23.11.1998

ZEITGEISTGeschminkt in alle Ewigkeit

Mit Glitter, Glamour und Plateausohlen verstörten in den siebziger Jahren androgyn aufgetakelte Glam-Rocker die Pop-Welt. Die Geschichte der funkelnden Ära erzählt jetzt der Spielfilm „Velvet Goldmine“. Die Unterhaltungsbranche hofft auf einen Retro-Boom in Mode und Musik.
Ein Junge kriegt von seinen Schulkameraden eine blutige Lippe verpaßt. Zu Hause vor dem Spiegel verschmiert er das Blut so sorgfältig, als wäre es Lippenstift, und als er fertig ist, sieht er aus wie ein schicker Baby-Beau von der Straßenecke. Er lächelt verstohlen und findet sich großartig.
Jungs und Make-up, die Maskerade der Geschlechter, das ist das heimliche Thema des Glam-Rock-Films "Velvet Goldmine" von Todd Haynes, der eine unterschätzte und für viele fast vergessene Ära der Musikgeschichte ausgräbt. Zwischen 1970 und 1974 takelten sich Musiker wie David Bowie, Marc Bolan, Gary Glitter und Alice Cooper, dazu Gruppen wie Slade, Sweet, Kiss und Queen mit allen käuflichen Hilfsmitteln der Weiblichkeit auf: Pailletten und Plateausohlen, Wimperntusche, Lidschatten und Lippenstift, Glitzer, Federboas, Haarspray und Latex, Satin, Seide und Silberstretch. Und sie sahen fabelhaft aus.
Ihr Beharren auf Stil statt auf Substanz war eine Kampfansage an die aggressive, politisch korrekte, in verwaschene Jeans gewandete Heterosexualität der Sechziger-Jahre-Hippies. Die Glam-Rocker wollten statt dessen schillernde Vieldeutigkeit, sexuell wie musikalisch; sie suchten das Falsche, Dekadente und Artifizielle, das Talmi, das Spektakel; sie wollten verunsichern und auffallen um jeden Preis. Jedes Zitat war ihnen lieber als der Anspruch auf Echtheit. Sie wollten Stars werden, Baby, wenn auch nur für ein paar schnelle, bekiffte Weltsekunden. Diesen Traum hatten sie dem Pop-Artisten Andy Warhol abgeschaut.
"Menschen sind in Wahrheit Kunstwerke", sagte Marc Bolan, der ehrgeizige Star der Gruppe T. Rex, der in der britischen Teenie-Sendung "Top of the Pops" 1971 als erster glitzerndes Augen-Make-up trug, "und wenn du ein attraktives Gesicht hast, solltest du das Beste daraus machen. Sonst wird es langweilig."
Sowohl der Film "Velvet Goldmine" als auch das Buch "Glam!" des Pop-Fachmanns Barney Hoskyns, eine als Musikgeschichte getarnte Liebeserklärung an dieses Zeitalter der subversiven Oberflächlichkeit*, die Disco-Verfilmung "Studio 54", die bald ebenfalls in Deutschland startet, und der New Yorker Off-Broadway-Hit "Hedwig and the Angry Inch", ein Musical um einen stilsicheren Transsexuellen, entdecken jetzt - aus dem sicheren Abstand von mehr als zwei Jahrzehnten - Qualitäten in der Glimmer-Ära, die damals allenfalls beiläufig wahrgenommen wurden.
Der Zeitpunkt dieser Wiederentdeckung ist kein Zufall. Denn die Geschlechterverwirrung, die Glam in Szene setzte, paßt geradezu perfekt zu den akademischen Einlassungen der "Gender Studies", die seit Anfang der neunziger Jahre an den Universitäten Mode geworden sind. Die Gender-Wortführer propagieren, daß Geschlecht vor allem eine kulturell vorgefertigte Kategorie sei: "Mann" und "Frau" als Zwangsjacken, die den gesellschaftlichen Umgang im Sinne der herrschenden Mehrheit festzurren.
Entsprechend feiern die Gender Studies die theatralisch übertriebene Darbietung (und Unterwanderung) von Geschlechterrollen, wie etwa Transvestiten sie praktizieren, und den bisexuellen "Anything Goes"-Ansatz als Befreiung vom ewigen Geschlechterritual - im Grunde jede Aufhebung der Trennstriche zwischen Mann und Frau. Gerade diese Aufhebung wurde von den schmalschultrigen, schmollippigen Glamour-Rockern in ihren Auftritten zelebriert - auch wenn die meisten Musiker nach Ende der Show unverdrossen die weiblichen Groupies verführten.
