01.10.2011

SCHULDENKRISE„Zu lange gezögert“

Austan Goolsbee, 42, bis vor kurzem Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama, beschreibt Amerikas Angst vor Pleiten in Europa und kritisiert die Regierung Merkel.
SPIEGEL: Herr Goolsbee, viele US-Ökonomen fürchten, Europas Krise könne Amerikas Wirtschaft ruinieren. Teilen Sie diese Angst?
Goolsbee: Nur zum Teil. Wir haben unsere Finanzinstitute in Amerika einem Stresstest unterzogen und wissen deshalb ziemlich genau, wie gut oder schlecht sie dastehen. Außerdem könnten immer noch die Zentralbanken eingreifen, um eine Krise zu verhindern.
SPIEGEL: Aber das schützt die US-Wirtschaft nicht vor einem neuen Absturz.
Goolsbee: Es stimmt, dass in Washington große Sorge über das herrscht, was gegenwärtig in Europa passiert. Wenn die Krise dort zu Bankenpleiten oder einem massiven Abzug von Einlagen wie 2008 führt, könnte das einen Ansturm auf Finanzinstitutionen weltweit nach sich ziehen. Man muss außerdem davon ausgehen, dass Europa einen ziemlichen Abschwung erleben würde. Dann würden auch die amerikanischen Exporte sinken. Das hätte negative Folgen für die US-Wirtschaft, die sich gerade noch von der letzten Krise erholt, aber auch für die Weltwirtschaft.
SPIEGEL: Ist Kanzlerin Angela Merkel der Krise gewachsen?
Goolsbee: Ich kann nur sagen, dass Angela Merkels Führung in diesem Moment sehr wichtig ist, um die Krise in Europa zu bewältigen.
SPIEGEL: Präsident Barack Obama telefoniert oft mit der deutschen Kanzlerin. Was genau erwartet Obama von ihr?
Goolsbee: Ich spreche nicht für den Präsidenten. Aber Europa wird nicht aus der Krise herausfinden, wenn es sich nicht dem Äquivalent eines vollständigen Stresstests unterzieht, der die finanzielle Position der Banken offenlegt, verbunden mit der Verpflichtung, das Eigenkapital der großen Banken aufzustocken. Investoren haben das Gefühl, dass sich kontinentaleuropäische Banken einem solchen Test nie unterzogen haben. Da diese Banken nun im Besitz europäischer Staatsschulden sind, könnte die Schuldenkrise erneut zu einem Sturm auf die Banken führen. Am Ende wird sich Kanzlerin Merkel, genau wie andere europäische Führer, dafür entscheiden müssen, die Banken mit mehr Kapital auszustatten.
SPIEGEL: Das wird teuer werden. Und das ist in Deutschland unpopulär.
Goolsbee: Klar, das wird sehr viel Geld kosten. Und es war auch in den USA sehr unpopulär. Aber es war unverzichtbar, um das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Wenn wir in den USA eine parlamentarische Demokratie hätten, hätte diese Entscheidung zwei Regierungen das Leben gekostet, 2008 und 2010. Ich verstehe, warum Merkel so zögert.
SPIEGEL: Werden die europäischen Regierungen gezwungen sein, sogenannte "toxic assets", also wenig werthaltige Wertpapiere, aufzukaufen, wie es die US-Regierung 2008 versucht hat?
Goolsbee: Das war nicht unsere alleinige Strategie. Wir haben uns schließlich entschieden, das Eigenkapital der Banken zwangsweise aufzustocken. Die Regierung hat so Anteile an den Institutionen erworben und den Finanzsektor mit frischem Geld versorgt. Was die Banken betrifft, werden die Europäer zu einem be-
stimmten Zeitpunkt ihre Banken mit mehr Eigenkapital versorgen müssen. Nicht alles Geld muss dabei von den Regierungen kommen. Bei uns haben die Banken ihre Bücher geöffnet, und die Leute konnten sehen, dass alles nicht so schlimm war, wie sie befürchtet hatten. Das hat den Weg dafür geebnet, dass neue private Investoren im Finanzsektor eingestiegen sind. Inzwischen hat die US-Regierung alles Geld, was sie in die Banken gesteckt hat, wieder zurückbekommen.
