19.09.2011

AUSSTELLUNGENIm Archiv der Tragödien

Die amerikanische Künstlerin Taryn Simon erobert die großen Museen in London, Berlin und New York. In ihren Fotoarbeiten erzählt sie Geschichten über das Unglück dieser Welt - mit der Beharrlichkeit der Journalistin und der Neugier einer Naturforscherin.
Das will man doch am Ende als Künstler, irgendwie zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder?
Taryn Simon steht vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin und trägt ein ockerfarbenes Kleid aus Wolle, eng geschnitten an den Hüften, ein Kleid, das sie auch in den literarischen Salons von Paris in den zwanziger Jahren hätte tragen können oder am Amazonas, so um 1870 herum. Sie trägt auch einen Hut, den sie sich ins Gesicht zieht. Hüte, heißt es, trägt man in diesem Herbst.
"Der Hut hier", sagt Taryn Simon, "der ist nur gegen die Sonne. Ich habe mein Leben lang Hüte getragen."
Angenehm ernst ist sie, da muss man erst mal nicht von den langen, dunklen Haaren schreiben, die sich so elegisch kräuseln, von den grünen Augen, vom Ehemann Jake Paltrow, dem Bruder von Gwyneth, vom Zwei-Millionen-Dollar-Appartement in New York oder von der Tatsache, dass zu ihrer Ausstellungseröffnung in der Tate Modern in London Steven Spielberg, Cameron Diaz, Stella McCartney und Salman Rushdie kamen.
Taryn Simon ist ein Star, na und?
Viel interessanter ist es, über ihre Kunst zu reden: Fotoarbeiten, die so ziemlich alle Grenzen sprengen, weil Taryn Simon die Beharrlichkeit der guten Journalistin, das epische Gespür des Romanciers, die Neugier der Naturforscherin, die Genauigkeit der Archivarin und das politische Empfinden eines ganz normalen Menschen im 21. Jahrhundert verbindet und das Mittel der Fotografie benutzt, um ihren Punkt zu machen: Wir leben alle längst im Archiv unserer Tragödien.
"A Living Man Declared Dead and Other Chapters" heißt ihre aktuelle Ausstellung, die vom 22. September an in Berlin zu sehen sein wird und danach in New York im MoMA - es ist ihre bislang gewagteste und gelungenste Schau.
Taryn Simon, 36 Jahre alt, hat die ganz große Bühne erobert mit einer ganz großen Arbeit. Es ist eine beeindruckende, verwirrende, monströse, menschliche und manchmal fast zärtliche Ausstellung geworden über das Unglück, das es bedeuten kann, am Leben zu sein, und über die Schönheit, die darin besteht, dieses Unglück zu fassen zu kriegen.
"Ich stelle mir manchmal vor, dass wir alle tot sind", sagt sie. "Dass wir Geister sind. Wir sind die zukünftige Vergangenheit und die Vergangenheit der Zukunft."
Da ist zum Beispiel die Geschichte des Inders Shivdutt Yadav, der eines Tages erfuhr, dass seine Verwandten ihn als tot gemeldet hatten, um an sein Erbe und an sein Land zu kommen, und dem es bis
heute nicht gelungen ist zu beweisen, dass er noch lebt.
Da ist die Geschichte des kenianischen Medizinmanns mit seinen neun Frauen, 32 Kindern und 63 Enkelkindern. Manchmal waren die Leute, die er behandelte, einfach zu arm, dann gaben sie ihm eine Tochter als Bezahlung.
Da ist die Geschichte der 24 Kaninchen, die 1859 in Australien ausgesetzt wurden und die heute 300 Millionen Nachkommen haben.
Da sind die Geschichten des Doppelgängers von Saddam Husseins Sohn Udai. Der Opfer des Massakers von Srebrenica. Der ukrainischen Waisenkinder. Eines schwulen Spaniers während des Franco-Terrors. Der in Tansania verfolgten Albinos. Der nach Nordkorea entführten Südkoreaner. Der Nachkommen von Hitlers Statthalter in Polen, Hans Frank. Und der Nachkommen eines der Philippiner, die 1904 bei der Weltausstellung in St. Louis vorgeführt wurden.
Da ist der ganze Wirbel der Moderne und der Aufklärung, da ist die ganze Grausamkeit unserer Welt, wie sie kein Roman je so umfassend, fast enzyklopädisch erzählt hat. Taryn Simon, das zeigt diese Schau, dürfte eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit sein - weil sie der selbstzufriedenen Langeweile, die oft die Kunstproduktion ausmacht, die Behauptung entgegenstellt, dass Kunst uns helfen kann, diese Welt zu verstehen.
Tatsächlich arbeitet Taryn Simon ein wenig wie eine Naturforscherin. Für diese Ausstellung reiste sie wochenlang, monatelang durch die Welt, sie fotografierte Hunderte Menschen, Figuren auf dem Spielfeld des Schicksals. Und nun präsentiert sie diese einheitlich und vor neutralem Hintergrund aufgenommenen Fotos auf Schautafeln, aufgehängt in langen, schwarzen Archivreihen - als wären diese Menschen und ihre Geschichten Käfer oder seltene Steine.
Zusammengehalten werden die Geschichten von der einfachen Idee, dass Blut das ist, was uns am stärksten verbindet - dass Blut aber auch das ist, was uns am meisten Gefahr, Krieg und Grausamkeit beschert: Gezeigt werden Menschen, die miteinander verwandt sind. Es herrscht eine Leere um die vielen kleinen Bilder, die der Zuschauer füllen muss.
