23.11.1998

IRAK„Es brodelt in der Armee“

Abbas el-Dschanabi, ehemaliger Privatsekretär von Saddam Husseins ältestem Sohn Udai, über Machtstrukturen, Terror und Intrigen in Bagdad
Abbas el-Dschanabi, 49, diente Saddams ältestem Sohn Udai, 34, rund 15 Jahre lang als Privatsekretär. Weil Udai ihn verdächtigte, beim Zigarettenschmuggel in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben, setzte sich Dschanabi im Februar 1998 vorsichtshalber ins Ausland ab. Er lebt mit seiner Familie als politischer Flüchtling in Großbritannien.
SPIEGEL: Abbas el-Dschanabi, hätte der von den USA geplante und erst in letzter Minute abgebrochene Luftangriff auf den Irak dem Regime Saddam Husseins den Todesstoß versetzen können?
Dschanabi: Um Saddam zu stürzen, muß man seine wichtigsten Stützen treffen: die Kasernen der Republikanischen Garden und militärischen Sondereinheiten sowie die Quartiere seiner Geheimdienste. Erst dann gerät das Regime ins Wanken.
SPIEGEL: Das Embargo, das die Vereinten Nationen 1990 über den Irak verhängten, hat Saddam offenbar nicht sonderlich weh getan.
Dschanabi: An dem Luxusleben in den Palästen hat sich nichts geändert. Wenn Saddam einmal die Woche zum Familienessen einlädt, werden 16 Gänge aufgetischt. Seit Ende des Golfkriegs hat er 21 neue Paläste bauen lassen, die mit feinstem Marmor aus Italien und edlen Möbeln aus der ganzen Welt ausgestattet sind. Jetzt will er auch noch die größte Moschee der Welt bauen lassen.
SPIEGEL: Um das Regime zu erschüttern, haben die USA der irakischen Opposition fast hundert Millionen Dollar spendiert. Hat's was genützt?
Dschanabi: Ich glaube nicht, daß die Amerikaner ernsthaft an Saddams Sturz interessiert sind. Ohne seinen eisernen Griff würde im Irak ein unkalkulierbarer Machtkampf zwischen den Kurden im Norden, den Schiiten im Süden und den Sunniten in der Zentralregion um Bagdad ausbrechen. Zur Zeit ist die Opposition in Dutzende von Gruppen zersplittert und zu einer konzertierten Aktion gar nicht fähig.
SPIEGEL: Aus dem Militär, das von Saddam in verheerende Niederlagen gejagt wurde, droht ihm keine Gefahr?
Dschanabi: Es brodelt in der Armee. Doch alle haben Angst vor Saddams gnadenlosen Strafgerichten. Sobald er Verrat auch nur wittert, läßt er Offiziere reihenweise hinrichten. Nach Schüssen auf seine Wagenkolonne hat er einmal eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen lassen.
SPIEGEL: Wie hält Saddam sein Volk unter Kontrolle?
Dschanabi: Er vertraut niemandem und hat seine Augen und Ohren überall. Wir haben neben Armee und Polizei mehrere Sicherheitsdienste. Die Agenten sind vom sowjetischen KGB und von der ostdeutschen Stasi ausgebildet worden. Später haben uns die Franzosen und Chinesen geholfen. Die Mitglieder der "Sondereinheit für die Sicherheit Saddam Husseins" sucht er persönlich aus. Er rekrutiert sie vor allem aus seinem weitverzweigten Familienclan und aus seiner Heimatstadt Takrit.
SPIEGEL: Kann sich Saddam noch auf seine Verwandten verlassen?
Dschanabi: Mit dem Clan seiner ersten Frau, der Mutter seiner Söhne Udai und Kussei und seiner drei Töchter, hat er sich verkracht. Die Familie seiner zweiten Frau hat er auch fallengelassen. Zwar genießt der gemeinsame Sohn Ali, der inzwischen 13 Jahre alt ist, die gleichen Privilegien wie seine älteren Halbbrüder, aber in der Öffentlichkeit wird er totgeschwiegen. Außerdem hat Saddam im vergangenen Jahr noch einmal in aller Stille geheiratet.
SPIEGEL: Aus Liebe?
Dschanabi: Seine Frau Nidal ist 21 Jahre alt, 40 Jahre jünger als er. Sie ist sehr hübsch. Noch wichtiger aber war wohl, daß sie zum Stamm der Hamdani gehört, dessen Unterstützung er sich damit gesichert hat.