Der Glam-Rock "verwischte die Grenze zwischen Heteros und Homos, indem er junge Männer und Frauen einlud, mit Images und Rollen in einer geschlechtslosen Traumwelt von Eyeliner und Achtzehn-Zentimenter-Absätzen herumzuspielen", glaubt Hoskyns. "Einen Augenblick lang schrie die Pop-Kultur heraus, daß Identität und Sexualität keine stabilen, verläßlichen Größen seien, sondern wacklig und wild verkleidet", sagt Haynes. Es wird wohl nur noch Monate dauern, bis die ersten Magisterarbeiten zu Themen wie "Geschlecht als Performance bei Gary Glitter" entstehen.
Vorerst aber ist auf das Glam-Revival vor allem die internationale Modewelt be-
* Barney Hoskyns: "Glam! Bowie, Bolan and the Glitter Rock Revolution". Pocket Books, New York; 132 Seiten; 15 Dollar.
geistert eingestiegen, die immer verzweifelt nach neuen Entwicklungen sucht. "Glam Slam!" titelte das US-Branchenblatt "Women''s Wear Daily" anläßlich der Gucci-Laufstegparade in Mailand; und "Glam Rock is Back", behauptete auch die amerikanische Modezeitschrift "W" in einer Titelgeschichte ihrer Oktober-Ausgabe. Selbst die "New York Times" berichtete vom Hype um die Glitzergarderobe und fragte sich: "Ist die Rückkehr des Glam echt oder ein Traum?" Wobei das Blatt dezent übersah, daß Glam nie Anspruch auf Echtheit erheben konnte oder wollte.
"W" sieht eine frische Glamour-Zielgruppe in den Jugendlichen, die mit den entschieden glitzerfeindlichen Modetrends von Punk, Grunge und Rap aufgewachsen seien - und jetzt hoffentlich Nachholbedarf an spektakulärer Selbstdarstellung hätten. Propagiert wird das Recycling einer Image-Revolte. Glam Rock "habe damals seine Spuren in der Mode hinterlassen, und er wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die Mode von heute beeinflussen", mutmaßt "W", wenn bloß "jemand Cleveres - ein Modemacher, ein Stylist, ein Fotograf - auf den Dreh kommt, wie man die ganze Sache als hip und angesagt verkauft".
Diesen Dreh hat der Fernsehsender VH 1 wohl schon gefunden. Für seine alljährlichen Mode-Prämierungen, die im Rahmen einer "Fashion Awards"-Show vergeben werden, hatte die Modechefin von VH 1 eine Reihe weltbekannter Couturiers aufgefordert, Kleidung à la Glam Rock zu schneidern. Die Inspiration lieferten die wilden Outfits von "Velvet Goldmine". Avantgardistische Modemacher wie Tom Ford, John Galliano, Anna Sui und Michael Kors sprangen darauf an und entwarfen bizarre, im Alltagsleben vollkommen untragbare Modelle für die VH-1-Show, die gerade weltweit ausgestrahlt wurde.
"Was mich betrifft", sagt Glitzerfreak Tom Ford von Gucci gutgelaunt, "ist ein bißchen schlechter Geschmack immer guter Geschmack." Und Anna Sui war so begeistert, daß sie die Anregungen gleich in ihr Frühjahrsprogramm 1999 einbaute. "Der Film hat diese irre Aufregung einer Ära eingefangen", sagt Sui, "in der wirklich etwas los war und Regeln gebrochen wurden. Das ist seit ewigen Zeiten nicht mehr geschehen."
Während britische Pop-Bands wie Pulp auf elegante Weise das musikalische Erbe der Glam-Stars wiederbeleben, surft neuerdings auch der US-Gruseltyp Marilyn Manson frech opportunistisch auf der Glitzer-Welle. Der weltweit erfolgreiche Elternschreck hat sein Image unvermittelt, aber strategisch geschickt, von schrecklich auf schrecklich schick umgemodelt - seine Musik bleibt zum Fürchten.
Das Phänomen Glam-Rock ist inzwischen so schlagzeilenträchtig, daß kaum noch jemand darauf hinweist, was für ein lausiger Film "Velvet Goldmine" eigentlich ist. Die Breitenwirkung hat die Filmkritiker weitgehend zum Schweigen gebracht.
