01.10.2011

KATHOLIKENHerr oder Helfer

Der Papst drängt seine Bischöfe zu einem harten Kurs. Sie sollen die Kirche „von ihrer materiellen Last“ befreien. Müssen sie nun auf Geld vom Staat verzichten?
Pauken und Trompeten werden laut erklingen, wenn der Domchor Fulda am Mittwoch vor den katholischen Bischöfen eine neue Komposition zu Ehren des Papstes anstimmt.
Das vierminütige Werk ist ein hintersinniges Geschenk der Hirten für Benedikt XVI. Es vertont einen Spruch aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther, den Joseph Ratzinger für seine Priesterweihe wählte, 1951, als er noch jung und voller Idealismus war: "Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude."
Herr oder Helfer - wenn sich die Bischöfe in dieser Woche zur Herbstvollversammlung in Fulda treffen, gibt es viel zu diskutieren.
Denn der Chef aus Rom hat ihnen beim Heimatbesuch einen harten Kurs aufgedrängt. Die Kirche müsse sich "entweltlichen", forderte Benedikt, es sei besser, sie wäre "von ihrer materiellen und politischen Last befreit". Sogar die Säkularisierung vor 200 Jahren lobte der Papst. Die "Enteignung von Kirchengütern, die Streichung von Privilegien" hätten in der Kirche zur "Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen".
Für Deutschlands Hirten ist das eine rohe Botschaft. Viele ihrer Bistümer gehören zu den reichsten der Welt, bis zuletzt hielten sie an ihren Pfründen und Privilegien fest. Führt sie Benedikt, der zugleich zum Gehorsam gegenüber dem Vatikan aufrief, nun auf einen neuen, entbehrungsreichen Pfad?
Auf 270 Milliarden Euro schätzten in der Vergangenheit Kritiker wie Carsten Frerk das Vermögen der katholischen Kirche in Deutschland. Jedes Jahr fließen zudem dreistellige Millionenbeträge als staatliche Entschädigungszahlungen ("Dotationen") für Enteignungen im 19. Jahrhundert - zusätzlich zur Kirchensteuer. Allein im vergangenen Jahr überwies der Staat dafür 193 Millionen Euro an die Katholiken (sowie 266 Millionen an die Protestanten). Damit werden beispielsweise Bischofsgehälter oder der Unterhalt von Kirchen wie dem Limburger Dom bezahlt. Selbst Ausgaben für "Orgeln, Glocken, Uhren usw." finden sich in den Haushaltsplänen der Länder.
Wenn die Bischöfe den Papst beim Wort nehmen, müssen sie diese 200 Jahre alte Praxis beenden. Doch genau dagegen wehrten sie sich bislang erfolgreich mit dem Verweis auf alte Verträge.
Erfolglos blieben Politiker mit ihrer jüngsten Jagd auf die Kirchenmäuse im Sommer vergangenen Jahres (SPIEGEL 30/2010). Als Wortführer verkündete damals Wolfgang Kubicki, Fraktionschef der in Schleswig-Holstein mitregierenden FDP, dass man überall sparen müsse, "auch bei den Kirchen"; die Landesleistungen sollten wenigstens um 10 bis 15 Prozent sinken. Saarlands Grünen-Chef Hubert Ulrich verlangte, "mit den Kirchen in eine politische Diskussion zu treten". In Niedersachsen wollte FDP-Fraktionschef Christian Dürr das Thema bei einer Sparklausur der Landesregierung auf die Tagesordnung setzen.
Ein Jahr später ist davon wenig übrig geblieben. Zwar haben sich in Schleswig-Holstein seit Dezember 2010 Vertreter der Landesregierung fünfmal mit Kirchenvertretern getroffen, Unter-AGs wurden gebildet. Ergebnisse jedoch gab es auch zehn Monate später noch nicht.
In Niedersachsen fanden lediglich informelle Gespräche mit Kirchenleuten statt. Es sei "alles noch in der Diskussion", heißt es kleinlaut bei den Grünen an der Saar. Das zuständige Bildungsministerium bestätigte, dass Saarbrücken in diesem und im nächsten Jahr wieder rund 710 000 Euro an die Kirchen überweist. Die Dotationen bleiben tabu, das zeigt sich auch in anderen Bundesländern. Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen: Überall wird klaglos weitergezahlt.
Quer durch die Republik verweisen Bischöfe auf den Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sicherte den Kirchen darin Entschädigungen für verlorene Gebiete zu.
Es handelt sich um genau jene Enteignungen, deren segensreiche Wirkung auf die spirituelle Kraft der Kirche Papst Benedikt gerade gepriesen hat.
Die Bischöfe dagegen mochten nie verzichten, sie retteten ihre finanziellen Ausgleichsansprüche über die Weimarer Zeit bis in die Gegenwart. Seit 1949 kassierten sie mit ihren evangelischen Brüdern inflationsbereinigt insgesamt rund 22,9 Milliarden Euro an Dotationen.
Kritiker wie Frerk bezweifeln die Rechtsgrundlage dafür. "Es ist eine Legende, dass die Bischöfe damals enteignet wurden", sagt der Berliner Experte für Kirchenfinanzen. Die betroffenen Gebiete hätten der Kirche nie gehört, sie seien Reichslehen gewesen. Deshalb gebe es keinen Zwang zum Fortführen der Entschädigungen.
Seit 1919 gilt außerdem das Verfassungsgebot, die Staatsleistungen an die Kirche abzulösen. Die entsprechende Vorgabe wurde 1949 vom Grundgesetz übernommen. Passiert ist seither so gut wie nichts. Erst im vergangenen Jahr warnte das Bundesinnenministerium davor, sich mit einer einmaligen Milliardenzahlung freizukaufen; die volkswirtschaftlichen Folgen seien nicht zu unterschätzen.
Rufe nach Reformen sind weitgehend verstummt. "Auf allen Ebenen in der Partei gibt es eine deutliche Zurückhaltung bei dem Thema", sagt Siegmund Ehrmann, der religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Der Staat sei eben Verpflichtungen mit den Kirchen eingegangen, die man "nicht einfach kündigen" könne.
So sehen es auch die anderen Parteien. Widerstand kommt nur noch von den Linken. Ihr Schatzmeister Raju Sharma zeigt sich "fest entschlossen", spätestens Anfang 2012 einen Gesetzesentwurf in den Bundestag einzubringen. Darin schlagen die Linken als Ablösesumme das Zehnfache des Jahresbetrags der Zahlungen an die Kirchen vor. Nach den aktuellen Leistungen wären dies rund 4,6 Milliarden Euro. Sharma stellt sich auf eine harte Debatte ein. "Man wird schnell als Kirchenfeind niedergemacht, wenn man das Thema angeht."
Ein Ende der historischen Praxis jedoch wird es nur geben, wenn die Bischöfe mitspielen. Sind sie nach den Worten des Papstes in Freiburg nun dazu bereit? Wollen sie "Läuterung und innere Reform" durch finanziellen Verzicht?
Im Rahmen einer Pressekonferenz erklärten sie hastig, der Papst habe das alles so konkret nicht gemeint. "Das hat nichts mit der Abschaffung von konkreten finanziellen Ansprüchen zu tun", sagte vorsorglich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch.
Eine gewisse Verunsicherung bleibt nach Benedikts Abreise dennoch bestehen. Auf ihrer Vollversammlung wollen die Bischöfe nun "eine Analyse der Ansprachen des Heiligen Vaters vornehmen".
Von Matthias Bartsch, Frank Hornig und Anna Loll

DER SPIEGEL 40/2011
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