23.11.1998

MODELSHart arbeiten, hart leben

Kate Moss sah auf Fotos dünn, erschöpft und dem Kollaps nahe aus - und wurde damit zur Ikone der Neunziger. Nun landete das Supermodel in einer psychiatrischen Klinik: „zuviel Arbeit, zu viele Partys“. Viele ihrer Kolleginnen beginnen den Ausstieg aus dem Geschäft.
Zum Fernsehen hatte Kate Moss fast nie Zeit, obwohl sie die britische Serie "East Enders" ganz gern mag. Höchstens mal nachmittags kam sie dazu, wenn sie müde und zerknautscht aufwachte nach einer Party, die Überlänge gehabt hatte, und sie ausnahmsweise morgens nicht zum Fototermin erscheinen mußte.
Neulich kehrte sie wieder mal gegen drei Uhr morgens in ihre Wohnung im Londoner Stadtteil Maida Vale zurück. Erst hatte sie mit Freunden, darunter der Oasis-Gitarrist Noel Gallagher und seine Frau Meg Matthews, im asiatischen "Southeast W9"- Restaurant gegessen, anschließend hatte sie noch auf einer Party weitergefeiert. Eigentlich war es keine besondere Nacht.
Trotzdem muß irgend etwas nicht ganz glatt gelaufen sein, denn Kate Moss packte ein paar Stunden später ihre Sachen. Am Mittwoch morgen fand sie sich in der Priory-Klinik im Südwesten Londons ein. Dort hat sie erst mal genug Zeit, um "East Enders" zu schauen.
"Privatklinik" ist die diskrete Umschreibung für das psychiatrische Krankenhaus, in das sich Prominente begeben, wenn sie Alkohol und Drogen oder ihre Depressionen nicht mehr unter Kontrolle haben. Der Fußballer Paul Gascoigne machte in der weißen Villa eine Entziehungskur, Paula Yates, Ex-Frau des Musikers Bob Geldof und Witwe des Pop-Stars Michael Hutchence, war hier ebenso Patientin wie die Sängerin Sinead O'Connor und die britische Schauspielerin Emily Lloyd.
"Ich habe viel gearbeitet und zuviel gefeiert", erklärte Moss, 25, der britischen Zeitung "The Mirror" in einem Telefongespräch aus der Klinik. Das amerikanische Magazin "People" widmete dem unglücklichen Model sogleich eine Titelgeschichte, und die großen britischen Zeitungen spekulierten ausgiebig darüber, wie lange sich Moss, angeblich Großbritanniens zehntreichste Frau, im Krankenhaus erholen muß. "Sie sagte, sie wolle nur ein paar Tage in der Klinik bleiben", erzählte ein Freund der Presse, "aber jetzt, wo sie einmal da ist, läßt man sie nicht mehr gehen." Normalerweise bleiben die Gäste, wie die Patienten in Priory genannt werden, mindestens drei Wochen.
"Daß Kate Moss in der Klinik ist, schließt das letzte Kapitel der Supermodel-Ära", sagt John Casablancas, Chef der Modelagentur Elite, "wir sind alle froh, daß es vorbei ist." Der Anfang vom Ende sei für ihn markiert gewesen, "als vor drei Jahren die Designer in Mailand sagten: Bumm, basta - wir zahlen keine 50 000 Dollar mehr für 5 Minuten auf dem Laufsteg".
Tatsächlich sind von den Supermodels nur noch Claudia Schiffer, 28, und Naomi Campbell, 28, richtig gut im Geschäft. Die anderen haben ihren Ausstieg begonnen - mehr oder weniger freiwillig, denn sie nähern sich der natürlichen Model-Altersgrenze. Elle MacPherson, 34, verkauft Unterwäsche und macht ein bißchen Werbung für Biotherm, Christy Turlington, 29, studiert freie Kunst an der New Yorker Universität und modelt nur noch nebenher für Calvin Klein und Maybelline-Kosmetik. Kristen MacMenamy ist ganz verschwunden.
Cindy Crawford, 32, zog sich kürzlich für den "Playboy" aus, was als eine Art Abschiedsgruß zu verstehen ist. Ihr zweiter Ehemann, der kalifornische Gastronom Rande Gerber, hatte ihr geraten, so bald wie möglich die Bilder machen zu lassen. Wenn sie erst mal Kinder habe, sei es zu spät.
