26.09.2011

MANAGER„Da hapert's an allem“

Kaum ein anderer deutscher Unternehmer schimpft so offen über die Geburtsfehler des Euro, unfähige Politik und mangelndes Krisenmanagement wie Erich Sixt.
Sixt ist mit knapp 3000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro der größte Autovermieter der Republik. Sein eigenwilliger Chef Erich Sixt, 67, noch immer Mehrheitseigentümer des börsennotierten Konzerns mit Sitz in Pullach, ist nicht nur in Reklamefragen Experte für Provokationen.
SPIEGEL: Herr Sixt, im Sommer ließen Sie in Zeitungsanzeigen witzeln: "Liebe Griechen, Sixt akzeptiert wieder Drachmen!" Würden Sie sich noch mal derart in die große Politik einmischen?
Sixt: Auf keinen Fall. Ich habe die Folgen dieser Anzeige nicht mal im Ansatz überblicken können.
SPIEGEL: Was haben Sie erlebt?
Sixt: In Griechenland gab's Aufrufe, unsere Filialen zu verwüsten. Unsere Leute vor Ort bekamen Morddrohungen - von den allgemeinen Nazi-Vorwürfen ganz zu schweigen. Hier in der Zentrale kamen zerschnittene Sixt-Karten von Griechen an, auch vom Honorarkonsul. Dabei bin ich ja selbst im Krieg geboren und mir der Verantwortung Deutschlands wirklich bewusst. Sixt hatte mit seiner Werbung schon immer den Anspruch zu polarisieren. Doch eine solch emotionale Reaktion wie bei dem Drachmen-Motiv hätte ich mir niemals vorstellen können.
SPIEGEL: Wer hatte die Idee überhaupt?
Sixt: Mein langjähriger Werbepartner Jean-Remy von Matt und ich saßen hier in Pullach und haben rumgesponnen. Ich bin ja kein Politiker, ich will nur Autos vermieten. Übrigens habe ich mich dann in aller Form beim griechischen Volk entschuldigt.
SPIEGEL: Das dürfte selbst einem provokanten Unternehmer wie Ihnen noch nicht passiert sein, dass Sie sich mal bei einer ganzen Nation entschuldigen mussten.
Sixt: Ich habe Sympathie für die Menschen in Griechenland, die besonders von der Krise und den notwendigen Einschnitten betroffen sind. Und es reicht schon, wenn sich jemand beleidigt fühlt, auch wenn das nie meine Absicht war. Da schlug uns echter Hass entgegen.
SPIEGEL: Schon vor Jahren zeigten Sie in Ihrer Reklame die heutige Kanzlerin, der die Haare zu Berge standen. Wie agiert Angela Merkel Ihrer Meinung nach in der aktuellen Schuldenkrise?
Sixt: Lausig. Da hapert's doch an allem: Kommunikation, Kurs, selbst ein Ziel kann ich nicht sehen. Dabei steht es beispielsweise ja außer Frage, dass Griechenland pleite ist und die Griechenland-Hilfe ins Leere geht. Aber die Politik drückt sich vor schmerzhaften Entscheidungen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Sixt: Man muss dem Land endlich nahelegen, aus der Währungsunion auszutreten. Der Euro sollte beschränkt werden auf jene Länder, die eine einigermaßen ähnliche, nämlich solide Wirtschafts- und Finanzpolitik haben. Aber das sagt ja niemand laut.
SPIEGEL: Viele Konzernchefs murren über die Berliner Wirtschaftspolitik …
Sixt: … aber am Ende kann es sich keiner der Herren mit Berlin verscherzen. Ich sage, was ich denke. Der Euro war von Anfang an eine Fehlkonstruktion, die uns zusätzlich zu dem Bürokratie-Moloch in Brüssel ein Zwei-Klassen-Europa beschert hat, in dem die Disziplinierten für die Sorgenkinder zahlen sollen. Die politische Einheit hätte vor der wirtschaftlichen angestrebt werden müssen. Das ist der gravierendste Denkfehler des ganzen Euro-Systems. Als ich das vor Einführung des Euro sagte, wurde mir purer Defätismus vorgeworfen. Jetzt wissen's alle: Der Euro ist eine Schönwetterwährung.
SPIEGEL: Die Wirtschaft hat von dem gemeinsamen Währungsraum zehn Jahre lang wunderbar profitiert.
Sixt: Das wird stark überschätzt. In unserem Unternehmen habe ich davon nichts gemerkt. Übrigens gab es schon vorher einen europäischen Wirtschaftsraum, und Deutschland war bereits vor dem Euro Exportweltmeister.
SPIEGEL: Die nachwachsenden Generationen erleben Europa offen und ohne Grenzen - auch eine Folge der gemeinsamen Währung.
Sixt: Sicherlich ist ein Europa in Frieden und mit offenen Grenzen ein großes Glück. Aber das gab es doch vor 20 Jahren auch schon. Was heute als Offenheit begriffen wird, hat nichts mit dem Euro zu tun, sondern mit der Aussöhnung zwischen den Völkern, den Zwängen der Globalisierung und übrigens auch der Liberalisierung des Flugverkehrs.
SPIEGEL: Bitte?
Sixt: Heute kommt man mit 50 Euro an jeden Punkt Europas. Das ist aber nicht Verdienst der Gemeinschaftswährung, sondern eines offenen Himmels und des harten Wettbewerbs im Flugverkehr. Auch dadurch rückte Europa zusammen.
