01.10.2011

KOMMENTARDer Dorfrichter von Washington

Von Michael Sauga
Der zerbrochne Krug" ist eines der meistgespielten Stücke des deutschen Theaters. Mit dem Dorfrichter Adam, der über ein Vergehen urteilt, das er selbst begangen hat, schuf Heinrich von Kleist eine der klassischen Komödienfiguren der Weltliteratur.
Barack Obama gefällt sich neuerdings in einer modernen Variante von Kleists Dorfrichter. In wachsender Lautstärke beschuldigt er die Europäer, sie würden mit ihrer zurückhaltenden Konjunkturpolitik die Krise verschärfen. Dabei ahnt das Publikum: Die Misere, die Obama beklagt, hat ihren Ursprung nirgendwo sonst als in den von Obama regierten Vereinigten Staaten.
Sie gründet in einer Wirtschaftsdoktrin, die seit zwei Jahrzehnten das ökonomische Denken beherrscht und aus zwei Elementen besteht: dem Turbokapitalismus, nach dessen einziger Regel jede Regulierung der Finanzmärkte das Wachstum hemmt, und dessen gefälligerem, aber nicht weniger gefährlichem Bruder: dem Turbo-Keynesianismus.
Die kluge Idee des britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes, wonach der Staat bei schweren Konjunktureinbrüchen mit zusätzlichen Ausgaben gegensteuern soll, haben amerikanische Ökonomen, Notenbanker und Finanzpolitiker zur Dauertherapie umgedeutet. Wann immer das Wachstum nachlässt oder die Börsenkurse einbrechen, so lautet ihre Variante der Lehre Keynes', muss die Notenbank die Zinsen senken und der Staat mit Konjunkturprogrammen aushelfen. Von "Kickstart" sprechen die US-Ökonomen gern.
Das Problem ist nur, dass diese Form der Wachstumsförderung die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht in Fahrt, sondern auf Crashkurs gebracht hat. Asien-Krise, Internet-Hype, Subprime-Blase: Mit schöner Regelmäßigkeit legten die Konjunkturspritzen der Geld- und Finanzpolitiker nicht den Keim für nachhaltigen Fortschritt, sondern für den nächsten Absturz. Im vergangenen Jahrzehnt ist das Volumen der US-Kredite fast fünfmal so schnell gewachsen wie die Realwirtschaft.
So schuf das billige Geld den Humus für die Exzesse der US-Finanzindustrie. Die niedrigen Zinsen verleiteten die Hypotheken-Anbieter dazu, selbst Obdachlosen Hauskredite aufzuschwatzen, und sie erleichterten es Investmentbanken wie Hedgefonds, mit immer abenteuerlicheren Kreditkonstruktionen einst betuliche Versicherungs- und Anleihemärkte in Spielcasinos zu verwandeln.
Nun ist die Blase geplatzt, doch die US-Regierung zieht daraus keineswegs die Schlussfolgerung, dass ihre Rezepte falsch gewesen sein könnten. Im Gegenteil, sie will die Dosis erhöhen. Dem weitgehend erfolglosen Konjunkturprogramm des Jahres 2008 will Obama noch in diesem Jahr ein neues Förderpaket folgen lassen. Und Notenbankchef Ben Bernanke kündigt an, er werde die Wirtschaft - wenn nötig, noch jahrelang - mit billiger Liquidität überschwemmen.
Dabei ist es offensichtlich, dass es der US-Wirtschaft nicht an Geld, sondern an weltmarktfähigen Produkten mangelt. Die Handelsbilanz ist weiterhin tief im Minus, und die Regierung Obama verschuldet sich im gleichen Tempo wie das beinahe bankrotte Griechenland.
Dass die Vereinigten Staaten auf diese Weise den Weg aus der Krise finden, glaubt inzwischen nicht einmal mehr der in billiges Geld verliebte Finanzsektor. Als die US-Notenbank kürzlich eine neue Variante ihrer Niedrigzinspolitik unter dem schwungvollen Namen "Twist" ankündigte, folgte statt des erwarteten Börsenjubels ein Kurseinbruch.
Umso befremdlicher ist es, dass Obama seine gescheiterte Strategie nun den Europäern zur Nachahmung empfiehlt. Um den Euro zu retten, so rät der Präsident, mögen die atlantischen Nachbarn ihre Rettungsschirme doch bitte nach US-Vorbild mit zusätzlichen Krediten aufstocken und weitere Konjunkturpakete schnüren. Wie ein ertappter Dopingarzt will Obama seine Aufputschmittel nicht absetzen, sondern möglichst an alle Athleten verteilen.
Dass die Europäer dieser verqueren Logik nicht folgen wollen, gibt Grund zur Hoffnung. Es hat keinen Sinn, auf unsichere Kredite immer neue Kredite zu türmen. Die Welt hat nicht zu wenig Schulden, sondern zu viel.
Obama sollte seine Ratschläge deshalb zurückziehen, ansonsten könnte es ihm ergehen wie dem Dorfrichter aus Kleists Komödie. Als sein Schwindel aufflog, musste er fliehen, und seine Amtszeit war zu Ende.
Von Michael Sauga

DER SPIEGEL 40/2011
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