01.10.2011

SCHICKSALEKein Helmut, kein Karl

Karl Draxler, ein Sexualstraftäter, der seine Strafe verbüßt hat, lebt freiwillig im Gefängnis. Er wollte bei seinem Bruder wohnen, aber er hatte keine Chance auf Freiheit. Die Bürger hatten sich ihr Recht selbst erschaffen - es war ein Experiment, das nur Opfer hinterlässt. Von Matthias Geyer
An einem warmen Sommertag rollt ein bärtiger Mann, der vor 17 Jahren zwei Mädchen über drei Stunden mehrfach vergewaltigte und ihnen anschließend die Schamlippen mit einer Nadel und einem Bindfaden zunähte, eine pinkfarbene Isomatte aus, um in der Sonne braun zu werden. Er hat sein Fahrrad unter einer Brücke abgestellt, das Hemd aufgeknöpft und eine dünne selbstgedrehte Zigarette angezündet. Er guckt auf einen Kanal, einen Schrottplatz und die Gastanks im Hafen von Gelsenkirchen. Er ist fast allein hier.
Am anderen Ufer, nur ein paar Meter weit weg, stehen drei junge Männer von der Polizei mit Funksprechgeräten in der Hand. Sie sind einfach da und sehen zu, wie der bärtige Mann in der Sonne liegt und raucht. Manchmal laufen sie einen Hügel hoch und runter, damit die Zeit weitergeht. Hin und wieder rauschen ihre Funkgeräte.
"Befehlsempfänger sind das, stupide Befehlsempfänger", sagt der Mann auf seiner Matte und bläst Rauch in den Himmel, "die lass ich schmoren, bis die Sonne untergeht." Er lacht ein dunkles, rasselndes Raucherlachen. Er kann Polizisten behandeln wie Leibeigene, wenn er will, das sind die kleinen Siege seines Alltags.
Wenn er zu Fuß durch die Stadt läuft, laufen die Polizisten zu Fuß hinter ihm her, wenn er Fahrrad fährt, folgen sie ihm auf dem Fahrrad. Sein Leben, jede banale Minute davon, hat ständige Zuschauer bekommen, weil Gutachter sagen, dass er immer noch gefährlich sei. Der Mann, der mit Vornamen Karl heißt und mit Nachnamen Draxler heißen soll, weil sein richtiger Nachname geschützt werden muss, hat 1985 eine 15-Jährige vergewaltigt und neun Jahre später noch einmal zwei Anhalterinnen, 14 und 15 Jahre alt, in einem Wohnmobil missbraucht und gequält. Die erste Tat hat er zugegeben, die zweite bestreitet er, obwohl DNA-Spuren von ihm gefunden wurden. Er hat insgesamt 17 Jahre und acht Monate im Gefängnis gesessen, er hat seine Strafe verbüßt.
Vor zweieinhalb Jahren wurde er entlassen, und sein Leben musste neu beginnen. Seit zweieinhalb Jahren sucht er nach einem Platz dafür. Aber er findet keinen.
Vorhin, nach dem Mittagessen, hat er seinen Rucksack gepackt und eine Satteltasche, er hat die Isomatte auf den Gepäckträger geklemmt und das Rad durch ein schweres Eisentor geschoben, das vor ein paar Monaten seine Haustür geworden ist. Das Tor trennt die Welt der Freiheit von der Welt der Gefangenschaft, es gehört zur Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen, einer Einrichtung für therapiebedürftige Schwerverbrecher, ein Knast für Mörder und Perverse.
Karl Draxler, 60 Jahre alt, wohnt jetzt hier. Er ist freiwillig in das Gefängnis gezogen, weil es der einzige Ort ist, an dem er in Ruhe leben kann. Er hat das Recht, ein freier Mann zu sein, aber er hat keine Chance auf Freiheit. Er hat es versucht, aber am Ende war es besser, sich vor der Freiheit in Sicherheit zu bringen.
Draxler hat einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Helmut, der mit seiner Familie in Randerath an der Wurm bei Aachen lebt. Sie hatten sich hier vor fünf Jahren ein Haus gekauft, weil es eine gute Gegend zu sein schien, viel Natur und viel Ruhe, die Wurm vor dem Haus, eine Kirche, eine Bäckerei, zwei Gaststätten, etwas über tausend Einwohner.
Am 27. Februar 2009, einem Freitag, rief jemand von der Justizvollzugsanstalt Straubing in Randerath an und sagte, der Bruder Karl werde jetzt aus der Haft entlassen. Helmut fragte seine Frau, was sie tun sollten, und die Frau sagte: Wir holen ihn ab, wir können ihn ja nicht auf der Straße sitzen lassen. Am Sonntag waren sie mit dem Bruder zu Hause.
