12.09.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Alice, räche uns“

Vor 40 Jahren machte Alice Schwarzer mit der Aktion „Wir haben abgetrieben“ die Frauenbewegung zu einer politischen Kraft. Nun erscheint der erste Teil ihrer Autobiografie. Ein Gespräch über Feminismus und Männer, Sex und Politik und ihr spätes Coming-out als Frau, die Frauen liebt.
SPIEGEL: Frau Schwarzer, Sie haben Ihr Leben lang über die Beziehungen von Männern und Frauen geschrieben. Im Alter von 68 kommen Sie in Ihrer Autobiografie nun zum ersten Mal auf Ihr eigenes Liebesleben zu sprechen. Warum so spät?
Schwarzer: Ich habe bisher nie öffentlich über meine Liebesbeziehungen gesprochen, weil ich ein tiefes Bedürfnis nach Schutz meines Privatlebens habe. Gerade Sie wissen doch, was mit Menschen passiert, die ihre Tür aufmachen, das Hemd aufreißen und ihr Leben ausplaudern: Sie werden einfach verhackstückt.
SPIEGEL: Wer eine Autobiografie schreibt, kommt um gewisse Themen nicht herum.
Schwarzer: Darum habe ich mich auch entschlossen, ehrlich zu sein. Mir war plötzlich nach einem Befreiungsschlag. Jeder glaubt ja zu wissen, wer Alice Schwarzer ist, da hat sich ein Klischee aufgebaut.
SPIEGEL: Sie berichten offen darüber, dass Sie seit vielen Jahren in lesbischen Beziehungen leben. Sie erzählen aber auch von zwei großen Liebschaften zu Männern. Welches Geständnis war befreiender?
Schwarzer: Was heißt Geständnis? Ich schulde ja niemandem Rechenschaft. Aber bei meinem Ruf ist die eigentliche Überraschung vermutlich meine Beziehungen mit Männern. Wenn man das Buch liest, sagt man wahrscheinlich: Wie bitte, Frau Schwarzer, Sie hatten zehn Jahre lang einen Lebensgefährten?
SPIEGEL: Ein junger Mann aus Paris namens Bruno, den Sie im Urlaub kennenlernten.
Schwarzer: Ja, 1964 in Sainte-Maxime. Er saß am Strand, allein, und las eine Studie über Karl Marx. Er hätte meinetwegen auch Micky Maus lesen können. Er war genau mein Typ, groß, dunkel, mit einem ausdrucksstarken Gesicht.
SPIEGEL: Warum haben Sie ihn über all die Jahre verschwiegen? Sie sind lange als Männerhasserin denunziert worden.
Schwarzer: Sicher, ich hätte leicht sagen können: Ich bin zwar Feministin, habe aber trotzdem einen Mann. Darf ich vorstellen, Bruno. Aber ich wollte mich als Feministin nicht legitimieren, ich hätte das als unter meiner Würde empfunden. Der Witz bei mir ist ja, dass mir Männer immer sehr nahe waren und ich zeit meines Lebens ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen hatte. Darum nehme ich sie auch so ernst.
SPIEGEL: Sie hatten Schlag bei Männern?
Schwarzer: Kann ich nicht leugnen.
SPIEGEL: Die Autorin Claire Goll hatte ihren ersten Orgasmus im Alter von 76. Wie war das bei Ihnen?
Schwarzer: Um mein Liebesleben brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Seit meinem 19. Lebensjahr läuft alles bestens, danke der Nachfrage.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Der kleine Unterschied", das Sie 1975 in Deutschland berühmt machte, heißt es über das erste Mal: "Für alle ist es ein traumatisches Erlebnis. Allen tut es weh." Das war bei Ihnen offensichtlich anders.
Schwarzer: Ich schreibe das in Bezug auf die 17 Frauen, die ich für das Buch befragt hatte. Ich war damals selber entsetzt, wie groß das sexuelle Elend der Frauen war. Jede Zweite galt damals ja als frigide.
SPIEGEL: Das ganze Buch durchzieht ein sehr apodiktischer Ton, und am Ende steht die Erkenntnis, dass Sexualität immer Machtausübung von Männern über Frauen bedeute.