Zwar hat Crawford noch immer einen Kosmetik-Kontrakt bei Revlon, doch zugleich möchte sie in Fernsehen und Film eine zweite Karriere starten. Nachdem sie lange eine Mode-Show für den Musiksender MTV moderiert hatte, spielte sie im Hollywood-Actionfilm "Fair Game" - und wurde von der Kritik dafür verhöhnt. Die TV-Show "Sex mit Cindy Crawford" hatte zwar einen schönen Titel, aber keine tollen Einschaltquoten.
Naomi Campbell hat sich ähnlich unglücklich als Romanautorin ("Swan") versucht und wurde auch als Literaturkritikerin - sie rezensierte Jay McInerneys neuen Roman "Model Behavior" - nicht ernst genommen. Also ließ sie sich erneut für die New Yorker Modenschauen engagieren, als einziges Topmodel der alten Garde.
Die Kanadierin Linda Evangelista, 33, die einst verkündet hatte, für weniger als 10 000 Dollar stiege sie erst gar nicht aus dem Bett, mußte kürzlich einen Teil ihrer 100 000-Dollar-Gage zurückzahlen. Aufgedunsen und wackelig war sie bei der portugiesischen Modewoche über den Laufsteg gegangen und hatte, eingezwängt in lila Samt, zum Ärger der Designer und zur Schadenfreude ihrer Feinde alles andere als elegant gewirkt.
Der Hohn nach dem Fall kann wenig überraschen: Campbell beispielsweise soll ihrer Assistentin mit einem Telefonhörer auf den Kopf geschlagen haben, wofür die zerbeulte Angestellte zwei Millionen Dollar Schadensersatz haben will. Campbell bestreitet den Vorwurf.
"Eine Zeitlang war es ja ganz lustig, aber irgendwann wird es einem lästig", sagt Casablancas, "die Models kamen zu spät oder gar nicht; sie beschimpften die Agenten, die Fotografen und die Kunden; dazu wollten sie immer mehr Geld. Sie haben sich selbst ins Bein geschossen." 40 000 Dollar am Tag seien nur Peanuts für die Topfrauen gewesen. "Wir reden hier über 300 000 bis 400 000 Dollar, nur damit eine von denen eine Creme herzeigte oder ein Warenhaus eröffnete", erzählt der Agenturchef, "oft bekamen sie ihr Geld und verpaßten trotzdem ihr Flugzeug." Er habe lauter Frankensteins geschaffen, sagt Casablancas.
Jetzt, wo Hollywood-Stars wie Cameron Diaz oder sogar die Talkmeisterin Oprah Winfrey Titelmädchen der US-"Vogue" werden oder die Schauspielerin Jennifer Lopez ("Out of Sight") Shampoo bewirbt, ist niemand mehr auf die Superfrauen angewiesen. Casablancas sagt: "Wenn sie älter und weniger hübsch werden, hat niemand mehr Lust, ihr schlechtes Benehmen zu ertragen."
Kate Moss wurde offenbar von ihrem eigenen Image eingeholt: Daß sie so dünn war und in den Anzeigen für Calvin Klein immer ernst und manchmal auch krank und überanstrengt aussah, hatte sie erst zum Supermodel gemacht. Sie wurde das Symbol von Cool Britannia und die Ikone der neunziger Jahre. Sie ist nicht klassisch schön, sondern eher ein zauberhaft ätherisches Mädchen von der Straße. Ihr Auftritt war eine Sensation, sie selbst wurde zum ersten echten Pop-Star im Modelgeschäft. Sie war genau der richtige Typ für die schlampig-aggressive Grunge-Mode, die in der Rezession Anfang der neunziger Jahre entworfen wurde.
"Ich nehme nicht mehr Drogen als andere Leute", hat Moss einmal gesagt, und niemals nehme sie Heroin. Aber sie war "immer in der Stimmung für einen Drink". Mal mußten es Margheritas sein, mal Gin Tonic, Sea Breeze oder Martini, dann wiederum beschrieb sie die Vorzüge ihres Flachmanns, den sie mit purem Wodka füllte: "Auf diese Weise kann man immer einen Drink nehmen, egal ob man im Flugzeug ist, beim Skifahren oder am Strand."
"Sie arbeitet hart und lebt hart", sagt ein Vertrauter. "Ich gehe nicht gerne ins Bett, davor hatte ich schon immer eine Phobie", sagte Moss, "weil ich nämlich Angst habe, ich könnte was verpassen." Und so fotografierten Paparazzi sie ständig bei irgendwelchen Partys - wo etwas los war, da war auch Kate.
