01.10.2011

GESUNDHEITDer Aufschneider

Werner Mang hält sich für den besten Schönheitschirurgen in Europa. Interne Dokumente belegen allerdings merkwürdige Praktiken in seiner Bodenseeklinik: Ein Arzt operierte dort ohne Zulassung, und im Streitfall werden auch mal veränderte Krankenakten vorgelegt.
Wer die Bodenseeklinik von Prof. Dr. Dr. med. habil. Werner Mang, 62, betritt, ist schnell beeindruckt von den vielen Prominenten, deren Fotos die Foyerwände schmücken: Mang mit Roberto Blanco, Fritz Wepper, Naomi Campbell, Hansi Hinterseer, Niki Lauda, Costa Cordalis, Siegfried & Roy und vielen anderen Gesichtern des deutschen und internationalen Showgeschäfts.
"Ich bin stolz, dass ich so viele Prominente kenne", sagt der Chef. Eine Wand in der Klinik aber ist für ein einziges Foto reserviert: Mang und der Papst.
Nicht, dass Benedikt XVI. sich schon die Nase hätte richten lassen, aber das Foto zeigt Mang ja auch nur, als er im Juni 2010 dem Oberhaupt der katholischen Kirche ein von ihm verfasstes schönheitschirurgisches Lehrbuch in die Hand drückte. Eine Münchner Boulevardzeitung druckte das Foto und titelte dabei: "Papst trifft Papst".
Für die "Bild"-Zeitung ist Mang schon lange der "Schönheitspapst" schlechthin. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass er selbst den Titel unangemessen fände. Mang hält sich für den "erfolgreichsten Arzt Europas", einen "Pionier" und "Visionär" im Beauty-Business.
In seinem Buch "Verlogene Schönheit" zitiert Mang einen weltberühmten Kollegen, der gesagt habe, "dass ich die Nummer eins in der ästhetischen Chirurgie Europas geworden bin". Mang ist überzeugt davon, dass junge Ärzte heute studieren, "um so zu werden wie ich". Sein Selbstvertrauen jedenfalls bedarf keiner kosmetischen Nachbesserung.
Ähnlich wie einst Julius Cäsar spricht der 1,91 Meter lange Professor vom Bodensee gern in der dritten Person über sich, etwa wenn er erklärt: "Ohne den Mang wäre die Schönheitschirurgie heute nicht da, wo sie ist." Oder: "Ich mag den Mang, so wie er ist." Doch hinter all diesem sorgsam inszenierten Größenwahn gibt es einen rauen Geschäftsalltag, in dem der nette Doc, der sich so gern mit Pro-
minenten umgibt, schnell seine joviale Medienfreundlichkeit verliert.
Als der SPIEGEL zuletzt um ein Interview bat, antwortete Mangs Anwalt umgehend mit einem dreiseitigen Schriftsatz, drohte mit "sofortiger Strafanzeige" und einer "Millionenklage", falls man tatsächlich anhand klinikinterner Unterlagen über Mang berichten wolle. Später lässt Mang seinen Anwalt schriftlich mitteilen, dass die Informationen des SPIEGEL aus Unterlagen stammen, die aus der Bodenseeklinik gestohlen worden seien und dass Veränderungen "gegebenenfalls vom Dieb der Unterlagen angebracht worden" sein könnten.
Mangs Sensibilität verwundert nicht, denn diese Dokumente zeigen erstmals, wie
‣ Mang bei Rechtsstreitigkeiten mit Patienten auch komplett neu geschriebene Krankenakten vorlegt;
‣ Mang Patienten mit juristischen Auseinandersetzungen droht, wenn sie Unvorteilhaftes über ihn erzählen;
‣ Patientinnen der Eindruck vermittelt wird, Mang werde sie persönlich operieren, obwohl der Eingriff dann von einem angestellten Arzt vorgenommen wird.
Auch Irmtraud B. machte ihre Erfahrungen mit der Bodenseeklinik. Die 66-Jährige aus dem Raum Offenburg kannte Professor Mang wie viele andere nur aus dem Fernsehen. Sie kam 2006 zu ihm, um Falten rund um den Mund und am Hals straffen und Tränensäcke glätten zu lassen. "Mein Mann ist ja zehn Jahre jünger, und da habe ich gedacht, ich muss mal etwas machen lassen", sagt sie.
Sie fuhr mit ihrem Mann nach Lindau in die Bodenseeklinik. Als sie schließlich in der Sprechstunde dem berühmten Arzt gegenübersaß, habe sie zu ihm gesagt: "Ihnen geht der Ruf voraus, dass Sie der Beste sind, deshalb bin ich zu Ihnen gekommen."
In der Regel müssen Patienten der Bodenseeklinik die gesamten Kosten der Operation im Voraus zahlen. Bei Frau B. waren das mehr als 14 000 Euro. Erstaunt war sie dann über den miesen Service. Doch das Problem sei nicht die schlechte Unterbringung gewesen, auch nicht die hohe Rechnung. "Das Problem war die Operation selbst, ich habe überhaupt keinen Unterschied zwischen vorher und nachher gesehen."