SPIEGEL: Ihr Unternehmen hat zuletzt zwar wieder gute Bilanzen vorgelegt, verlor aber an der Börse bis zu 40 Prozent an Wert. Rechnen Sie manchmal aus, wie viele Millionen Sie das persönlich kostet?
Sixt: Wenn mich das Auf und Ab der Aktienmärkte mitnehmen würde, wäre ich längst tot. Ich bin ein besessener Unternehmer. Die Firma ist mein Baby, das ich nie hergeben würde. Insofern muss ich nicht ständig bangen, wie andere es bewerten.
SPIEGEL: Verstehen Sie die Geldwelt noch?
Sixt: Die versteht kein Mensch mehr. Auch die schlauen Professoren sind da hoffnungslos überfordert. Trotzdem bleibe ich ein Anhänger liberaler Denker wie Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek.
SPIEGEL: Das sind Anhänger des ungezügelten Marktes, der das aktuelle Elend mitangerichtet hat.
Sixt: Den will ich so wenig wie Hayek. Natürlich brauchen wir Staat, aber so wenig wie möglich.
SPIEGEL: Wenn man sich Finanzkrise und Staatsschulden anschaut, vielleicht hatte die linke Kapitalismuskritik doch recht?
Sixt: Das glauben neuerdings ja sogar konservative Schreiber wie der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, den ich als Feuilletonisten sehr schätze. Von Wirtschaft hat er leider weniger Ahnung, wenn er pauschal die Banken verteufelt.
SPIEGEL: Deren Umtriebigkeit ist als Faktor, der zur Krise führte, unbestritten.
Sixt: Auslöser dafür, dass US-Banken anfingen, im großen Stil auch an arme Amerikaner Immobilienkredite zu vergeben, war das billige Geld, das sie nach 9/11 von der Notenbank Federal Reserve bekamen. Die vor allem trifft die Schuld. Und wo saßen die Experten, die diese verbrieften Kreditpakete dann kauften? Überwiegend in deutschen Landesbanken, die wiederum dem Staat gehören, nach dem nun so gern als Retter gerufen wird.
SPIEGEL: Die Regierungen haben für die Rettung der Märkte enorm hohe Lasten auf sich genommen …
Sixt: … und machen dabei vieles falsch: Sie pumpen einfach Geld in die Wirtschaft. Selbst die Hypo Real Estate (HRE) hätte man einfach pleitegehen lassen müssen. Die Sparguthaben der Menschen gilt es zu schützen, aber die waren bei der HRE ja wohl kaum betroffen.
SPIEGEL: Sie verteidigen die Banker vielleicht auch deshalb, weil Sie frühzeitig einen fanden, der Ihnen vertraute, als Sie 1969 in das noch kleine Auto-Geschäft Ihres Vaters einstiegen.
Sixt: Deshalb bin ich noch lange kein unkritischer Banken-Verteidiger. Ein Gemeinwesen braucht aber ein tragfähiges Finanzsystem …
SPIEGEL: … aber keine Leerverkäufe, keine Derivate, keine Rohstoffspekulation und Rendite-Exzesse.
Sixt: Was haben Sie gegen Derivate? Die dienen zum Beispiel der Absicherung realer Geschäfte. Übrigens gibt es so etwas wie Selbstverantwortung. Stattdessen werden die Geldinstitute zu einer fast absurden Art des Anlegerschutzes gezwungen. Einem mündigen Bürger muss es doch freigestellt sein, ein Derivat zu kaufen …
SPIEGEL: … und eventuell sein Geld zu verbrennen? Der Kleinanleger Sixt hat auch schon Geld verloren, oder?
Sixt: Jede Menge! Meine privaten Anlagen gingen ziemlich oft schief. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Vermögensverwalter ich schon in die Wüste geschickt habe. Aber es ist meine Freiheit, dieses Geld zu verlieren. Ich jammere dann nicht rum. Natürlich muss die Oma geschützt werden, der von ihrem Bankberater ein Lehman-Zertifikat aufgeschwatzt wurde. Aber solche Fälle machen nicht die Masse aus. Die Omas werden für Propaganda missbraucht.
SPIEGEL: Trotzdem wird gezockt.
Sixt: Und, ist das ein Vorwurf? Dann darf der Staat eigentlich auch keine Casinos und Lotterien betreiben, oder? Da wird viel über Ethik geredet, die aber schwer zu definieren ist.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 67 und haben sich Ihren Vertrag als Vorstandschef zuletzt bis 2016 verlängern lassen. Ist es nicht langsam Zeit, Jüngere ranzulassen?
Sixt: Mein Vorbild ist der US-Investor Warren Buffett. Der ist 81 und hält für sein Milliardenunternehmen Hauptversammlungen ab, von deren Lebendigkeit die meisten Jungen lernen könnten. Wichtig ist: Bin ich geistig noch veränderungsbereit? Ich streite mich wahnsinnig gern, mache Fehler und akzeptiere die besseren Argumente.
SPIEGEL: Davon sind starrsinnige Alte immer überzeugt.
Sixt: Okay, davon kenne ich auch etliche. Aber ich selbst habe nie patriarchalisch geführt, sondern von Mitarbeitern immer Selbständigkeit gefordert. Es gibt nichts Schlimmeres, als nur Jasager um sich herum zu haben.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 39/2011
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