01.10.2011

MYTHENKultköpfe aus dem Kuhdorf

Stammen die sagenhaften Kristallschädel der Maya in Wahrheit aus Idar-Oberstein? Um das zu beweisen, haben Edelsteinschleifer im Hunsrück ein faszinierendes Museumsstück geschaffen.
In geheimer Mission brach der Mannheimer Archäologe Wilfried Rosendahl ins rheinland-pfälzische Idar-Oberstein auf. Wohl fühlte er sich in der abgelegenen Ortschaft nicht. "Es soll Leute geben, die da freiwillig Urlaub machen", bemerkt er mit erkennbarem Grusel.
Ohne Umweg suchte Rosendahl die Werkstatt des Edelsteinschleifers Michael Peuster auf, um die Fertigstellung seines Spezialauftrags zu besichtigen: Aus einem 14 Kilogramm schweren Rohblock schliff und schälte der Kunsthandwerker einen Kristallschädel von der Größe eines Menschenkopfs.
Über ein Jahr hat Peuster dafür gebraucht. Geheimnisvoll ausgeleuchtet und in einer Glasvitrine liegend, ist das fertige Werk ab diesen Sonntag in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung "Schädelkult" will Rosendahl feierlich ein schwarzes Tuch von der Vitrine ziehen, er freut sich bereits auf die staunenden Blicke der Zuschauer.
Dass der durchsichtige Kopf kein archäologisches Artefakt darstellt, verschweigt der Ausstellungsmacher nicht - im Gegenteil: "Das ist das erste Mal, dass die Herstellung eines solchen Schädels von Anfang an dokumentiert wird", sagt Rosendahl.
Denn kristallene Köpfe gibt es reichlich, und deren Mythos lebt gerade von ihrem mysteriösen Ursprung. Weltuntergangsgläubige und Esoterikfans gehen bis heute davon aus, dass die durchscheinenden Häupter tatsächlich Zeugnisse der Maya- oder Aztekenkultur seien.
Bis in die jüngste Zeit hingen auch viele Gelehrte diesem Irrglauben an. Angesehene Häuser wie das Smithsonian National Museum of Natural History in Washington oder das Musée du Quai Branly in Paris erwarben von zwielichtigen Händlern die transparenten Schädel und präsentierten diese stolz in ihren Sammlungen. Erst in den vergangenen Jahren verschwanden die Exponate klammheimlich im Abstellkeller.
Fanatische Schädelgläubige hingegen sind unerschüttert in ihrem Glauben, dass die Ikonen als Speichermedien außerirdischer Informationen dienen. Der krude
Kult mündet in der Erwartung, dass mit dem Ende des alten Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012 die Welt untergeht - verhindert werden könne die Apokalypse nur, wenn an diesem Datum alle 13 angeblich existierenden Kristallschädel in einer festgelegten Form aufgestellt werden.
Exzentriker und Sammler zahlten hohe Summen und ließen die Reliquien dann in Tresoren verschwinden. SS-Führer Heinrich Himmler besaß angeblich ein besonders opulentes Exemplar, 9,2 Kilogramm schwer und 17,5 Zentimeter hoch.
Das nun gefertigte Museumsstück wiegt im Vergleich dazu nur bescheidene 4 Kilogramm. Dass Rosendahl den Schädel in Idar-Oberstein zurechtfeilen ließ, ist eine Verneigung vor den großen Handwerkern des Ortes, die seit Jahrhunderten im Verborgenen werkeln. Die meisten Archäologen gehen inzwischen davon aus, dass auch alle früheren Kristallschädel im finsteren Hunsrück entstanden sind und keineswegs im Sonnenreich der Maya.
Mit ihren Werkzeugen aus Stein und Holz, Kupfer und Zinn wären die Präkolumbianer in Zentralamerika kaum in der Lage gewesen, die Feinheiten in die Bergkristallknollen zu ritzen. Vor wenigen Jahren zeigten Untersuchungen mit einem Rastermikroskop: Die Schädel weisen Spuren einer Bearbeitungsmethode auf, wie sie Edelsteinschleifer erst seit rund 150 Jahren nutzen.
Rosendahl wundert sich, warum die Köpfe im späten 19. Jahrhundert plötzlich so populär wurden; schon damals gab es keinerlei Beleg dafür, dass es sich um authentische Fundstücke aus Mexiko handelt.
