01.10.2011

LIBYENFlucht aus der Geisterstadt

In Gaddafis Heimatort Sirt halten letzte Truppen des Diktators Zehntausende Zivilisten als Geiseln. Wasser und Lebensmittel werden knapp.
Knirschend kämpfen sich die beiden Panzer den kleinen Hügel empor, gefolgt von johlenden Halbstarken, die Panzerfäuste und Sturmgewehre mit sich schleppen, dann haben sie die Spitze erklommen. Unter ihnen erstreckt sich jetzt das Tal, eine flirrende Weite, überall verdorrte Palmen und Sand. Am Horizont ist eine Art Festung, umgeben von einer weißen Mauer, zu erkennen. Es sieht aus wie ein Fort, gut drei Kilometer entfernt, am Stadtrand von Sirt. Die Panzer drehen ihre Kanonenrohre in diese Richtung. Dann kracht es zweimal, und die Erde wackelt. "Allahu akbar", rufen die Rebellen. Danach gehen sie in Deckung.
Sirt ist eine der letzten Bastionen Gaddafis, neben Bani Walid und Sabha. Dessen Sohn Mutassim soll von hier aus angeblich den Widerstand gegen die Rebellen organisieren, während der Diktator sich im libyschen Grenzgebiet zu Tunesien und Algerien, beschützt von bezahlten Tuareg-Stämmen, verstecken soll.
Nach dem Fall von Tripolis hatte Gaddafi Sirt zur Hauptstadt des "Sozialistischen Libysch-Arabischen Volksmassenstaates" ernannt. Es ist seine Heimatstadt, ein trostloses Nest eigentlich. Gaddafi erklärte es trotzdem zur zukünftigen Hauptstadt der imaginären "Vereinigten Staaten von Afrika".
Die Rebellen stehen nach eigenen Angaben mit 6000 Kämpfern vor Sirt. Doch die eingeschlossenen Truppen leisten hartnäckig Widerstand. Scharfschützen feuern auf jeden, der sich der Stadt nähert. Sirt ist das letzte wichtige Symbol, das einzige, das dem alten Regime noch bleibt. Nach einer Kampfpause haben die Rebellen am Wochenende eine neue Offensive gestartet, am Dienstag angeblich den Hafen erobert. Das Symbol gerät ins Wanken. Aber niemand hier vermag vorherzusagen, wie lange es noch dauern wird, bis auch Sirt endlich erobert ist. Einige Tage, mehrere Wochen?
30 000 Zivilisten sollen in der Stadt eingeschlossen sein, schätzt Rebellenführer Mohammed Ramadan Hamuda, im Zivilberuf Manager einer Baufirma. Der 25-Jährige kommt aus Misurata, nun pendelt er zwischen der Front und seinem Haus hin und her und wartet auf den Befehl zum Großangriff. Keine zehn Kilometer vor Sirt steht er auf Posten. "Wir können da noch nicht rein", sagt er, "es würde ein Blutbad geben. Wir müssen Geduld haben."
Dann rumpelt plötzlich ein Kleinlaster auf den Checkpoint zu. Er kommt direkt aus dem Wirrwarr, den Barrikaden, ausgebrannte Panzerwracks und Krankenwagen hier an der Front bilden. Die Ladefläche ist vollgestopft mit Kochtöpfen, Matratzen und Wäsche. Seit fünf Uhr morgens versucht der Fahrer der belagerten Stadt zu entkommen. Zu neunt sitzen sie in dem engen Führerhaus - der Kleinunternehmer Du Mansur hat seine Frau und die sieben Kinder dabei. Immer wieder versuchten Gaddafi-Anhänger, die Familie an der Flucht zu hindern.
"Überall in der Stadt versperren Barrikaden aus Sandsäcken den Weg", sagt Mansur, "davor lungern bewaffnete Jugendliche herum und befehlen allen, in den Häusern zu bleiben. Sie schießen auch auf die Wagen der Fliehenden." Von den rund hundert Autos, mit denen Mansur in einer Kolonne startete, hätten es vielleicht sechs oder sieben herausgeschafft.
Dennoch wagen viele Bewohner die Flucht, denn auch in der Stadt wird die Lage bedrohlich. Seit 40 Tagen hätten sie keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr gehabt, sagt Mansur. "Es gibt keine Medizin und nichts mehr zu essen." Kaum jemand wage sich noch aus dem Haus. Alle Geschäfte seien geschlossen, die Moscheen würden von den Gaddafi-Truppen als Waffenlager genutzt.
Bis zum Morgen hat auch der Sudanese Mohammed Dahab, 30, noch in Sirt ausgeharrt. Dann ist er gemeinsam mit Landsleuten geflüchtet. Dahab lebt schon seit 25 Jahren in der Stadt, er hat seine Familie dort und eine Stelle als Ingenieur. Viele Libyer hätten ihre Häuser längst verlassen, sagt er: "Es sind nur noch die Armen geblieben, darunter viele afrikanische Ausländer."
Für 20 Liter Benzin musste Dahab auf dem Schwarzmarkt 300 Dinar, mehr als 170 Euro, zahlen. Er hat zusammengelegt mit seinen Freunden, dann sind sie getürmt. Er glaubt nicht daran, dass Gaddafis Kämpfer aufgeben. "Diese Typen sind verzweifelt, die kämpfen nur noch um ihr Überleben."
Manchmal, so erzählt Dahab, habe er nicht mehr gewusst, wen er am meisten fürchten sollte, die Gaddafi-Anhänger, die Rebellen oder deren Verbündete aus dem Westen. Einmal habe die Nato bei einem Luftangriff 48 Zivilisten getötet, die den Opfern eines Bombenangriffs helfen wollten. Das habe viele gegen die Rebellen und ihre Helfer aufgebracht.
Der Ingenieur bestätigt auch die Gerüchte um Verhaftungen und willkürliche Exekutionen in der Stadt. Anhänger Gaddafis haben Dahabs Nachbarn ermordet, weil der ein Regimegegner war, dessen Vater und Bruder warfen sie ins Gefängnis, das Haus der Familie jagten sie in die Luft.
Auch vor den Rebellen habe er Angst gehabt, sagt Dahab, denn Gaddafis Leute behaupteten, die Aufständischen würden diejenigen, die aus der Stadt flüchten, foltern. "Es hieß, sie würden die Frauen vergewaltigen und den Männern Gliedmaßen abschneiden."
Dann aber sei ihm klargeworden, dass es nichts Schlimmeres gebe, als in Sirt zu bleiben. "Dort hat man nur zwei Möglichkeiten: zu verhungern oder in den letzten Kämpfen dieses Krieges umzukommen." Am vergangenen Dienstag ist er losgefahren, raus aus dieser Geisterstadt.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 40/2011
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