Schwarzer: Es waren auch kämpferische Zeiten. Ich habe bei der Recherche in Abgründe geguckt, die ich nicht vermutet hatte. "Der kleine Unterschied" hat auch mich radikalisiert. Ich war bis dahin eher eine gemäßigte Feministin, weil ich persönlich mit Männern gut auskam.
SPIEGEL: Am Anfang Ihres Lebens steht eine Zurückweisung. Ihre Mutter wurde ungewollt schwanger und hat Sie gleich nach der Geburt bei den Großeltern abgegeben. Wie sehr hat diese Kränkung Ihr Leben bestimmt?
Schwarzer: Ich frage mich, ehrlich gesagt, ob ich das überhaupt als Kränkung empfunden habe. Auch wenn man auf sein eigenes Leben guckt, findet man ja nicht alle Antworten. Ich wusste natürlich, da ist eine Mutter, die tauchte ab und zu auf, eine strahlende Frau, frisch geschminkt, die Sachen sagte wie: "Vorsicht, nimm mich nicht in den Arm, du verwischst mir den Lippenstift." Vermutlich gab es wohl doch eine Sehnsucht des kleinen Mädchens.
SPIEGEL: Ihr Großvater übernahm alle Mutterpflichten und zog Sie auf.
Schwarzer: Bei uns gab es eine Rollenumkehr, meine Großmutter hätte rausgehört in die Welt. Sie war interessiert und sehr politisch, sie hat die Nazis gehasst. Sie hätte das Zeug zu einer Politikerin oder Menschenrechtlerin gehabt. Aber das ging damals nicht. Deshalb hat sie den ganzen Druck der frustrierten Hausfrau an ihrem Mann abgelassen. Meinem Großvater ist es schwergefallen, sich gegen sie zu wehren: Er war einfach ein zu freundlicher Mensch, einfühlsam, lustig, fürsorglich.
SPIEGEL: Wie hat sich die Frustration Ihrer Großmutter geäußert?
Schwarzer: Sie hat Szenen gemacht. Das kennt man ja von Frauen. Sie hat noch wenige Tage vor ihrem Tod zu ihrer Tochter gesagt: "Das verzeihe ich meinem Vater nie, dass nur meine Brüder studieren durften." Klarer kann man es ja nicht mitteilen.
SPIEGEL: In Ihrer Familie war nicht der Mann der Täter, sondern die Frau?
Schwarzer: Ja, absolut. Ich hab das meiner Großmutter auch nie verziehen. Sicher, wenn ich mich von außen als Feministin über das Leben dieser wirklich sehr eigenwilligen Frau gebeugt hätte, dann hätte ich vermutlich mit tiefem Verständnis über dieses Opfer des Patriarchats geschrieben. Aber wenn man betroffen ist, sieht man die Dinge manchmal anders. In diesem Fall war ich die Leidtragende, ein kleines Mädchen, das andauernd Zank in der Bude hatte und irgendwie den Großvater beschützen musste.
SPIEGEL: Aus der Familienforschung ist bekannt, dass Erwachsene die Art der Konfliktlösungen reproduzieren, die ihnen als Kinder vorgelebt wurde. Gilt das auch für Sie?
Schwarzer: Wenn Sie mich das vor 20 Jahren gefragt hätten, dann hätte ich das sicherlich abgestritten. Aber über die Jahre bin ich mir selbst auf die Schliche gekommen. Auch ich konnte früher Heftigkeiten haben. Aber das ist vorbei.
SPIEGEL: Was heißt Heftigkeiten?
Schwarzer: Die Handtasche auf den Boden knallen, laut werden, wenn ich mich unverstanden fühlte. Es hat auch länger gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich Menschen manchmal einschüchtere, obwohl ich das gar nicht will. Ich habe offensichtlich etwas von der Schärfe meiner Großmutter geerbt.
SPIEGEL: Ihr polemisches Talent ist bis heute gefürchtet.
