01.10.2011

DEMOKRATIEAlter Junge

Jonas Botta ist 18 und schon seit fast drei Jahren als Grüner in der Politik. Warum macht er das, und was macht das mit ihm?
Jonas Botta ist blass und hat Augenringe. Er hat zu wenig geschlafen, und nun steht er in einem Klassenzimmer des Arndt-Gymnasiums in Berlin-Dahlem. Vor ihm sitzen neun Mädchen und vier Jungs und sprechen ihn die ganze Zeit mit "Sie" an. Botta wird in ein paar Wochen 18, er ist selbst noch Schüler. Er trägt ein kariertes Hemd, knielange Hosen, Turnschuhe wie die anderen, seine Haare hängen in die Stirn.
"Sagt du, bitte", sagt er.
"Wie alt sind Sie denn?", fragt eines der Mädchen. "Wie alt schätzt ihr denn?", fragt Botta zurück.
An dem Gymnasium ist ein Projekttag, "Internet und Politik", die Schule hat Jonas Botta als Referenten eingeladen.
"26", sagt das Mädchen.
Die letzten Wochen waren hart, sagt Botta, dabei lächelt er das Mädchen an, aber er kann den Abstand nicht kleiner machen. Außerdem muss er in die nächste Schule, zum nächsten Termin. Er packt seinen Laptop in die Tasche mit den Anti-Atomkraft-Sonnen.
Jonas Botta macht schon seit fast drei Jahren auch Politik, er ist bei den Grünen, außerdem Landesschülersprecher von Berlin. Die anderen in diesem Klassenzimmer zählen ihn nicht mehr zu ihrer Generation. Politik macht alt, die Art der Politik, die Jonas Botta macht. Er ist kein Straßenkämpfer, er macht nicht bei einer Jugendrevolte mit. Er versucht sich in der parlamentarischen Demokratie.
Besonders alt wirkt Jonas Botta, seit die Piratenpartei mit fast neun Prozent der Stimmen ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen ist. Am selben Tag wurde Botta in das Bezirksparlament von Steglitz-Zehlendorf gewählt, als Jüngster.
Die Piraten sind jetzt die neuen, die frischen, jungen Politiker, obwohl sie oft gar nicht jung sind. Aber sie kennen das System, in dem sie ihren ersten größeren Wahlerfolg hatten, noch nicht so genau. Was macht der Chef einer Fraktion, wie funktioniert ein Ausschuss, wie der Landeshaushalt? Wer schreibt schnell eine Satzung? Die Piraten in Berlin sagen selbst, dass es bei ihnen gerade wie bei der "Sendung mit der Maus" zugehe, und viele Leute sehen das gern.
Für Botta ist das seltsam. Er wirkt selbst nun schon ein bisschen altmodisch, weil er bei den Grünen ist und kein Pirat.
Die Grünen gab es lange vor seiner Geburt. Er hat sich für eine etablierte Partei entschieden und damit für die Welt der endlosen Sitzungen, der Sachzwänge, auch der kleinlichen Machtkämpfe. Er macht im nächsten Sommer sein Abitur, aber nachmittags und an freien Tagen ist sein Leben längst ein Leben in der Politik, vollgestopft mit Terminen, ein vorsichtiges Leben auch, in dem er aufpassen muss, wie er auftritt und was er sagt.
Jonas Botta hat als Idealist begonnen. "Die Demokratie kann nur überleben, wenn sich Leute an ihr beteiligen", sagt er. Deswegen mache er das. In seiner Familie sei er der Erste, der in der Demokratie aufgewachsen ist. Er kam in Leipzig zur Welt, seine Eltern haben für die Wende in der DDR demonstriert.
Ein eigenes, großes Erlebnis, das ihn in die Politik geführt hat, könne er leider nicht bieten, sagt er. Er habe sich eben für Politik interessiert, "so mit zwölf" fing das an. Er war Pfadfinder, Klassensprecher, Schulsprecher.
