01.10.2011

Rum für die Geister

Global Village: Wie eine haitianische Amerikanerin in New York Voodoo-Zeremonien abhält
Klar, sie weiß, dass Missionare geduldig sein müssen, aber so geduldig? Dowoti Désir sitzt in ihrem Wohnzimmer in New York, im Regal dicke Bücher über Sklaverei, an den Wänden Bilder aus Haiti, ihrer Heimat. Der Heimat des Voodoo. Désir ist Voodoo-Priesterin und Anthropologin, sie nimmt ihre Religion ernst.
Was man von den Amerikanern nicht sagen kann. Désir kramt einen Text aus der "New York Times" hervor: Die Zeitung hat endlich über Voodoo geschrieben, aber worum ging es gleich zu Anfang? Die "Times" berichtet ausführlich, dass die vielen Kerzen bei Voodoo-Messen oft zu Bränden führten. Désir lacht. Sie weiß, wie tief die Vorurteile sitzen. Eine Kollegin an der Universität, die von Désirs Glauben erfuhr, warf ihr im Streit vor, Désir habe sie verhext.
"Amerikanern ist unser Glaube irgendwie unheimlich", sagt die Priesterin. "Sie wollen, dass wir uns verstecken."
Aber diesen Gefallen tut ihnen die 51-Jährige nicht. Schließlich leben 300 000 haitianischstämmige Einwohner in der Stadt. Die Priesterin, deren Name, Désir, übersetzt Verlangen bedeutet, steht jetzt in einem engen Keller im Bezirk Brooklyn, einem bevorzugten Wohnviertel der haitianischen Exilgemeinde New Yorks. Drei Trommelspieler lärmen, rund 50 Menschen tanzen wild im Kreis, Désir schwingt im langen weißen Kleid Richtung Altar in die Mitte des Raums. Sie träufelt Rum über den Boden, zu Ehren der Statue eines Voodoo-Geistes auf dem Altar. Der Geist mag Rum.
Obst und Torte mag er auch, alles liegt bereit. Doch Désir ist nicht zufrieden. "Eigentlich müssten wir noch ein schwarzes Schwein opfern", murmelt sie. Aber das sei schwer zu bewerkstelligen, weil Amerikas Städter sich mit Tieropfern so kompliziert anstellten.
Dabei feiern sie sich doch als tolerantestes Volk der Welt, sagt Désir, beim Voodoo aber höre für sie der Spaß auf. Die Religion der weißen und schwarzen Magie mit ihren Tieropfern und Geistern, einst Zuflucht für Haitis Sklaven, scheint den Amerikanern näher an Satan als an Gott zu sein. Als ein Erdbeben im Januar 2010 Haiti verwüstete, sagte der konservative US-Prediger Pat Robertson, dies sei die Strafe für den Pakt des Landes mit dem Teufel. Und heute vermelden die Medien skeptisch den Boom an Voodoo-Messen in New York, fast jedes Wochenende finden mittlerweile welche statt, Désir und ihre Freunde sind fleißig.
Im Keller in Brooklyn hängt eine US-Flagge neben der Flagge Haitis, die Türen stehen weit offen. Amerika soll ruhig zugucken können, wenn die Geister bei Laune gehalten werden.
Denn darum dreht sich alles im Voodoo. Es gibt auch einen Hauptgott, aber im Alltag sind Hunderte Geister, katholischen Heiligen ähnlich, wichtiger. Sie bestimmen über Glück oder Pech, Tod oder Leben. Und sie sind launisch: Manche mögen Champagner, andere Parfum - doch alle erwarten, dass die Gläubigen für sie tanzen und singen, bis zum Umfallen, wie in Trance.
Amerika ist so viel Ekstase nicht geheuer. "Viele halten Voodoo für einen obskuren Kult", sagt Désir. Wahrscheinlich aus Angst. Der erste erfolgreiche Sklavenaufstand der Geschichte habe in Haiti stattgefunden, sagt sie, Voodoo habe dabei geholfen. Seither sei die Religion den Mächtigen unheimlich.
Schon als Kind floh Désir mit ihren Eltern vor Haitis Duvalier-Regime, das Voodoo missbrauchte, um gegen Oppositionelle vorzugehen. Sie hat in New York studiert, sie lehrt dort, sie ist Amerikanerin und Haitianerin zugleich. Voodoo zeigt ihr, dass Haiti, das als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre gilt, nicht bloß Chaos ist. Sondern auch Tradition.
Fünf Jahre lang paukte Désir die komplizierten Regeln für Opfer und Gesang. So ist sie Priesterin geworden und eine Kämpferin gegen Amerikas Vorurteile.
Teufelsaustreibungen und Flüche gegen Personen lehnt sie strikt ab, wie die meisten ihrer Mitstreiter. Selbst die berüchtigten Voodoo-Puppen seien eigentlich dazu da, sagt sie, positive Energien auf eine andere Person zu übertragen, um zu versöhnen und nicht, wie in so vielen Hollywood-Filmen, um zu verfluchen.
Bei der Feier im Keller in Brooklyn bittet nun ein Gläubiger nach dem anderen die Geister um Hilfe, dass es endlich mit der Liebe klappe oder mit dem neuen Job. Pausieren die Trommeln, stehen die Haitianer draußen beisammen, ein Mädchen flirtet mit dem Jungen neben sich, Voodoo ist Religion, Entspannungsübung und Kontaktbörse in einem. "Voodoo feiert das Leben", sagt Désir. Inmitten der Gläubigen steht sogar etwas verschüchtert eine Amerikanerin, Sylvia, eine gepflegte Angestellte aus Arizona in ihren Sechzigern. Sylvia suchte nach spirituellem Beistand, bis sie auf YouTube Désirs Voodoo-Vorträge sah und herflog.
Hält Désir Messen in ihrem Haus ab, kommen die amerikanischen Nachbarn nie vorbei, trotz Einladung. Sie lugen bloß misstrauisch durchs Fenster: In New York ging gerade ein Prozess gegen eine Haitianerin zu Ende, die ihre sechsjährige Tochter bei einer Voodoo-Zeremonie in einen Feuerkreis gesetzt und mit Rum übergossen hatte. Das Mädchen erlitt schwere Verbrennungen, die Mutter wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt.
Aber Désir ist eine geduldige Missionarin, eine moderne noch dazu. Sie fotografiert die glücklich Tanzenden im Keller, vor den Kerzen, es sind schöne, friedliche Bilder, sie will sie noch auf Facebook stellen.
Von Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 40/2011
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