Schwarzer: Ja? Das ist doch gut. Ich bin in meiner Familie eben nicht ausreichend auf artig dressiert worden. Für mich gilt wohl, was man in der Psychologie den Auftrag der Mutter nennt, nur ist es bei mir der Auftrag der Großmutter: Gehe raus in die Welt, werde selbständig, misch dich ein. Was ich ja getan habe.
SPIEGEL: Sie waren 22, als Sie das erste Mal nach Paris gingen. Ab 1970 gehörten Sie zu den feministischen Pionierinnen in Frankreich. Warum eigentlich, mit Männern hatten Sie doch nur gute Erfahrungen gemacht?
Schwarzer: In der Gesellschaft waren die Grenzen für die Frauen allgegenwärtig, gegen die ist ein anarchisches und stolzes Mädchen wie ich ziemlich schnell gestoßen. Wir waren einfach nicht gleich, und die Welt war zu eng für uns Frauen. Man hatte aber keine Worte dafür. Dann lasen wir Betty Friedan und Simone de Beauvoir und fanden endlich die Worte für unser bis dahin wortloses Unbehagen.
SPIEGEL: Ihre erste Begegnung mit Simone de Beauvoir verlief nicht besonders glücklich, wie Sie in Ihrer Biografie schreiben.
Schwarzer: Das stimmt. Jean-Paul Sartre hatte mir ein Interview zu dem damals hochaktuellen Thema der sogenannten revolutionären Gewalt zugesagt. Er empfing mich in seiner Wohnung, ein einziger Raum, viele Bücher, sein Holzschemel aus dem Elsass. Sartre hat ja lebenslang wahnsinnig bescheiden gelebt. Es war Sommer, es war heiß, ich trug eines dieser Minikleider, die damals in Mode waren. Es gibt ein Foto davon, und man sieht: Das Kleid ist ziemlich weit hochgerutscht.
SPIEGEL: Noch im züchtigen Bereich?
Schwarzer: Äußerst knapp. Es bedeckte gerade den Venushügel.
SPIEGEL: Hat sich Sartre noch konzentrieren können?
Schwarzer: Es ist ein sehr interessantes, sachliches Interview geworden, das ging schon. Sartre hatte mir eine halbe Stunde gewährt. Nach 20 Minuten drehte sich der Schlüssel in der Tür, herein kam Beauvoir, ausgerechnet. Mir blieb das Herz stehen. Ich dachte, verdammt, die hält mich für so eine blonde Mieze. Beauvoir sagte nur schneidend: "Sartre, Sie haben nicht vergessen, dass wir gleich verabredet sind?" Wir fuhren anschließend in einem dieser kleinen Aufzüge, wie es sie in Frankreich gibt. Vier Stockwerke. Ich versuchte, irgendwie mit Madame ein Gespräch zu beginnen. Aber sie hat mich ganz kalt abfahren lassen. Als wir später Freundinnen geworden waren, habe ich ihr von unserer ersten Begegnung erzählt. Sie musste sehr lachen, konnte sich aber nicht daran erinnern, klar.
SPIEGEL: Sie zitieren in Ihrer Autobiografie Simone de Beauvoir mit den Worten: "Ich hätte gern eine wirklich sehr ehrliche Bilanz meiner eigenen Sexualität gezogen. Und zwar vom feministischen Standpunkt aus." Was hat Beauvoir abgehalten?
Schwarzer: Simone de Beauvoir war ihr Leben lang bisexuell. Natürlich war Sartre ihre zentrale Beziehung, aber sie hat daneben immer auch andere Beziehungen gehabt, auch zu Frauen. Wenn diese Ikone des Feminismus, die ohnehin schon einen wahnsinnigen Ärger am Hals hatte, diese Seite öffentlich eingestanden hätte, wäre sie erledigt gewesen. Die Verbindung von Feminismus und Lesbischsein ist ja sogar heute, in Zeiten der Homo-Ehe, noch heikel.
SPIEGEL: Haben Sie aus dem gleichen Grund 30 Jahre lang über Ihre Beziehungen zu Frauen geschwiegen?
Schwarzer: Ich habe bisher über mein ganzes Privatleben geschwiegen. Der Stoff einer Autorin wie Beauvoir ist von Anfang an das eigene Leben gewesen, und zwar auf eine gewisse, und das sage ich jetzt ganz wertfrei, exhibitionistische Art und Weise. Das ist nicht meine Sache.
