01.10.2011

FRANKREICHEin ganz normaler Präsident

Er ist humorvoll, aber wenig charismatisch, trickreich, aber schwer zu fassen - zur Verblüffung der Franzosen hat Ex-Sozialistenchef François Hollande die besten Aussichten, den ungeliebten Nicolas Sarkozy zu beerben. Ende der Woche will er sich zum Herausforderer küren lassen.
Der Kandidat steckte in einer paradoxen Situation, aber er schien sie nicht wahrhaben zu wollen. Für den feierlichen Anlass ganz in das klassische Blau der französischen Republik gekleidet, unterzeichnete François Hollande am vorigen Dienstag in einem kleinen Saal der Pariser Nationalversammlung den ihm vorgelegten "Pakt für die Gleichheit von Mann und Frau".
Die geleistete Unterschrift verpflichtet ihn unter anderem, für die paritätische Besetzung öffentlicher Ämter zu kämpfen. Doch zur gleichen Zeit schickt sich der, der so lange Chef der Sozialisten war, an, zwei Frauen aus dem Feld zu schlagen, die ihm den Anspruch streitig machen, bei den Präsidentschaftswahlen im April 2012 für die Linke gegen den konservativen Hausherrn des Elysée, Nicolas Sarkozy, anzutreten.
Am 9. Oktober können die Franzosen in einer auch für Nichtgenossen offenen Urwahl über den sozialistischen Herausforderer des Präsidenten bestimmen. Allen Meinungsumfragen und Prognosen zufolge gilt Hollande, 57, als eindeutiger Favorit - vor Martine Aubry, 61, und Ségolène Royal, 58, sowie drei weiteren männlichen Bewerbern.
Nicht nur das: Der Mann, der immer im Schatten stand, ein selbstloser Diener seiner Partei seit François Mitterrands glorreichen Zeiten, hat beste Aussichten, die Linke nach 17 Jahren und drei Niederlagen in Folge wieder an die Spitze der Nation zu führen. 48 Prozent der Befragten trauen ihm am ehesten zu, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu meistern; nur 28 Prozent setzen so viel Vertrauen in Sarkozy. Ein erstaunlicher Vorsprung für Hollande, der nie als Minister in der Verantwortung stand.
Sarkozys Beliebtheitswerte dümpeln so tief unten, dass die Rechte schon Panik ergreift. Der Verlust ihrer Mehrheit im Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, die sie seit Bestehen der Fünften Republik beherrscht hatte, war vor einer Woche "mehr als eine Niederlage - ein Trauma", erkannte Hollande. Denn der Senat repräsentiert überwiegend das ländliche Frankreich, die kleinen Gemeinden und Städte der tiefen Provinz, wo lokale Honoratioren den Ton angeben und das nostalgische Frankreich mit all seinen Klischees weiterlebt. Wenn selbst dort die traditionell konservative Wählerschaft flüchtig wird, scheint es kein Halten mehr zu geben.
Zaghaft melden sich erste Parteifreunde zu Wort, die dem Präsidenten nahelegen, auf eine nochmalige Kandidatur zu verzichten und vermeintlich aussichtsreicheren Gefolgsleuten wie Premier François Fillon oder Außenminister Alain Juppé Platz zu machen. Sarkozy schweigt dazu, ganz gegen seine Gewohnheit, er will sich auf den Kampf gegen die Euro-Krise konzentrieren. Anfang November empfängt er die Staats- und Regierungschefs der G 20 zum Gipfel in Cannes; bis dahin könnte ihm die Niederkunft seiner Frau Carla Bruni wenn schon keinen Amtsbonus als Vater der Nation, so doch Sympathie als Erzeuger des ersten Babys im Elysée bescheren.
Hollande jedenfalls glaubt nicht an einen Rückzug seines Widersachers. Er weiß, dass Sarkozy eine Fähigkeit mit ihm teilt - nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen. Und er schärft seinen frohlockenden Genossen ein, dass die Politik wenig härter bestraft als den treuherzigen Versuch, auf die Selbstzerstörung des Gegners zu setzen.