Am Montagmorgen lagen die Akten im Büro des Landrats, eines Mannes von der CDU, und der haderte mit dem Rechtsstaat, weil es für solche Fälle keine Vorschriften gibt. Das Recht gibt es nicht her, Karl Draxler nachträglich in Sicherungsverwahrung zu behalten. Das Recht hat im Fall von Karl Draxler eine Lücke. Man kann ihn leben lassen, wie er will, oder man kann sein Leben an die Leine nehmen. Der Landrat musste die Balance finden zwischen dem Recht des Einzelnen auf Freiheit und dem Recht der Bevölkerung auf Sicherheit.
Der Landrat war auch mitten im Wahlkampf. Er entschied sich für eine Pressemitteilung, in der das Dorf vor einem gefährlichen Sexualstraftäter gewarnt wurde, der jetzt mittendrin wohne. Der Landrat stellte Polizisten zur Überwachung ab, jetzt konnte nichts mehr passieren, der Bevölkerung nicht und dem Landrat auch nicht. Am Montagabend stand das Dorf vor dem Haus von Helmut Draxler, zu beobachten war von jetzt an ein Experiment, bei dem sich der Bürger sein Recht selbst erschafft.
Helmut, sein Bruder Karl, die Frau und der Sohn sahen mit dem Fernglas durch heruntergelassene Jalousien auf die Straße. Sie sahen Transparente, auf denen "Sexbestie" stand und "Raus Du Sau!". Die Nachbarn schrien: "Wir wollen keine Kinderschänderschweine" und "Gib uns Deinen Bruder raus!" Sie nannten es "Demonstrationen", das Blaulicht von Streifenwagen gab den Veranstaltungen behaglichen Schutz. Als die Monate wärmer wurden, spielten die Nachbarn Boccia vor dem Haus, sie feierten Geburtstage und grillten Würste, während sie den Kopf des Bruders forderten. Als die Herbststürme kamen, bauten sie ein Zelt auf.
466 Tage lang ging das so, vom Landratsamt genehmigt, jeden Tag von 18 bis 20 Uhr, bis auf Rosenmontag und Sankt Martin. Da gab es schon andere Umzüge.
Karl Draxler ist im Juni nach Gelsenkirchen gekommen, er hat noch immer keine Orientierung in der Stadt. Es gibt ein paar Orte, zu denen er inzwischen ohne Stadtplan kommt. Er findet mit dem Fahrrad vom Gefängnis zum Handelshafen, wo er sich sonnen kann, und vom Handelshafen zurück in die Innenstadt. Manchmal geht er ins Altstadtcafé, raucht draußen noch eine Zigarette und setzt sich dann drinnen an einen Tisch am Rand.
Draxler war mal verheiratet, er hat zwei Kinder, aber keinen Kontakt mehr. Er hat eine Ausbildung als Landmaschinenschlosser gemacht und fuhr Lkw, aber er sieht nicht aus wie ein Arbeiter. Er hat schlanke Hände und gepflegte Fingernägel. Er hat einen Brillantknopf im Ohrläppchen und ein Lederarmband mit dem Peace-Zeichen am Handgelenk. Seine Augen finden keine Ruhe, sie untersuchen rastlos die Umgebung. Draußen stehen die Zivilpolizisten neben ihren Fahrrädern und warten, was passiert.
Wenn er rausmöchte aus dem Gefängnis, ruft Draxler zwei Stunden vorher bei der Polizei an, das sind die Regeln. Als er entlassen wurde, verfügte das Gericht Auflagen. Er darf von sich aus keinen Kontakt aufnehmen zu Menschen unter 25. Er darf keine Autos fahren, die größer sind als ein normaler Pkw, insbesondere keine Wohnmobile. Er darf keine Anhalter mitnehmen. Das ist die Gebrauchsanweisung für sein restliches Leben.
Draxler bekommt Hartz IV, 367 Euro im Monat. Für Essen und Unterkunft muss er nicht bezahlen, "das wär ja noch schöner", sagt er. Im Moment muss er von seinem Geld 20 Tagessätze à zehn Euro abbezahlen, weil er einen der Demonstranten "Wichser" genannt hatte, und 50 Tagessätze à zehn Euro, weil er zu einer Polizeibeamtin "Spastikerin" gesagt hatte. Das ist übrig geblieben von seinem Leben in Randerath. In Gelsenkirchen redet er mit niemandem draußen auf der Straße, insofern ist es besser hier, sagt er.
Abends um halb zehn wird er in seiner Zelle eingeschlossen, das gehört zu den Regeln. Als er in den ersten Tagen auf dem Bett lag, erschrak er, weil es wieder so eng war wie früher. Weil das Geräusch wieder da war, wenn die Schließer mit ihren Schlüsseln kommen. Bei seinem Bruder hatte er ein eigenes Apartment, es gab viel Platz und draußen einen Hof. Er hatte auch einen eigenen Schlüssel. Inzwischen denkt er: "Am nächsten Morgen in der Früh um sieben kann ich wieder raus." Aber er geht nicht oft raus, sagt er.
