23.11.1998

LEICHTATHLETIKWie ein Knall

Auch unter Langläufern ist die Wunderdroge Epo verbreitet. Mediziner und Athleten haben ihr Schweigen gebrochen.
Die weiße Hoffnung aus Oberschlesien war flink zu Fuß und fix im Kopf. Damian Kallabis, 25, lief beim Weltcup im September über 3000 Meter Hindernis sogar dem vermeintlich übermächtigen Weltrekordmann aus Kenia davon. Mit einem Abiturdurchschnitt von 1,6 gilt der gebürtige Pole zudem als jemand, der die Finessen dieser Welt zu durchblicken vermag.
Aber die anderen sind auch nicht dumm. Was den eingebürgerten Deutschen auf der Tartanbahn so beschleunigt haben soll, hatte sich in der Branche schnell herumgesprochen: Epo, die Modedroge im internationalen Spitzensport.
Seit letzter Woche ist die sonst so auf Kameradschaft bedachte Welt der Athleten durcheinandergeraten. Karlheinz Graff, Arzt der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft, war mit "schwerwiegenden Hinweisen" an die Öffentlichkeit getreten: Zumindest ein Athlet in seinem Verband habe "Blutdoping oder Doping mit Epo angewendet". Namen nannte der Mediziner zwar nicht, doch Eingeweihten war klar, wen Graff gemeint hatte: Damian Kallabis, den neuen deutschen "Hindernis-Helden" ("Bild").
Kallabis und sein Trainer Stéphane Franke betonen indes, "zu keinem Zeitpunkt Epo eingenommen" zu haben. Über ihre Anwälte drohen sie, "Schmerzensgeld in beachtlicher Höhe" von jedem zu fordern, der "gegenteilige Behauptungen aufstellt".
Der Vorstoß des Doktors beschreibt eine neue Qualität im Sport. Hielten die Athleten und Betreuer früher im Schweiße fest zusammen, sind sie heute nicht mehr gewillt, Manipulationen still zu erdulden.
Dröhnten sich die Sportler in der Vergangenheit mit allerlei stark machenden Drogen voll, so schauten Insider angewidert zu und schwiegen - bis eine positive Kontrolle Beweise an den Tag förderte. Heute verhalten sich nur noch Funktionäre ruhig, politisch korrekt unterstützt von Kommentatoren etwa der "FAZ", die Graffs Enthüllung als "Pauschalverdacht" herunterbürsten.
Verärgerung und Aufklärungselan halten sie damit nicht auf: Die Athleten und einige Verbündete machen selbst mobil. Wollen sie nicht mitdopen, bleibt Sportlern auch keine andere Wahl. Ähnlich dem Frauen-Schwimmsport, der Mitte der siebziger Jahre durch Anabolika revolutioniert wurde, verändert Epo nun das Langlaufmetier.
Erythropoietin, kurz Epo genannt, wird gentechnisch erzeugt und bei Nierenkranken eingesetzt, die zu wenige rote Blutkörperchen produzieren. Im Sport hat sich der Stoff, so der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer, "lawinenartig ausgebreitet", weil er den Sauerstofftransport im Blut erhöht. Nach einer vielbeachteten Studie vermeldete das Karolinska Hospital in Stockholm 1991: Epo bringt's.
Seitdem hat der Sport ein neues Doping-Problem: Spritzten sich zunächst vor allem Radfahrer und Skilangläufer das hocheffektive Präparat in das Unterhautfettgewebe, so hat Epo nun auch den Langstreckenlauf erreicht, der sich in Europa traditionell eher der Gesundheitsbewegung verpflichtet fühlte.
Nicht nur Verbandsarzt Graff sah sich genötigt, sein Wissen zu offenbaren. Auch Langstrecken-Bundestrainerin Isabelle Baumann und ihr Mann Dieter haben sich eingemischt, nachdem sie feststellten, daß ihre Branche gelähmt ist. Denn die Alternative heißt: mitdopen oder hinterherlaufen.
Anfang November traf sich Olympiasieger Baumann, besorgt um den guten Ruf, mit den Doping-Experten Schänzer und Werner Franke, um Wege aus dem Dilemma zu erörtern. Ziel ist der Aufbau eines Kontrollsystems auf freiwilliger Basis. Wer sich nicht aus freien Stücken Blut abzapfen läßt, sieht sich an den Pranger gestellt.
Athleten haben ein feines Gespür, wer in ihren Kreisen nicht mit sauberen Mitteln zu Werke geht. Die Sprinter Ben Johnson und Katrin Krabbe etwa standen jahrelang unter Verdacht - bis beide erwischt wurden.
Auch der Aufstieg von Kallabis, dessen "ganzes Potential", wie er selbst sagt, "wie ein Knall herauskam", war vielen Läufern suspekt. Wie bei seinem Trainer, dem 10 000-Meter-Läufer Franke, kursierten gleich, nachdem der Wahl-Berliner im August Europameister geworden war, Epo-Gerüchte. Er sei "bedrückt und erstaunt" über die Vorwürfe, ärgerte sich Kallabis; er habe sich nichts vorzuwerfen und komme sich vor "wie bei einer Hexenjagd", stand ihm Franke bei.
Nicht nur die überraschenden Leistungssprünge brachten das Gespann Franke/Kallabis in Verruf. "This is not nature", meinte Weltrekordler Bernard Barmasai, als Kallabis beim Weltcup in Johannesburg an ihm vorbeizog. Ende Oktober fand die italienische Staatsanwaltschaft, die im Doping-Sumpf ermittelt, bei einer Durchsuchung des Hauses von Biochemiker und Arzt Francesco Conconi Epo-Mittel. Der Ausdauer-Guru hatte nicht nur die Rad-Profis Francesco Moser und Miguel Induráin beraten, auch Franke war sein Schützling.
Solange der Epo-Mißbrauch jedoch nicht einwandfrei durch Kontrollen nachweisbar ist, haben Kallabis und Franke direkt nichts zu befürchten. Ein Umweg könnte Manipulateure überführen. Seit September ist ein neues Arzneimittelgesetz in Kraft. Jeder Arzt oder Betreuer, der beim Dopen hilft, kann nun belangt werden. Es muß nur jemand Anzeige erstatten - ein Fall für Dieter Baumann. UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 48/1998
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