SPIEGEL: Es gibt den berühmten Satz von 1968, wonach das Private politisch sei. Den haben auch Sie gern verwendet. Warum galt er nicht für Sie?
Schwarzer: Das ist ein gewaltiges Missverständnis. Dieser Satz war nie als Aufforderung zu Geständnissen gemeint. Es ging darum, Frauen und Männern zu sagen: Was ihr als euer Privatproblem betrachtet, hat in Wahrheit gesellschaftliche Ursachen. Aber das heißt doch um Gottes willen nicht, dass man sein Privatleben öffentlich ausliefert oder gar, dass andere das Recht hätten, das zu tun.
SPIEGEL: Sie waren 31 Jahre alt, als Sie nach zehn Jahren Ihren Freund für eine Frau verließen. Gehörte dieser Schritt dazu, um in der Bewegung akzeptiert zu werden?
Schwarzer: Nein, das hat sich einfach ergeben. Man fängt doch nicht aus politischer Korrektheit eine Beziehung an. Es war für uns Feministinnen einfach so, dass das Tabu der Homosexualität gefallen war. Wir haben die Frauen entdeckt, auf allen Ebenen.
SPIEGEL: Sie haben sich einfach verliebt?
Schwarzer: Das kann ja mal passieren.
SPIEGEL: Ist das Zusammenleben mit einer Frau einfacher?
Schwarzer: Für mich persönlich nicht. Ich muss zugeben, dass ich mit meiner ersten Freundin mehr Probleme mit der Hausarbeit hatte, als es jemals mit Bruno der Fall war.
SPIEGEL: Bis heute vermeiden Sie es dennoch, sich als lesbisch zu bezeichnen.
Schwarzer: Weil ich es nicht bin. Wenn ich das sagen würde, dann würde ich Beziehungen und Gefühle in meinem Leben leugnen, die mir bis heute sehr teuer sind. Damit kann ich also nicht dienen.
SPIEGEL: Viele Frauen hätten sich gewünscht, Sie wären mit gutem Beispiel vorangegangen.
Schwarzer: Das glaube ich gerne. Ich bin ja auch bereit, viel für die gemeinsame Sache zu tun. Aber ich verlüge nicht mein eigenes Leben. Und eine solche Deklaration wäre einfach eine ideologische Verbiegung meiner Biografie. Mal davon abgesehen, dass ich lange Zeit ohnehin als die Lesbe der Nation galt.
SPIEGEL: Könnten Sie sich heute noch in einen Mann verlieben?
Schwarzer: Warum nicht? Ich verliebe mich in Menschen, nicht in Geschlechter. Aber da ich seit langem in einer glücklichen Beziehung bin, sehe ich keinen Handlungsbedarf.
SPIEGEL: 1974 kamen Sie nach Deutschland zurück. Von Anfang an gab es Spannungen zwischen Ihnen und Vertreterinnen des deutschen Feminismus.
Schwarzer: Als ich nach Berlin kam, war das für mich ein wahrer Kulturschock. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal im Frauenzentrum saß, da hob eine Frau zwei Hände. Ich fragte, warum hebt die denn zwei Hände? Da hieß es: Meldung zur Geschäftsordnung. Bei uns in Frankreich hatte man einfach lauter geschrien als die anderen, wenn man was sagen wollte. In Deutschland ermahnte mich die Protokollführerin, sie hieß Regula: "Setz dich, du bist noch nicht dran. Außerdem weißt du immer alles besser."
SPIEGEL: Vermutlich haben Sie sich das nicht bieten lassen.
Schwarzer: Doch, wir waren schließlich eine Basisbewegung, da war das Kollektiv angesagt. Also schwieg ich erst mal. Als ich dann endlich drankam, war das Thema natürlich längst durch. "Ich hab mal eine Frage", habe ich da gesagt, "wie ist es denn, wenn ich wirklich etwas besser weiß?" Darauf antwortete Regula: "Auch dann sollst du die Klappe halten." Das war ein Schlüsselerlebnis. Da dachte ich, nein, Mädels, das mache ich nicht mit, ich lasse mir nicht das Denken verbieten.