Draxler spricht leise, mit bayerischem Akzent, manchmal huscht die Bedienung durch das leere Café, dann redet er gar nicht mehr und wartet, bis sie weg ist. Einmal unterbricht er das Gespräch, weil ein Mann zur Toilette geht. "Was will der?", fragt Draxler, "der hat schon vorher mit dem Handy draußen gestanden." Männer mit Handy sind meistens die Bullen, und die Bullen hasst er. Draxler guckt durch die Fensterscheibe nach draußen und sagt: "Was glauben S', was die kotzen? Da läuft der Draht heiß zum Vorgesetzten. Die wissen ja nix. Die wissen ja net, was wir hier machen."
Was machen Sie mit Ihrer Zeit?
"Nix eigentlich. Mal in den Hof gehen."
Karl Draxler darf im Gefängnis kein Gefängnisleben führen, er darf hier nicht mal arbeiten, selbst wenn er das wollte. Er ist ja kein Gefangener, er lebt nur im Knast. Draxler ist frei, aber manchmal vergisst er das. "Man kommt in so einen Trott, es kommt nix, es geht nix. Man fällt zurück in den Knastalltag, wenn man nicht aufpasst." Er lässt sich von denen, die mit ihm zusammen wohnen, nicht mehr erzählen, warum sie hier sind. Er führt keine Knastgespräche mehr.
Zweimal in der Woche setzt sich Draxler in den Zug, dann fährt er nach Aachen zu einem Psychologen, bei dem er eine Therapie macht, seit er entlassen wurde. Auch das stand in der Gebrauchsanweisung seines Lebens.
Draxler hofft jetzt auf ein neues Gutachten, das ihn für ungefährlich erklärt. Danach will er eine Arbeit finden. Ansonsten hat er alles, was er braucht, einen Fernseher, ein Radio und seine Ruhe. Der Knast bietet ihm ein besseres Leben als die Freiheit, die es in Randerath gab.
Als sein Bruder hier das Haus kaufte, glaubte er, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Das Haus ist groß und war nicht teuer, 76 000 Euro hat Helmut Draxler in einer Zwangsversteigerung dafür bezahlt. Früher war es eine Gaststätte, das Haus liegt genau an der einzigen Kreuzung im Dorf. Gleich davor fließt die Wurm, Draxler dachte, er könnte da schön mit dem Hund spazieren gehen.
Helmut Draxler hat Kfz-Mechaniker gelernt und kennt sich gut aus mit Motorrädern. Unten, wo früher der Schankraum war, wollte er einen Bikershop einrichten und im Hof ein paar Tische aufstellen, um Getränke zu verkaufen. Das war der Plan.
Draxler hat viel Geld reingesteckt in das Haus; Fenster, Elektrik und Türen sind neu. Seit dem Tag, an dem Karl zu ihm zog, hat er nichts mehr gemacht. Sein Leben nahm eine andere Richtung, es bestand aus Abwehr, es ging nicht mehr nach vorn. Unten im Haus türmen sich Kisten und gebrauchte Elektrogeräte und Papiere, die nicht mehr wichtig sind. Was mal ein Bikershop werden sollte, sieht aus wie der Recycling-Hof eines verdorbenen Lebens.
Damals, während der 466 Tage, in denen sein Haus dem Druck der Straße standhalten musste, hat Helmut Draxler eine dichte grüne Plastikplane an dem Zaun befestigt, der seinen Hof von der Straße trennt. Er wollte unsichtbar werden und die Welt da draußen irgendwie abdunkeln. Karl ist schon seit über einem Jahr fort, aber die Plane ist noch immer da.
Draxler hat das Haus für 170 000 Euro zum Verkauf angeboten. Wenn jemand 150 000 böte, würde er es sofort hergeben. Aber niemand will dieses Haus. Es war zu oft in den Zeitungen zu sehen als das Haus des Kinderschänders. So, als ob darin ein Kind missbraucht worden wäre. Oder als ob Helmut Draxler ein Kinderschänder wäre.
"Der Makler sagt, wir sollen es leer räumen. Aber wie soll das gehen? Wohin damit? Wo sollen wir wohnen?", sagt er.
Er hat seinen Bruder aus dem Gefängnis abgeholt, er wollte, dass sich Karl in seinem Haus an die Freiheit gewöhnt. Jetzt ist aus seinem Haus ein Gefängnis geworden.
Helmut Draxler, Frührentner, kaputtes Schultergelenk, geht nicht mehr auf die Straße. Er fährt, wenn er Brötchen kaufen will, mit dem Auto nach Hückelhoven, das ist sieben Kilometer entfernt. Die Bäckerei in seinem Ort ist nur ein paar hundert Meter weit weg, aber er möchte die Menschen hier nicht mehr sehen.
Gegenüber wohnt ein Busunternehmer, früher hat ihm Draxler manchmal geholfen, wenn eine Bremse kaputt war oder die Kupplung. Dann, als das Dorf vor seinem Haus stand, das mit der grünen Plastikplane gesichert war, entdeckte Draxler im Internet ein Video. Es zeigte, wie sich die Familie Draxler in ihrem Innenhof bewegte wie in einem Käfig, Helmut, seine Frau, sein Sohn, Karl und Sam, der Rottweiler. Und Helmut wusste, dass diese Bilder nur vom Balkon des Busunternehmers gefilmt worden sein konnten.
