30.11.1998

THEATERDas Spiel von Liebe und Zerfall

In seinem jüngsten, nun in Zürich uraufgeführten Stück „Der Kuß des Vergessens“ experimentiert Botho Strauß im Brutkasten der großen Gefühle.
Nun also das ganze noch mal und sehr grundsätzlich von vorn: Warum ziehen zwei sich an, warum stoßen sie einander ab? Wie bloß kann der eine den anderen ertragen, und auf welche Zukunft darf das Paar als solches hoffen? Tolle Themen für ein Wochenendseminar der Evangelischen Akademie; auch Fragebögen lassen sich beim Sinnieren über all das (Max Frisch hat's im "Tagebuch 1966-1971" vorgeführt) trefflich erstellen - Botho Strauß aber verhandelt derlei Dinge des Lebens am liebsten in einem Theaterstück.
"Warum zwingst du mich? Was habe ich dir getan?" lauten die alten, neuformulierten Fragen bei ihm, oder "Was wird aus mir, was wirst du tun? Warum so spät, und war das alles?" Die Fragesteller in seinem aktuellen Stück "Der Kuß des Vergessens" sind zwei Übriggebliebene einer offenbar zum Untergang verurteilten Spezies, zwei Paarmenschen unter lauter Vereinzelten, die neuere deutsche Gegenwartsdramatik würde sagen: ein Restpaar.
Sie heißen Herr Jelke und Ricarda, ihre Liebe währet acht Jahre und wird nach dem Tod des Mannes auf magische Weise verlängert in alle Ewigkeit; und weil die beiden Helden offenbar in freier Wildbahn kaum mehr lebensfähig wären, hat der Dramatiker Strauß sie in einen beheizten Mini-Zoo gestellt. "Vivarium rot" heißt sein Stück im Untertitel, worunter man sich eine Art Kleingehege unter der Wärmelampe vorzustellen hat. Einen Brutkasten, an dem sich mit heißem Forscherinteresse Testreihen arrangieren lassen, ganz ähnlich, wie es der kühle Marivaux vor mehr als 250 Jahren zum Beispiel im Stück "Das Spiel von Liebe und Zufall" getan hat.
Wie aber sehen die allerletzten Paarmenschen aus? Beim Lesen des Stücks bekam man's mit der Angst: Sind diese letzten Liebenden nicht überlebensgroße Kitschgeschöpfe, wie sie da in der "elenden Epoche der Herzverfettung" am Paarlauf festhalten und beim Schreiten Seit' an Seit' einander durch einen schönen Zauber neu erschaffen, indem sie "mit einem einzigen Kuß" wieder zu Unbekannten werden?
Auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses, wo "Der Kuß des Vergessens" am vergangenen Samstag uraufgeführt wurde, verfliegt die Furcht vor dem Monströsen dieses Gespanns sehr schnell: Otto Sander leiht dem Herrn Jelke sein fabelhaft verknittertes Knautschgesicht und die minimalistische Wurstigkeit seiner Bewegungen. Und Anne Tismer spielt die Ricarda eben nicht als Heroine einer aussterbenden Leidenschaft, sondern als blaßschöne junge Frau von nebenan: Anders als viele Botho-Strauß-Darstellerinnen vor ihr hat sie nichts Schwebendes, verwegen Somnambules. Erst allmählich löst sie sich aus einer Art Erstarrung, die sie in einem schneidenden, manchmal zickigen Alltagston sprechen läßt; und auch dann sind ihre Zärtlichkeiten und Wutausbrüche auf charmante Weise klein, mitunter ungelenk und allezeit ganz von dieser Welt.
Ein seltsames und doch ganz gewöhnliches, oft ulkiges Paar also. Was die beiden zusammenhält und zugleich auseinandertreibt, sind die Zumutungen der Außenwelt, der anderen Menschen, die "einander so ähnlich sehen", wie es einmal heißt - dem Thema der fortschreitenden Gleichmacherei und Entindividualisierung hatte Strauß schon sein im Juni in Wien uraufgeführtes Stück "Die Ähnlichen" gewidmet.
Beide Stücke sind lose Szenenfolgen, Reigen von Außen- und Innenansichten des zeitgenössischen Beziehungswirrwarrs. Doch während der Meisterregisseur Peter Stein die Wiener "Ähnlichen"-Uraufführung gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer in großartigem Schauspielerschmock und kostbaren Wehmutsbildern erstickte, lassen der 35jährige Matthias Hartmann und sein Bühnenkünstler Karl-Ernst Herrmann dem Strauß-Spiel Luft.
Herrmann hat einen nach vorn geöffneten Spanntuch-Würfel gebaut, dessen Wände sich oft schräg in die Szene schieben und mit gelben, roten oder blauen Lichtröhren gerahmt sind; als einziges Requisit ist eine Wartezimmer-Stuhlreihe ständig auf der Bühne zu sehen.
