26.09.2011

VERKEHRBlitzende Mülleimer

Mit der Jagd auf Temposünder verdienen deutsche Kommunen Millionen. Doch die Autofahrer rüsten auf: Zehntausende lassen sich schon mit Smartphone-Apps vor Radarfallen warnen.
Am frühen Morgen des 21. August rast der korpulente Mann mit der Halbglatze Richtung Osten. Er erreicht Bielefeld, ignoriert zwei Tempo-100-Schilder, pfeift auf die Warnungen vor Radarkontrollen, die an der A2 stehen, einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen Europas. Der Mann fährt Audi TT, er hat etwa 200 PS unter der Haube, und er will Tempo machen. Koste es, was es wolle.
Der Sportwagen-Pilot kommt aus Duisburg und hilft seit Monaten beim städtischen Schuldenabbau. Vielleicht ist er vergesslich, vielleicht hofft er darauf, dass der vor ihm lauernde Blitzer heute kaputt ist oder Rabatt einräumt: Schließlich hat das Ding ihn schon am 22. Juni und am 17. August erwischt.
Doch das Gerät ist heil und kennt keine Gnade. Der Traffistar S330 gehört zum Modernsten, was die deutsche Verkehrstechnik zu bieten hat. Es blitzt den TT um 5.24 Uhr, bei Tempo 146. Dem Raser wird das drei Punkte in Flensburg, einen Monat Fahrverbot und 160 Euro Bußgeld einbringen. Als Andenken gibt es das dritte Foto vom Ordnungsamt.
Der Traffistar im Abschnitt Bielefelder Berg ist der fleißigste Blitzer Deutschlands. Er ist in knapp drei Jahren über 550 000-mal aktiv geworden und spült an einem Durchschnittstag etwa 20 000 Euro in die Haushaltskasse. Das Gerät ist zu einer unverzichtbaren Einnahmequelle für die Stadt geworden.
Während die Bundesregierung derzeit über die Einführung der Pkw-Maut streitet, haben die Kommunen längst einen anderen Weg gefunden, die Autofahrer stärker zur Kasse zu bitten: blitzen, was das Zeug hält. Etwa 3600 stationäre Anlagen stehen mittlerweile in Deutschland, hinzu kommen weit über 10 000 mobile Blitzer. Beim Kraftfahrtbundesamt hat sich die Zahl der Halteranfragen auch darum seit 2001 fast verdreifacht. Offiziell soll das Blitzlichtgewitter der Entschärfung von Unfallschwerpunkten dienen, inoffiziell geht es auch um verlässliche Einnahmen: Gerast wird immer.
Die Rendite ist phantastisch. Der Traffistar in Bielefeld kostete gerade mal 200 000 Euro - und hatte seinen Preis schon nach zehn Tagen wieder reingeblitzt. Dresden vermeldete für 2010 Temposünder-Erlöse von 7,8 Millionen Euro und investierte lediglich 224 000 Euro in den Unterhalt der Geräte. Die Region Hannover korrigierte die für 2011 eingeplanten Einnahmen von 4,7 auf fast 8 Millionen Euro nach oben.
Um möglichst viele Raser zu erwischen, stehen im Großraum Stuttgart an der Bundesstraße 10 inzwischen zehn Geräte. Hamburg fahndet nun mit Lasern und kann innerhalb von einer Sekunde vier Fahrzeuge fotografieren. Das arme Lübeck will 28 neue Anlagen installieren und hätte dann mehr als Berlin, das es insgesamt nur auf 36 bringt.
Viele Städte setzen zusätzlich auf externe Dienstleister, die auf Provisionsbasis arbeiten und genau wissen, wo die meisten Raser in die Falle gehen. Es wird aus Containern geblitzt, die wie Mülleimer aussehen, und aus Geräten, die sich unscheinbar geben wie Stadtmobiliar.
Der ADAC und andere Autolobbyisten klagen lautstark über "Abzocke". Für Roland Staude, den Chef des Ordnungsamts Bielefeld, ist das "Blödsinn". Untersuchungen zeigten, dass das Durchschnittstempo auf Blitzer-Straßen sinke und so ganz langsam auch die Zahl der Unfälle und Todesopfer zurückgehe. "Wer sich ans Tempolimit hält, hat nichts zu befürchten", sagt Staude.
Wenn die Kommunen ihre Rendite halten wollen, müssen sie sich zukünftig noch mehr ins Zeug legen. Denn die Autofahrer wehren sich. Häufig werden Navigationssysteme nun mit Blitzer-Meldern aufgerüstet, und Smartphone-Apps warnen per Piepston vor nahenden Starenkästen. Fahrzeugführer schließen sich im Internet zusammen, um Fotos von Kontroll-Autos zu posten. "Wir sorgen fürs Gleichgewicht", verkündet der Macher der Internetseite radarfalle.de.