"Wir waren nicht mehr die Draxlers. Wir waren die Kinderschänder. Wir sind behandelt worden wie Verbrecher. Ich, meine Frau, mein Sohn", sagt Helmut Draxler.
Irgendwann fand er ein Flugblatt in seinem Briefkasten, als Absender las er: DIE MITBÜRGER. In dem Flugblatt stand: "Wir müssen sagen es ist schon Allerhand das Sie Ihren Bruder aufgenommen haben, und wir denken alle es geht ums Geld.....das Sie von Ihrem Bruder erhalten haben. Würden Sie Ihre Familie lieben besonders Ihren Sohn der wahrscheinlich der leittragenste ist an der ganzen Situation. Es sei denn Sie sind aus dem selben Holz geschnitzt. Und das sind Sie ,denn das was Sie da alles veranstalten zeigt Ihren Karakter ,der ist für in die Müll zu kloppen. Denn Bildung haben Sie auch nicht. Wie Sie aussehen das wissen Sie ja bestimmt ,aber mit so einem Gewissen kann man ja nicht gut in den Spiegel kucken....Ihr seid alle zum kotzen, und das war schon vorher so als Sie einzogen von da an fanden wir Euch zum kotzen. DIE MITBÜRGER".
Im Lauf der Zeit war auf der Straße alles eins geworden, der Verbrecher und sein Bruder, der Bruder und seine Frau, die, wenn sie auf der Straße war, als "Hure" beschimpft wurde und als "Schlampe". Und wenn der Sohn, zehn Jahre alt, in die Klasse kam, sprachen ihn die Mitschüler mit dem Namen seines Onkels an. Auch im Haus waren mit den Monaten die Linien verschwommen, es gab nicht mehr Gut und Böse, nicht mehr Polizei und Demonstranten, es gab nur noch draußen gegen drinnen.
Draußen stand die Polizei, manchmal waren es zwölf Beamte. In den Zeitungen stand, die Überwachung koste 100 000 Euro im Monat. Die Aufgabe war, die Bevölkerung vor Karl Draxler zu schützen. Aber da war nichts. Karl Draxler machte nichts, wovor man andere hätte schützen müssen. Er ging mit dem Hund spazieren, fuhr Fahrrad an der Wurm entlang und half seinem Bruder, die Plastikplane am Zaun festzumachen. Die Gefahr war nicht so sehr, dass Karl Draxler ein Kind greifen könnte. Die Gefahr war eher, dass das Leben von Helmut Draxler langsam kaputtgehen würde.
Helmut Draxler ist ein kleiner, gedrungener Mann mit fleischigen Händen und Bluthochdruck, er wiegt 95 Kilogramm bei 1,63 Meter Körpergröße. Er sieht ein bisschen aus wie Karlsson vom Dach. Er ist, was sein Bruder sein sollte, als alles begann. Einer, den man mürbe kriegt.
Bei seinem Rechtsanwalt in Aachen liegen 16 Aktenordner mit seinem Namen auf dem Rücken. Ordnungsverfahren, Strafsachen, Krankenhausberichte. Das Nettoergebnis von 466 Tagen eines Lebens auf dem Dorf, das außer Kontrolle geraten war.
In diesem Leben sitzt Helmut Draxlers Ehefrau einmal draußen vor dem Haus in ihrem Auto und drückt auf die Hupe, damit ihr Mann von drinnen die Hoftür öffnet. Ein paar Tage später bekommt sie Post, in der das Haus zum "Tatort" wird. "Sie gaben missbräuchlich Schallzeichen", liest sie, Frau Draxler soll fünf Euro Bußgeld bezahlen. Irgendwas musste die Polizei tun, sie konnte ja nicht einfach rumstehen für 100 000 Euro im Monat.
In diesem Leben geht Draxler an einem Samstagmorgen mit seiner Familie spazieren, und als sie zurückkommen zu ihrem Auto, stehen Polizisten da und ein Mitarbeiter des Jugendamtes. Der Sohn soll aus der Familie geholt werden, sagt der Mann von Jugendamt. Die Mutter setzt den Jungen ins Auto und fährt davon, ein paar Tage später kommt ein Bußgeldbescheid über 30 Euro, weil das Kind nicht ordnungsgemäß angeschnallt war.
In diesem Leben kann Helmut Draxler irgendwann das Geschrei vor seinem Haus nicht mehr aushalten, das jeden Tag von 18 bis 20 Uhr in sein Leben dringt, zuverlässig wie die "Tagesschau".
