19.09.2011

ZEITGESCHICHTE„Junger Todesgott“

Fast 70 Jahre nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich erscheint die erste wissenschaftliche Biografie über den HolocaustOrganisator. Zur SS ging er demnach seiner Frau zuliebe.
Der Ort des Anschlags war sorgsam ausgewählt. Die abschüssige Straße im Prager Stadtviertel Libeň machte eine Haarnadelkurve. Jedes Auto, das sich der Biegung näherte, musste deutlich abgebremst werden.
Und so drosselte auch der Chauffeur jenes schweren Mercedes-Cabriolets, das am 27. Mai 1942 gegen 10.30 Uhr die Passage hinabfuhr, das Tempo. Hinter dem Fahrer saß sein Boss, einer der treuesten Gefolgsleute Adolf Hitlers. Prototyp des Ariers, groß und blond, blaue Augen. Das Idealbild eines SS-Führers. "Superhirn" nannte ihn ein britischer Gegenspieler.
Reinhard Heydrich war Chef des Berliner Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und in dieser Funktion Organisator des Holocaust, dem etwa sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen. Er hatte, wenige Monate zuvor, in der Reichshauptstadt die Wannsee-Konferenz geleitet, auf der all diese Mordpläne besprochen wurden.
Und er war, in Personalunion, Vize im Protektorat Böhmen und Mähren, regierte dort mit brutaler Hand. In den Wochen nach seiner Ankunft im Jahr zuvor hatte er über 400 Menschen liquidieren lassen: "Ich brauche Ruhe im Raum", begründete er seine Anweisung.
Wegen solcher Befehle lauerten ihm in der Kurve die Attentäter auf. Einer hob seine Maschinenpistole, drückte ab, aber die Waffe hatte Ladehemmung. Heydrich, der immer ohne Begleitkommando unterwegs war, zog seine Pistole, wollte schießen. Da warf der andere eine Handgranate. Sie explodierte, Splitter durchjagten die Sitzbank und bohrten sich in Heydrichs Unterleib. Acht Tage später starb er im Alter von 38 Jahren an einer Bauchhöhleninfektion. Es sollte der einzige erfolgreiche Anschlag auf einen ranghohen NS-Funktionär während der zwölfjährigen Diktatur bleiben.
Auch deshalb ist Heydrichs Leben vielfach verfilmt und beschrieben worden. Nur eine seriöse Biografie, die auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, hat es über den gefühlskalten Manager des Massenmordes bislang nicht gegeben.
Erst jetzt, fast 70 Jahre nach dessen Tod, füllt der deutsche Historiker Robert Gerwarth diese Lücke - mit erstaunlichen Ergebnissen und mit Interpretationen, die die NS-Täterforschung weiter vorantreiben werden(*).
Gerwarth, der am University College im irischen Dublin lehrt, sieht in Heydrich keinen Fanatiker und Judenhasser von Grund auf; er ist für ihn nicht der geborene "junge, böse Todesgott" (so der Schweizer Diplomat Carl J. Burckhardt), vor dem sich seine Mitarbeiter angeblich so sehr fürchteten, dass sie bedingungslos jeder Order folgten - eine im Nachkriegsdeutschland beliebte Einlassung, mit der man die eigene Schuld auf den toten Heydrich abwälzen konnte.
Anfangs, so Gerwarth, sei Heydrich ein eher unpolitischer, unsicherer Mensch gewesen, der sich erst als SS-Angehöriger radikalisiert habe. Das schon unterscheidet ihn von der "Generation des Unbedingten", wie sie der Berliner Historiker Michael Wildt beschrieben hat - jene Hitler-Treuen waren geprägt durch den verlorenen Ersten Weltkrieg, die Revolution, das Chaos der Weimarer Republik, und sie waren überzeugt davon, so Wildt, "weder einer regulierenden Norm noch irgendeinem Moralgesetz unterworfen" zu sein.
Heydrich hingegen geriet auf fast schon skurrile Weise in Hitlers Vernichtungsapparat: Er ließ sich laut Gerwarth treiben von seiner Verlobten, einer glühenden Nationalsozialistin.
Eigentlich sollte Reinhard Tristan Eugen Heydrich Musiker werden, so hatte es sich sein Vater Bruno Heydrich gewünscht, der Leiter eines Konservatoriums und Komponist wenig erfolgreicher Opern. Der Sohn jedoch, wenngleich mu-
sikalisch begabt, folgte lieber seinen sportlichen Neigungen und ging nach dem Abitur zur Marine. Sein Traum: Admiral.
Die Karriere endete indes jäh im Rang eines Oberleutnants. Heydrich hatte sich Ende 1930 mit einer damals 19-jährigen Frau verlobt, Lina von Osten. Einer anderen Freundin hatte er die Trennung mitgeteilt, indem er ihr die Verlobungsanzeige zuschickte; deren Vater war über Heydrichs Benehmen so empört, dass er den Ehrenrat der Marine einschaltete.
Marinechef Erich Raeder entschied, das Verhalten sei eines Offiziers "unwürdig". Heydrich wurde am 30. April 1931 entlassen. Das Recht auf Pension war dahin, als Übergangsgeld bekam er 200 Mark pro Monat, zwei Jahre lang. Voller Selbstmitleid habe er sich in sein Zimmer eingeschlossen und tagelang geheult, schreibt Gerwarth.