Der Effekt ist überraschend: Man schaut die Menschen auf den Fotos an, sie schauen ohne Lachen oder Leiden zurück, man sucht etwas in diesen Gesichtern, das sie einem nicht liefern, einen Sinn, eine Erklärung, eine Spur - doch Taryn Simon verweigert jede Antwort.
Sie ist fasziniert vom Unerklärlichen, von den Lücken unserer Existenz. Bekannt wurde sie 2003 mit "The Innocents", einer Fotoserie von Amerikanern, die zu Unrecht verurteilt worden waren - keine platte Kritik am amerikanischen Rechtssystem, sondern eine Betrachtung darüber, welche Macht Worte und Bilder über die Wahrheit haben.
2007 dann ermöglichte Simons Arbeit "An American Index of the Hidden and Unfamiliar" einen seltenen Blick auf verborgene amerikanische Orte wie die CIA-Zentrale in Virginia oder ein Atomkraftwerk in Washington State. Und 2010 fotografierte sie fünf Tage lang, was auf dem JFK-Flughafen in New York so ins Land geschmuggelt werden sollte - "Contraband" hieß das Projekt, eine Art Negativabdruck des amerikanischen Traums.
All diese Fotoarbeiten bringen heute viel, viel Geld ein. All diese Fotoarbeiten sind aber vor allem lange geplant, ausufernd in der Recherche, hartnäckig und konsequent durchgezogen. Vier Jahre arbeitete Simon an der Ausstellung "A Living Man Declared Dead"; für eine Geschichte über zwei brasilianische Fami-lien, die in eine shakespearehafte Blutfehde verwickelt sind, brauchte sie allein zwei Jahre Vorbereitung.
Abenteuer waren dabei immer Teil des Projekts. Sie musste fliehen, als sie eine Frau aus einer der brasilianischen Familien porträtierte, weil der gegnerische Clan einen Angriff startete. In Afrika schmuggelte sie ihre Fotoausrüstung über die Grenze nach Tansania. In Srebrenica brauchte sie lange, bis sie das Vertrauen einer Mutter gewonnen hatte, deren vier Söhne von Serben ermordet worden waren und die immer noch um ihr Leben fürchtete.
Das viele Reisen und die fast naturwissenschaftliche Neugier, die ihre Arbeit antreibt, sind dabei Teil ihres eigenen Erbes, Teil ihrer Familie. Ihr Stiefgroßvater hat sie als Kind oft auf Erkundungstrips mitgenommen, er fotografierte Pflanzen, Steine, Insekten, genauso obsessiv, genauso akribisch, genauso interessiert. "Die visuelle Welt mit wissenschaftlichen Mitteln auseinanderzunehmen", so sagt es Simon, sei das Prinzip ihrer Bilder und die Mechanik ihrer Kunst, die das Kühle mit Anmut und Würde vereint.
Ein anderes Vorbild für ihre Arbeit war ihr Vater, eine filmreife Figur, erst Angestellter des amerikanischen Außenministeriums, dann Betreiber eines Videospielsalons am Times Square in New York, den er räumte, als es bei einer Schießerei dort neun Tote gab. "Ein besessener Fotograf", wie Simon sagt, "ein Mann der Extreme", mal links, mal rechts, immer wurde diskutiert, Verschwörungstheorien standen hoch im Kurs. "Glaube nie, was du liest", das war sein Motto.
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die Eltern ihres Vaters Flüchtlinge waren, Juden, die 1915 aus Weißrussland und aus der Ukraine nach Amerika kamen. Vielleicht kommen aus dieser Familiengeschichte auch der Antrieb für ihre Arbeit und der ethische Anspruch, der sie auszeichnet.
Albinos in Tansania, Drusen im Libanon, Waisenkinder in der Ukraine, israelische Zionisten, eine palästinensische Flugzeugentführerin: Es ist eine Art "Family of Man", die Taryn Simon präsentiert, eine Antwort auf das berühmte Projekt des amerikanischen Fotografen Edward Steichen aus dem Jahr 1955. Damals sollte es darum gehen, der Menschheit ein Bild ihrer selbst zu verschaffen und damit nach dem Zweiten Weltkrieg eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen.
Dieser Optimismus ist erst mal perdu. Trotzdem kommt man nicht niedergeschlagen aus dieser Ausstellung, die kein pessimistischer Abgesang ist und keine fatalistische Endzeitbeschwörung, sondern seltsam beschwingt. Der Kreisel der Schicksale hat sich gedreht und gedreht, und zwischendurch sieht man ganz kurz, was das ist, was die Welt zusammenhält.
Was genau?
Das wird jeder Zuschauer selbst sehen. Taryn Simon hat nur den Katalog geliefert, sie hat ein schweres, schönes Buch zur Ausstellung gemacht, das vielleicht die beste Antwort ist auf die Frage, was Kunst sein sollte:
Sie hat den Blick auf die Welt gewei-tet, sie hat Geschichten erzählt, die berühren und bestürzen, ohne sich zu drücken und ohne sich in den Kitsch zu retten. Wer will, der kann das auch politisch nennen.
Taryn Simon hat den Hut wieder abgenommen. Sie lockert die Haare. Sie muss wieder rein, in den weiten, magischen Glasraum der Neuen Nationalgalerie. Sie muss kontrollieren, ob das Licht stimmt oder das Schwarz stimmt oder ob alles seine Ordnung hat.
Hat es. Alles in Ordnung so.
(*) Aufnahmen von verfolgten Albinos in Tansania.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 38/2011
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