Einmal beschallt er die Demonstranten mit seiner Stereoanlage, für die er sich einen besonderen Verstärker gebaut hat, es wird zu einem Krieg der Lautstärken. Tage danach bekommt er einen Brief der Stadtverwaltung. "Sie werden beschuldigt, am 12.8.2009, von 19:25 bis 20:10 Uhr ... durch den Betrieb einer Musikanlage die Anwohner erheblich belästigt zu haben. Es besteht damit der begründete Verdacht einer Zuwiderhandlung gegen §10 des Gesetzes zum Schutz vor Luftverunreinigungen, Geräuschen und ähnlichen Umwelteinwirkungen (Landes-Immissionschutzgesetz - LImschG)."
An einem Tag im April sagt Draxler den Satz: "Wenn das nicht aufhört, werfe ich einen Molotow-Cocktail da rein." Abends will ihn die Polizei deswegen festnehmen, er beginnt eine Schlägerei und wird in eine Psychiatrie eingeliefert. Eine Stunde lang durchsuchen die Polizisten sein Haus, wegen der Molotow-Cocktails. Später notieren sie in ihrem Bericht: "Es wurde nichts gefunden."
Vier Monate später wird Draxler ins Aachener Klinikum eingeliefert, mit Verdacht auf einen Herzinfarkt. Sechs Tage lang bleibt er da, einen Infarkt hat er nicht, aber es werden neun Krankheiten diagnostiziert, er soll acht Medikamente am Tag nehmen.
Das Problem war wahrscheinlich, dass Helmut Draxler irgendwann vergessen hatte, worum es hier eigentlich mal gehen sollte. Er wollte dabei helfen, das Leben seines Bruders Karl anzuschieben, das war die Idee. Aber dann hatte es sich Karl gemütlich gemacht in diesem Leben, er saß im Haus wie ein satter, schnurrender Kater am Ofen, und draußen musste Helmut aufpassen, dass sein eigenes Leben nicht verlorenging.
Er steht am Fenster, ein Monitor überträgt die Bilder und Geräusche von der Straße in seine Küche, er hat das damals installiert, weil er die Kontrolle behalten wollte. "Ich hab ihm gesagt: Karl, wir sind fertig, mach was", sagt Helmut Draxler.
Aber Karl machte nichts. Er fuhr Fahrrad, das hatte ihm Helmut auf dem Flohmarkt gekauft. Wenn Karl nach Hause kam, war immer irgendwas kaputt, der Schlauch, der Mantel, das Tretlager. "Karl, geh ins Ausland, hab ich gesagt. Wenn's nötig ist, ich fahr dich auch", sagt Helmut. Er hatte ein Jahr gebraucht, um seine Strategie zu ändern, um an Lösungen zu denken, nicht mehr nur an Selbstverteidigung.
Er fuhr mit Karl nach Mönchengladbach, sie hatten eine Wohnungsanzeige gefunden, 250 Euro plus Nebenkosten, sie bezahlten 160 Euro Maklerprovision, an einem Donnerstag sollten sie wiederkommen, um den Vertrag zu unterschreiben. Einen Tag vorher rief der Makler an und sagte, die Sache habe sich zerschlagen. Die "Bild"-Zeitung hatte ein Foto von der Wohnung veröffentlicht und geschrieben, das sei das neue Zuhause des Kinderschänders.
Helmut kaufte Karl eine Zugfahrkarte nach Berlin, weil sie glaubten, in der Großstadt sei alles anders. In Berlin fand Karl ein Wohnheim für Haftentlassene, er rief die Polizei an und sagte, hier wohne er nun erst mal. Die Polizei stellte ihre Beamten vor die Tür, und der Sozialarbeiter des Wohnheims sagte, Karl könne hier nicht bleiben.
Wo soll ich denn jetzt hin? Ich habe noch 25 Euro, sagte Karl.
Sie haben jetzt noch eine Wahlmöglichkeit: Sagen Sie mir ein Ziel, und ich kaufe Ihnen eine Zugfahrkarte, sagte der Sozialarbeiter.
Aachen, sagte Karl.
Aachen bei Randerath.
Helmut Draxler öffnet das Küchenfenster, das mit Folie beklebt ist, damit niemand hineinsehen kann. Er guckt durch einen Spalt auf die Straße und macht das Fenster wieder zu. "Die sind krank", sagt er, "das sind Geistesgestörte."
Draußen, auf einem Platz vor dem Haus, gleich an der Hauptstraße, sitzen drei Männer und eine Frau mit Hund auf einer Treppe. Sie trinken Wicküler-Bier, rauchen Zigaretten und beobachten das Haus von Helmut Draxler, als wäre es ein Freiluftkino.
Sie waren bei den Demonstrationen bis zum letzten Tag dabei. Das ist jetzt schon über ein Jahr her, aber manchmal sitzen sie noch hier, wie bei einer Totenwache.
Warum sind Sie hier?
"Der Helmut hat uns das Versprechen gegeben, dass er wegzieht. Das Versprechen hat er noch nicht eingelöst", sagt einer.
"Ach, einfach so. Da hat sich eine Freundschaft ergeben, wir wohnen alle hier in der Nähe, und hier ist eben die Mitte", sagt ein anderer. Er läuft zu seinem Auto und kommt mit einer neuen Zigarette wieder.