In Umlauf gebracht wurden die Unikate durch geschäftstüchtige Figuren wie den Pariser Antiquar Eugène Boban. Sinistre Gestalten wie er verdienten prächtig an dem Mythos. Wie im Rausch kauften westliche Museen damals Kunstschätze und Exponate aus der erst kurz zuvor in den Blickpunkt geratenen Hochkultur der Maya. "Doch das Wissen um echte Artefakte war sehr dürftig", sagt Rosendahl.
Betrüger hatten leichtes Spiel. So behauptete der vielreisende britische Schriftsteller Frederick Albert Mitchell-Hedges, er habe in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Maya-Stadt Lubantuun in Belize persönlich einen Schädel aus dem Erdreich geborgen.
Mit dieser Räuberpistole begründete der Verfasser halbseidener Heldenepen seinen Ruf als Abenteurer. Seinen angeblichen Fund nannte er verkaufsfördernd "Schädel der Verdammnis".
Die Kinofigur des Indiana Jones sollte Mitchell-Hedges ein filmisches Denk-mal setzen. Im vierten Teil der Saga jagt der peitschenschwingende Archäologieprofessor in Peru nach einem Kristallschädel.
Die wahre Geschichte der Artefakte hat Edelsteinschleifer Peuster zusammen mit seinem Patenonkel Manfred Wild rekonstruiert. Etliche Graveure und Schleifer aus Idar-Oberstein ließen sich früher in den beiden Bergkristallzentren Mailand und Paris ausbilden. Als sie aus den Metropolen zurückkehrten, entwickelten sie die erlernten Techniken in der Provinz weiter. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts genoss der Hunsrück unter Kennern den Ruf als Eldorado der Schleifkunst.
Verbrieft ist, dass in Idar-Oberstein zur fraglichen Zeit Kristallknollen geschliffen wurden, die aus Brasilien und Madagaskar stammten. "Und geochemische Analysen zeigen, dass der Rohstoff für die legendären Kristallschädel wohl tatsächlich aus diesen beiden Gegenden kam", so Rosendahl.
Händler mit betrügerischen Absichten dürfte der abgeschiedene Herrgottswinkel angelockt haben: "Die Leute hier waren schon immer ein verschwiegenes Völkchen", berichtet Kunsthandwerker Wild. "Wenn da jemand gekommen ist und einen Kristallschädel bestellte, haben unsere Vorfahren den gemacht - und gut war es."
Auf dieser Tradition der Verschwiegenheit beruht noch heute der unternehmerische Erfolg der ortsansässigen Edelsteinschleifer. Für die Touristen liegt Billigware in den Auslagen der Läden. "Die richtig guten Sachen werden hinter verschlossenen Türen gehandelt", verrät Wild.
Inkognito arbeiten er und seine Kollegen für Edeljuweliere wie Cartier. Wild hat Verständnis dafür, dass sein Name als Künstler ungenannt bleibt: "Ich kann dieser Art von Kundschaft nicht verraten, dass die Stücke in einem Kuhdorf im Hunsrück angefertigt wurden."
Sein Patensohn meißelte unlängst gar eine lebensgroße Statue für den greisen thailändischen König Bhumibol Adulyadej. Der für gewöhnlich zurückhaltende Potentat war so angetan, dass er Peuster zur Privataudienz lud.
Zum 60-jährigen Thronjubiläum Bhumibols wiederum steuerte Wild selbst ein kostbares Präsent bei. Im Auftrag des Sultans von Katar hatte hektisch ein Juwelier bei ihm angefragt und klare Vorstellungen geäußert: "Es muss mit einem Saxofon oder einem Segelschiff zu tun haben - und es muss morgen hier sein."
Wild kam die rettende Idee: "Mensch, ich hab doch die große Schiffsuhr, ganz in Bergkristall, 4 Kilo Gold, 2000 Girlanden, funktionsfähig - das ist es!"
Bei anderer Gelegenheit baute Wild kristallene Kampfhubschrauber, die sogar Motorengeräusche simulieren können - ein Dankeschön des US-Hubschrauberfabrikanten Sikorsky für einen Großauftrag der kuwaitischen Regierung.
Guten Gewissens erfüllt der Veteran auch Bestellungen von Kunden, die nicht als lupenreine Demokraten zu bezeichnen sind: "Für dieses Geld können sie wenigstens keine Waffen mehr kaufen."
Archäologe Rosendahl sieht sich nicht als vorbehaltloser Verehrer der Bleikristall-Erzeugnisse. Den Schädel jedoch findet er gelungen: "Grazil, ohne ausgeprägte Brauenwülste. Handelte es sich um einen Knochenschädel, wäre es sicherlich ein hübscher Frauenkopf."
(*) Aus der Ausstellung "Schädelkult" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 40/2011
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