Am 7. Dezember 2006 schrieb Frau B. einen erbosten Brief an Mang: "Bei der Beratung haben Sie meine Frage, ob Sie selbst die OP durchführen, mit Ja beantwortet, sonst wäre ich nicht in Ihre Klinik gekommen. Bei der Abschlussuntersuchung haben Sie mir erklärt, dass Frau Dr. B. die OP durchgeführt hat."
Eine Woche später antwortete Mang beschwichtigend: "Natürlich führe ich bei Ihnen nochmals eine Unterspritzung durch. Sie sind eine liebenswerte Patientin, und ich werde Ihnen nichts berechnen." Zwei Monate später erhielt Frau B. tatsächlich ihre Unterspritzung - für weitere 3400 Euro.
Danach schrieb die Rentnerin dem Professor erneut: Jetzt habe sie bereits 20 000 Euro "für diese nicht zufriedenstellende Leistung" ausgegeben, und das ein-zig sichtbare Ergebnis seien zwei hässliche Narben. "Mir scheint, diese OPs wirken nur bei reichen Leuten."
Mang antwortete, dass sie korrekt operiert worden sei, dennoch könne sie "jederzeit nochmals in die Sprechstunde zur Kontrolle kommen, wir sind immer für Sie da".
Das einzig Gute sei, sagt Frau B., dass bis heute niemand etwas von ihrem Facelifting in der Bodenseeklinik gemerkt habe, nicht einmal ihre drei erwachsenen Kinder. "Die lachen sich tot, wenn sie erfahren, dass ich so viel Geld für absolut nichts bezahlt habe."
Mang lässt zu diesem Fall schriftlich mitteilen: Er habe erst durch die SPIEGEL-Recherchen erfahren, "dass die Patientin dennoch bezahlt hat". Die Bodenseeklinik werde nun aber "die Erstattung dieses Betrags veranlassen".
Manuela Aegerter kam zu Professor Mang, um sich die Brust vergrößern zu lassen. 7745 Euro musste sie im Voraus bezahlen - doch die Brüste erschienen ihr nach der Operation unterschiedlich groß. Selbst Monate nach dem Eingriff litt die damals 40-jährige Mutter noch unter Schmerzen.
Nach zahlreichen erfolglosen Anrufen in der Bodenseeklinik schickte sie einen Brief an Mang: "Sie haben mir … versprochen, dass Sie die Operation nochmals durchführen werden und zwar kostenlos."
Mang wiegelte am 6. Mai 2008 in einem Brief ab: "Es geht mir nicht darum, dass Sie kostenlos noch eine Operation bekommen sollen, da würde ich sicher zu meinem Wort stehen, nur es ist keine weitere Operation notwendig. Das wird Ihnen jeder seriöse plastische Chirurg sagen."
Deutlich ruppiger klingt eine Notiz an jene Ärztin seiner Klinik, die die Brust von Frau Aegerter operiert hatte: "Die Patientin ist Psychopathin. Das Ergebnis der Brustoperation ist i. O. Bitte rufen Sie die Patientin an und stellen Sie die Situation klar."
Mang weist - grundsätzlich zu Recht - darauf hin, dass es in der Schönheitschirurgie zahlreiche Patienten mit hohen Erwartungen gebe, die dann nach der Operation enttäuscht seien, weil es vielleicht doch nicht so perfekt aussehe wie erhofft. War im Fall von Frau Aegerter aber wirklich alles in Ordnung?
Die Frau ließ sich nicht abwimmeln, bat die Patientenstelle Zürich um Hilfe und ließ sich von Bernhard Kipfer, einem Facharzt für Plastische Chirurgie, in Bad Ragatz untersuchen.
Kipfer hielt das Ergebnis schriftlich fest: "Beidseitig sind die Implantate zu hoch, das Ergebnis ist ästhetisch unbefriedigend. Dr. Mangs Beurteilung, das Ergebnis sei gut und von einer weiteren Operation müsse dringend abgeraten werden, das würde jeder seriöse Plastische Chirurg sagen, ist völlig unzutreffend." Er empfahl Frau Aegerter sogar, die Implantate wechseln zu lassen.
Wie aber reagiert Professor Mang, wenn er von einem Kollegen auf so einen "Anfängerfehler" (Kipfer) aufmerksam gemacht wird? Am 14. November 2008 schrieb er an den Kollegen: "Sie wissen, dass Patienten in der Ästhetisch-Plastischen Chirurgie rotieren und dass gerade deshalb ein kollegiales Verhalten äußerst wichtig ist. Meine Maxime ist absolut kollegiales Verhalten, welches ich in Ihrem Brief leider nicht erkennen kann."
Mang behauptete, dass Manuela Aegerter über alle Risiken der OP aufgeklärt worden sei, also auch darüber, dass die Brust nach der OP nicht das gewünschte Aussehen haben könnte. Als Beleg schickte er eine Kopie des von Frau Aegerter unterschriebenen Aufklärungsbogens an die Patientenstelle Zürich. Darin sind die OP-Risiken jeweils deutlich umkreist, manche unterstrichen, zum Beispiel: "Es kann nicht garantiert werden, dass die Brust nach der Operation das gewünschte und geplante Aussehen hat."
Dem SPIEGEL liegt der gleiche, von Frau Aegerter am 30. November 2005 unterzeichnete Aufklärungsbogen vor, in der diese Unterstreichungen und Markierungen fehlen. Mang erklärt diese Unterschiede damit, dass die Hervorhebungen "ausschließlich für die Patientenstelle in Zürich vorgenommen" wurden und "den Inhalt niemals verändert haben".