SPIEGEL: Wenn man sich die Fotos aus den Siebzigern ansieht, gibt es bei Ihnen eine interessante Veränderung: Statt Kontaktlinsen und Minirock tragen Sie plötzlich Eulenbrille und Sackkleider.
Schwarzer: Das berühmte Schlabberkleid war von Dorothée Bis, dem damaligen In-Label in Frankreich. Aber Sie haben recht, mir ist das auch aufgefallen. Es gab sicher ein paar Jahre, in denen ich mich ein bisschen versteckt habe. Ich war dieser ganzen Anfeindungen müde.
SPIEGEL: Waren Sie auch einsam?
Schwarzer: Damals ja, manchmal sehr.
SPIEGEL: "Manchmal frage ich mich, wie ich das überlebt habe", schreiben Sie im Rückblick. Überleben ist ein sehr starkes Wort.
Schwarzer: Es waren auch extrem harte Zeiten. Eine wie ich ist ja vogelfrei. Seit fast 40 Jahren rollen in regelmäßigen Abständen diese Angriffswellen über mich hinweg. Und wenn jemand zum Abschuss freigegeben ist, entsteht so ein ekliger Mechanismus: Alle machen mit. Aber ich bin allein. Ich habe niemanden hinter mir, keine Partei, keine Organisation, keine Firma. Ich bin ich, sonst nichts. Das ist manchmal schwer auszuhalten.
SPIEGEL: Was genau?
Schwarzer: Das Härteste ist der Verrat aus der Nähe. Wenn irgendjemand in Honolulu oder Berlin-Mitte irgendwas schreibt, da sagt man sich: Also, na komm, geschenkt. Viel schlimmer ist, wenn es einen ganz unvorbereitet von hinten trifft.
SPIEGEL: Haben Sie das erlebt?
Schwarzer: Natürlich. Zum Glück nicht oft.
SPIEGEL: Können Sie das konkreter machen?
Schwarzer: Ungern.
SPIEGEL: Plötzlich tauchen Leute, denen man vertraut hat, mit Zitaten gegen einen auf?
Schwarzer: Die Versuchung ist groß, gerade bei mir. Wenn man sich von der Schwarzer distanziert, kommt man vielleicht in die Zeitung und macht sich beliebt. Hinzu kam früher das Problem, dass ich als "Star" einer Bewegung galt, die das Wir über das Ich gestellt hatte.
SPIEGEL: Sie schreiben Starfeministin bis heute mit Anführungszeichen. Warum?
Schwarzer: Weil es ein lächerlicher Begriff ist. Ich bin ja kein Star.
SPIEGEL: Sondern?
Schwarzer: Ich bin Journalistin, Essayistin und Feministin.
SPIEGEL: Sie sind heute sogar die beliebteste Feministin des Landes. Sie haben mit Biolek gekocht, bei Gottschalk gesessen und mit Karamellen beim Kölner Karnevalszug geworfen. Sie haben nichts ausgelassen.
Schwarzer: Es kommt vor, dass ich anfange, mich zu langweilen. Ich bin ja Rheinländerin. Ab und zu muss ich dann etwas machen, was sich nicht gehört. Das Anstößigste war sicher, auch für einige meiner klugen Freundinnen, als ich plötzlich neben Sepp Maier in dem Ratespiel "Ja oder Nein" saß. Mich hat es amüsiert. Ich fuhr für die Aufzeichnungen nach München und wohnte im Vier Jahreszeiten. Der Portier sagte zu mir: "Gnädige Frau, mal wieder im Haus." Herrliches Leben.
SPIEGEL: War es schön, mal vorbehaltlos gemocht zu werden?
Schwarzer: Dieses Gefühl kenne ich schon länger. Es gab von Anbeginn, neben allen Anfeindungen, auch viel Zuneigung. Übrigens immer auch von einer Minderheit von Männern, und die werden mit der Zeit sogar immer mehr.
SPIEGEL: Wie eitel sind Sie?
Schwarzer: Ich weiß nicht, was eitel ist. Ich freue mich über Erfolge, aber ich mache nichts, um zu gefallen.