Schon die erste - innerparteiliche - Hürde, die Urwahl, ist in Wirklichkeit schwieriger zu nehmen, als die Meinungsforscher glauben lassen. Aubry und Royal, die beiden Frauen, die Hollande besiegen muss, ohne sie in ihrem Stolz zu vernichten, sind Konkurrentinnen von besonderem Format. Sie haben zudem alte Rechnungen mit Hollande offen, die eine als ehemalige Partnerin, die andere als parteiinterne Konkurrentin. Beide haben Regierungserfahrung unter Mitterrand und Lionel Jospin gesammelt; er nicht. Beide haben im Amt Killerinstinkt bewiesen; er nicht. Beide sind Überzeugungstäterinnen, die geradewegs aufs Ziel zupreschen; ihm macht es nichts aus, seine Vorstellungen notfalls auf Umwegen durchzusetzen.
Der Anschein des gutmütigen, ewig lächelnden, immer humorvollen Taktikers im Kielwasser der Größeren hat ihn nicht vor zahllosen Giftpfeilen geschützt. Ein "Weichei" hat Aubry ihn genannt. Die Tochter des Europa-Politikers Jacques Delors hat Hollande nie verziehen, dass er sich eine Zeitlang als Erbe ihres Vaters anbiederte, den er 1994 nach dessen Rückkehr aus Brüssel vergeblich zu einer Präsidentschaftskandidatur überreden wollte.
Ségolène Royal wiederum, die die Mutter seiner vier Kinder ist und 30 Jahre lang seine Lebensgefährtin war, bevor er sie für die "Paris Match"-Journalistin Valérie Trierweiler verließ, verübelt ihm gleich einen doppelten Verrat - in der Liebe und in der Politik, immerhin versuchte er ihr in seiner Funktion als Parteichef vor fünf Jahren mit aller Macht die Präsidentschaftskandidatur gegen Sarkozy auszureden. Ein Gerücht besagt, sie habe ihm damals angeboten, zu seinen Gunsten zu verzichten, falls er die neue Geliebte fallenlasse - ein sehr romantischer Deal, aus dem nichts wurde.
Kennengelernt hatten sich der Rechtswissenschaftler und die Sozialistin beim gemeinsamen Studium an der Elitehochschule Ena. Sie werden ein Paar, und von da an muss Hollande mit Spott leben: "Monsieur Royal" nennen sie ihn jahrelang, denn während seine Frau Ministerin wird, Regionalratsvorsitzende und später Präsidentschaftskandidatin, sind seine Karrierestationen vergleichsweise glanzlos.
Hollande ist Prüfer am Rechnungshof, Bürovorsteher der Pressesprecher von Premierminister Pierre Mauroy, Mitglied im Gemeinderat von Ussel, Abgeordneter, später Dozent und Parteisekretär für Wirtschaftsfragen. Der Vorsitz der sozialistischen Partei wird ab 1997 sein gewichtigstes politisches Amt. Kein Wunder also, dass ihn viele Jahre lang niemand ernst nahm.
Der kleine "Mann aus Gummi" (1,71 Meter, drei Zentimeter mehr als Sarkozy) wurde auch zur Spottfigur der satirischen Puppenshow des Fernsehsenders "Canal+". Nachdem der reale Hollande 15 Kilo abgenommen hatte, um seine rundliche Bonhomie loszuwerden, Typ Obelix in Miniatur, fiel die Hollande-TV-Puppe ständig in Ohnmacht vor Hunger.
Doch was Hollande an Gewicht verlor, gewann er an Schwerkraft hinzu. Ihn haue so leicht nichts um, weil er einen niedrigen Schwerpunkt habe, scherzt er. Er leide unter dem Spott und den Intrigen, berichten Freunde, aber er verstecke seine Gefühle hinter einer Maske der Heiterkeit. Er akzeptiere seine eigene Karikatur, um sie lächelnd zu entschärfen. Hollande ist ein Polit-Profi mit gewöhnlichem statt aufgeblasenem Ego: ein bodenständiger Volksvertreter statt ein unbeherrschter Gratwanderer, der wie Sarkozy oder Dominique Strauss-Kahn ständig vom Absturz bedroht wäre.