SPIEGEL: Reicht der gegenwärtige Rettungsschirm für europäische Schuldenländer in Höhe von 440 Milliarden Euro aus?
Goolsbee: Ziemlich wahrscheinlich wird man mehr Geld brauchen, aber es kommt auch darauf an, was man damit macht. Jede europäische Regierung könnte ihre Banken mit mehr Kapital ausstatten. Oder die Euro-Staaten könnten der EZB gemeinsam Geld zur Verfügung stellen, um den Markt für Staatsanleihen zu stärken und Löcher bei den betroffenen Banken zu stopfen. Die wohlhabenderen Länder könnten auch direkt Hilfe an notleidende Staaten zahlen und diese an Bedingungen knüpfen. Keine dieser Maßnahmen wird populär sein, aber zwei Dinge stehen fest: Wartet man, bis eine Panik ausbricht, wird alles noch viel teurer. Und ohne eine echte Wachstumsstrategie für die Staaten im Süden Europas werden diese Probleme bald wieder auftauchen.
SPIEGEL: Ist es eine Option, Griechenland pleitegehen zu lassen?
Goolsbee: Wenn Griechenland zahlungsunfähig ist, weiß ich nicht, warum das keine Option sein sollte. Aber wir spielen hier mit dem Feuer. Sollten die Griechen bankrottgehen, wird der Aktienkurs jeder Bank, die griechische Staatsanleihen hält, sinken. Das könnte einen Ansturm auf diese Institute auslösen, der schwer zu stoppen sein dürfte und einige in die Insolvenz treiben könnte.
SPIEGEL: Versteht die Regierung Obama, dass die große Mehrheit der Deutschen vehement gegen einen Rettungsplan für Länder wie Griechenland ist?
Goolsbee: Die Rettung von einheimischen Unternehmen war in Amerika schon sehr unpopulär. Aber Rettungspläne für andere Länder sind noch schwieriger. Als wir den Versicherungskonzern AIG rausboxten und dabei viel US-Staatsgeld an europäische Banken floss, regten die Amerikaner sich gehörig auf. Ich bin mir sicher, die Deutschen hassen die jetzigen Milliardentransfers in den Rest der Euro-Zone.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, die Deutschen müssten nun dafür bezahlen, dass sie lange der große Gewinner der Euro-Zone gewesen sind.
Goolsbee: Einer der Gewinner. Deutschlands Wirtschaft lebt von Exporten. Diese Strategie ist dadurch befeuert worden, dass seine Währung durch die Euro-Zone künstlich niedrig gehalten wird - so bleiben diese Exporte billiger. Die Länder im Süden Europas haben genau das umgekehrte Problem: Um wettbewerbsfähiger zu werden, müssten sie ihre Währungen abwerten können. Das geht in der Euro-Zone aber nicht mehr. Man kann und muss lange über die Schuldenmisere dieser Länder diskutieren, aber diesen Aspekt darf man nicht ganz außer Acht lassen.
SPIEGEL: Den Deutschen wurde immer gesagt, dass sie niemals für die Schulden von Ländern aufkommen müssen, die sich nicht an die Euro-Budgetregeln halten.
Goolsbee: Ich will gar nicht für die Griechen, Italiener oder Spanier Partei ergreifen. Wenn man aber Ungleichheiten zwischen Ländern nicht mehr durch Währungsanpassungen ausgleichen kann, bleibt eigentlich nur ein Modell wie zwischen Ost- und Westdeutschland - wo Transferzahlungen das Gefälle ausgleichen. Sonst könnte man nur noch die Löhne absenken, doch das ist in Südeuropa schwer zu bewerkstelligen.
SPIEGEL: Verliert Obama die Geduld mit Europa? Gerade hat er wieder betont, der Kontinent gehe die Krise nicht entschlossen genug an. Sein Finanzminister Timothy Geithner schimpft auch ständig über das Zaudern der Europäer.
Goolsbee: Diese Ungeduld speist sich aus der Angst vor einer neuen Finanzkrise - und den möglichen Folgen für Amerika. Die Europäer müssen die Insolvenz ihrer Banken abwenden, sonst fliegt ihnen ihr Finanzsystem um die Ohren.