Der Ordnungsbeamte Staude muss noch keine sinkenden Blitzer-Zahlen vermelden, der Traffistar hat einfach einen perfekten Standort. Als er Ende 2008 scharfgestellt wurde, dachte Staude, das Gerät werde pro Jahr "vielleicht 15 000-mal" auslösen und einen Verwaltungsaufwand produzieren, der keine Neueinstellungen nötig machen würde. Doch schon am vierten Tag saßen seine Leute vor 15 000 Fotos. Staude baute ein Team auf, um alle Fälle in der vorgeschriebenen Dreimonatsfrist bearbeiten zu können. So mietete die Stadt 380 Quadratmeter Bürofläche an und stellte 19 neue Mitarbeiter ein.
Sechs von Staudes Leuten kümmern sich um die etwa 6500 Digitalfotos, die jede Woche hereinkommen. In ihrem Büro steht eine Pinnwand mit den schönsten Beweisbildern: Nasenbohrer sind darauf zu sehen, ein Mann mit einer Katze auf dem Schoß, ein Bulli-Fahrer im Sekundenschlaf und eine Frau, die ihren Lidschatten nachzieht. Bei Tempo 185.
Noch vor zehn Jahren war beinahe die Hälfte der Bilder unbrauchbar, unter anderem weil die Linsen unter Regen litten. Oft waren nur teigige Fratzen zu sehen, die keinem Menschen gerichtsfest zugeordnet werden konnten. Heute sind die meisten Fotos dank besserer Technik gestochen scharf. Seine Crew verfüge über eine "gewisse Kreativität" bei der Jagd auf Temposünder, sagt Staude. Die sei besonders dann wichtig, wenn ein Einspruch eingehe - was meistens passiere, wenn der Fahrzeughalter nicht dem Fahrer entspreche. "Den Typ am Steuer kenne ich nicht", heiße es dann oft.
Früher wurde schon mal Gnade vor Recht gewährt, heute durchforsten Abteilungen wie die in Bielefeld die Facebook-Freundeslisten des Halters und suchen darin nach dem Raser. Bei ihrer Arbeit sind sie so gut, dass es sich bis nach Saudi-Arabien herumsprach. Kürzlich war eine 20-köpfige Delegation zu Besuch, die ins Blitzer-Business einsteigen will.
Für die arabischen Raser hat der Geschäftsmann Matthias Eifrig noch nichts im Programm, die deutschen kommen aber bei ihm voll auf ihre Kosten. Sein Büro in Hamburg-Wandsbek liegt in einem Betonklotz, direkt neben dem Honorarkonsulat von Uganda. Vor dem Haus steht Eifrigs Dienstwagen, ein Audi S8, der locker Tempo 250 macht. Mit ihm ist er kürzlich direkt vor der Haustür in einen Blitzer gerast.
Der Betriebswirt startete schon 1997 eine Internetseite, auf der die Nutzer Standorte stationärer und mobiler Blitzer melden konnten. Eifrigs Durchbruch kam aber erst mit dem Siegeszug moderner Navigation. Plötzlich konnte er seine Daten gewinnbringend einsetzen und Blitzer-Applikationen für GPS-Geräte an den Mann bringen. Mittlerweile vertreibt er zusätzlich auch noch Smartphone-Apps, etwa 3000 Stück am Tag. Die warnen die User nicht nur, sie nehmen auch jederzeit neue Hinweise auf. Wer einen Polizisten mit Laserpistole sieht, muss nur aufs Display drücken - schon wird die Raser-Gemeinde informiert.
Um Marktführer zu bleiben, beschäftigt Eifrig mittlerweile elf Mitarbeiter. Die werten die User-Meldungen aus und speisen sie in die Apps und Internetangebote ein. Nebenbei werden Blitzer-News im Radio gehört und Daten aus dem Ausland gesammelt, für Urlauber und Geschäftsreisende. Kürzlich ist einer von Eifrigs Kollegen 300 000 Kilometer weit durch ganz Europa und Nordafrika gefahren, um neue Informationen zu Kontrollanlagen zu recherchieren.
Der 37-Jährige macht nichts Verbotenes. Die Straßenverkehrsordnung untersagt dem "Führer eines Kraftfahrzeuges" zwar, "ein technisches Gerät betriebsbereit mitzuführen, das dafür bestimmt ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen". Das heißt: Smartphone-Apps dürfen zwar besessen, während der Fahrt aber nicht aktiviert werden, zumindest nicht vom Fahrer. Das gilt allerdings nicht für den Beifahrer. "Es ist das gleiche Problem wie beim Kauf eines schnellen Autos", sagt Eifrig, "der Besitzer muss entscheiden, was er mit dem Ding macht."
Bisher haben die deutschen Ordnungsämter und Polizeien dank klandestiner Kontrolltechnik noch die Nase vorn im Kampf gegen die Raser und ihre Apps. Sie leiden eher unter schnödem Vandalismus. Linsen werden regelmäßig mit Farbe zugesprayt, Starenkästen in Brand gesetzt. Doch die Blitzer-Technik ist deutlich stabiler geworden.
Kürzlich wurde ein Anschlag auf ein Kontrollgerät im Kreis Düren verübt. Ein vermeintlicher Temposünder klaute einen Traktor und riss das Gerät kurzerhand aus dem Betonsockel. Vergebens. Die Daten auf der Festplatte des Blitzers blieben unversehrt.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 39/2011
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