SPIEGEL: Im Westen gelten Saddams Söhne Udai und Kussei als seine engsten Berater.
Dschanabi: Saddam glaubt, daß er keine Berater braucht. Wie ein Besessener entscheidet er alles selbst, egal, ob es sich um politische, wirtschaftliche oder militärische Angelegenheiten handelt. Keinem Minister, keinem General wird auch nur ein Hauch von Eigenständigkeit zugestanden. Er schreibt den Mitgliedern des Revolutionsrates sogar vor, in welcher Kleidung sie zu den Sitzungen zu erscheinen haben.
SPIEGEL: Ist Vizepremier Tarik Asis, der in Krisen als Unterhändler von Saddam vorgeschickt wird, ein Mann mit Einfluß?
Dschanabi: Asis ist das freundliche Aushängeschild des Regimes, aber er hat keine Macht. In die geheimen Waffenprogramme ist er nicht eingeweiht. Verglichen mit Saddams persönlichem Sekretär Mahmud oder den Söhnen Udai und Kussei, steht er in der Hierarchie ziemlich weit unten.
SPIEGEL: Welcher seiner beiden Söhne würde Saddam beerben, wenn er einem Attentat zum Opfer fiele?
Dschanabi: Saddam sieht in Udai seinen Nachfolger. An Geltungsbedürfnis und Machtgier gleicht er seinem Vater auf erschreckende Weise. An Sadismus übertrifft er ihn sogar noch. Weil er sich auf einer Party provoziert fühlte, schlug Udai zum Beispiel den betrunkenen Vorkoster seines Vaters, Kamil Hanna, mit einem Holzknüppel tot; seinen Onkel Watban schoß er zum Krüppel, weil der ihm bei einer Frauengeschichte in die Quere gekommen war. Angeblich hat Saddam seinem Sohn im Alter von sechs Jahren schon eine Pistole in die Hand gedrückt. Udai erzählte mir oft voller Stolz: "Mein Vater hat mir das Töten beigebracht."
SPIEGEL: Könnte Udai seinem Vater gefährlich werden?
Dschanabi: Zumindest hat er sich ein einflußreiches Medienimperium aufgebaut. Ihm gehören mehrere Zeitungen und ein Fernsehsender. Damit betreibt er geschickt Stimmungsmache für sich.
SPIEGEL: Sind die Hetzkampagnen in Udais Medien von Saddam befohlen?
Dschanabi: Udai läßt sich von seinem Vater nichts sagen. Er hat auch eine eigene Hausmacht, die Sondertruppe "Fedaju Saddam" (Die sich für Saddam opfern). Die Offiziere haben ihren Schliff zum Teil auf der britischen Militärakademie Sandhurst erhalten. Ihre Loyalität sichert sich Udai durch Geld. Ein einfacher Soldat erhält den Sold eines Armeegenerals.
SPIEGEL: Wie finanziert Udai den teuren Machtapparat?
Dschanabi: Udai ist nach Saddam der reichste Mann des Landes. Sein Wagenpark umfaßt mehr als 1300 Autos, darunter Dutzende Rolls-Royce, Porsche und Ferrari. Udai mischt in fast allen Geschäften mit. Zu seinen wichtigsten Einnahmequellen zählen der Schmuggel von Erdöl und Zigaretten. Damit verdient er mehrere hundert Millionen Dollar im Jahr.
SPIEGEL: Hat das Attentat auf Udai im Dezember vor zwei Jahren seine Macht geschwächt?
Dschanabi: Im Gegenteil. Nach den Schüssen auf seinen Onkel Watban war Udai von seinem Vater kaltgestellt worden. Der Anschlag hat die beiden wieder zusammengebracht.
SPIEGEL: Wer steckte hinter dem Attentat?
Dschanabi: Die Angehörigen eines Mädchens übten Rache, weil Udai sie in sein Auto gezerrt und vergewaltigt hatte. Den Tätern gelang die Flucht. Inzwischen ist Udai bis auf sein angeschossenes Bein wieder genesen.
SPIEGEL: Konkurriert Kussei nicht mit seinem älteren Bruder Udai um das politische Erbe Saddams?
Dschanabi: Natürlich wollen beide Brüder die Macht. Und zumindest an Brutalität steht Kussei seinem Bruder nicht nach.
INTERVIEW: ADEL S. ELIAS
Von Adel S. Elias

DER SPIEGEL 48/1998
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