Diese Labor-Leere verweist schon darauf, daß hier keine durchgängige Geschichte geschildert wird, sondern eine komische, kluge, manchmal wirre Versuchsanordnung: Zwei treffen sich im Wartezimmer eines Amtes, wo Ricarda einer verlorenen Wette wegen ein Ave Maria absingt - und schon diese Szene, die Stein einfach aus dem "Kuß des Vergessens" herausgeklaut und in die "Ähnlichen" eingebaut hatte (SPIEGEL 24/1998), erzählt Hartmann mit ungleich mehr Tempo und Leichtigkeit. Zwei lernen sich kennen und geraten sich, weil sie nur Allerweltsgewäsch plappern, bald in die Haare. Zwei stellen sich auf die Probe; sie werden durch eine Schwarzgeld-Transaktion partners in crime; sie machen Schluß mit der Fleischeslust und werden durch den Tod des Mannes aufs erste getrennt.
In der für ihn typischen Manier (und Manieriertheit) lädt Botho Strauß die Szenen auf mit antiken Mythen und naturwissenschaftlichen Exkursen. Da ist die Rede vom "Pulsar", der leuchtturmähnlich Lichtbündel ins Weltall sendet, von der versunkenen Insel Atlantis und derlei mehr; und wenn Herr Jelke seiner Ricarda grollt, schickt er ihr einen Doppelgänger ins Bett, von dem sich die Geliebte ahnungslos beschlafen läßt. Schon gut, der vornamenlose "Herr" und seine Zugepaarte sind also auch Jupiter und Alkmene, und "Der Kuß des Vergessens" ist auch ein wenig "Der Widerspenstigen Zähmung".
Hartmann aber, das zeigten die Endproben vergangene Woche, verwandelt all die Gelehrtenhuberei in fröhliche Wissenschaft. Getreu dem Motto, daß "ich es den Zuschauern in den ersten fünf Minuten abgewöhnen muß, alles gleich verstehen zu wollen", hält sich der Regisseur nicht lange auf mit der Enträtselung der Straußschen Privatphilosophie - und macht etwa aus der Szene "Die Hände", in der Ricarda mal mit der Stimme eines kleinen Mädchens, einer Erwachsenen und einer Greisin spricht, eine kurzweilige Videoclip-Einlage.
Hartmanns Blick konzentriert sich auf die mal lachhaften, mal rührenden Ringkämpfe eines alternden Mannes und einer jungen Frau. Wenn die beiden kurz vor dem Tod des Mannes auf der Kante ihres Liebeslagers dem sexuellen Glück adieu sagen, dann lüpft Otto Sander den Hosenbund und starrt auf sein wankelmütiges Geschlecht. "Das Glied spüren. Die Rute", ächzt er mit der Verzweiflung eines Clowns: "Geht nicht mehr von selbst. Man muß drum kämpfen."
Wie die besten Strauß-Stücke bietet auch "Der Kuß des Vergessens" weisen Wort-Slapstick und Wundersätze wie diesen: "Mal sind die Jahre vergangen, mal sind sie wieder da." Und wie die hohlsten Strauß-Stücke enthält auch dieses Werk heiligmäßigen Schwulst: "Wir alle stecken in der Haut einer einzigen Träne Gottes." Der Regisseur Hartmann macht das Beste draus: keinen Heidenspaß, sondern ein dem Heil (und dem Heiligen) frischgemut nachspürendes Kabarett.
Was aber hat Botho Strauß über den Stand der Dinge im Gewusel der Geschlechter wirklich zu sagen? Viele haben in den vergangenen Jahren behauptet, daß seine Stücke mehr und mehr geistvolles Boulevardtheater seien; sein Ruf als staunenswert genauer Porträtist deutscher Gegenwart habe sich mit dem Älterwerden erledigt. Tatsächlich wirken die Straußschen Liebesweisheiten oft wie Wehklagen einer in die Jahre gekommenen Generation von Empfindsamkeitsvirtuosen - jungen Liebenden von heute, vermutlich in der Sicht des Dichters ohnehin lauter entseelte Ähnlichen-Mutanten, müssen sie seltsam antiquiert erscheinen: Erinnerungen von einem, der vor langer Zeit einmal im Herz des Zeitgeists (und im Zeitgeist des Herzens) zu Gast war.
In einer Rahmenhandlung für sein Seelenexperiment zeigt der Autor Strauß nun die Helden seines Stücks beim Partyplausch in einer Dachmansarde, wo alle Umstehenden über einen Film, eine erleuchtende Kunsterfahrung diskutieren - und manches daran klingt so, als sei es eine Art Wunschvision, die Strauß mit dem eigenen Werk verknüpft. "Der Blick ist von gestern", lästert da zunächst einer der Diskutanten. "So spricht man nicht mehr. So spricht niemand mehr, der etwas zu sagen hat." Sein Gegenüber aber ruft begeistert: "Und dann, wie der Blitz, auf einmal schlägt dieser neue Ton ein."
In Zürich ist viel von Sternforscherei, Leuchtspuren und anderen Himmelserscheinungen die Rede, und das Auf und Ab des Geschlechtertreibens ist in ein warmes, oft munter flackerndes Licht getaucht. Auf einen Blitz jedoch hofft man vergeblich. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 49/1998
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