23.11.1998

INDONESIENMagische Kräfte

Der Sultan von Yogyakarta ist einer der populärsten Reformer des Inselreichs. Wird er der nächste Präsident?
Eigentlich hat ein durch und durch unpolitischer Anlaß die Einwohner von Panggang auf den Dorfplatz getrieben: An diesem ungemütlichen Regentag soll der Grundstein für eine Trinkwasser-Pumpstation gelegt werden.
Ein paar Dutzend Beamte und 300 Dorfbewohner, meist Frauen in langen Batikröcken und mit Kindern im Arm, drängen sich unter Plastikplanen und bunten Schirmen. Aber sie haben keinen Blick für die auf Sperrholzplatten genagelten Zeichnungen der Brunnenbauer, sie interessiert nur jener hochgewachsene Mann in der lindgrünen Beamtenuniform, der gemeinsam mit den Ehrengästen eingetroffen ist.
Seine Hände sind tief in den Taschen vergraben, die Sonnenbrille baumelt am Hemd, daneben ein großer runder Orden sowie das Namensschild: Hamengku Buwono X., Sultan von Yogyakarta. Er ist nicht nur einer der letzten Feudalherren des südostasiatischen Inselreichs, sondern auch ein prominenter demokratischer Reformer. Und manche sagen, er habe keine schlechten Aussichten, die Nachfolge von Präsident Habibie anzutreten.
Kann ausgerechnet ein Sultan den radikalen Bruch mit der unheilvollen Ära Suharto zustande bringen und Indonesiens Absturz in Gewalt und Chaos noch bremsen?
In Panggang halten das viele für möglich, der Aristokrat genießt höchste Achtung im Volk. Während der Mai-Unruhen, die zum Rücktritt von Präsident Suharto führten und in Jakarta rund 1200 Menschen das Leben kosteten, hat er sich als couragierter Mann einen Namen gemacht: Er verhinderte mit seinem beherzten Eingreifen, daß Yogyakarta so wie die Hauptstadt in einem Blutbad unterging.
Der Sultan verließ damals spontan den Palast, begab sich in das Getümmel der Demonstranten und forderte vom Dach seines Autos aus zur Besonnenheit auf: Man könne Reformen auch zum Durchbruch verhelfen, erklärte Hamengku Buwono mitten im Gewühl, ohne die eigene Stadt kurz und klein zu schlagen.
Weil der örtliche Militärkommandant Demonstrationen untersagt hatte, bot er den Organisatoren einer Protestveranstaltung das Grundstück seines Palastes als Versammlungsort an. Hunderttausende strömten daraufhin in den Hof des Herrschers an der Malioboro-Straße. An die Soldaten appellierte er, die Reformbewegung und nicht die Obrigkeit zu schützen.
Gewiß, Yogyakarta ist nicht Indonesien, aber die Sultansstadt ist ein Gradmesser für die politische Temperatur des Landes. Hier gibt es mehr als 60 Universitäten und Hochschulen, an denen 200 000 Studenten eingeschrieben sind. Sie gelten als treibende Kraft der indonesischen Opposition.
Der zehnte Herrscher aus der Buwono-Dynastie weiß, woran Indonesien krankt. Er sagt, Korruption und Vetternwirtschaft müßten ausgemerzt werden, die Regierenden müßten mehr Macht an die Provinzen abtreten. Die Armee solle innerhalb von sechs Jahren ihre politische Rolle aufgeben und in die Kasernen zurückkehren, Habibie aber bereits drei Monate nach den Parlamentswahlen im kommenden Mai vom Präsidentenamt zurücktreten.
Im Gegensatz zu anderen Feudalfürsten, die ihre Macht verloren haben, besitzt Hamengku Buwono, 52, in der Region Yogyakarta noch immer die volle Regierungsgewalt. Das Privileg hat er seinem Vater zu verdanken, der auf der Seite der Unabhängigkeitsbewegung gegen die holländischen Kolonialherren kämpfte und sich nicht wie andere Sultane dagegen sträubte, sein kleines Reich der neuen Republik unterzuordnen. Zum Dank ließ ihm der Staatsgründer Sukarno den Thron und gewährte der Region Yogyakarta begrenzte Autonomie.