Ein seltsamer, eigentlich unmöglicher Slogan zeichnet sich ab: "Ein normaler Präsident". Geht das überhaupt?
Muss der Präsident der Republik nicht herausragen, schillernd in seiner Brillanz, mitreißend in seiner Verve? Muss er nicht ein Mann der Vorsehung, ein Führer, ein Erlöser sein wie das legendäre Vorbild Charles de Gaulle? Hollandes Botschaft ist umwerfend einfach: Wollt ihr's nicht mal eine Nummer kleiner?
Die Epigonen des Republikgründers de Gaulle, ob Mitterrand oder Jacques Chirac, haben sich schließlich in ein vermutlich unentwirrbares Gespinst aus Affären, Geld, Lügen und Kumpaneien verstrickt, das sie manchmal eher wie Mafia-Paten als wie aufgeklärte Staatsmänner aussehen lässt. Frankreich hat die unausgesprochene Angst, den Weg Italiens zu gehen - wirtschaftlich, politisch und kulturell.
Gegen diese Gefahr könnte der Appeal eines Uncharismatischen helfen. Ségolène Royal hat die Allüren einer fundamentalistischen Fernsehpredigerin angenommen, die eine mystische Kommunikation mit dem Volk sucht. Martine Aubry hat eine schneidende, herrische Art, hinter der sich womöglich eine schwer berechenbare Instabilität verbirgt. Und Nicolas Sarkozy verkörpert alles, was die Nation tief in ihrem Inneren verabscheut: Wankelmut, Modernität, Globalisierung, Neoliberalismus. Ein Emporkömmling, kein bodenständiges Gewächs.
Aubry, Royal, Hollande und Sarkozy, sie alle tummeln sich in einem Minispektrum der linken bis rechten Mitte, in der lediglich Nuancen die Kandidaten unterscheiden. Hollande beispielsweise will aus der Schuldenfalle entkommen, indem er "Steuernischen" schließt und so auf 50 Milliarden Euro Mehreinnahmen hofft. Ganz abgesehen davon, dass jede betroffene Gruppe ihre Nische bis zum letzten Euro verteidigen wird, hat der Ökonom Nicolas Baverez ausgerechnet, dass Frankreich 120 Milliarden Euro in vier Jahren aufbringen müsste, um den Pfad der Sanierung einzuschlagen.
Das hält den Kandidaten Hollande nicht davon ab, kostspielige Programme anzukündigen. So will er innerhalb von fünf Jahren 60 000 neue Beamtenstellen an Frankreichs Schulen schaffen. Die Lehrer, die vorigen Dienstag landesweit gegen Jobabbau streikten, liefern seit hundert Jahren traditionell die stärksten Wählerbataillone der Linken. Der frühere sozialistische Bildungsminister Claude Allègre hält Hollandes unrealistischen Vorschlag für "reine Demagogie".
Ähnliches gilt wohl für seinen Plan eines "Generationenvertrags" in der Beschäftigungspolitik: Unternehmer, die einen jungen Arbeitnehmer einstellen und einen älteren bis zur Rente an seiner Seite behalten, sollen für beide Jobs die Sozialabgaben sparen dürfen. Teuer und wenig effizient, kritisiert Aubry, die vor allem Mitnahmeeffekte in den Firmen voraussieht.
Den Nuklearanteil an der französischen Stromerzeugung von derzeit 75 Prozent will der Kandidat auf 50 Prozent reduzieren. Eine Zusage, langfristig ganz aus der Atomenergie auszusteigen, vermeidet er, im Gegensatz zu Aubry.
Hollande sei von einer "Geschmeidigkeit, die ihn manchmal bis an den Rand des Opportunismus drängt", urteilte Ex-Premier Jospin über den alten Weggefährten. In 30 Jahren Parteiarbeit ist ihm die Unentschiedenheit zur Überlebensstrategie geworden. Sein ältester Sohn Thomas hat die Wendigkeit des Vaters einmal so beschrieben: "Wenn man mit ihm in einem Raum ist, hat man das Gefühl, dass zehn Türen um ihn herum offen stehen, und man weiß nie, durch welche er entschwindet."