Zehn Jahre hat sie durchgehalten - erstaunlich lange für eine Branche, in der Kokain, Champagner und Tagesgagen bis zu 50 000 Dollar für Stimmungshöhenflüge und Abstürze sorgen. "In der ganzen Szene bekommt man alles so schnell und so leicht, Flugtickets erster Klasse, Champagner, viel Geld", berichtet der Moss-Vertraute, "daß ich mich jede Nacht in eine verdammte Entzugsklinik einchecken möchte."
Kate Moss war 14, als sie von einer Talentsucherin der Londoner Agentur "Storm" auf einem New Yorker Flughafen angesprochen wurde. Damals war sie mit ihren Eltern auf der Rückreise von einem Familienurlaub und hatte gerade ihre Unschuld verloren. Kurze Zeit später trennten sich ihre Eltern.
Es waren die britischen Szeneblätter wie "The Face" und "I-D", die Moss 1990 aufs Cover nahmen: Mit ihren schiefen Zähnen und strähnigen Haaren sah sie aus wie alle Mädchen ihres Alters, nur etwas blasser, verwegener und viel schöner. Calvin Klein, bei dem sie 1992 zum erstenmal einen Dreijahresvertrag unterschrieb, machte sie zum Gesicht seiner Marke. Moss wurde ein Weltstar.
Ihr gefiel das schnelle Leben: Sie kaufte sich ständig neue Schuhe, sie rauchte Kette, sie ging zu Konzerten, sie zog mit ihrem Langzeitfreund, dem amerikanischen Schauspieler Johnny Depp, durch Bars und war dabei, als er in New York ein Hotelzimmer zertrümmerte.
Doch als es mit ihm im vergangenen Mai endgültig vorbei war, konnte sie es bald nicht mehr ertragen, Single zu sein: "Es ist richtig tragisch, wenn man allein ist", sagte sie, "eine Minute lang ist es nett, Single zu sein, dann wird es langweilig." Bei jeder Party wurde sie mit einem anderen Mann gesehen. "Ihr ganzes Leben fiel zusammen", sagt einer ihrer Freunde. "Sie hat eingesehen, daß die Leute um sie herum nicht mehr gut für sie waren und sie nur ausnahmen. Sie schlief mit jedem, der daherkam, und machte bei allem mit, bei dem sie nicht hätte mitmachen sollen. Es war ein vollständiger, totaler Zusammenbruch."
Der kam zu einem Zeitpunkt, als sich ihr Image gerade änderte: vom Straßenlook zur Haute Couture. In diesem Jahr erschien Moss nicht mehr bei der London Fashion Week, wo sie früher trotz Minigagen aus Patriotismus aufgetreten war. Statt dessen eröffnete sie in Mailand die Versace-Schau, bestens bezahlt natürlich. Außerdem machte sie zum erstenmal Mainstream-Fernsehwerbung - für das L'Oréal-Shampoo Elvive. Vielleicht hätte sie sogar irgendwann ein Fitneß-Video gemacht, wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer.
In der Priory-Klinik will Moss nun "Ruhe und Frieden" finden und ihre Zukunft ordnen, weil sie "nicht mehr glücklich" gewesen sei mit der Richtung, in die ihr Leben ging. Ihre Agentur Storm, die 20 Prozent der Gagen kassiert, hat Moss nicht vor dem Crash bewahrt. Und auch zu ihrer Familie, die sie sonst zu jedem Geburtstag ihres Bruders besucht, wollte sie sich jetzt nicht zurückziehen. Ihr Vater muß ihre persönliche Assistentin anrufen, wenn er wissen möchte, wie es der Tochter geht.
Vermutlich weiß sie das selbst nicht genau. "Wenn ich mich auf einer zehn Meter hohen Plakatwand sehe, dann erkenne ich mich nicht mehr", sagte Moss, "ich sehe nur das Bild des Produktes, das beworben werden soll. Und das ist traurig." Ein Trip nach Indien, wo sie kürzlich "spirituelle Erneuerung" suchte, scheint die innere Leere ebensowenig gefüllt zu haben wie ihre Besuche bei dem Spiritualisten Mosaraf Ali, der auch Prinz Charles berät.
Kate Moss ist nur fünf Jahre älter als die britischen Neustars Karen Elson und Erin O'Connor. Aber in der Modewelt werden Modelleben wie Hundeleben berechnet: Jedes Jahr zählt siebenfach. THOMAS HÜETLIN
MARIANNE WELLERSHOFF
Von Thomas Hüetlin und Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 48/1998
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