Von seinen Chefs bekam Heydrich zwar ein gutes Zeugnis ausgestellt ("zuverlässig", "ernste Dienstauffassung"); er hätte trotz der kritischen Wirtschaftslage lukrative Jobs annehmen können, etwa als Segellehrer an einer Yachtschule. Doch solche Tätigkeiten wies er zurück, er wolle kein "Segeldomestik für Geldkinder" sein. In Wahrheit aber, so der Biograf, habe er sich "mit dem Verlust der sozialen Stellung als Offizier nicht abfinden" können.
Heydrich suchte Rückhalt bei seiner Verlobten. Und Lina von Osten machte keinen Hehl aus ihrer politischen Überzeugung, stand der NSDAP und dem Antisemitismus nahe. "Wir fühlten uns von den Juden provoziert", notierte sie noch in den siebziger Jahren, "und wir empfanden, dass wir sie einfach hassen müssten."
Als Lina in den ersten Wochen des Kennenlernens feststellte, dass Heydrich nie Hitlers "Mein Kampf" gelesen hatte, fand sie das befremdlich. Und noch weniger gefiel ihr, dass er sich über die NSDAP, den "böhmischen Gefreiten" an ihrer Spitze und den "krüppelhaften Redner Goebbels" lustig machte.
Lina von Ostens Einfluss und der ihrer Eltern auf Heydrich ließen sich "kaum überschätzen", urteilt Gerwarth. Es sei eine "politische Erweckung" gewesen, wenngleich es schließlich seine Mutter war, die ihn bedrängte, es doch in der Hitler-Partei zu versuchen; eine Patentante konnte vermitteln.
Beide, die Mutter und die Verlobte, erachteten einen Parteiposten für standesgemäß. Heydrich zögerte zunächst. Wenn schon, dann erwarte er eine "Hauptleitungsstelle". Die gab es nur in der kleinen, aber elitären SS Heinrich Himmlers. Die SS war die radikalste paramilitärische Formation innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung. Sie unterstand der damals viel mächtigeren SA, der Sturmabteilung.
Dass er dem Drängen nachgab, sei mithin, so Gerwarth, "nicht aus tiefer ideologischer Überzeugung" geschehen. Er habe vielmehr zurückfinden wollen "zu einem strukturierten Leben in Uniform", um so das Vertrauen seiner Angebeteten zurückzugewinnen.
Bedingung für den SS-Posten war, dass er in die Partei eintrat, er bekam die Mitgliedsnummer 544 916. Himmler empfing ihn am 14. Juni 1931, und er tat es im Glauben, Heydrich sei bei der Marinestation Ostsee "Organisator des Nachrichtendienstes" gewesen, also ein Geheimdienstexperte.
Denn einen solchen suchte Himmler. Jemanden, der für die SS und damit für die Partei einen Schnüffelapparat aufbauen konnte. Heydrich, damals 27 und nur vier Jahre jünger als Himmler, war immerhin Funkoffizier gewesen.
Der Reichsführer-SS forderte ihn auf, innerhalb von 20 Minuten den Organisationsplan eines zukünftigen Geheimdienstes zu skizzieren, und Heydrich legte los, eigentlich bar jeden Wissens. All das, was er in seiner Jugend in Kriminal- und Spionageromanen gelesen hatte, wandte er flugs an - und "brachte seine Vorschläge in dem ihm geläufigen militärischen Jargon zu Papier" (Gerwarth).
Himmler war begeistert. Er stellte ihn als Leiter des "Ic-Dienstes" ein, und seine Verlobte, die er bald darauf heiratete, schrieb über diesen Tag: "Es ist die Sternstunde meines Lebens, unseres Lebens."
Zwar lag sein Gehalt mit 180 Reichsmark deutlich niedriger als das eines Facharbeiters. Wichtiger schien Heydrich, nun mitzumachen bei der national-revolutionären Bewegung, die jenes politische System ablehnte, das er mittlerweile für die Zerstörung seiner bürgerlichen Existenz im Wesentlichen verantwortlich machte. Und er war sich sicher, Linas Familie so gehörig beeindrucken zu können.
Heydrich wurde zum Shootingstar dieser Bewegung, der Mann fürs ganz Grobe. Chef des "Sicherheitsdienstes" (SD), Chef der bayerischen Politischen Polizei, Chef der preußischen Geheimen Staatspolizei, mit 35 Jahren Chef des Reichssicherheitshauptamtes, also jener Behörde, die die absolute Herrschaft der Nationalsozialisten durch Terror und Unterdrückung absicherte - und die Pläne für den Holocaust entwarf.
Unmittelbar nach dem Attentat auf Heydrich rächten die Nazis einen ihrer willigsten Vollstrecker: Sie machten zwei Ortschaften, Lidice und Ležáky, dem Erdboden gleich. Tausende Menschen wurden umgebracht oder ins KZ verschleppt.
(*) Robert Gerwarth: "Reinhard Heydrich. Biographie". Siedler Verlag, München; 480 Seiten; 29,99 Euro. Erscheint Anfang kommender Woche. Die erste wissenschaftliche Arbeit über Heydrich hatte 1967 der israelische Historiker Shlomo Aronson vorgelegt. Sie behandelt die Zeit bis 1936.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 38/2011
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