In der Regel erhalten Patienten in der Bodenseeklinik keine Kopie des Aufklärungsbogens und der Einverständniserklärung. Die Schriftstücke sind Blankoschecks, die man eben unterschreibt. Kommt es zu Streitigkeiten, bei denen unter Umständen auch Anwälte eingeschaltet werden, kann die Klinik immer darauf hinweisen, dass ja alles schriftlich festgehalten wurde. Mang erklärt dazu, die angesprochenen Unterlagen würden "Patienten vollständig immer dann ausgehändigt, wenn der Patient das ausdrücklich wünscht".
Frau Aegerter immerhin hatte Erfolg mit ihrer Hartnäckigkeit: Mang zahlte ihr im Dezember 2008 "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht" 10 000 Schweizer Franken zurück.
Die Rückzahlung begründet Mang auf Anfrage damit, "dass die Patientin eine Nachoperation dringend wollte", er dies aber "für nicht notwendig" hielt und "die Patientin ob dieser Situation in einer erkennbar schwierigen Verfassung war".
Mang sagt, er habe schon sehr oft Brüste operiert. In diesem Fall habe aber eine seiner angestellten Ärztinnen die Operation vorgenommen. Schriftlich räumt der Professor ein, Bruststraffungen, Brustaufbau nach Tumor, Bauchdeckenstraffungen und Haarverpflanzungen operiere er nicht selbst, dafür gebe es Spezialisten an der Bodenseeklinik. Die Frage, wie häufig Mang im vergangenen Jahr eine Brustvergrößerung durchgeführt hat, beantwortete er nicht.
In seiner Sprechstunde jedenfalls berät er regelmäßig Frauen über Brustoperationen, bespricht mit ihnen, welche Implantate sie erhalten sollen, und zeichnet mit einem Stift an, wo ihre Brust operiert werden soll. Manche Patientinnen legen sogar größten Wert darauf, dass Mang persönlich zum Messer greift.
In der Einverständniserklärung, die eine Berlinerin unterschrieben hat, heißt es: "OP wie besprochen nur durch Professor Mang persönlich." Im OP-Buch findet sich dann aber ein angestellter Arzt als Operateur.
Die Frage, ob er die Brust-OP in diesem Fall eigenhändig durchgeführt hat, beantwortete Mang nicht.
Einer Patientin, die ausdrücklich darum bat, "von Ihnen persönlich operiert" zu werden, schrieb er: "Natürlich werde ich den Eingriff zusammen mit meiner Oberärztin durchführen." Als die Frau später erfuhr, dass der berühmte Professor sie gar nicht eigenhändig operiert hatte, schrieb auch sie ihm einen empörten Brief.
Einer anderen Patientin versprach er schriftlich: "Jede Operation wird von mir persönlich ausgeführt. Natürlich habe ich auch eine Fachärztin für Plastische Chirurgie bei der Operation dabei, die dann entsprechend die kosmetischen Nähte durchführt."
Zur Eröffnung der Mang Klinik Suisse verkündet er gar: "Jeder Patient wird von mir persönlich beraten, von mir persönlich operiert in Zusammenarbeit mit meinem Team."
Dabei ist die Frage, wer tatsächlich den Eingriff durchführt, keine Kleinigkeit: Das Oberlandesgericht Koblenz hat entschieden, dass ein Patient bei einer Schönheits-OP überhaupt nichts bezahlen muss, wenn er von einem anderen als dem vorab zugesicherten Mediziner operiert wurde (Aktenzeichen 5 U 1309/07).
Schon die hohe Zahl von jährlich 3000 Operationen in der Bodenseeklinik macht es unmöglich, dass Mang überall dabei ist. Der Mann führt eine Art Schönheitsimperium, das davon profitiert, dass Aussehen mittlerweile gesamtgesellschaftlich als Konsumgut anerkannt ist.
Die Mang Medical One AG, die der Professor zusammen mit dem ehemaligen Metro-Chef Erwin Conradi betreibt, ist heute an 17 Standorten aktiv. Mang ist Vorstandsvorsitzender. Die Umsatzrendite der Klinikkette lag vergangenes Jahr noch bei 15 Prozent, in zwei Jahren soll sie nach Firmenangaben schon bei 25 Prozent liegen.
Schönheits-OPs werden in den meisten Fällen von den Patienten selbst bezahlt. Nur wenn medizinische Gründe vorliegen, zahlt die Krankenkasse den Eingriff.
Auf der Internetseite der Bodenseeklinik findet sich eine klar umrissene Preisliste: Botox-Behandlung 400 Euro pro Zone, Stirn-Lifting 5000 Euro, Brustvergrößerung 4000 bis 5500 Euro, Nasenkorrektur 4000 bis 6000 Euro. Das sind nur die Basiskosten, die Endpreise liegen aufgrund zahlreicher Extraposten merklich höher. Es geht zu wie bei Billigflügen, die am Ende gar nicht mehr so billig sind.
Generell werden heute rund zwei Drittel aller Schönheits-OPs an Patientinnen zwischen 20 und 45 Jahren durchgeführt, hier dominieren Brust und Nase. Zwischen 40 und 50 Jahren geht's dann ums Fettabsaugen, und ab 50 werden Gesichtsfalten bekämpft.
