26.09.2011

POLENDer einsame Zwilling

Jaroslaw Kaczy#324ski steuert auf eine Niederlage bei der Parlamentswahl zu. Seit dem Tod seines Bruders hat ihn der politische Instinkt verlassen.
Der 10. September fällt in diesem Jahr auf einen Samstag. Es ist früher Morgen und Warschaus Prachtstraße "Krakauer Vorstadt" ist wie leergefegt. Die Boomstadt schläft noch. Boutiquen und Cafés sind geschlossen.
Vor der Kirche zur Himmelfahrt Mariens und des heiligen Józef wehen ein paar rot-weiße Flaggen. Wie an jedem 10. eines Monats versammelt sich um diese frühe Stunde eine Trauergemeinde: Einige Gläubige tragen T-Shirts mit dem Porträt des verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński. Wieder einmal sind sie gekommen, um des Flugzeugabsturzes zu gedenken, bei dem vor 17 Monaten das Staatsoberhaupt, seine Frau Maria sowie 94 Politiker, Kirchenfürsten und Offiziere ums Leben kamen.
Für die Warschauer Kirchgänger hat sich an jenem 10. April 2010 um 8.56 Uhr ein polnisches Schicksal erfüllt: Erneut ist das Land unschuldig Opfer einer Tragödie geworden. Dunkle Mächte müssen da am Werk gewesen sein. Einer der Demonstranten verkauft Bücher mit dem Titel "Der Anschlag von Smolensk", ein anderer hat mit der Laubsäge Buchstaben ausgesägt und sie an seinem Banner angebracht. "Führe uns!" steht da - und es ist nicht klar, wen er meint: den lieben Gott oder den prominentesten Besucher des Trauergottesdienstes, Jaroslaw Kaczyński.
Der Zwillingsbruder des Toten rollt in einer Limousine mit verdunkelten Scheiben an. Wie immer trägt er Schwarz, sein Gesicht bleibt unbewegt, obwohl ihn Beifall empfängt. Ein Anhänger drückt ihm ein Kruzifix in die Hand, gefertigt aus dem Holz jener Bahre, auf der 1935 der Sarg von Polens Unabhängigkeitshelden Józef Pilsudski gelegen hatte.
In der Kirche sitzt Kaczyński, 62, in der ersten Reihe. Der Pfarrer predigt über Polen, die von Gott erwählte Nation. Nach der Messe eilt Kaczyński mitsamt der Gemeinde die wenigen Schritte zum Präsidentenpalast hinüber und legt einen Kranz nieder, so wie an jedem 10. eines Monats.
Für die polnischen Rechten, glaubensstarke Nationalisten zumeist, ist die Tragödie von Smolensk längst zu einem religiös aufgeladenen Mythos geworden, und Jaroslaw Kaczyński ist dessen Sachwalter auf Erden.
Aber der Heldenkult um ihn, den einsamen Zwilling, scheint ihm fast peinlich zu sein. Er ist ein uneitler Mensch, der nicht gern im Rampenlicht steht. Längst sitzt er schon wieder in seiner Limousine, als das Fähnlein der Aufrechten patriotische Lieder anstimmt. Er scheut das Bad in der Menge, dabei sind die Versammelten die treuesten seiner Anhänger, seine Stammwähler.
Und deren Hilfe braucht er dringend: Bei der Parlamentswahl am 9. Oktober wird seine Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) Umfragen zufolge zwischen 20 und 30 Prozent der Stimmen erhalten.
Die Zeit, in der die Zwillinge Europas Enfants terribles waren, ist wohl vorbei: Der reizbare Nationalismus der Kaczyńskis scheint in Polen ein Auslaufmodell zu sein.
Sein Widersacher, Donald Tusk, steuert mit seiner liberalen "Bürgerplattform" auf einen Sieg zu. Der Premier hat Polen unbeschadet durch die weltweite Wirtschaftskrise gesteuert, unter seiner Ägide ist das Land zu einem respektierten EU-Partner herangewachsen.
Kaczyński müsste nun die mobilisieren, die trotz dieser Erfolgsbilanz unzufrieden sind, die sich übergangen fühlen im Wirtschaftswunderland Polen.
Doch das fällt ihm schwer: Seit dem Tod seines Bruders Lech wird klarer, dass Jaroslaw ohne ihn politisch viel weniger wirksam ist. Viele seiner Parolen wirken verbohrt, er findet nicht in die Mitte der Gesellschaft.
Kaczyński versucht durchaus, seiner Partei ein jüngeres Image zu verpassen: Auf der PiS-Liste tauchen jetzt auch ein paar hübsche junge Frauen auf, die sich "Kaczyńskis Engel" nennen. Vor kurzem ließ er sich sogar mit den Kindern einiger PiS-Abgeordneter filmen. Doch die Rolle des gütigen Landesvaters, der junge Frauen hofiert und Säuglinge herzt, hätte man vielleicht seinem Bruder abgenommen - er hingegen provoziert mitleidiges Lächeln.
