01.10.2011

Marschmusik zum Inferno

1996 liquidierten Wachen in einem Gefängnis bei Tripolis mehr als 1200 Gefangene. Ein Überlebender berichtet.
Dschumaa al-Schalmani, 47, saß 15 Jahre lang als politischer Gefangener in Muammar al-Gaddafis Foltergefängnis Abu Salim. 1996 überlebte er dort ein Massaker. Dem SPIEGEL-Redakteur Volkhard Windfuhr, der ihn in Bengasi traf, schilderte Schalmani erstmals seine Erinnerungen.
Endlich kann ich meine Geschichte erzählen. Nach 15 Jahren schmerzhaften Schweigens, aus Angst vor dem Gaddafi-Regime. Ich habe als einer von 14 Häftlingen das Massaker überlebt, bei dem Ende Juni 1996 genau 1206 meiner Mitgefangenen starben. Mich haben Gaddafis Leute zum Krüppel geschossen. Die Ereignisse haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Drei Tage lang haben wir fast nichts gegessen. Die Wärter demütigen uns jeden Tag, lassen uns nicht schlafen, schlagen uns, spucken und pinkeln uns an. An diesem Donnerstag, dem 27. Juni 1996, wagt sich einer von ihnen allein zu uns in den Zellenblock. Die Wut der Gefangenen entlädt sich, ein halbes Dutzend stürzt sich auf ihn. Ich kann sie noch davon abhalten, ihn umzubringen. Sie knebeln ihn, sperren ihn in eine Dunkelzelle, die nach Kot und Fäulnis stinkt. Suchkommandos durchkämmen die Zellen, aber sie finden den Wärter nicht. Sechs Häftlinge werden daraufhin zu Tode gefoltert, ihre Leichen in die Korridore geworfen.
Auch am Freitag gibt es Übergriffe. Und wieder Tote. Ich verbringe fast den ganzen Tag in meiner Zelle. Noch immer haben die Wärter ihren Kollegen nicht gefunden. Mir ist klar: Sie werden furchtbar Rache üben. Ich bete zu Allah und bitte um Gnade.
Am Samstag plärren die Lautsprecher um sechs Uhr morgens zum Appell. Das gab es noch nie. Sie haben den Wärter gefunden. Tot. Bewaffnete schreien uns an: "Raus auf den Hof!" Einer tritt mir in die Genitalien. Ich krümme mich vor Schmerz.
Orientierungslos torkele ich durch die Gänge, auf den Hof. Knapp 15 Meter rechts von mir explodiert eine Handgranate, Blut spritzt. Für einen Moment denke ich: Das ist der ersehnte Aufstand der Gefangenen. Dann merke ich, dass die Granaten von oben kommen. Auf den Gefängnismauern stehen Uniformierte. Es müssen über hundert sein. Sie schreien "Allah, bringt die Hunde um" und schießen in die Menge.
Laute Marschmusik übertönt das Inferno. Mich trifft ein Schuss in die Ferse. Ich breche zusammen. Während ich mit letzter Kraft in einen Korridor krieche, geht das Massentöten weiter. Ich verliere das Bewusstsein. Als ich wieder aufwache, liege ich auf einer Trage. Ein Wachmann schiebt mich in einen Krankenwagen. Er ist keiner von den Sadisten. Er sagt, ich solle mich tot stellen. Die meisten Ambulanzen transportieren an diesem Tag nur Leichen.
Im Krankenhaus treffe ich 13 weitere Überlebende. Wir müssen schwören, für immer über den Massenmord zu schweigen. Sonst würden sie unsere Familien töten, drohen sie.
2006 wurde ich entlassen. Erst jetzt kann ich reden.

DER SPIEGEL 40/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Marschmusik zum Inferno

  • Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem
  • Wahlkampf in Großbritannien: "Corbyn ist der unbeliebteste Oppositionsführer"
  • Italien: Fast 1200 Kilo Kokain in Bananenkisten
  • Bolivien: Geflohener Präsident Morales gibt nicht auf