In seinem Buch "Verlogene Schönheit" gibt Papst Mang zwar den Moralapostel der Branche und versichert: "Seit einiger Zeit beunruhigt mich die Tatsache, dass in einer Gesellschaft, die jegliche Form von naturbedingter Alterung kategorisch ablehnt, das Streben nach Schönheit immer mehr zu einem rücksichtslosen, selbstzerstörerischen Wahn wird."
Dass er sich da selbst widerspricht, scheint ihm gar nicht aufzufallen. So verkündet er auf Seite 17 seines Buchs, dass er zum Beispiel Po-Implantate "strikt ablehnt". Wer dagegen die Leistungsbroschüre der Mang Medical One AG durchblättert, findet genau diese Implantate angepriesen: "Gerade bei Männern sind kräftige Waden und ein muskulöser Po Bestandteil des Schönheitsideals. Spezielle Inlays und Operationstechniken machen es heute möglich, fehlendes natürliches Volumen auch an Waden und Po zu ersetzen."
Auf der Homepage der Mang Medical One Klinik Dortmund wird unverhohlen geworben: "Um einen Hintern à la Jennifer Lopez oder Brad Pitt zu bekommen, eignen sich vor allem Po-Implantate."
Die Frage, wie dieser Widerspruch zu erklären ist, beantwortete Mang nicht.
Die Verbraucherzentrale Hamburg hat dieses Jahr getestet, wie gut Schönheitschirurgen wirklich aufklären. Dazu schickten die Prüfer Frauen, die sich über eine Brustvergrößerung informieren wollten, zu 26 Plastischen Chirurgen. Das Ergebnis war eine Blamage für die gesamte Branche: Bei 21 von 26 Ärzten war die Beratung "schlecht" oder "ganz schlecht", das heißt, dass sie nur unzureichend über Risiken aufklärten und sich bereit erklärten, das zu machen, was die Patientinnen wollten. Motto: "Sie wollen groß? Sie kriegen groß!"
Chirurgen müssten viel häufiger von sinnlosen Operationen abraten - auch wenn sie damit auf Einnahmen verzichten, findet Professor Peter Vogt von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Grundsätzlich ist eine ästhetische Chirurgie nur gerechtfertigt, wenn eine echte Verbesserung der Lebensqualität damit verbunden ist." Vogt leitet als Präsident die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), einen Fachverband, in dem hierzulande jene Operateure vereinigt sind, die eine sechsjährige Ausbildung zum Plastischen Chirurgen absolviert haben und für sich in Anspruch nehmen, die seriösen Vertreter ihres Fachs zu sein. Das Problem bei Schönheits-OPs sei, dass man häufig nicht wisse, wie riskant sie sind und was sie über-haupt nutzen, weil entsprechende Studien fehlen.
DGPRÄC-Präsident Vogt gibt zu, dass Operateure oft zu wenig Bescheid wüssten. Die Berufsordnung schreibe zwar vor, dass jeder Arzt nur das operieren dürfe, wofür er ausgebildet worden sei, und nur das tun sollte, was er auch beherrsche, aber nicht jeder halte sich daran.
Hinzu komme, dass die in der Schönheitsmedizin verwendeten Implantate und Füllmaterialien lediglich Medizinprodukte sind und eingesetzt werden können, sobald sie in einem öffentlichen Register angemeldet wurden. Anders als bei Arzneimitteln finde eine weitere Nutzen- und Risikoanalyse leider nicht statt.
Diese ärztliche Freiheit kann für Patienten gefährlich sein. Vor zehn Jahren noch, berichtet Vogt, habe man Frauen mit Sojaöl gefüllte Brustimplantate eingesetzt, die dann mitunter ausliefen und das Gewebe der Patientinnen großflächig zerstörten. "Eine echte Katastrophe", fügt er hinzu, "wir bräuchten viel strengere Zulassungskriterien".
Vogt spricht sich deshalb dafür aus, die Regeln für die verwendeten Methoden zu ändern: "Auch in Kliniken sollten nur dann Neuerungen eingeführt werden, wenn deren Nutzen vorher unter Studienbedingungen getestet wurden." Doch die Krankenhauslobby verteidigt den bisherigen Freibrief mit allen Kräften.
Peter Vogt ist ein Mann der leisen Töne, ein nachdenklicher Mediziner. Er sagt viel Richtiges und Kritisches. Aber das ist eigentlich egal, weil ihm in der Öffentlichkeit kaum jemand zuhört. Medien lieben keine Leisetreter, sondern Zampanos wie Mang.
Auf Mangs Internetseite steht, er gehöre "zu den Top Ten der Ästhetischen Chirurgen der Welt", er habe Lehrbücher geschrieben, die "internationale Standards setzen auf dem Gebiet der plastisch-ästhetischen Chirurgie". Der Frauenzeitschrift "Brigitte" verriet Mang: "Jeden Tag mache ich mit meinem Team zehn bis zwölf Eingriffe, dabei mache ich wie Michelangelo Anzeichnen und Schnittführung."