Er heißt Erich Kahlen und war einer der beiden Anführer der Demonstrationen. Die Idee war mal gewesen, dass sich die Bevölkerung schützen muss, wenn sie bedroht wird.
Kahlen wohnt nur ein paar Meter entfernt von Draxler, wenn er vor seiner Haustür steht, kann er die grüne Plastikplane an Draxlers Zaun sehen. "Den Helmut, den sieht man ja nicht mehr", sagt Kahlen.
Bevor Draxlers Bruder in das Dorf kam, war das Leben von Erich Kahlen einfach immer weitergegangen. Er hat ein Haus, eine Frau, zwei Töchter, eine Aral-Tankstelle und im Wohnzimmer ein Terrarium mit Winkelkopfagamen, kleinen Echsen, die sich wenig bewegen. Dreimal am Tag regnet es dort automatisch hinein, vor kurzem hat das Weibchen Eier gelegt. Und wenn er morgens ins Wohnzimmer kommt, stehen in seinem Garten die Rehe, sagt er. Er wohnt direkt am Wald.
Als Draxlers Bruder da war, wurde aus Erich Kahlen ein Befehlshaber. Er stand in der ersten Reihe vor Draxlers Haus und hielt ein Megafon in der Hand wie einen Sprengkopf, er rauchte viel und gab Anweisungen.
Einmal lief Helmut Draxler, den Kopf voller Druck und Wut, hinüber auf die andere Straßenseite, und sie standen sich gegenüber, Kahlen und Draxler. Es ist nicht ganz klar, wer anfing, am Ende jedenfalls lag Draxler flach vor Kahlen auf dem Boden. Ein Krankenhausarzt schrieb nach der Untersuchung: "Offene Wunden mit Beteiligung mehrerer Regionen der oberen Extremitäten. Prellmarke und Schwellung der behaarten Kopfhaut links betont. Gefühl loser Zähne im Oberkiefer."
Kahlen lächelt vorsichtig und sagt: "Es war ein Volltreffer." Früher hat Helmut Draxler mal den Motorroller von Erich Kahlens Tochter repariert.
Kahlen geht die Einfahrt hinunter in seine Garage, in der Ecke stehen die Transparente von damals. Er sieht sie lange an, "Sex-Bestie", "Kinderschänder 100 Meter", und für einen Moment hat man den Eindruck, dass er das alles am liebsten gleich wieder hoch auf die Straße schleppen würde.
Kahlen holt eine Plastiktüte aus dem Keller und geht zurück ins Wohnzimmer. Nebenan in der Küche bereiten seine Frau und seine Tochter das Essen vor. Kahlen sagt, dass er damals Angst um seine Tochter hatte, die 15 Jahre alt war.
"Beim Bäcker haben sie zu meiner Frau gesagt: ,Wir müssen uns keine Sorgen machen, denn dein Mann ist ja da'", sagt Kahlen. Dann steht er auf und schluchzt, er stellt sich ans Fenster und atmet tief ein und aus. "Tut mir leid, das sind die Emotionen", sagt er.
Auf dem Tisch liegt die Plastiktüte aus dem Keller, Erich Kahlen hat alle Zeitungsartikel darin aufbewahrt und DVDs mit Fernsehbeiträgen, die ihm eine Redakteurin vom Südwestfunk geschickt hat. Auf der Grußkarte stand: "Lieber Herr Kahlen, lassen Sie sich nicht unterkriegen." In der Plastiktüte geht es um den Kinderschänder, aber auch darum, dass Erich Kahlen dem Kinderschänder das Leben zur Hölle machte. Je dicker die Tüte wurde, desto größer wurde Kahlen. Die Tüte ist auch eine kleine Schatztruhe.
Kahlen hält die Hände vor die Augen und schluchzt noch einmal.
"Das war auch eine Lebensaufgabe", sagt er. "Der kleine Mann von nebenan hat zum ersten Mal im Mittelpunkt gestanden. Wir waren ja das Gesicht des Kinderschutzes." Kahlens Tochter läuft durchs Wohnzimmer, Kahlen wartet, bis sie draußen ist, dann sagt er: "Die Medien sind ja auch total drauf angesprungen, Vater von einer 15-jährigen Tochter, wohnt vier Häuser entfernt. Ein Fotograf hat gesagt: ,Jungs, mit euch hab ich richtig Kohle verdient.'"
Irgendwann nahm alles eine neue Richtung. Abends setzte sich Erich Kahlen vor den Fernseher und sah sich selbst. Er hat dann oft mit seinem Kumpel Thomas telefoniert, mit dem er sich als Demonstrationsleiter abwechselte. "Das ist doch nicht normal, wir beschäftigen ja das ganze Land", sagte er. Sogar Til Schweiger redete auf einmal nur noch von Kindesmissbrauch.
