23.11.1998

Montag, 23. November

20.15 - 22.00 UHR VOX
Fanfan & Alexandre
Regisseur Alexandre Jardin drücke einem das berühmte Savoir-vivre so deutlich aufs Auge, schimpften Kritiker, daß es blau werde. Anderen gefiel die Liebesgeschichte zwischen dem wilden Schmollmund (Sophie Marceau) und dem romantischen Jüngling (Vincent Perez). Besonderen Reiz haben die Szenen, in denen Fanfan neben dem Appartement ihres Geliebten lebt und nicht ahnt, daß die Wand zwischen ihnen ein Einwegspiegel ist. Wenn sie im Zimmer tanzt, wendet sie sich unbewußt an Alexandre - Kino als Kunst zwischen Voyeurismus und Narzißmus.
20.45 - 22.20 UHR ARTE
Der kleine Gangster
Der kleine Gérald, Schulschwänzer, Streuner, Gelegenheitsdieb, erfährt eines Tages, daß er eine ältere Schwester hat, von der er nichts wußte. Sie zu finden wird ihm zur fixen Idee; er will weg von der ewig betrunkenen Mutter. Er verschafft sich einen Revolver und nimmt einen Polizisten als Geisel, der ihn mit dem Dienstwagen ans Ziel bringen soll. Aus dem kleinen Anlaß entwickelt der französische Regisseur Jacques Doillon in seinem Film (1990) ein Drama von großer innerer Spannung, ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem kleinen Täter, der in Wahrheit ein Opfer ist, und dem Polizisten, der ihn zu retten versucht. Doillons Film, mit Richard Anconina und dem damals 13jährigen Gérald Thomassin als Hauptdarstellern, erinnert an Truffauts "Sie küßten und sie schlugen ihn", aber die Zeiten sind härter geworden.
22.15 - 0.20 UHR ZDF
Twelve Monkeys
Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie im Grunde nie war - in den nächsten Jahrzehnten, so phantasiert Terry Gilliams Film (1995), werden sich die Menschen tief unter der Erde einbuddeln, weil weiter oben ein Virus wütet, das jeden tötet, der ihm zu nahe kommt. Ein Film mit Tiefgang also, der sich nach Oberfläche sehnt, womit der britische Regisseur ("Brazil", "Time Bandits") die übliche Denkrichtung des künstlerisch ambitionierten Kinos schon umgedreht hat. Und nicht nur die Gedanken stehen auf dem Kopf in diesem Film - auch die Zeit läuft in die falsche Richtung, als James Cole (Bruce Willis) per Zeitmaschine zurückgeschickt wird in jene Vergangenheit, welche die Gegenwart des Publikums ist, damit er dort den Ursprung der Seuche erforsche und deren Ausbruch verhindere. Das kann naturgemäß nicht funktionieren; denn wenn Cole die Gegenwart veränderte, dann wäre auch die Zukunft nicht mehr die, aus der er zurück in die Vergangenheit gereist ist, womit der ganze Film sich ins Nichts auflöste. So erlebt und erkennt dieser Mann, daß alles, was er tut, völlig sinnlos ist, und kann doch nicht aufhören, diesem Schicksal zu widerstehen, weil er sonst völlig verloren wäre.
0.00 - 0.55 UHR NORD III
Lübke
Als Lachnummer der Nation ist der kleine Sauerländer Heinrich Lübke, 1959 bis 1969 Bundespräsident von Adenauers Gnaden, in die Geschichte eingegangen. Das TV-Porträt von Lars Jessen, montiert aus altem Tagesschau-Material und neuen Interviews, räumt mit Anekdotischem ("equal goes it loose") auf und stellt den stets gehorsamen Staatsdiener als Repräsentanten all dessen dar, wogegen die Apo dann aufbegehrte: auch dies ein Stück unbewältigter Vergangenheit.

DER SPIEGEL 48/1998
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DER SPIEGEL 48/1998
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