23.11.1998

KINOAlles gut geklaut

In „Kai Rabe gegen die Vatikankiller“ versucht sich der Regisseur Thomas Jahn an einer wüsten Action-Satire auf die Filmbranche.
Daß sich etwas verändert hat in seinem Leben, merkt Thomas Jahn jedesmal, wenn er sich in ein Taxi setzt. Denn im Unterschied zu früher bestimmt er jetzt selbst, wohin die Reise geht: Jahn, 33, ehemaliger Taxifahrer aus Hückelhoven/Hilfarth am Niederrhein, arbeitet inzwischen als Regisseur; sein zweiter Spielfilm "Kai Rabe gegen die Vatikankiller" kommt diese Woche in die Kinos.
Jahn hat dafür auch das Drehbuch geschrieben, und in einer Statistenrolle kehrt er in seine Vergangenheit zurück: Er spielt einen Taxifahrer, der zwei Bodyguards chauffieren muß. Die sollen Kai Rabe beschützen, den angeblich größten deutschen Filmstar. Rabe (Steffen Wink), ein unsympathischer Zeitgenosse, gerät in Panik, weil bei den Dreharbeiten zu seinem Film "Die Vatikankiller" einige seiner Kollegen ganz real um die Ecke gebracht werden; der Regisseur (Stefan Jürgens) gerät in Panik, weil Rabe seine Angst in Whisky ertränkt und, wenn überhaupt, nur lallend am Set auftaucht; der Kommissar (Klaus J. Behrendt) gerät in Panik, als er sich bei den Ermittlungen in eine Schauspielerin (Sandra Speichert) verliebt. Nur der Produzent freut sich über die Toten, denn die bedeuten kostenlose PR.
Ein Film über die Filmbranche also, zwar nicht ganz ernst gemeint, aber: "Wer ,Kai Rabe'' unrealistisch findet", munkelt Jahn, "hat keine Ahnung, wie es im deutschen Filmgeschäft zugeht."
Da spricht ein Experte, schließlich kennt Jahn das Metier seit 25 Jahren: Schon mit 8 drehte er Schmalfilme, mit 13 schrieb er sein erstes Drehbuch. Mit knapp 30, Jahn verdiente sein Geld als Taxifahrer, quatschte er in einer Buchhandlung Til Schweiger an. Der hatte gerade den "Bewegten Mann" gespielt und war auf dem Weg zum Superstar. Trotzdem hörte er dem Verehrer zu, als der von seinen Drehbüchern erzählte - darunter auch eine Version dessen, was nach einem Jahr gemeinsamer Arbeit die Vorlage zu "Knockin'' on Heaven''s Door" werden sollte. Schweiger übernahm die Hauptrolle, Jahn spielte eine Nebenrolle (einen Taxifahrer) und durfte Regie führen.
"Knockin'' on Heaven''s Door" war alles zugleich: eine Komödie, die nicht richtig witzig war; eine Tragödie, die nicht richtig traurig war, und ein Krimi, der nicht richtig spannend war. Doch weil Jahn das Ganze herrlich unbefangen und, gemessen am deutschen Komödienstandard, visuell brillant zusammenrührte, konnte sich kaum einer dem Charme des Films entziehen. Mit 3,5 Millionen Zuschauern wurde "Knockin'' on Heaven''s Door" zum erfolgreichsten deutschen Film 1997, und Jahn ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, es gebe "wohl keinen
* Mit Gunda Ebert, Brion James.
Film, den ich ohne Til Schweiger machen würde".
Doch daraus wurde nichts. Til Schweiger macht Til-Schweiger-Filme inzwischen am liebsten im Alleingang - beim vorvergangene Woche im Kino angelaufenen "Eisbär" als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent in einer Person (SPIEGEL 46/1998) -, und Jahn muß sich gegen das Gerücht wehren, obwohl Schweiger diesmal nicht mitspiele, komme er doch vor in Jahns Film: als Kai Rabe.
Alles Blödsinn, behauptet Jahn, "ich habe keine Rechnung mit Til Schweiger offen", ein reales Vorbild für die Rabe-Figur gebe es nicht, und überhaupt muß man den Film wohl mehr unter künstlerischen Aspekten betrachten, denn: ",Kai Rabe'' ist eine Stilübung."
Tatsächlich zitiert Jahn in gut 90 Minuten nahezu jedes Kino-Genre: Die Vorspann-Sequenz sieht aus wie ein Edgar-Wallace-Film, die Liebesgeschichte zwischen Kommissar und Schauspielerin erinnert an die Schlagerfilme der sechziger Jahre, eine Tanzszene an "Pulp Fiction". "Jedes Bild ist irgendwo geklaut", sagt Jahn, und auch einige Sätze hat man so ähnlich schon mal gehört: Wo bei "Rossini" der Produzent "Film ist Krieg" sagt, heißt es hier "Am Set ist jeder dein Feind".
Also wird viel geschossen, ein bißchen gerammelt, und ständig ist von Verträgen die Rede, die sich irgendwer "in den Arsch schieben" könne: Wenn Jahn seine Dialoge nicht im Leihhaus findet, sammelt er sie gleich auf dem Schrottplatz auf.
Auch gelingt ihm das Kunststück, sich bereits in seinem zweiten Film selbst zu zitieren: Bei "Knockin'' on Heaven''s Door" sitzen am Schluß die beiden Helden mit dem Rücken zur Kamera und sehen aufs Meer, bei "Kai Rabe" sitzen am Ende zwei mit dem Rücken zur Kamera und sehen ins Feuer; in beiden Fällen stirbt einer. Der dünne Plot von "Kai Rabe" hat freilich schon vorher den Geist aufgegeben.
Der Rest ist Koketterie: Da sehen in einer Szene zwei Typen aus wie Jahns Regie-Kollegen Dieter Wedel und Helmut Dietl (falsch), in einer anderen taucht Sönke Wortmann auf (echt), und Heinz Hoenig darf in seiner Rolle als schmieriger Produzent das Drama auf den Punkt bringen: "Ich habe einen Regisseur, der glaubt, er sei Quentin Tarantino."
Daß man nicht alles glauben darf, was beim Film erzählt wird, hätte man vielleicht auch dem Darsteller des Kai Rabe sagen sollen: Steffen Wink identifizierte sich offenbar so stark mit seiner Rolle als abgehobener Jungstar, daß er sie auch noch spielte, als "Kai Rabe" längst abgedreht war. Resultat: Wink wurde als Assistent von Schimanski gefeuert - wegen zu hoher Gagenforderungen. MARTIN WOLF
* Mit Gunda Ebert, Brion James.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 48/1998
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