Verlacht und geschmäht, trickreich und schwer zu fassen, feinsinnig und dickhäutig: Was hat dieser Mann, den der frühere Premier Laurent Fabius mal als den "kleinen Witzbold" abtat, bloß an sich, das ihn offenbar zum richtigen Zeitpunkt in Einklang mit den Ängsten und Hoffnungen, Wünschen und Verunsicherungen der Nation bringt?
Hollande verkörpert ein zugleich idealisiertes und nostalgisches Bild Frankreichs, das einer Vergangenheit, die auch in Filmen wie "Die fabelhafte Welt der Amélie", "Willkommen bei den Sch'tis" und jetzt wieder bei den Remakes von "Krieg der Knöpfe" beschworen wird. Deren Akteure sind gewöhnliche Helden in einer Umgebung, die vom Fortschritt nicht zerstört ist.
"Es ist eine Ablehnung des modernen Lebens, des Massenkonsums, der Technik, des Liberalismus", sagt der Historiker Antoine de Baecque. Frankreich sei seit Mitte des 19. Jahrhunderts eines der pessimistischsten Länder der Welt, erklärt sein Kollege Marc Ferro: "Diese Filme erfüllen den Zweck eines Gegengifts."
Hollande könnte eine Figur sein, die aus ihnen entsprungen ist: listiger Gallier, der den Widrigkeiten des Schicksals und den Nachstellungen der Mächtigen trotzt. Nicht umsonst hat man ihn mit Raymond Poulidor verglichen, dem "ewigen Zweiten" bei der Tour de France, der gerade deshalb der Liebling des Volkes wurde.
Jetzt scheint die Zeit gekommen, in der man Hollande, dem Unterschätzten, dem Langweiler, den Sieg gönnt. Das hat auch das gegnerische Lager erkannt.
Sarkozy hält Hollande für seinen gefährlichsten Herausforderer, ihm wäre Aubry lieber. Denn sie verkörpert den aggressiveren Sozialismus, während Hollande auf ältere Wähler und auf die Mitte des bürgerlichen Lagers beruhigend wirkt. Die politischen Fronten haben sich in dieser Konstellation verdreht. "Es geht bei den Präsidentschaftswahlen nicht um den Gegensatz zwischen rechts und links, sondern um den zwischen modern und konservativ", sagen Sarkozys Planer - und sehen ihren Vormann in der Rolle des Reformers, Hollande in der des Beharrenden.
Jacques Chirac, der die Aufgeregtheit seines Nachfolgers und Parteifreunds Sarkozy nie schätzte und der jetzt, da er unter beginnender Alterssenilität leidet, von den Franzosen geliebt wird wie der Erbonkel der Familie, hat Hollande bereits die höchste Salbung erteilt. Bei einem gemeinsamen Besuch des Museums von Sarran, das ihm gewidmet ist, gab sich Chirac auffällig freundlich gegenüber dem Sozialisten, der hier, im tief ländlichen Département Corrèze, seit über 20 Jahren seinen Wahlkreis hat. Als würde er sich mit einem Sohn zeigen, erklärte der Ex-Präsident unvermittelt: "Ich werde für ihn stimmen."
Der verlegene Hollande, der Chirac seit seinem Eintritt in die Politik bekämpft hat, gab ihm Zeichen, er solle sich in Acht nehmen, die Mikrofone seien eingeschaltet und die Kameras liefen. Doch der pensionierte Staatschef wandte sich den Journalisten zu und bekräftigte: "Ich kann sagen, dass ich Hollande wählen werde." Zwei Männer, die das alte Frankreich lieben und bei Besuchen auf dem Land gern von den angebotenen Leckerbissen kosten, den Menschen freudig die Hand schütteln und den Kühen den Hintern tätscheln, hatten ihre Gemeinsamkeit entdeckt, gegen die Parteigrenzen ihre Bedeutung verlieren.
Als Sarkozy von dem Vorfall hörte, soll er so geschäumt haben, dass Chiracs Tochter Claude ihn mit einem Bittgang in den Elysée-Palast zu besänftigen suchte.
Von Romain Leick

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