Der Michelangelo vom Bodensee - das findet Vogt, Präsident der chirurgischen Fachgesellschaft, dann doch lächerlich. Eine "Top Ten"-Liste der Ästhetischen Chirurgen weltweit? "Nein, die kenne ich nicht." Standardwerke der Plastischen Chirurgie könne er zwar einige nennen. "Ein Buch von Mang würde ich da aber nicht hinzuzählen."
Ist er wenigstens der Pionier, für den er sich selbst hält? Vogt sagt: "Wer sich in der Medizin als Pionier bezeichnet, sollte schon sehr gut belegen können, was er als Erster gemacht hat. Ich wüsste aber nicht, was Herr Mang an herausragenden chirurgischen Leistungen vollbracht hat, die ihn als Pionier erscheinen lassen."
Mangs letzte wissenschaftliche Publikationen stammen aus den Jahren 1989 und 1999. Sie sind nicht auf Englisch verfasst, wie heute alle wissenschaftlich relevanten Forschungsarbeiten, sondern auf Deutsch.
Zwar hält er auch Sprechstunde auf Mallorca und operiert in der Schweiz, sein Hauptsitz aber bleibt die Bodenseeklinik am Rand seiner Heimatstadt Lindau. Hier wuchs er auf, hier besuchte er die Grundschule, hier machte er 1968 Abitur. Mit den 68ern hatte er schon damals nichts zu tun. In einem seiner Bücher schreibt Mang: "Mein Ausgleich waren Sport, schöne Frauen, schöne Autos."
Noch im Jahr 1968 beginnt er mit dem Medizinstudium in München. Bereits nach dem Grundstudium kauft sich der Student seinen ersten Porsche, gebraucht, quietschgelb, für 14 000 Mark. Nach Abschluss des Studiums und einer kurzen Tätigkeit im Kreiskrankenhaus Lindau wird Mang 1976 wissenschaftlicher Assistent an der HNO-Klinik der Uni München, 1984 wird er habilitiert, 1988 Professor.
Im Jahr darauf zieht es ihn an seinen "geliebten Bodensee" zurück. In einem seiner Bücher schildert Mang, wie er bei Bürgermeister und Landrat anklopft und den beiden erklärt, "dass ich nach Lindau kommen würde, wenn ich von der Stadt ein altes Haus kaufen könnte, in dem sich eine Praxis und eine kleine Klinik einrichten ließen".
Mang bekommt seine Klinik, zunächst eine kleine, später ermöglicht ihm die Stadt sogar den Kauf eines Grundstücks in schönster Seelage, wo er bis heute seine Bodenseeklinik betreibt. Mang hat, seit er wieder in Lindau ist, Grundstück um Grundstück dazugekauft. Vor allem, versichert ein Sprecher der Stadt, "trägt sein Wirken dazu bei, den Bekanntheitsgrad unserer Stadt zu steigern".
Im Gegenzug preist die Lindauer Oberbürgermeisterin "Deutschlands berühmtesten Schönheitschirurgen" als einen, der "weltweit zu den Koryphäen seines Fachs gehört", und ist sich sicher: "Der Professor nimmt sein Berufsethos sehr ernst." Unter den anerkannten Koryphäen der Plastischen Chirurgie ist er nicht ganz so beliebt.
Wolfgang Mühlbauer, 73, kennt Mang bereits seit 30 Jahren. Sie begegneten sich in München am Klinikum Rechts der Isar. Mühlbauer war damals schon Professor in der Abteilung für Plastische Chirurgie, Mang ein junger, aufstrebender Oberarzt in der HNO-Abteilung, der sich schon damals in den Boulevardblättern feiern ließ als jener Arzt, der Götz Georges Nase nach einem missglückten "Tatort"-Stunt renovierte.
Bis vor einigen Jahren saß Mühlbauer als Präsident der Europäischen Vereinigung Plastischer Chirurgen (Euraps) vor, er wurde mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen beehrt. Seinen ehemaligen Kollegen hält er für einen Aufschneider: "Auf dem Gebiet der Plastischen Chirurgie ist Mangs Bedeutung gering. Er hat noch nie in einer hochwertigen medizinischen Zeitschrift für Plastische Chirurgie eine nennenswerte wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht." Anerkennung erfahre Mang nur in den Medien. "Ein nationales oder gar internationales Renommee in der Wissenschaft hat er nicht."
Muss man ja auch nicht haben. Unbestritten ist, dass Mang viele tausend Patienten erfolgreich operiert hat. Aber warum betont der Professor so vehement, weltweit medizinische Standards gesetzt zu haben? Bis heute darf der angebliche "Schönheitspapst" nicht mal den Titel eines Facharztes für Plastische und Ästhetische Chirurgie führen.
Im Jahr 2002 stellte Mang bei der Bayerischen Ärztekammer den Antrag auf die Facharztbezeichnung. Der zuständige Gutachter lehnte ab, weil die vorgeschriebene Qualifikation fehle. Mang schrieb dem Gutachter in beleidigtem Ton zurück: "In der Zukunft wünsche ich Ihnen bei Begutachtungen mehr Objektivität." Er selbst könne aber sehr gut leben mit der Bezeichnung "Facharzt HNO und Plastische Operationen". Die darf Mang zu Recht führen, weist ihm aber nur besondere Fähigkeiten bei Operationen an Kopf, Gesicht und Hals nach. Mangs Anwalt betont, dass er berechtigt sei, alle Operationen durchzuführen, auch außerhalb des Kopf-/Halsbereichs. Außerdem sei "die fachliche Kompetenz" seines Mandanten "weltweit unbestritten".
