01.10.2011

ENZENSBERGERS PANOPTIKUMMärchenstunden

Erste Lieferung: Rätselhafte Wirtschaftswissenschaften
Was Wirtschaftswissenschaftler unter Wirtschaft verstehen, ist bestenfalls ihnen selber klar; der Rest der Welt hegt gewisse Zweifel an ihren Vorstellungen und fragt sich, ob es sich bei ihrer Beschäftigung überhaupt um eine Wissenschaft handelt. Denn sie verfügen zwar über Institute, Lehrstühle und ein gesichertes Einkommen, aber mit der Art und Weise, wie die meisten Menschen, zum Beispiel Hausfrauen, Rentner oder Kinder, wirtschaften, hat ihre Tätigkeit wenig zu tun.
Ökonomen befassen sich am liebsten mit großen Aggregaten und operieren mit gewaltigen Mengen von statistischen Daten. Die meisten von ihnen hängen einem seltsamen Zopf von Theorien an, die, aus welchem Grund auch immer, als neoklassisch gelten. Wer ihnen zuhört, sieht sich in eine idyllische Welt mit märchenhaften Zügen versetzt. Staunend vernimmt er, dass der Markt unvermeidlicherweise, trotz mancher Oszillationen, stets einem Gleichgewicht zustrebt. Er ist effizient, er korrigiert und optimiert sich selbst, und alle, die an ihm teilnehmen, verhalten sich durchaus rational. Diese Annahmen werden schlicht vorausgesetzt, obwohl es sich um bloße Hypothesen handelt, die unbewiesen, wenn nicht sogar unbeweisbar sind.
Nach dem vorläufigen Ableben des Kommunismus bot sich die neoklassische Theorie als Ersatz für die verlorengegangene Utopie an. Obwohl sie ziemlich mager daherkam, geizte sie nicht mit Verheißungen, und an Anhängern hat es ihr nicht gefehlt. Unterfüttert wurde sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch hochelaborierte mathematische Modelle zum Risikomanagement. Auch vor Aussagen über die Zukunft schreckten die Ökonomen nicht zurück, und die Tatsache, dass sie sich mit ihren Prognosen gewöhnlich blamierten, hat nie dazu geführt, dass sie ihre umfassende Kompetenz bezweifelt hätten.
Das bedeutet aber nicht, dass die Zunft frei wäre von erbitterten Flügel- und Fraktionskämpfen, wie sie auch in anderen Disziplinen gang und gäbe sind. Keynesianer und Monetaristen kämpfen seit Jahrzehnten um die Deutungshoheit. Ein Charttechniker möchte um keinen Preis mit dem Fundamentalanalytiker oder mit dem Zyklusforscher verwechselt werden. Neuerdings gibt es sogar Ökonomen, denen aufgefallen ist, dass in der klassischen Theorie die meisten Leute nur als abstrakte Größen vorkommen. Sie schrumpfen in dieser Logik auf ihre jeweilige Rolle zusammen; sie sind entweder Lohnempfänger oder Verbraucher oder Versicherungsnehmer oder Anleger oder Aktionäre oder Unternehmer oder Sparer, und in jeder dieser Rollen kennen sie nur ein einziges Interesse: Sie wollen ihren ökonomischen Vorteil maximieren, und sonst gar nichts.
Da waren manche Klassiker aus der Vergangenheit schon viel weiter. Die Vorstellung, dass ökonomische Entscheidungen auf rational choice beruhen, lag ihnen völlig fern. In seiner "Bienenfabel" aus dem Jahr 1714 behauptet Bernard Mandeville, dass es gerade die privaten Laster sind, etwa der Betrug, der Luxus und der Hochmut, die den öffentlichen Reichtum ermöglichen. Und Adam Smith folgte ihm, weniger polemisch, mit dem berühmten Bild von der "unsichtbaren Hand", die das Vorgehen des Einzelnen ausgleichen und zum allgemeinen Besten wenden sollte.