SPIEGEL: Ist womöglich das Gegenteil richtig: Sie genießen es, wenn man sich über Sie aufregt?
Schwarzer: Da ist was dran. Wenn mich jemand anmacht, gibt mir das einen Adrenalinstoß. Da erfüllt sich wieder der Auftrag der Großmutter: Alice, räche uns. Angriffe unter die Gürtellinie bringen mich in Stimmung. Gerade denke ich: lange nicht mehr mit einem oder einer angelegt.
SPIEGEL: Das kann man so nicht sagen. Vor kurzem erst haben Sie sich über Charlotte Roche hergemacht.
Schwarzer: Nachdem ich die Ehre habe, als feministischer Racheengel durch ihren ganzen Roman zu schweben, habe ich mir erlaubt zu antworten. Was uns hier im Namen eines sogenannten neuen Feminismus als verwegen und sündig verkauft wird, ist in Wahrheit ziemlich spießig und arm. Wir haben es in dem Buch mit einer verstörten Frau zu tun, die um jeden Preis versucht, ihr kleines Glück zu zimmern. Das hatten wir doch schon mal.
SPIEGEL: Liegt Ihr Problem mit dem Buch womöglich darin, dass Sie als eine Figur von gestern dargestellt werden?
Schwarzer: Den Eindruck hatte ich gar nicht, ich bin darin ja allgegenwärtig.
SPIEGEL: Sie sind in "Schoßgebete" die Spaßverderberin. Immer wenn es um das Ausleben von Sexphantasien geht, schauen Sie der Protagonistin missbilligend über die Schulter.
Schwarzer: Der Ehemann verstößt gegen Papas Katholizismus, die Ehefrau sündigt wider Mamas Feminismus. Wenn man's braucht, meinetwegen.
SPIEGEL: Ist das nicht der Spaß am Sex?
Schwarzer: Ich muss nicht sündigen, mir kann es auch so Spaß machen.
SPIEGEL: Im "Kleinen Unterschied" war Ihr Grundgedanke, dass sich das Machtgefälle zwischen Mann und Frau in der Sexualität widerspiegelt. Deshalb ist die Frage der Sexualpraktiken für den Feminismus so bedeutend. Wie sieht feministisch korrekter Sex aus?
Schwarzer: Feministisch korrekten Sex stelle ich mir total abtörnend vor. Schließlich ist die sexuelle Befreiung von Feministinnen wie mir angezettelt worden. Es ist nicht ohne Komik, dass nun ausgerechnet ich die Zuchtmeisterin sein soll.
SPIEGEL: Ein Blowjob geht aus Ihrer Sicht in Ordnung?
Schwarzer: Von mir aus können Sie sich nackt an den Kronleuchter hängen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist eine Frage von gesellschaftlichen Stellungen, nicht von körperlichen.
SPIEGEL: Dann hat sich seit dem "Kleinen Unterschied" ja einiges verändert, und die Heldin in "Schoßgebete" braucht gar kein schlechtes Gewissen zu haben.
Schwarzer: Zwingen Sie mich bitte nicht, mehr darüber zu sagen. Die Emanzipation ist noch nicht so weit vorgeschritten, dass zwei Frauen sich öffentlich kontrovers auseinandersetzen können, ohne dass dies gleich als Hennenkampf etikettiert wird.
SPIEGEL: Sie waren mal befreundet.
Schwarzer: Charlotte sagt, wir waren nicht befreundet. Das ist ihr gutes Recht. Ich muss nicht gegen Charlottes Willen mit Charlotte befreundet gewesen sein. Lassen Sie es mich so sagen: Wir hatten einen freundschaftlichen Kontakt.
SPIEGEL: Wann kam der Bruch?
Schwarzer: Das brach irgendwann ab.
SPIEGEL: Frau Roche sagt, dass sie über Ihr Engagement für "Bild" schockiert gewesen sei.
Schwarzer: Wie lächerlich.
SPIEGEL: Warum haben Sie Werbung für die "Bild" gemacht?
Schwarzer: Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen habe ich keine Werbung gemacht. Ich habe mein Foto für eine Imagekampagne zur Verfügung gestellt.