Nach eigenen Angaben hielt Mang auch Vorlesungen an einer Universität in Rumänien, wo ihm angeblich der Facharzttitel in Aussicht gestellt wurde.
Nach den Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, teilte ihm Dragos Pietu von der Universität Jassy im Januar 2009 aber mit, dass nur das Gesundheitsministerium derartige Titel vergeben könne. In einer Mail an Mangs Chefsekretärin empfiehlt eine in der Sache tätige PR-Agentur, Rücksprache mit Prinz Dimitri Sturdza zu halten, da "gewisse Probleme bestehen".
Mangs Anwalt teilt mit, sein Mandant habe die Sache "nicht weiter verfolgt, da er für seine Arbeit an der Bodenseeklinik einen solchen Titel nicht benötigt".
Wenn Mang sich selbst schon nicht als "Facharzt für Plastische Chirurgie" bezeichnen darf, so hindert ihn dies aber nicht daran, seine Bodenseeklinik weiter Klinik für "Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie" zu nennen. Die Bayerische Ärztekammer teilt auf Anfrage mit, sie habe Mang "wiederholt mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass er es unterlassen soll, den unzutreffenden Eindruck zu erwecken, Facharzt für Plastische Chirurgie zu sein".
Im Jahr 2009 wurde Mang von einer Mitarbeiterin der Bodenseeklinik darauf hingewiesen, dass der Kollege Dr. Hecker über gar keine Approbation verfüge. Dennoch führe er in der Klinik eigenständig Operationen durch. Mang antwortet am 7. April 2009: "Herr Dr. Hecker hat eine offizielle Bewilligung, ärztliche Leistungen zu vollbringen, wie … Assistenz bei Operation unter meiner Aufsicht."
Das Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen bestätigt, dass Dr. Joachim Hecker im Oktober 2007 tatsächlich die Approbation entzogen wurde. Erst seit dem 1. Mai 2009 sei er im Besitz einer befristeten Berufserlaubnis, "die ihn zu nicht selbständigen ärztlichen Tätigkeiten unter Leitung eines approbierten Arztes berechtigt".
Dem SPIEGEL liegen mehrere klinikinterne Berichte vor, die zeigen, dass Hecker schon früher und keineswegs nur als Assistent, sondern als alleiniger Operateur arbeitete. Etwa bei zwei Brust-OPs am 9. Januar 2009.
Mang lässt über seinen Anwalt mitteilen: "Die Behauptung, dass Herr Dr. Hecker ohne Assistenz operiert hätte, ist für unseren Mandanten vollkommen neu." Zuständig dafür sei eine angestellte Ärztin gewesen.
Merkwürdig: In einem Brief vom 7. April 2009 schreibt Mang an ebenjene angestellte Ärztin: "Es ist selbstverständlich, dass die Klinikdirektion strikt auf die ärztliche Tätigkeit von Herrn Dr. Hecker achtet. Der Verantwortungsbereich unterliegt alleinig der Ärztlichen Direktion der Bodenseeklinik."
Ein Arzt, der ohne Approbation eigenständig operiert, kann sich laut Strafrecht der Körperverletzung schuldig machen.
Im April 2009 stellte Mang auf seine Homepage ein Foto, es zeigt ihn mit Fritz Wepper, Bernd Herzsprung und Prinz Leopold von Bayern in Costa Rica beim Angeln. Wenige Tage später hielt der Professor wieder Sprechstunde. Eine seiner Patientinnen an diesem Tag war eine freundliche, zurückhaltende Altenpflegerin aus Bayern. Es war zufälligerweise ihr 52. Geburtstag, als sie den großen Mang kennenlernte.
Ihre Vorgeschichte: Im Jahr 2000 hatte die Frau, die ihren Namen nicht in der Presse lesen will, Probleme beim Essen bekommen - immer diese Schmerzen im Hals. In der HNO-Klinik diagnostizierten die Ärzte Krebs, den besonders tückischen Zungengrundkrebs. Sie wurde operiert, erhielt danach eine Chemotherapie, dann noch eine Strahlenbehandlung. "Die war so stark, dass mir die Zähne ausgefallen sind. Und überall tiefe Falten im Gesicht, es war furchtbar", erzählt sie. "Aber ich hab's überlebt, und irgendwann dachte ich mir, ich möchte wieder normal aussehen, einfach nur normal."
So sei sie zu Mang gegangen, der ihr zu einer Gesichtskorrektur geraten habe. Sie erinnert sich, dass er gesagt habe, wie problemlos das gehe, alles machbar, alles paletti. Mang habe ihre Wangenhaut auseinandergezogen, gestrafft und gesagt: Sehen Sie, so schön wird das wieder. "Er hat mir Mut gemacht, und ich hab mir vorgestellt, wie ich wieder diese normale Haut habe."
Einige Tage später erhielt sie ein Schreiben der Bodenseeklinik und einen Termin. Wie gefordert überwies sie sofort 2000 Euro, den Rest kurz vor der Operation, insgesamt 10 627,80 Euro.