Davon hat die herrschende neoklassische Lehrmeinung nichts wissen wollen. Sie ist aber seit einiger Zeit durch eine neue Tendenz unter Druck geraten. Die Verhaltensökonomie hat hier eine gähnende Lücke erkannt. Sie möchte erforschen, warum sich die Leute nicht so benehmen, wie die meisten Ökonomen glauben. Von dem Dogma des vernünftigen Homo oeconomicus hat sie sich zwar verabschiedet, nicht aber von dem Ehrgeiz, möglichst propere Modelle zu bilden. Dazu greift sie einerseits auf empirische Versuchsanordnungen, Tests und Befragungen, andererseits auf mathematische Methoden wie die Spieltheorie oder auf evolutionsbiologische oder sozialpsychologische Theoreme zurück.
Ob sie damit dem rätselhaften Benehmen der gedachten "Wirtschaftssubjekte" wirklich auf die Schliche kommt, darf bezweifelt werden. Die Ambition, den exakten Wissenschaften nachzueifern, führt dazu, dass die Leute in ihren Kalkülen nur als statistische Phantome auftauchen. Dauernd kommt den bedauernswerten Forschern ihre Liebe zur Abstraktion in die Quere. Sie können offenbar ebenso wenig aus ihrer Haut heraus wie die Menschen, die sie untersuchen.
Die aber sind bekanntlich anfällig für alle möglichen Launen, Illusionen, Marotten und Gewohnheiten. Sie neigen zur Panik ebenso wie zur Trägheit, zum Eigensinn wie zum Herdentrieb. Viele sind zu jedem Opfer bereit, um ihr Gesicht zu wahren, ihre erotischen Vorlieben oder die bella figura zu retten. Dem Ökonomen muss das bedauerlich, unvernünftig und ignorant vorkommen. Nun ist es freilich eine Sisyphusaufgabe, Sucht und Angst, Vertrauen und Leichtsinn, Wut und Trotz zu quantifizieren. Nicht nur, weil die Probanden Interviews, Umfragen und Tests dadurch unterlaufen, dass sie hemmungslos den Befrager und auch sich selbst belügen, sondern weil sie fortwährend gegen die einfachsten ökonomischen Regeln verstoßen.
Die meisten ihrer alltäglichen Transaktionen verlaufen außerhalb der Geld- und Kreditkreisläufe. Sie ziehen Kinder auf, ohne dafür eine angemessene Bezahlung zu fordern. Sie gehen Beziehungen ein, ohne sich gegen mögliche Kreditausfälle zu versichern oder auch nur eine vernünftige Gewinn-und-Verlust-Rechnung aufzumachen. Manchmal arbeiten sie einfach unbezahlt, lassen aus purem Trotz glänzende Chancen ungenutzt, werfen ihr Geld aus dem Fenster, vertrödeln wertvolle Zeit, verlassen sich auf ihr Horoskop oder auf die Fatwa eines Gottesgelehrten, und so treiben sie es, zur Verzweiflung der Theoretiker, immerfort.
Es tut sich also, was die tatsächlichen wirtschaftlichen Praktiken der Spezies betrifft, ein riesiges Dunkelfeld auf. Die landläufigen Begriffe von Schwarzarbeit, Schwarzmarkt und Schwarzgeld greifen zu kurz und werden der informellen Ökonomie nicht gerecht. Um ein wenig Licht in die Sache zu bringen, müsste man wohl oder übel ins Detail gehen, und das heißt, auf generalisierbare Thesen verzichten und die Wissenschaft den Wissenschaftlern überlassen, auch wenn das dem Fachmann nicht erlaubt ist. Eine solche Mikroökonomie könnte ohne großen Aufwand auskommen und mit Forschungen im Bekannten- und Familienkreis beginnen. Ein halbes Dutzend Versuchspersonen dürfte fürs Erste genügen, um sich davon zu überzeugen, dass auf diesem Gebiet eine sagenhafte Vielfalt herrscht.
Da wäre zum Beispiel die polnische Tante, die alle 14 Tage zwölf Stunden lang mit dem Bus nach Hause fährt, um sich um ihre halbgelähmte Mama zu kümmern, und danach mit demselben Bus zurückkehrt, um in Deutschland zu putzen. Sie hat noch nie ein amtliches Formular ausgefüllt, führt kein Konto, zahlt keine Steuern und nimmt nur Bargeld. Sie ist jedoch von einer unerschütterlichen Ehrlichkeit, weil sie weiß, dass Jesus alles andere missbilligen würde.
