19.09.2011

AFFÄRENRazzia in New York

Die Aussage eines Detektivs enthüllt neue hässliche Details im Kinderporno-Skandal der HSH Nordbank.
Die Vergangenheit der HSH Nordbank war stahlblau. Broschüren, Anzeigen, alles gehalten in der kühlen Hausfarbe Stahlblau. Aber weil die Bank nun eine Vergangenheit hat, die sie lieber vergessen will, eine Vergangenheit mit Finanzkrisen und Schmuddelaffären, hat sie sich auch neue Farben zugelegt: Pastellbleu, Schilfgrün, leicht und warm, so wie die Bank jetzt gern wäre.
Doch sosehr sie sich auch um einen neuen Anstrich müht, immer wieder kommen hässliche Details aus ihrer stahlblauen Zeit hoch und verderben das Image. Nun auch wieder im Fall New York, wo dem Niederlassungsleiter Roland K. vor seinem Rauswurf Kinderporno-Material untergeschoben wurde.
In den Akten der New Yorker Staatsanwaltschaft, die heute gegen Mitarbeiter der Bank und ihrer Ex-Sicherheitsfirma Prevent AG ermittelt, liegt die Aussage eines New Yorker Fahnders. Gil Alba, 27 Jahre lang Polizist und inzwischen Chef seines eigenen Detektivbüros, war am 17. September 2009 Mitglied eines HSH-Rollkommandos, das die Büroräume von Roland K. auf den Kopf stellte. Dabei fand das Team auf K.s Computer auch Schmuddelbilder, die dort, wie sich später herausstellte, offenbar gezielt platziert worden waren.
Neun Monate später schilderte Alba in seiner Aussage unter Eid, wie er die Aktion erlebt hatte. Demnach hatte er sich am 15. September 2009 im New Yorker Restaurant "Docks" mit Prevent-Vorstand Peter Wiedemann getroffen. Der heuerte ihn an, bei der Razzia am 17. September dabei zu sein, angeblich nur als Aufpasser für alle Fälle. Doch offenbar sollte Alba, ohne es zu wissen, eine Rolle in einem Komplott spielen.
"Ich denke, dass er mir gesagt hat, dass es einen Fall mit Kinderpornografie gibt", erinnerte sich Alba. Und: "Da er Kinderpornografie gesagt hatte, habe ich bei der New Yorker Polizei angerufen und beim FBI." Zwei Telefonate, die am Tag vor der Razzia stattgefunden haben sollen, auf besonderen Wunsch von Wiedemann. Der habe nämlich gefragt: "Was kann man da-
mit machen? Zu wem können wir gehen, um ein Verfahren zu eröffnen, wenn sie etwas finden?" Was er mit "etwas" gemeint habe, wollten die Vernehmer wissen. "Kinderpornografie", antwortete Alba.
Wie aber hätte der Prevent-Mann zwei Tage vor der Durchsuchung schon wissen können, dass man dabei auf eine Kinderporno-Spur stoßen würde? Noch dazu bei einer Razzia, bei der doch offiziell etwas anderes gesucht wurde: Belege für Spesenbetrug und ähnliche Vergehen? Wiedemann sagt, die ihm zugeschriebenen Worte seien "so nie gefallen".
Womöglich war die Razzia in New York auch Teil einer Aktion, mit der die ganze unliebsame Führung der US-Filiale abgeräumt werden sollte. Denn an jenem 17. September erwischte es noch einen Spitzenmann, den General Manager der HSH in New York, Klaus Bernhart.
Bernhart war damals gerade in der Hamburger Zentrale. Wie er sich erinnert, war es kurz nach 18 Uhr deutscher Zeit, als ihn Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher zu sich bat - da lief die Razzia in Amerika gerade mal seit zwei Stunden. Es habe "schlimme Vorkommnisse in New York" gegeben. Dafür müsse auch er Verantwortung übernehmen und in die Heimat zurückkehren.
Ein Schriftstück, mit dem Bernharts Arbeit in New York beendet werden sollte, soll schon fertig formuliert auf dem Tisch gelegen haben. Und das, obwohl die angebliche Porno-Spur in New York gerade erst in diesen Minuten auftauchte.
Ebenso bemerkenswert: Das Papier war nicht nur von Nonnenmacher, sondern auch von Personalchef Stefan Brügmann unterschrieben. Der aber stand gerade in der New Yorker Filiale, als Mitglied des Rollkommandos. Konnte er schon vor der Abreise wissen, dass der General Manager wegen "schlimmer Vorkommnisse" abberufen werden musste?
Bernhart weigerte sich, das Papier gegenzuzeichnen. Schließlich kehrte er aber doch in die HSH-Zentrale zurück - und verlor im Februar 2010 trotzdem seinen Job, wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei Bonuszahlungen in New York.
Eine Kündigung, die das Arbeitsgericht Hamburg allerdings für unwirksam erklärte. Die Bank habe ein internes Gremium, das beim Rauswurf eines Spitzenmanagers eingeschaltet werden muss, "unrichtig oder jedenfalls unvollständig" informiert. Es handle sich um "bewusste Irreführung", Abläufe seien falsch dargestellt worden, die HSH habe "nachweislich falsch" über die Höhe von Boni für Bernhart berichtet. Die Bank hat Berufung eingelegt. Zu laufenden Prozessen könne man nichts sagen, teilt ein Sprecher mit, nur so viel: Bernharts Abberufung stehe "in keinem Zusammenhang zu Vorkommnissen um die Sicherheitsfirma Prevent". Nonnenmacher war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
Möglicherweise will die Bank auch nur weiter kämpfen, weil für den Fall Stefan Brügmann zuständig ist. Brügmann war nicht nur am 17. September 2009 in New York. Er hat auch im Februar 2010 - unter Eid - die Kinderporno-Vorwürfe im Arbeitsgerichtsverfahren gegen Roland K. zu Protokoll gegeben. Seiner Karriere hat das nicht geschadet. Vergangene Woche wurde Brügmann zum Chefsyndikus der pastellblauen HSH Nordbank ernannt.
(*) Mit Aufsichtsratschef Hilmar Kopper.
Von Jürgen Dahlkamp und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 38/2011
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