Am Tag der Operation führte Mang laut Krankenakte aber nur ein Minilifting, ("M-Lift") bei der Patientin durch, eine Schönheits-OP sei bei ihr aufgrund ihrer schweren Erkrankung nicht möglich gewesen. Dass dieses Mini-Lift vereinbarungswidrig gewesen sein soll, bestreitet Mang.
Mit ihrem Kopfverband lag die Krebspatientin bis zum nächsten Morgen im Bett, danach schaute sie in den Spiegel. "Ich war wie im Schock", erinnert sie sich. Sie erkannte keinen Unterschied zu ihrem Zustand vor dem Eingriff. Kurz darauf sei Professor Mang ins Zimmer gekommen und habe beschwichtigt: "Das ist doch alles bestens! Sieht gut aus!"
Die Frau war fertig mit den Nerven, sagt sie. Einige Wochen später vereinbarte ihr Mann für sie einen Termin in der Bodenseeklinik. Dort beschwerten sie sich, dass die OP gar nichts gebracht habe. Mang habe nach einigem Hin und Her schließlich angeboten, 3000 Euro zurückzuzahlen. Der Scheck traf kurz darauf ein, doch für die 52-Jährige bleibt das Erlebte "eine bodenlose Enttäuschung".
Die damals 34 Jahre alte Sandra O. hätte ihr Vertrauen dagegen fast mit dem Leben bezahlt. Sie ließ sich im Kantonsspital Appenzell in der Schweiz, wo Mang nebenbei die Abteilung für Ästhetische Chirurgie leitete, Fett absaugen und musste dafür im Voraus 7213 Euro bezahlen.
Am Tag nach der Operation fühlte sich Sandra O. elend, dennoch sagte man ihr, sie könne die Klinik am nächsten Tag verlassen. Bei der Morgenvisite fragte eine Krankenschwester, weshalb sie blauen Lippenstift trage. Finger und Lippen waren allerdings aus anderem Grund völlig verfärbt. "Dann haben sie meinen Sauerstoffgehalt im Blut gemessen, und es wurde ein lebensbedrohlich niedriger Wert festgestellt."
Spätabends wurde sie schließlich mit dem Rettungswagen ins 20 Kilometer entfernte Krankenhaus St. Gallen gebracht. Dort stellte sich auf der Intensivstation heraus, dass sie vermutlich eine Vergiftung durch das örtlich wirkende Betäubungsmittel Prilocain erlitten hatte.
Aus den Anästhesieprotokollen geht hervor, dass Sandra O. während der Operation mit Novalgin mindestens ein Medikament bekam, das sie auf keinen Fall hätte bekommen dürfen, weil sie an Asthma litt und auf bestimmte Medikamente allergisch reagierte.
Darauf hatte sie bereits bei der Aufnahme in die Klinik hingewiesen. Es steht auch groß im Anästhesieprotokoll. Darüber hinaus erhielt Sandra O. auch noch das Betäubungsmittel Pethidin, das bei Atemstörungen ebenfalls nicht verordnet werden darf.
Als sie endlich zu Hause war und das Ergebnis der Operation betrachtete, dachte sie: Die haben gar kein Fett abgesaugt! Frau O. suchte eine Medizinerin in Salzburg auf und anschließend noch einen Radiologen, die ihr nicht glauben mochten, dass an ihrem Bauch überhaupt ein Eingriff durchgeführt worden war.
Frau O. schaltete einen Anwalt ein, der von Mang die Krankenakte anforderte. Dort ist nur zu lesen, dass ihr während der Operation 3,5 Liter Fett abgesaugt wurden - dennoch wog Sandra O. einen Tag nach der Operation lediglich 900 Gramm weniger als zuvor.
Auch in diesem Fall stehen die von Mang geschickten Unterlagen teilweise im Widerspruch zu denen, die sich in der Klinik finden und die dem SPIEGEL vorliegen.
Beispielsweise ist im Operationsbuch Frau Dr. B. als alleinige Operateurin eingetragen, ohne Assistenz. Das deckt sich mit der Aussage von Sandra O., dass sie Mang im OP-Saal nicht gesehen habe. Im Anästhesieprotokoll ist Mang jedoch als zweiter Operateur neben Frau Dr. B. eingetragen.
Weshalb erscheinen im Anästhesieprotokoll aber sowohl Mang als auch eine angestellte Ärztin als Operateure, obwohl Mang schriftlich einräumt, "zu dieser Operation keinen Beitrag geleistet" zu haben, ihm dieser geschilderte Fall gar "aus eigener Kenntnis unbekannt" sei?
Auffällig ist, dass Mang-Patienten in der Regel zusätzlich zum OP-Honorar eine Assistenz-Pauschale in Höhe von 500 Euro bezahlen müssen. Laut Operationsbuch beziehungsweise den wöchentlichen Operationsplänen gab es beispielsweise in den Jahren 2006 und 2007 in der mangschen Abteilung im Kantonsspital Appenzell ebenso wie in der Bodenseeklinik aber fast nie Assistenz-Operateure.
Werden die Patienten also schlicht geschröpft? Bei rund 3000 Operationen, die jedes Jahr in seinen beiden Kliniken durchgeführt werden, geht es dabei immerhin um zusätzliche Einnahmen von 1,5 Millionen Euro.
Schriftlich lässt Mang mitteilen, dass die Assistenz-Honorare auch "hochbezahltes Fachpersonal, Krankenschwestern und OP-Schwestern betreffen".
