissen", begründet Leiterin Adolphs die große Ausnahme.
Bevor er am Ende seines Lebens erstmals Glück hatte, mußte Oskar Bogatz riesige Mengen Staub schlucken. Wenn in der Zeche "Ewald" Tunnel in den Berg gesprengt wurden, wenn giftiger Qualm Mund und Nase verstopfte, war er als Schießmeister jedesmal mit vorn dran, viele Jahre lang.
Als er den Staub nicht mehr vertrug, übernahm er Gelegenheitsarbeiten, half mal im Krankenhaus, mal auf dem Bau. Bei einem Sturz erlitt er so schwere Hirnverletzungen, daß er zeitweise in geschlossenen Heimen behandelt werden mußte.
Im Alter wurde der ehemalige Bergmann auffällig. Er machte Schulden, stritt sich mit seinen beiden Kindern, vereinsamte, setzte sich nach Mallorca ab. Dort kampierte er zuletzt unter Brücken und ernährte sich von Essensresten, die er aus Mülltonnen klaubte.
Daß er jetzt, mit 87 Jahren, wie ein feiner Herr residiert, pünktlich um 13 Uhr sein Mittagsmenü serviert bekommt, kann der alte Kumpel kaum fassen. "Hier kriegt mich keiner mehr weg", versichert er.
Der gebrechliche Mann mit der braunen Schiebermütze und dem karierten Wollschal, der von seiner Frau gestützt wird, will dagegen unbedingt noch am Donnerstag nach Hause. "Laß uns fahren, bevor es dunkel wird", drängt er, fuchtelt aufgeregt mit seinem Stock. Er glaubt, er müsse am nächsten Tag einen Film zu Ende drehen.
Gedreht hat er früher wirklich, und zwar Filme, die fast jeder kennt: "Ich denke oft an Piroschka", "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", "Das Wirtshaus im Spessart" mit Liselotte Pulver - deutsche Lustspiele, die, nicht typisch, wegen ihrer eleganten, spielerisch-leichten Art verblüfften.
Jetzt ist der Regisseur Kurt Hoffmann 88 Jahre alt und unglücklich. Im Heim, wo er für ein paar Wochen zur Probe wohnt, sich eingewöhnen soll, wirkt er fremd und deplaziert. Er spricht mit niemandem, ißt kaum, hat keinen Blick für das malerische Panorama, redet nur von seinem Studio.
"Wir sind zu spät gekommen, er kann sich nicht mehr an Neues gewöhnen", bedauert seine Frau. "Wenn wir hierbleiben", hat er orakelt, "lebe ich nicht mehr lange."
Solche Prophezeiungen hört in "Es Castellot" niemand gern. So schnell wie Todesanzeigen sind sonst keine Aushänge vom Mitteilungsbrett verschwunden. Die Alten wollen nicht daran erinnert werden, daß die Residenz ihre letzte Station ist.
Schwerkranke werden nicht in Kliniken abgeschoben, sondern bis zuletzt auf der Pflegestation versorgt. Die meisten Bewohner wollen nirgends begraben werden: Sie haben schon bei ihrem Einzug verfügt, daß die Urne mit ihrer Asche im Meer versenkt wird.
Seit Anfang 1997 sind 13 Gäste gestorben, durchschnittlich alle zwei Monate einer. Frau von Jagow bezweifelt, daß diese Zahl stimmt. "Die Verwaltung muß sich verrechnet haben", behauptet sie, "es waren viel weniger."
Ende der Woche freuen sich alle: Die Katze Sima ist zurückgekommen. Sie hinkt zwar ein wenig auf der linken Hinterpfote, ist aber ansonsten wohlauf.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 48/1998
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