SPIEGEL: Der Unterschied ist von außen schwer zu erkennen.
Schwarzer: Tatsächlich? Es scheint immer noch Menschen zu geben, für die sich die Welt in Gut und Böse unterteilt: "Bild" böse, SPIEGEL gut. Aber wenn ich Ihnen eine Liste der abgefeimtesten, hinterfotzigsten Medien in Bezug auf mich und den Feminismus aufstellen müsste, wären Sie überrascht. Sie würde von sehr feinen Medien angeführt, mit Sitz im Norden und Süden der Republik.
SPIEGEL: Sie haben für "Bild" den Kachelmann-Prozess kommentiert. Die Schuld des Mannes stand für Sie von vornherein fest. Sind Frauen für Sie automatisch immer Opfer?
Schwarzer: Keineswegs, wie schon die Geschichte mit meiner Großmutter zeigt. Für einige andere Journalistinnen stand bereits vor Beginn des Prozesses fest, dass die Ex-Freundin lügt, um sich zu rächen. Darum bin ich eingestiegen und habe gegengehalten. Aber ich habe nicht behauptet, Kachelmann sei schuldig. Ich habe nur geschrieben: Es könnte ja auch sein, dass die Frau die Wahrheit sagt.
SPIEGEL: Können Sie den Freispruch akzeptieren?
Schwarzer: Selbstverständlich. Außerdem ist Kachelmann ja nicht aus erwiesener Unschuld freigesprochen worden, sondern weil es Restzweifel an seiner Schuld gab.
SPIEGEL: Sie werden im nächsten Jahr 70. Sie leiten seit über 30 Jahren die "Emma", weit und breit ist keine Nachfolgerin in Sicht. Woran liegt das?
Schwarzer: Worauf wollen Sie hinaus?
SPIEGEL: Sie können nicht loslassen.
Schwarzer: Was soll ich denn loslassen? Ich bin die Verlegerin der "Emma", mir gehört der Laden. Meinen Sie, ich bin wild darauf, noch im 34. Jahr Konferenzen zu leiten und Manuskripte zu redigieren? Ich suche schon lange nach einer Chefredakteurin.
SPIEGEL: Dass es keine fähigen Frauen für Führungspositionen gebe, ist ein typisches Männerargument.
Schwarzer: Es gibt etliche sehr tüchtige Kolleginnen, denen der Job regelrecht nachgetragen wurde und die das am Ende dann lieber doch nicht gemacht haben. Ich glaube, dass es Frauen oft auch Angst macht, an der Spitze eines solchen Blattes zu stehen. Wenn Sie "Emma" leiten, sind Sie politisch sehr stark exponiert. Das muss man aushalten können.
SPIEGEL: Vielleicht sind Sie zu dominant?
Schwarzer: Zu dominant, um eine Chefredakteurin in meinem Verlag anzustellen? Hinter diesem ganzen Gerede steckt doch in Wahrheit etwas anderes: der Neid einiger mitteljunger Frauen auf meine Position. Ich nutze die gute Gelegenheit, im SPIEGEL endlich einmal klarzustellen: Ich bin nicht gewählt wie die Kanzlerin und auch nicht die Vorsitzende der Frauenbewegung. Ich kann nur alle Frauen, die eine ähnliche Rolle in der Öffentlichkeit spielen wollen, ermuntern, es ganz einfach zu tun. Wenn die Schwarzer mal nicht mehr sein sollte, weil sie sich nach Frankreich verdrückt hat oder in den Rhein gefallen ist - ja, dann bleibt ihr Stuhl leer. Das ist nämlich der Stuhl von Alice.
SPIEGEL: Frau Schwarzer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Oben: Für einen Beitrag zum Paragrafen 218, der in "Panorama" gezeigt werden sollte, ließ Schwarzer 1974 eine illegale Abtreibung in einer Wohnung in Berlin filmen; unten: mit den Redakteuren Jan Fleischhauer und Claudia Voigt in Schwarzers Kölner Büro.
Von Jan Fleischhauer und Claudia Voigt

DER SPIEGEL 37/2011
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