Der Publizist Adam Michnik hatte die Kaczyński-Zwillinge einst eine "Zwei-Mann-Partei" genannt. Jaroslaw, Spitzname seit Solidarnoš ć-Zeiten: "großer Enterich", und Lech, der "kleine Enterich", waren stets Außenseiter, scharf, aber eigenwillig in der politischen Analyse, kämpferisch in ihren Forderungen.
Doch seit Ende der Neunziger konnten sie davon profitieren, dass sich die Kräfte des Umbruchs von 1989 abgenutzt hatten. 2005 gewannen die Zwillinge erst die Parlamentswahl und dann auch die Präsidentschaft. Das wohl bizarrste Politikergespann des Kontinents besetzte die höchsten Staatsämter Polens.
"Die beiden waren einander ebenbürtig", sagt Michal Karnowski. Der Publizist gilt als einer der besten Kaczyński-Kenner. Er selbst kam auch nicht allein zur Welt. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jacek, ebenfalls ein Journalist, moderiert er eine Fernsehshow. Dort sind sie noch schwerer zu unterscheiden, als es die Kaczyńskis waren.
Auf einem Empfang wandte sich Lech einmal an Michal Karnowski und fragte, wie oft er jeden Tag mit seinem Bruder telefoniere. "Zehnmal mindestens", antwortete der, woraufhin sich der Präsident zu seiner Frau umdrehte: "Siehst du, ich bin normal."
Zwillinge, sagt Karnowski, sind eine einzige Person, der Wunsch des einen ist ein Befehl für den anderen.
Dabei haben Lech und Jaroslaw erstaunlich unterschiedliche Leben geführt: Lech war verheiratet. Seine Tochter Marta ist erwachsen, sie ließ sich scheiden und ist jetzt mit einem ehemaligen Linken zusammen - keine ideale Familiengeschichte für einen Nationalkatholiken.
Jaroslaw dagegen ist ein Einzelgänger geblieben, bis vor kurzem lebte er noch bei seiner Mutter. "Jaroslaw war eher der Visionär im Hintergrund, während Lech die Ämter übernahm", sagt Karnowski.
Eine Zeitlang schien es, als habe die Tragödie von Smolensk Jaroslaw verändert. Kaum waren die Totenfeiern beendet, kandidierte er für das Amt des Staatsoberhauptes. Ein Team junger Helfer organisierte seinen Wahlkampf. Kaczyński, der begnadete Polarisierer, gab sich auf ihren Rat hin geläutert und versprach, den "polnisch-polnischen Krieg" zu beenden. Das kam gut an. Kaczyński unterlag nur knapp. 47 Prozent stimmten im zweiten Wahlgang für ihn.
Doch schon zwei Wochen danach war Jaroslaw wieder der Alte. "Verräter" seien die Jungspunde aus seinem Stab, tönte er und schmiss sie aus der Partei. Er hätte gewinnen können, behauptete er nun, wenn er scharf genug die Mitverantwortung des Regierungslagers für die Tragödie von Smolensk herausgestrichen hätte. Tusk, so lautet heute die offizielle PiS-Lesart, hätte es versäumt, die alten, schrottigen Regierungsmaschinen gegen neue Flugzeuge auszutauschen.
Auch Marek Migalski, 42, einst Europaabgeordneter für die PiS, ist einer der in Ungnade Gefallenen. Der promovierte Politologe sagt: "Lech hat Jaroslaw an das Leben herangeführt, ohne ihn übertreibt Jaroslaw."
Wohl wahr. Seine Attacken schrecken in jüngster Zeit selbst Sympathisanten ab: Im Frühjahr beschimpfte er die deutsche Minderheit in Schlesien als Agenten eines auf Geschichtsrevision sinnenden Nachbarstaats. Dabei ist die Gruppe deutschstämmiger Schlesier kaum mehr als ein politisch harmloser Trachtenverein.
Wenn Kaczyński die Medien kritisiert, die in der Mehrheit eher Tusk unterstützen, schwadroniert er gleich von "weißrussischen Verhältnissen".
Als der Premier nach der Absturztragödie eine Annäherung an Russland einleitete, sagte Kaczyński, Tusk habe mit Putin sicherlich schon seine Verbannung nach Sibirien vereinbart. Angeblich sollte das ein Witz gewesen sein.
Im Juni bezweifelte er, dass in dem Alabaster-Sarkophag auf der Krakauer Königsburg wirklich sein Bruder liege. Er unterstellte den Russen, Leichenteile willkürlich auf die Särge verteilt zu haben.
Doch inzwischen hat die überhitzte Debatte über die Katastrophe von Smolensk die Mehrheit der Polen erschöpft.
Deshalb war es wohl keine gute Idee, dass Kaczyński seine Wahlliste zur Hälfte mit Angehörigen der Opfer von Smolensk besetzt hat - allesamt Neulinge auf der politischen Bühne. "Das Thema Smolensk überzeugt nur noch die Überzeugten", sagt Migalski, "neue Wähler gewinnt man damit nicht."
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 39/2011
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