Kahlens Kumpel Thomas hat auch eine Aral-Tankstelle, aber früher war er Ausbilder bei der Bundeswehr, er weiß, wie man Gruppen für etwas begeistert, deshalb überließ ihm Kahlen die strategischen Sachen. Anfangs war die Strategie, dass die Demonstrationen so lange wie möglich dauern sollten. Dann wurde klar, dass der Kinderschänder gute Nerven hatte. Die neue Strategie war der Bruder.
"Kein Helmut, kein Karl", sagte Thomas.
"Irgendwann war Karl zweitrangig geworden. Wir mussten Helmut knacken. Wir mussten sein Ego brechen, um ohne den Kinderschänder zu leben", sagt Kahlen. Es klingt, als redete er über eine Walnuss. Oder von Guantanamo.
Als nach 466 Tagen alles zu Ende war, kehrte Erich Kahlen in sein altes Leben zurück, die Tankstelle, die Rehe, die Winkelkopfagame.
"Es ist plötzlich vorbei. Und man fällt in ein Loch", sagt er. Später verteilte er bei einem Stadtfest in Geilenkirchen Info-Material an einem Stand gegen Kindesmissbrauch, aber das war nicht mehr dasselbe. Nach einer Grillparty im Sommer stellte er sich nachts mit einem Nachbarn noch mal vor Draxlers Haus und sang die Schlachtrufe von damals. Da war er betrunken.
Wahrscheinlich hätte Erich Kahlen immer weitergemacht, wenn es den anderen nicht irgendwann langweilig geworden wäre. Es gab eine Gruppe von vier Frauen, die kamen jeden Tag, ungefähr ein Jahr lang. Eine von ihnen, Marcella Davids, mit damals blondgefärbten Haaren und vielen Tattoos, hatte auf der Straße einmal eine Auseinandersetzung mit Helmut Draxler gehabt. Sie hatte ihm den Mittelfinger gezeigt, und Helmut hatte "Schlampe" über die Straße gerufen.
Sie sagte: "Verpiss dich."
"Du bist doch asozial", sagte Helmut.
Und Marcella Davids antwortete: "Wieso asozial? Bei mir in der Familie werden keine Kinder gefickt. Das macht doch ihr."
Meistens war es aber im Lauf der Monate immer dasselbe gewesen. Marcella Davids kam auf die Idee, dass man versuchen könne, sich mit Helmut und Karl auch mal normal zu unterhalten. Die Frauen beschlossen, Helmut Draxler einen Brief zu schreiben, setzten sich vor ein weißes Blatt Papier und wussten nicht, wie sie ihn ansprechen sollten. Sehr geehrter Herr Draxler? Hallo Helmut? Es war ja kein normaler Brief. Es war eher, als würden sie ein neues Drehbuch schreiben.
Sie saßen dann wirklich im Haus, vier Frauen, Helmut und Karl. Eine der Frauen fragte Karl, wie das denn gewesen sei bei der ersten Vergewaltigung, also die, die er zugegeben habe. Und Karl sagte: "I war locker drauf. Also i war guat drauf." Er habe Alkohol getrunken vorher, aber nicht zu viel. Klar, sagte die Frau, wenn er voll gewesen wäre, dann hätte es ja auch nicht mehr funktioniert. Sie rauchten und lachten, sie verstanden sich ganz gut.
Am nächsten Tag standen die Frauen wieder auf der anderen Seite der Straße. Es war 18 Uhr, und es war Demo. Erich Kahlen sagte den Frauen, sie würden jetzt nicht mehr dazugehören. Sie sollten ihre eigene Demo aufmachen. Was sie getan hätten, sei Verrat gewesen.
Beim nächsten Besuch in Draxlers Haus brachten die Frauen Kirschkuchen mit. Sie sahen durch das Fenster auf die Straße und lachten über die Demonstranten. Sie hatten die Seiten gewechselt. Marcella Davids kaufte bei Helmut einen Fahrradhelm für ihren Sohn. Auf die Frage einer anderen Frau, ob sie glaube, dass Karl die zweite Tat begangen habe oder nicht, antwortete sie: "Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Also er sagt ja, er war's nicht."
Marcella Davids kommt aus einer Artistenfamilie, früher, als Jugendliche, stand sie auf dem Hochseil. Jetzt hat sie drei Kinder, 16, 9 und 3 Jahre alt, ist alleinerziehend und hat keine Arbeit. Sie wohnt mit den Kindern und dem Zwerghund Polly in einer Etagenwohnung in Geilenkirchen. Zwischen dem Hochseil und den Tumulten vor Helmut Draxlers Haus waren zwei Jahrzehnte ohne größeres Spektakel vergangen.
Zu den Zeiten der Demonstrationen ist ihre Mutter fast jeden Tag aus dem Selfkant gekommen, um auf die Kinder aufzupassen. 20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Marcella Davids musste um halb sechs los, damit sie um sechs in Randerath war. Wenn die Mutter nicht konnte, passte die älteste Tochter auf. Einmal nahm Marcella Davids ihren kleinen Sohn mit. Er schlief während der Demo im Kinderwagen.
Sie sitzt am Esszimmertisch und raucht. Die Kinder sitzen vor dem Fernseher. Dazwischen läuft der Zwerghund hin und her.