Auch der von Ideen übersprudelnde Unternehmer, der immer neue Firmen gründet, spottet jedem Versuch, ihn einzuordnen. Denn sobald sich Gewinne zeigen, verlässt er das florierende Unternehmen, weil ihn die Routinen des Erfolgs zu Tode langweilen und weil er, wie er behauptet, "kein Geld braucht".
Nicht zu vergessen der Schöngeist und Bibliophile, der seine Bekannten gern in ein erstklassiges Restaurant einlädt, aber mit schmerzverzerrtem Gesicht feststellt, dass er seine Brieftasche vergessen hat, sobald der Kellner die Rechnung bringt.
Ferner ist da der Hausarzt, der sich leidenschaftlich in einer Singakademie engagiert, aber einmal im Jahr eine Reihe von Proben versäumt, weil er sich wochenlang in Burundi oder im Kongo herumtreibt, wo er nicht nur bei den Médecins sans frontières Erste Hilfe leistet, sondern es auch mit Kindersoldaten und Warlords aufnimmt; die Flugtickets scheint er aus der eigenen Tasche zu bezahlen.
Niemand versteht, warum der Gärtner, der dreimal im Jahr ins Haus kommt, trotz mehrmaliger Mahnung nie eine Rechnung schickt, obwohl ihm die Bank den Kredit gesperrt hat; zur Begründung sagt er nur, er habe andere, hautnähere Sorgen. Und wie kommt es, dass der namhafte Romancier für sein neuestes Buch keinen Verleger findet; dass er kein Geld hat, aber eine Köchin und eine Sekretärin beschäftigt, die er pünktlich bezahlt; dass er deshalb beim Lebensmittelhändler an der Ecke keinen Kredit mehr genießt und sich fürs Abendessen mit einer Semmel und einem Spiegelei begnügt?
Nun macht, wie jeder Zeitungsleser weiß, die totale Irrationalität, die Ökonomen bei den fälschlich so genannten Normalverbrauchern so nachhaltig irritiert und verblüfft, vor ihnen selbst keineswegs halt. Sie erreicht im Gegenteil bei den Akteuren der Finanzwirtschaft und ihren Beratern den höchsten Grad. Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonom legt eine Pleite hin, vor der die Wall Street zittert. Der soeben aus dem Gefängnis entlassene Investmentbanker, dessen Pyramidenspiel ihm drei Jahre komfortablen Knast eingebracht hat, macht sich unverzüglich nach Singapur oder Dubai auf, um den nächsten Hedgefonds zu gründen, und der einsame Frankfurter Daytrader findet keinen Schlaf, weil die Börse in Tokio schon um zwei Uhr früh öffnet, weshalb er Tag und Nacht eine Tüte voll Kokain im Klo zur Hand haben muss, um sich wach zu halten.
Derartige Phänomene kommen im Wirtschaftsteil höchstens vor, wenn es sich um Akteure handelt, die große Summen bewegen. Von den anderen ist in der Öffentlichkeit kaum die Rede. Sie bewegen sich vermutlich fern aller Lehrbuchvernunft in ökonomischen Zonen, über die keine Fakultät Auskunft geben kann. Nur ab und zu gewährt das Privatfernsehen einen flüchtigen Einblick in das Dunkel, etwa in der Serie "Raus aus den Schulden".
Dass es gelingen könnte, solche Erkenntnisse kohärent zu verallgemeinern, ist kaum zu befürchten oder zu hoffen. Wer also tatsächlich wissen möchte, was die Leute treiben und was sie antreibt, sollte vielleicht bei sich selbst anfangen. Er würde bald genug entdecken, dass es mit seiner ökonomischen Vernunft nicht weiter her ist als bei den Verrückten, über die er sich jedes Mal von neuem wundert.
Enzensbergers
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Hans Magnus Enzensberger

hat über die Jahrzehnte immer wieder Essays und Polemiken im SPIEGEL veröffentlicht: Den irakischen Diktator Saddam Hussein beschrieb er als Wiedergänger Adolf Hitlers (1991), Selbstmordattentäter als radikale Verlierer (2005). In dieser Ausgabe beginnt nun eine neue Reihe von Essays, in denen er sich mit großen Themen dieser Zeit auseinandersetzt. In einem nächsten Beitrag wird sich Enzensberger, 81, mit der Ohnmacht der Politiker beschäftigen.

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