"Velvet Goldmine" erzählt die Karrieregeschichte eines bisexuellen jungen Musikers namens Brian Slade (Jonathan Rhys Meyers). Sein erster Anlauf, als langhaariger Jammerhippie in der Musikbranche zu landen, scheitert kläglich. Dann aber verfolgt der Brite Slade den Auftritt eines begabten US-Chaoten namens Curt Wild (Ewan McGregor), der sich die Seele aus dem Hals schreit, die Kleider vom Astraltorso strippt und seinen Zuschauern feixend den Mittelfinger entgegenstreckt, wenn ihm irgendwas nicht paßt. In diesem Moment weiß der Anpasser Slade, daß er die Zukunft gesehen hat.
Mit Hilfe seiner ebenso exaltierten wie praktischen Frau Mandy (Toni Collette) entwirft Slade eine neue Strategie der Selbstdarstellung. Er färbt sich das Haar, trägt supersexy hautenge Space-Anzüge, pflegt die aufreizende Pose, legt sich für seine Auftritte ein Alter ego namens Maxwell Demon zu - und wird ein Glam-Star. Als er sich praktisch alles leisten kann, zieht er seinen alten Helden Wild aus der Drogenmisere und macht eine Platte mit ihm. Die beiden Musiker werden ein Paar, Mandy ist abgemeldet. Doch als sich Wild von ihm trennt, verkraftet Slade die Einsamkeit nicht. Er läßt sich während eines Auftritts angeblich erschießen - als dieses getürkte Attentat aber auffliegt, verlassen ihn seine Fans.
Eine einfache Aufstieg-und-Fall-Geschichte, angereichert mit einer Love-Story und großartigen Paradiesvogel-Auftritten - die hätte sich prima verfilmen lassen. Der Amerikaner Todd Haynes, 37, der spätestens seit seiner Jean-Genet-Verfilmung "Poison" zur schwulen Filmavantgarde des "New Queer Cinema" gerechnet wird, macht daraus aber eine derart hochvertrackte Angelegenheit, daß er seinem Film jeden Pep und jedes Leben raubt. Er klammert eine an "Citizen Kane" erinnernde Rahmenhandlung um Slades Lebenslauf: Ein blasser Journalist und Slade-Fan, Arthur Stuart (Christian Bale), erhält in den Achtzigern den Auftrag, dem seit dem Attentat verschollenen Star nachzuforschen. Er befragt Slades ersten Manager, Slades Ex-Frau und Slades Ex-Galan, und mit jeder Aussage erinnert sich Arthur besser an seine eigene, kläglich-verklemmte Vergangenheit.
Durch diese Rahmenhandlung hat der Film drei Zeitebenen zu bewältigen: Mit der "Gender"-Wahrnehmung der Neunziger blickt er auf die Siebziger, die wiederum durch die Achtziger gefiltert werden. Das kann nicht gutgehen. Und es geht auch nicht gut. "Velvet Goldmine" scheitert an seinem Anspruch, einen akademischen Gedanken im filmischen Format abzuhandeln: zu viele Ideen, zu viele artig abgehakte Bezugspunkte (vom Schwulen-Papa Oscar Wilde bis zum Gewaltklassiker "Clockwork Orange"). Haynes hat seinen Film erfolgreich zu Tode gedacht. Er ist viel zu idealistisch und ernsthaft für die egoistische, drogengespeiste Oberflächlichkeit seiner Glam-Helden.
Denn Brian Slade und Curt Wild sind selbstredend nur Chiffren für zwei der wildesten Glitter-Faune der Siebziger: den Dandy David Bowie (der ebenfalls ein Alter ego, Ziggy Stardust, erfand und nach wenigen Jahren verschwinden ließ) und den ewigen Anarchisten Iggy Pop (angereichert mit ein paar Anteilen Lou Reed). Ihre Biographien hat Haynes angepumpt, ohne ihren Geist zu erwischen: "Rock", hat Bowie einst gesagt, "sollte aufgetakelt, in eine Hure verwandelt, zum Abklatsch seiner selbst gemacht werden."
Haynes'' Glam-Rock-Film ist nur die adrette Tante dieser Hure. Modemacher wie Ford, Galliano und Sui haben dagegen die Glam-Ideale der Käuflichkeit, des Fun und der schnellen Nummer gleich begriffen. Ihnen gehört der Glamour der neunziger Jahre. SUSANNE WEINGARTEN
* Barney Hoskyns: "Glam! Bowie, Bolan and the Glitter Rock Revolution". Pocket Books, New York; 132 Seiten; 15 Dollar.
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 48/1998
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