Hatten Sie damals Angst, dass Karl Draxler ein Kind missbraucht?
"Nein. Jedenfalls nicht davor, dass er sich ein Kind aus dem Kreis schnappt."
Warum haben Sie das dann gemacht?
Sie zieht die Schultern hoch und lächelt. "Weiß nicht", sagt sie.
Sie hat keinen Kontakt mehr zu den Frauen von damals. Sie hat das Kapitel aus ihrem Leben herausgeschnitten. Sie versteht es nicht mehr. Sie sagt: "Ich schäme mich, weil ich wirklich angefangen habe, daran zu glauben, dass er unschul-dig ist."
Helmut Draxler hat vor kurzem damit angefangen, den Asphalt in seinem Hof aufzuhacken. Er will ein neues, ebenes Fundament gießen, damit er für seinen Jungen einen Swimmingpool aufbauen kann. Er wird wohl erst mal nicht weggehen können von hier.
Er hat seinen Bruder schon länger nicht mehr gesehen, zwischen Randerath und Gelsenkirchen liegen hundert Kilometer. Als Karl weg war, ist eine Frage zurückgekommen, die sich Helmut nicht gestellt hat, solange Karl bei ihm war. Ob der Bruder noch mehr ist als ein Vergewaltiger, nämlich ein Sadist, ein Perverser. Oder ob er das nicht ist. Die Frage wirft Helmut Draxler hin und her.
Es ist schon dunkel draußen, Helmut Draxler läuft ins Treppenhaus, er hat den Autoschlüssel in der Hand, er möchte noch mal ins Nachbardorf fahren, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Um ihn herum stehen Sachen in Kartons, ein elektrischer Garagentoröffner, eine Gegensprechanlage, Hoflichter. Er hat sie vor über zwei Jahren gekauft, als er das Haus schön machen wollte. Jetzt sind es ungeöffnete Lebenspläne.
"Karl hat immer gesagt: Ich schwör's, ich war's nicht. Meine Frau und ich würden wünschen, dass er's nicht war." Das ist das eine.
"Wenn ich unschuldig bin, dann bleib ich doch nicht 18 Jahre lang ruhig. Dann geh ich dagegen an. Er müsste mir eigentlich beweisen, dass er's nicht war." Das ist das andere.
Er kann sich nicht entscheiden. Vielleicht will er sich auch nicht entscheiden. Manchmal telefonieren sie noch miteinander, aber das wird weniger, und wenn, dann reden sie über andere Sachen.
Karl Draxler sitzt im Altstadtcafé von Gelsenkirchen vor einem großen Stück Zitronensahnetorte, draußen stehen die Polizisten neben ihren Fahrrädern und warten darauf, dass sie Draxler wieder hinterherfahren können. Dass er sich bewegt. Draxler sagt, dass ihm das Leben jetzt eigentlich ganz gut gefällt.
Tut ihm der Bruder leid?
"Ja, logisch", sagt Draxler, "aber man kann's nicht zurückdrehen." Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn der Bruder noch sehr beschäftigen.
Das Gespräch geht dann um den Ursprung von allem, um Verbrechen und Vergewaltigung. Um zwei Mädchen, denen die Schamlippen zugenäht wurden, nachdem sie vergewaltigt worden waren.
Die DNA-Spuren am Tatort sagen, dass er das war. Und die Frage ist, was das für das Leben, das jetzt kommt, zu bedeuten hat, für sein Leben und das Leben von denen, die in seiner Nähe sind.
Eine Gruppe älterer Frauen hat sich an den Nebentisch gesetzt, Draxler sieht sich zu ihnen um. Er legt jetzt beim Reden die Hand über den Mund.
"Ich werde die Tat definitiv nicht eingestehen", sagt er.
Er will darüber nicht mehr sprechen, nur noch mit dem Gutachter, er wartet jetzt auf einen Termin mit dem Gutachter, sagt Draxler, und er ist sich eigentlich sicher, dass es danach vorbei ist. Dass der Gutachter eine günstige Prognose stellen wird.
Was will er dem Gutachter sagen?
"Ich werde diese Tat besprechen wie ein Außenstehender. Also wie ich das bewerte als jemand, der von außen da draufguckt."
Und wie bewertet er das?
Draxler guckt sich zu den Frauen um, dann sagt er: "Krass. Definitiv pervers. Abartig, muss ich ehrlich sagen."
Zwei Monate später schreibt eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ein Gutachten über Karl Draxler. Sie hat ihn zweimal getroffen, jeweils vier Stunden lang. Sie diagnostiziert eine Abweichung in Form eines sexuellen Sadismus, sie schreibt, dass von Karl Draxler weiterhin eine hohe Gefahr ausgehe. Sie rät zu einer Behandlung mit schweren Medikamenten, er soll auch in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden.
Karl Draxler hat dann nicht mehr das Recht, in einem Gefängnis zu leben. ◆
Von Matthias Geyer

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Kein Helmut, kein Karl

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