Mit 15 beschloss er, in eine Partei einzutreten. Andere spielen Fußball und wollen irgendwann in einen Verein. Jonas Botta las sich im Internet die Programme "der fünf Parteien" durch.
Er meint die großen, im Bundestag vertretenen Parteien, er wollte ins Zentrum, die Ränder des Systems interessierten ihn nicht. Er entschied sich für die Grünen und meldete sich, ebenfalls online, als Parteimitglied und als Mitglied der Grünen Jugend an. Er kannte bis dahin niemanden aus dieser Partei.
Das Programm gefiel ihm, er sei links und für einen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft. Er lebt in Steglitz-Zehlendorf, im reichen Südwesten von Berlin, in einem Plattenbau. Seine Mutter leitet Projekte bei einer Stiftung, sein Vater, ein Lehrer, ist vor ein paar Jahren nach China gezogen.
Auf seine Facebook-Seite hat Jonas Botta ein Zitat von Petra Kelly gestellt, der sanften Parteigründerin: "Beginne dort, wo du bist, warte nicht auf bessere Umstände. Sie kommen automatisch in dem Moment, wo du beginnst." Er fand es, als er ein Praktikum beim Grünen-Archiv machte. Wenn er ein politisches Idol habe, dann sie, sagt er. Kelly lebte schon nicht mehr, als er geboren wurde.
Die Facebook-Seite gehört zum öffentlichen Teil seines Lebens. Er hat dieses Leben aufgeteilt, aus dem privaten Teil will er so wenig wie möglich preisgeben. Seine Facebook-Seite kann jeder sehen, nicht nur Leute, die er als Freunde im Netzwerk zugelassen hat. Er aktualisiert die Seite oft, empfiehlt Zeitungsartikel, gibt Termine bekannt, er pflegt das Bild von Jonas Botta, dem Politiker.
Alles soll unter Kontrolle sein, auch als er auf die Bühne klettert, die hinter dem Brandenburger Tor aufgebaut ist und auf der er seine erste Rede vor mehreren tausend Leuten halten wird. Botta wird nicht rot, nicht blass, er ist ein wenig verschwitzt, aber nur, weil er die Leute, die vor der Bühne stehen, gerade anderthalb Stunden lang durch die Stadt geführt hat.
Er hat die Demonstration von Schülern, Lehrern, Eltern gegen Stundenausfall und kaputte Schulgebäude mitorganisiert, er hat die Pressekonferenz am Vortag geleitet und das "breite Bündnis" hinter der Demo gelobt. Er hat seine Partei nicht groß erwähnt, weil er das alles als Landesschülersprecher macht.
Für seine Rede hat er einen kleinen Zettel dabei, aber er schaut kaum auf das Papier, er schaut in die Menge. Seine Stimme ist erstaunlich kräftig, er ist laut, ohne zu brüllen. Das öffentliche Schulsystem werde an die Wand gefahren, dabei wolle er nicht zusehen, ruft er. Gute Bildung dürfe es nicht nur für Leute geben, deren Eltern Privatschulen bezahlen können. "Das ist der Beginn einer längeren Protestbewegung", ruft er, "wir wollen mitreden! Danke schön!"
Er fordert keinen Aufstand, so wie ein paar Schüler in schwarzen Kapuzenpullis, die unten nach unbegrenzten Streiks rufen. Botta fordert Verhandlungen. Dann geht er von der Bühne und gibt ein Fernsehinterview.
Wenn man mit ihm unterwegs ist, trifft man oft Erwachsene, die ihm aufmunternd zunicken, Politiker, Schuldirektoren. Jonas Botta ist pünktlich, freundlich, stets vorbereitet, er kennt ihre Regeln und hält sie ein.
So ist das auch bei einer Podiumsdiskussion Mitte Juni in einer Sekundarschule in Berlin-Lankwitz, die Parteien sollten junge Leute schicken. Vier Studenten sind gekommen. Justus, 29, von den Jungen Liberalen spielt mit seinem Handy. Marco, 22, von der CDU war beim Bund und ist stolz darauf. Robert, auch 22, ein Juso, bezeichnet sich als "politisch ziemlich breit aufgestellt". Franziska, 27 und bei den Linken, lebt "in einer alternativen Partnerschaft" und glaubt an die Revolution. Die Piraten sind nicht eingeladen, in den Umfragen liegen sie Mitte Juni noch unter fünf Prozent.