Vor wenigen Tagen ist Hamengku Buwono aus Jakarta zurückgekehrt, wo er als Mitglied der "Beratenden Volksversammlung" (MPR) über das Reformprogramm Präsident Habibies mit abstimmte. Während der Sitzung erschossen Soldaten unweit vom Parlament mindestens sieben demonstrierende Studenten. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate stürzte das Land in eine schwere Krise.
Java ist ein Pulverfaß. Eine Mordserie erschüttert den Osten. Maskierte Killer haben über 150 Religionsgelehrte, Zauberer und traditionelle Heiler ermordet. Weil weder Militär noch Polizei das Töten stoppten, vermuten Oppositionelle, daß reaktionäre Kräfte um Ex-Präsident Suharto die Drahtzieher der Gewalt sind.
Der neue Präsident hat sich die meisten Sympathien verscherzt. Zwar hat er politische Gefangene amnestiert, Pressefreiheit eingeführt und neue politische Parteien zugelassen. Die Repräsentanten des alten Regimes aber läßt er weiter gewähren. Bislang ist zum Beispiel niemand wegen des Todes von vier Studenten im Mai belangt worden. Der für die Entführung und Folter von Dissidenten verantwortliche Suharto-Schwiegersohn, Generalleutnant Prabowo Subianto, wurde sogar "ehrenhaft" aus der Armee entlassen.
"Ich teile ihre Visionen", sagt der Sultan von Yogyakarta über die in Bedrängnis geratenen Habibie-Gegner. Er hält es gar für möglich, daß der Präsident wie sein Vorgänger schon bald aus dem Amt getrieben wird. Denn: "Habibie ist zu eng mit dem Suharto-Regime verbunden."
Feudalist und zugleich demokratischer Neuerer zu sein, das ist für Hamengku Buwono kein Widerspruch: Ein Sultan sei geradezu verpflichtet, sich auf die Seite des Volkes zu stellen. Denn ein javanischer Herrscher diene traditionell als Bindeglied zwischen Volk und Gott und dürfe sich deshalb nicht von seinen Untertanen entfernen.
Daß er keine demokratische Legitimation besitzt, stört Hamengku Buwono nicht. "Die Bürger von Yogyakarta wollen das Sultanat", sagt er. Viele würden ihn am liebsten an der Spitze des Staates sehen.
Während der Sultan unter dem Merapi-Vulkan Golf spielt, sitzen seine Frau und die älteste Tochter, umgeben von Hofdamen, in einem abgeschiedenen Pavillon des Palastes und beaufsichtigen eine Zeremonie zur Besänftigung der himmlischen Kräfte: Dienerinnen mit streng zurückgekämmtem Haar bereiten Reisteig, aus dem Fladen gebraten werden. Die werden dann später den zwei Vulkanen Yogyakartas und der Göttin der Südsee geopfert.
So reformfreudig der Sultan auch ist - in seinem eigenen Reich will er die javanischen Traditionen bewahren. In seinem Palast, einer kleinen Stadt mit Privatgemächern, Büros, weiten Plätzen, engen Gassen, Pavillons und Hallen, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Hier werden die alten Zeremonien nicht nur als Touristen-Spektakel zelebriert, sie sind auch wichtiger Bestandteil des Alltags.
Tänzerinnen in schwarzen Blusen und Batikröcken tippeln zu betörender Gamelanmusik über weißen Marmor. Puppenspieler führen alte Schauspiele auf. Pfauen spreizen ihr Gefieder, Kampfhähne schreien.
Auf dem Boden hocken, wie versteinert, betagte Männer in javanischer Tracht. Sie gehören zur Palastwache und sind nach Überzeugung der Javaner trotz ihres hohen Alters unbesiegbar, weil in ihnen magische Kräfte ruhen.
Die Etikette hat Hamengku Buwono inzwischen "den neuen Zeiten angepaßt", wie er sagt. Den Höflingen ist es erlaubt, moderne Kleidung zu tragen, wenn sie sich ihm nähern. Er selbst hat nur noch eine Frau. Sein Vater, Sultan Hamengku Buwono IX., hatte fünf. ANDREAS LORENZ
[Grafiktext]
Kartenausriß Indonesien - Lage Yogyakarta
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß Indonesien - Lage Yogyakarta
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Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 48/1998
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