Mang operiert seit Ende vergangenen Jahres übrigens nicht mehr in Appenzell, wie die dortige Klinik mitteilt. Dennoch findet sich auf seiner Homepage www.mangklinik.ch aber immer noch der Hinweis: "Seit 1997 ist er Leiter der Abteilung für Ästhetische Chirurgie am Spital Appenzell."
Birgit L., eine 57-jährige Hotelfachfrau aus Baden-Württemberg, meldete sich in der Bodenseeklinik, nachdem sie 18 Kilogramm abgenommen hatte, für ein Gesichts-Lifting und eine Bruststraffung an, Gesamtkosten: 21 112,35 Euro. "Man hat mir angeboten, wenn das Fernsehen mein Gesichts-Lifting filmen darf, krieg ich 2000 Euro", erzählt Frau L. "Mein Mann meinte, mach das, denn wenn das Fernsehen dabei ist, arbeiten die besonders genau."
Sie willigte also ein. Nach der Brustoperation stellte sie fest, dass das linke Implantat zu hoch eingesetzt worden war. In der Bodenseeklinik habe man ihr erklärt, dass es sich um eine Schwellung handle, die noch zurückgehe.
Als das nicht der Fall war, bestand Frau L. auf eine Nachoperation, doch trotz Zusicherung der Mang-Klinik habe sich niemand bei ihr gemeldet. Also wandte sie sich an den Medizinanwalt Holger Barth in Freiburg, der von Mang die Unterlagen anforderte. Daraus ergab sich, dass nicht, wie aufgrund der Vorgespräche von Frau L. erwartet, zwei 300 Gramm schwere Implantate eingebracht wurden, sondern nur solche mit 240 Gramm.
Auch in diesem Fall liegen dem SPIEGEL zwei verschiedene Krankenakten vor. In der ersten, handschriftlich geführten Akte heißt es zum Beispiel unter dem Datum 28. April 2009: "Li(nkes) Impl(antat) ca 3 cm hochgerutscht". In der zweiten Krankenakte heißt es unter dem gleichen Datum nur noch: "diskreter Implantathochstand links".
Außerdem steht in der neuen Akte: "keine Beschwerden", "guter Heilverlauf", "Patientin mit Facelifting sehr zufrieden" und "ausführliche Aufklärung durch Frau Dr. B.". Kein einziger dieser Einträge findet sich in der ursprünglichen Akte.
Mang erklärt, für Aufklärung, Operation und Nachsorge sei eine angestellte Ärztin verantwortlich. Die Krankenakte sei "rekonstruiert" worden, weil sie gestohlen wurde. Der Eintrag, dass das Implantat hochgerutscht sei, finde sich in der vorliegenden Ambulanzkarte nicht, schreibt Mangs Anwalt.
Thomas K., 41, war mit seiner Nasenoperation ebenfalls unzufrieden. Weil Mang das OP-Ergebnis aber nicht als Fehler sah, wandte sich K. an einen Anwalt, der von der Bodenseeklinik die Krankenakten anforderte. Auch in diesem Fall gibt es eine zweite, für den Patienten nachteilige Krankenakte.
Während in der ursprünglichen Akte unter dem Datum 30.11.2005 steht, dass nach der Operation an der Nase des 41-Jährigen ein Knorpelplus und am Lid ein Konturplus festzustellen ist, fehlt in der neugefassten Krankenakte dieser Eintrag. Unter dem 30.11.2005 findet sich stattdessen nun ein leeres Feld. In den Akten, die die Bodenseeklinik an K.s Anwalt schickte, heißt es unter dem gleichen Datum sogar: "Es scheint seitens des Patienten ein gestörtes postoperatives Verhalten vorzuliegen."
Mang räumt ein, dass Krankenakten "zum Beispiel aufgrund fehlerhafter Eintragungen neu erstellt worden sind". Auch diese Krankenakte sei gestohlen worden und "musste so vollständig als möglich rekonstruiert und neu angelegt werden".
Eine entlastende Erklärung - denn wer Krankenakten zu eigenem Vorteil manipuliert, setzt sich nicht nur dem Verdacht der Urkundenfälschung aus, sondern auch dem des Betrugs zur Abwehr berechtigter Ansprüche von Patienten, wie Juristen das nennen.
Grundsätzlich werten Juristen jede Operation als Körperverletzung. Gerechtfertigt sei die nur dann, wenn ein Patient zuvor über alle relevanten Fakten zutreffend informiert wurde und dem Eingriff zustimme, erklärt der Hamburger Strafverteidiger Oliver Pragal.
Eine Körperverletzung liege, so Pragal, also auch dann vor, wenn dem Patienten zugesichert wurde, ein bestimmter Arzt operiere ihn, tatsächlich nehme dann aber ein anderer den Eingriff vor.
Mangs Anwalt erklärt, dass seinem Mandanten "bisher noch kein Kunstfehler unterlaufen" sei, überhaupt sei er bisher "niemals auch nur des kleinsten Fehlers überführt" worden.
(*) Links steht, dass Patient Thomas K. nach der OP einen Knorpel an der Nase hatte - rechts fehlt dies.
Von Markus Grill und Hans Weiss

DER SPIEGEL 40/2011
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