Botta sagt: "Der eine oder andere kennt mich vielleicht von der Bildungsdemo." Er ist auch hier der Jüngste, er hat eine Verbindung zu den Schülern, aber sie hält nicht lange. Alle auf dem Podium verfallen in die Sprache der Politik, auch Jonas Botta.
Sie wollen Dinge "anmahnen", "kritisch begleiten", "neu denken", "Politik auf Augenhöhe" machen. Sie reden über Studienplätze, Wohnungspolitik, Schulreformen, in langen, abgesicherten Sätzen. Bloß nichts Dummes sagen.
Die Politik hat auch Jonas Botta in diesem Moment schon wieder weit weggetragen von seiner Generation. Er sieht nicht älter aus, als er ist, aber er klingt oft alt. Er klingt wie ein Politiker.
Manche Leute wollen nicht mehr, dass Politik von Leuten gemacht wird, die wie Politiker klingen und wie Politiker handeln. Das sind Leute, die in Berlin die Piratenpartei gewählt haben.
Zwei Wochen vor der Wahl in Berlin lagen in Bottas Schule plötzlich Flyer der Piraten. Am Wahlkampfstand wurde er nun oft auf die neue Konkurrenz angesprochen. Er stand auf einmal da als Vertreter einer behäbig gewordenen Partei. Als Teil des Systems.
Er erklärte den Frauen, dass die Piraten eine Männerpartei seien, und den Männern, dass sich auch Grüne mit dem Internet auskennen. Er selbst sei auch für mehr Transparenz, Bürgerbeteiligung, das Grundeinkommen.
Vielleicht habe er die eine oder andere Stimme für die Grünen retten können, sagt Jonas Botta eine Woche nach der Wahl. Nun sei er dafür, mit den Piraten zusammenzuarbeiten. Sie aufzunehmen in das System, mal sehen, was dann passiert. "Ich habe mit denen viele Schnittmengen", sagt er. Jonas Botta hat sich auf die neue Lage eingestellt.
Aber er kann diese Frische nicht zurückgewinnen, die Unbedarftheit, die Naivität, mit der die Piraten in die Politik stürmen. Er kann ja nicht plötzlich so tun, als wüsste er nicht, wie Politik funktioniert.
Vielleicht weiß er schon zu gut, wie sie funktioniert, im Guten wie im Schlechten. Er will seine Zitate noch einmal sehen, bevor ein Artikel über ihn erscheint, in vielen Gesprächen rutscht ihm kaum ein Wort über sein Leben neben der Politik heraus. Er passt auf sich auf, er will nicht verstören, während manchen Piraten gerade das Verstörende Spaß macht.
Ein anderer Anspruch an Politiker ist, dass sie ein "richtiges" Leben gehabt haben sollen, einen Beruf vor der Politik. Botta wird das wohl nicht mehr hinkriegen. "Politik ist doch auch richtiges Leben", sagt er.
Sein Idealismus ist noch nicht aufgebraucht, er will weiter mitmachen, "ich glaube, dass ich immer politisch aktiv sein werde", sagt er. Ob er Berufspolitiker werden wolle, wisse er noch nicht. Aber er ahnt, dass auch er die Erwartungen früher oder später enttäuschen wird.
Jonas Botta wird nun erst mal Kommunalpolitik machen, neben dem Abitur. Er weiß, wie Ausschüsse funktionieren, er will in den Ausschuss für Bildung, sich dort weiter für Schüler einsetzen, und in den Ausschuss für den Haushalt.
Die Piratenpartei hat es auch in das Bezirksparlament geschafft. Botta will mit dem Spitzenkandidaten bald erste Gespräche führen. Der Pirat ist 64 Jahre alt.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 40/2011
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