01.10.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEAlles auf Anfang

Warum sich ein Kajakfahrer freiwillig 30 Meter in die Tiefe stürzt
Der Kajak ist lächerlich klein, er tanzt wie ein Korken auf weißer Gischt und wirkt sehr zerbrechlich, so kurz vor dem Abgrund.
In dem Kajak sitzt ein Mann. Er paddelt, nicht panisch, sondern ruhig und gleichmäßig, nicht fort von dem Abgrund, sondern direkt auf ihn zu. Wenige Meter vor ihm ist die Kante, überquert er sie, geht es in die Tiefe, etwa 30 Meter sind es, zweieinhalb endlose Sekunden in freiem Fall. Dann wird er eintauchen im tiefergelegenen Pool, den das herabstürzende Wasser im Laufe der Jahrhunderte in das Gestein getrieben hat.
Bevor der Mann in das Boot stieg, sagte er, er sei glücklich. Und er hofft, das in wenigen Sekunden immer noch sagen zu können.
Jesse Coombs ist 40 Jahre alt, Amerikaner, und er hat lange Zeit ein ganz normales Leben geführt. Er ging zur Schule, studierte, arbeitete als Ingenieur. Die Wochenenden verbrachte er gern draußen, in der Natur. Sein Leben war, wie das von vielen anderen Menschen, darauf angelegt, möglichst lang zu dauern. Coombs ging es vor allem darum, dass ihm nichts passierte.
In den vergangenen fünf Jahren haben sich seine Präferenzen verschoben. Jetzt soll möglichst oft etwas passieren in seinem Leben.
Heute ist Coombs ein professioneller Abenteurer, ein Kajakfahrer, der immer neue Flussabschnitte befährt, vorzugsweise solche, die nie zuvor ein Mensch befahren hat. Es war wohl eine Midlife-Crisis nach seinem 30. Geburtstag, die ihn in sein neues Leben führte und schließlich auch hierher, nach Oregon, in die weiße Gischt des Abiqua, vor sich noch ein wenig Wasser und dann das große Nichts.
Ob er den Sturz unbeschadet überstehen wird, hängt allein von Coombs ab, von seinem Können, seinen Reflexen, seinem Gefühl für das Wasser.
Er sagt, dass er diese klaren Regeln schätzt. Versagt er, ist es sein Versagen. Triumphiert er, ist es sein Triumph.
Egal, wie es ausgehen wird, er wird das, was jetzt passiert, mit vielen Menschen teilen. Hinten auf seinem Kajak hat er eine kleine Kamera in Stellung gebracht, weiter unten stehen weitere Kameras, positioniert von einem Freund. Die Kameras sind ein unverzichtbarer Bestandteil von Coombs' neuem Leben, denn wie jeder professionelle Abenteurer muss er sich vermarkten, um sich neue Abenteuer leisten zu können.
Als Coombs auf die Kante zufährt, achtet er darauf, etwas schneller zu sein als das Wasser, er will seinen Sturz nicht als Treibgut beginnen, er muss die Kontrolle behalten, so gut es eben geht unter diesen Umständen. Coombs' letzter Schlag mit dem Paddel erfolgt auf der linken Seite, er bringt ihn in die angestrebte Position, im rechten Winkel zur Kante, die Coombs "freundlich" nennt, weil sie für wenige kostbare Meter sanft abfällt, bevor sie ins Nichts dreht. Dieser Übergang macht es Coombs leichter, den Kajak für den Sturz auszurichten.
Es ist nun zwingend, das Boot in die Senkrechte zu bringen, es darf nicht weiter rotieren, sonst ist die Auflagefläche zu groß, sonst wird aus dem Eintauchen ein fürchterlicher Aufschlag. Ein paar Wochen vor Coombs ist ein anderer Kajakfahrer an genau dieser Aufgabe gescheitert, er tauchte nicht ein, er schlug auf und verletzte sich beide Knie schwer. Kurze Zeit nach Coombs wird es ein dritter versuchen, er wird sich das Rückgrat brechen.
Während sich der Kajak in die korrekte Lage bewegt, hält Coombs das Paddel auf der linken Seite des Kajaks, außerdem kippt er seinen Oberkörper nach vorn, entschlossen, aber gleichzeitig behutsam, die fragile Balance muss gehalten werden.
All das geschieht während der ersten Hälfte des Sturzes, dann kann Coombs nur noch abwarten. Und versuchen, den Moment zu genießen.
Der Kajak liegt gut, er taucht mit geschätzten 90 Stundenkilometern in das Wasser ein, ob unter dem Wasser Felsen lauern, erfährt Coombs erst jetzt. Er hat, wie üblich, auf eine Inspektion des unteren Pools verzichtet. Er vertraute auf die Kraft des Wassers. Pro Sekunde stürzen gut vier Tonnen über die Kante. "Das macht", sagt Coombs, "im Laufe der Jahre eigentlich jeden Felsen platt."
Der Einschlag ins Wasser reißt ihm das Paddel aus den Händen, er zerrt sich rechts einen Schultermuskel, Sehnen werden überdehnt, ein Schulterknochen bricht, der rechte Lungenflügel kollabiert.
Coombs spürt von alldem nichts. Er taucht auf, reißt den rechten Arm in die Höhe. Und fühlt sich wie neugeboren.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 40/2011
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