SPIEGEL: Moment mal: Die USA waren für die letzte Weltfinanzkrise verantwortlich, das ist gerade mal drei Jahre her. Das Land musste sich eben erst von einer der größten Rating-Agenturen der Welt in seiner Bonität herabstufen lassen, es ist so gut wie pleite. Und jetzt will ausgerechnet dieses Amerika Europa Ratschläge erteilen?
Goolsbee: Es stimmt ja, dass wir Amerikaner immer noch mit den Folgen der letzten Krise kämpfen. Es stimmt aber auch, dass unser Finanzsystem - genau wie jetzt das in Europa - damals kurz vor dem Kollaps stand. Durch Stresstests und umfangreiche Kapitalspritzen haben wir diesen erfolgreich abgewendet. Ich glaube, dass Obamas Regierung den Europäern keine Vorträge halten will. Sie äußert eher eine Bitte, und die lautet: "Wir waren in der gleichen Lage. Es ist viel besser und billiger, diese Probleme rasch anzugehen, statt zu warten, bis alle in Panik geraten."
SPIEGEL: Neue Bücher von US-Journalisten zeichnen ein sehr negatives Bild der Obama-Mannschaft. Gerade das Wirtschafts-Team im Weißen Haus wird als unorganisiert und zerstritten beschrieben.
Goolsbee: Sie meinen vor allem ein Buch, das des Reporters Ron Suskind. Er hat den Präsidenten als führungsschwach dargestellt. Doch ich habe ihn voller Führungsstärke erlebt.
SPIEGEL: Aber es ist doch seltsam, wie Obama alle Seiten vergrätzt hat. Die Rechten in Amerika halten ihn für einen Sozialisten, der Schulden anhäuft und keine Arbeitsplätze schafft. Und die Linken glauben, dass er vor den Wall-Street-Bossen kapituliert hat.
Goolsbee: Ich verstehe das auch nicht. Fakt ist: Wir haben den Finanzsektor so scharf reguliert wie keine andere US-Regierung seit den dreißiger Jahren. Deswegen sind die Wall-Street-Bosse ja auch alle sauer auf Obama. Aber gleichzeitig halten ihm progressive Wähler vor, er habe sich von den Finanzfirmen einschüchtern lassen. Dabei haben wir im Weißen Haus eigentlich nur versucht, die USA und die Welt vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu bewahren. Ich glaube, Historiker werden einmal sagen: "Wow, eine ganz schöne Leistung".
SPIEGEL: Amerikas Wähler scheinen das nicht zu sagen. In Umfragen steht Obama schlecht da - und im Wahlkampf übt er sich in Populismus, etwa mit dem Vorschlag einer Strafsteuer für Millionäre. Die wird den US-Haushalt aber auch nicht sanieren.
Goolsbee: Dass ihn die stramm rechte TeaParty-Bewegung dafür wieder als links und populistisch darstellt, haut mich um. Sie müssten doch sehen, was Obama sonst noch alles vorschlägt: etwa Steuersenkungen für Arbeiter und Arbeitgeber oder privat mitfinanzierte Infrastrukturprojekte. Das ist sicher keine linke Agenda.
SPIEGEL: Beim G-20-Gipfel in London 2009 entschuldigte sich Obama noch öffentlich dafür, dass die USA die Welt ins Finanzchaos gestürzt haben. Jetzt sind in seinen Worten auf einmal die Europäer an all dem Schlamassel schuld. Soll die Euro-Schelte ihm zur Wiederwahl im kommenden Jahr verhelfen?
Goolsbee: Nein. Aber diese Krise ist, anders als die letzte, nicht vor allem von den USA verursacht worden, sondern von Europa. Wenn Europa nun nicht handelt und seinen Bankensektor nicht in den Griff bekommt, kann die Krise außer Kontrolle geraten und die ganze Welt wieder ins Chaos stürzen.
SPIEGEL: Hat Kanzlerin Merkel zu lange gebraucht, um das zu akzeptieren?
Goolsbee: Ganz Europa hat zu lange gezögert, um diese Finanzkrise zu verhindern. Auch Deutschland.
(*) Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am 7. Mai 2010 in Brüssel.
Von Marc Hujer und Gregor Peter Schmitz

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